Bil­lig­keits­kon­trol­le bei Gas­prei­sen

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te dar­über zu ent­schei­den, ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Gas­preis­er­hö­hun­gen einer Bil­lig­keits­kon­trol­le nach § 315 BGB unter­lie­gen.

Bil­lig­keits­kon­trol­le bei Gas­prei­sen

Die Par­tei­en strit­ten in dem jetzt vom BGH ent­schie­de­nen Fall um die Wirk­sam­keit einer von der Beklag­ten vor­ge­nom­me­nen Erhö­hung der Gas­prei­se zum 1. Okto­ber 2004. Die Beklag­te ver­sorgt End­ver­brau­cher im Bereich der Stadt Heil­bronn mit Erd­gas. Der Klä­ger ist Tarif­gas­kun­de. Am 30. Sep­tem­ber 2004 gab die Beklag­te ihren Tarif­kun­den durch Ver­öf­fent­li­chung in der „Heil­bron­ner Stadt­zei­tung“ die Erhö­hung der Gas­ta­ri­fe bekannt. Der Arbeits­preis des Grund­preis­ta­rifs 3 des Klä­gers wur­de von net­to 3,47 Cent/​kWh auf net­to 3,84 Cent/​kWh erhöht; der monat­li­che Grund­preis blieb unver­än­dert. Zur Begrün­dung führ­te die Beklag­te aus, dass „auf­grund einer Kos­ten­stei­ge­rung beim Bezug von Erd­gas sich die Abga­be­prei­se für Erd­gas“ erhö­hen.

Mit sei­ner Kla­ge begehr­te der Klä­ger die Fest­stel­lung, dass die Gas­preis­er­hö­hung durch die Beklag­te zum 1. Okto­ber 2004 unbil­lig und daher unwirk­sam sei. Das Amts­ge­richt hat die Unbil­lig­keit der Preis­er­hö­hung fest­ge­stellt. Auf die Beru­fung der Beklag­ten hat das Land­ge­richt die Kla­ge abge­wie­sen, weil die Beklag­te nur die gestie­ge­nen Bezugs­prei­se wei­ter­ge­ge­ben habe und die Preis­er­hö­hung daher der Bil­lig­keit ent­spre­chen. Mit der vom Beru­fungs­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on erstreb­te der Klä­ger die Wie­der­her­stel­lung des amts­ge­richt­li­chen Urteils.

Der VIII. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat die Revi­si­on des Klä­gers zurück­ge­wie­sen. Er hat ent­schie­den, dass § 315 BGB auf die streit­ge­gen­ständ­li­che Preis­er­hö­hung Anwen­dung fin­det und die vom Beru­fungs­ge­richt gemäß § 315 BGB vor­ge­nom­me­ne Bil­lig­keits­über­prü­fung kei­nen Feh­ler auf­weist. Das den Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men gemäß § 4 Abs. 1 und 2 der Ver­ord­nung über All­ge­mei­ne Bedin­gun­gen für die Gas­ver­sor­gung von Tarif­kun­den vom 21. Juni 1979 (AVB­GasV) ein­ge­räum­te Recht, die all­ge­mei­nen Tari­fe durch öffent­li­che Bekannt­ma­chung ein­sei­tig zu ändern, stellt ein gesetz­li­ches Leis­tungs­än­de­rungs­recht dar, auf das § 315 BGB Anwen­dung fin­det. Erfol­gen sol­che Preis­er­hö­hun­gen wegen gestie­ge­ner Bezugs­kos­ten, nimmt das Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men sein berech­tig­tes Inter­es­se wahr, Kos­ten­stei­ge­run­gen wäh­rend der Ver­trags­lauf­zeit an die Kun­den wei­ter­zu­ge­ben. So ver­hielt es sich auch im vor­lie­gen­den Fall. Es konn­te des­halb offen blei­ben, ob eine Bil­lig­keits­kon­trol­le auch auf der Basis eines Ver­gleichs mit den Gas­prei­sen ande­rer Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men vor­ge­nom­men wer­den kann.

Eine Über­prü­fung der Bil­lig­keit der von der Beklag­ten mit ihrer Lie­fe­ran­tin ver­ein­bar­ten Bezugs­prei­se, die der Klä­ger wegen der so genann­ten Ölpreis­bin­dung der Erd­gas­prei­se bean­stan­det hat­te, war im Rah­men der Bil­lig­keits­über­prü­fung der Tarif­er­hö­hung nicht vor­zu­neh­men.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te nicht dar­über zu ent­schei­den, ob die bereits vor der Preis­er­hö­hung gefor­der­ten Tari­fe unbil­lig über­höht waren und die Beklag­te eine etwai­ge Unbil­lig­keit im Rah­men der von ihr nach bil­li­gem Ermes­sen zu tref­fen­den Ent­schei­dung über die Wei­ter­ga­be der gestie­ge­nen Bezugs­kos­ten hät­te berück­sich­ti­gen müs­sen. Eine Über­prü­fung der vor der Preis­er­hö­hung gel­ten­den Tari­fe der Beklag­ten auf ihre Bil­lig­keit kam nicht in Betracht, weil es sich um zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­te Prei­se han­del­te. Dabei konn­te dahin­ge­stellt blei­ben, ob die vor der streit­ge­gen­ständ­li­chen Preis­er­hö­hung vom 1. Okto­ber 2004 gel­ten­den Tari­fe bereits bei Abschluss des Gas­lie­fe­rungs­ver­trags zwi­schen den Par­tei­en gal­ten oder ihrer­seits wie­der­um durch in der Ver­gan­gen­heit erfolg­te Preis­er­hö­hun­gen gemäß § 4 Abs. 1, 2 AVB­GasV zustan­de gekom­men sind.

Han­del­te es sich bei den vor der streit­ge­gen­ständ­li­chen Preis­er­hö­hung gel­ten­den Tari­fen um die bereits bei Abschluss des Ver­sor­gungs­ver­tra­ges zwi­schen dem Klä­ger und der Beklag­ten gel­ten­den (Anfangs-)preise, unter­la­gen sie kei­ner Bil­lig­keits­kon­trol­le gemäß § 315 Abs. 3 BGB. § 315 Abs. 3 BGB fin­det auf einen zwi­schen den Par­tei­en eines Gas­lie­fe­rungs­ver­trags ver­ein­bar­ten Anfangs­preis weder unmit­tel­ba­re noch ent­spre­chen­de Anwen­dung. Die unmit­tel­ba­re Anwen­dung des § 315 Abs. 3 BGB kam nicht in Betracht, weil der bei Abschluss des Gas­lie­fe­rungs­ver­tra­ges bestehen­de Tarif mit Abschluss des Ver­tra­ges zum ver­ein­bar­ten Preis gewor­den ist.

Auch eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 315 Abs. 3 BGB auf den zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­ten Anfangs­preis schied vor­lie­gend aus. Der Bun­des­ge­richts­hof geht zwar in stän­di­ger Recht­spre­chung davon aus, dass Tari­fe von Unter­neh­men, die mit­tels eines pri­vat­recht­lich aus­ge­stal­te­ten Benut­zungs­ver­hält­nis­ses Leis­tun­gen der Daseins­vor­sor­ge anbie­ten, auf deren Inan­spruch­nah­me der ande­re Ver­trags­teil im Bedarfs­fall ange­wie­sen ist, nach bil­li­gem Ermes­sen fest­ge­setzt wer­den müs­sen und einer Bil­lig­keits­kon­trol­le ent­spre­chend § 315 Abs. 3 BGB unter­wor­fen sind. Die­se Recht­spre­chung war hier indes­sen nicht ein­schlä­gig. Es fehl­te an einer Mono­pol­stel­lung der Beklag­ten als Grund­la­ge einer ent­spre­chen­den Anwen­dung des § 315 BGB. Die Beklag­te war im Jahr 2004 zwar ein­zi­ge Anbie­te­rin lei­tungs­ge­bun­de­ner Gas­ver­sor­gung im Ver­sor­gungs­ge­biet Heil­bronn. Auf dem Wär­me­markt stand und steht sie aber ? wie alle Gas­ver­sor­ger – in einem (Substitutions-)Wettbewerb mit Anbie­tern kon­kur­rie­ren­der Heiz­ener­gie­trä­ger wie Heiz­öl, Strom, Koh­le und Fern­wär­me, zwi­schen denen Neu­kun­den frei wäh­len kön­nen. Der von die­sem Kon­kur­renz­ver­hält­nis aus­ge­hen­de Wett­be­werbs­druck, der den Preis­ge­stal­tungs­spiel­raum der Gas­an­bie­ter begrenzt, kommt wegen der Ein­heit­lich­keit der Ver­sor­gungs­ta­ri­fe auch „alten“ Tarif­kun­den wie dem Klä­ger des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens zugu­te.

Han­del­te es sich dage­gen bei den vor der streit­ge­gen­ständ­li­chen Preis­er­hö­hung zum 1. Okto­ber 2004 gel­ten­den Tari­fen der Beklag­ten um Tari­fe, die in der Ver­gan­gen­heit durch von der Beklag­ten gemäß § 4 Abs. 1, 2 AVB­GasV vor­ge­nom­me­ne Preis­er­hö­hun­gen zustan­de gekom­men waren, war § 315 BGB auf die­se Preis­er­hö­hun­gen zwar zunächst unmit­tel­bar anwend­bar. Der Klä­ger hät­te die­se ? wie auch die streit­ge­gen­ständ­li­che Preis­er­hö­hung ? auf ihre Bil­lig­keit über­prü­fen las­sen kön­nen. Der Berück­sich­ti­gung der etwai­gen Unbil­lig­keit ver­gan­ge­ner Preis­er­hö­hun­gen im Rah­men der Über­prü­fung der hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Preis­er­hö­hung zum 1. Okto­ber 2004 stand aber ent­ge­gen, dass der Klä­ger die auf die­sen Tari­fen basie­ren­den Jah­res­ab­rech­nun­gen unbe­an­stan­det hin­ge­nom­men hat­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Juni 2007 ? VIII ZR 36/​06