Bum – Bum – Sonn­tags­zei­tung

Wie der Bun­des­ge­richts­hof jetzt ent­schie­den hat, kann die Wer­bung mit der Abbil­dung einer pro­mi­nen­ten Per­son auf dem Titel­blatt einer Zei­tung aus­nahms­wei­se auch ohne eine die­se Abbil­dung recht­fer­ti­gen­de Bericht­erstat­tung zuläs­sig sein, wenn sie dem Zweck dient, die Öffent­lich­keit über die Gestal­tung und Aus­rich­tung einer neu­en Zei­tung zu infor­mie­ren.

Bum – Bum – Sonn­tags­zei­tung

Die Kon­tra­hen­ten:

Der Klä­ger ist Boris Becker.
Die Beklag­te gibt die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Sonn­tags­zei­tung her­aus.

Die Erst­aus­ga­be:

Vor dem Erschei­nen der Erst­aus­ga­be am 30. Sep­tem­ber 2001 stell­te sie der Fach­öf­fent­lich­keit ein Test­ex­em­plar der Zei­tung vor. Die­ses Test­ex­em­plar ist in der Wer­be­kam­pa­gne zur Ein­füh­rung der Zei­tung vom 10. Sep­tem­ber 2001 bis zum 31. März 2002 in zusam­men­ge­roll­ter Form – wie eine Zei­tung in Zei­tungs­roh­re gesteckt zu wer­den pflegt – abge­bil­det. Die Abbil­dung zeigt den obe­ren Teil der Titel­sei­te mit dem Namen der Zei­tung. Dar­un­ter ist links eine Foto­gra­fie des dama­li­gen Bun­des­au­ßen­mi­nis­ters Fischer und rechts ein Por­trait­fo­to des Klä­gers zu sehen. Neben dem Bild des Klä­gers befin­det sich die Schlag­zei­le „Der strau­cheln­de Lieb­ling“ mit dem Unter­ti­tel „Boris Beckers müh­sa­me Ver­su­che, nicht aus der Erfolgs­spur gewor­fen zu wer­den Sei­te 17“. Das Ori­gi­nal des in der Wer­be­kam­pa­gne abge­bil­de­ten Test­ex­em­plars der Zei­tung zeig­te neben einer aus­ge­ar­bei­te­ten Titel- und Rück­sei­te nur das vor­ge­se­he­ne Lay­out und ent­hielt ins­be­son­de­re nicht den für Sei­te 17 ange­kün­dig­ten Bericht über Boris Becker. Ein sol­cher Bericht erschien auch in kei­ner spä­te­ren Aus­ga­be der Zei­tung. Die Ver­öf­fent­li­chung des Fotos erfolg­te ohne Ein­wil­li­gung des Klä­gers.

Die ers­ten bei­den Satz­spie­le:

Der Klä­ger ist der Ansicht, die Beklag­te habe mit der unge­neh­mig­ten Ver­wen­dung sei­nes Bild­nis­ses in ihrer Wer­be­kam­pa­gne sein Recht am eige­nen Bild ver­letzt. Er hat die Beklag­te auf Zah­lung einer fik­ti­ven Lizenz­ge­bühr in Höhe von 2.365.395,55 € in Anspruch genom­men. Das erst­in­stanz­lich mit de Kla­ge befass­te Land­ge­richt Mün­chen I hat die Beklag­te unter Abwei­sung der wei­ter­ge­hen­den Kla­ge zur Zah­lung von 1,2 Mio. € ver­ur­teilt [1]. Auf die Beru­fung der Beklag­ten hat das Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen den Anspruch des Klä­gers dem Grun­de nach für gerecht­fer­tigt erklärt [2].

Spiel, Satz und kein Sieg:

Auf die Revi­si­on des beklag­ten Zei­tungs­ver­la­ges hat der Bun­des­ge­richts­hof die Ent­schei­dun­gen des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen jedoch teil­wei­se wie­der auf­ge­ho­ben. Die Prü­fung, ob die in der Wer­be­kam­pa­gne der Beklag­ten ver­wen­de­te Foto­gra­fie des Klä­gers als Bild­nis aus dem Bereich der Zeit­ge­schich­te i. S. von § 23 Abs. 1 Nr. 1 KUG ohne sei­ne Ein­wil­li­gung habe ver­brei­tet wer­den dür­fen, erfor­de­re eine Abwä­gung zwi­schen dem Inter­es­se des Klä­gers am Schutz sei­ner Per­sön­lich­keit und dem von der Beklag­ten wahr­ge­nom­me­nen Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit. Die Wer­bung im Streit­fall sei nicht zu ver­glei­chen mit einer Wer­bung, in der eine wirk­lich erschie­ne­ne Aus­ga­be einer Zei­tung abge­bil­det sei. Eine Per­son der Zeit­ge­schich­te müs­se eine sol­che Wer­bung jeden­falls in einem gewis­sen zeit­li­chen Zusam­men­hang mit dem Erschei­nen der Zei­tung hin­neh­men, wenn der Zei­tungs­ar­ti­kel selbst und sei­ne Ankün­di­gung auf der Titel­sei­te unbe­denk­lich sei. Der Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht des Klä­gers sei nicht beson­ders schwer­wie­gend, las­se ihn aller­dings nicht in einem güns­ti­gen Licht erschei­nen. Mit der Abbil­dung einer klei­nen, neu­tra­len Por­trät­auf­nah­me des Klä­gers habe die Beklag­te zwar die Auf­merk­sam­keit der Betrach­ter auf ihre Zei­tung gelenkt. Sie habe dabei aber nicht den Ein­druck erweckt, der Klä­ger emp­feh­le ihre Zei­tung. Die Beklag­te kön­ne sich dem­ge­gen­über auf das vom Grund­recht der Pres­se­frei­heit geschütz­te Inter­es­se beru­fen, die Öffent­lich­keit mit der Abbil­dung einer Titel­sei­te über die Gestal­tung und Aus­rich­tung ihrer neu­en Zei­tung zu unter­rich­ten. Vor dem Erschei­nen der Erst­aus­ga­be habe sie nur mit der Titel­sei­te einer nicht erschie­ne­nen Aus­ga­be der Sonn­tags­zei­tung wer­ben kön­nen. Die Abbil­dung eines Por­trät­fo­tos des Klä­gers sei bei einer Abwä­gung der betrof­fe­nen Inter­es­sen des­halb zunächst auch ohne die ange­kün­dig­te Bericht­erstat­tung zuläs­sig gewe­sen.

Die Schwie­rig­keit, in der Wer­bung nicht mit der Abbil­dung eines bereits erschie­ne­nen Exem­plars der Zei­tung wer­ben zu kön­nen, habe aber nur für die Pha­se bis zum Erschei­nen der Sonn­tags­zei­tung bestan­den. Als­bald nach dem 30. Sep­tem­ber 2001 sei es der Beklag­ten dage­gen im Hin­blick auf das beein­träch­tig­te Per­sön­lich­keits­recht des Klä­gers zumut­bar gewe­sen, ihre Wer­bung für das neue Blatt umzu­stel­len und in der Wer­be­kam­pa­gne die Titel­sei­te einer erschie­ne­nen Aus­ga­be der Zei­tung zu ver­wen­den. Der Bun­des­ge­richt­hof hat den Anspruch des Klä­gers daher inso­weit für dem Grun­de nach gerecht­fer­tigt gehal­ten, als die Beklag­te sein Bild­nis auch nach dem 1. Novem­ber 2001 in ihrer Ein­füh­rungs­wer­bung ver­wen­det hat. Das Beru­fungs­ge­richt wird nun­mehr über die Höhe der dem Klä­ger zuste­hen­den fik­ti­ven Lizenz­ge­bühr zu ent­schei­den haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Okto­ber 2009 – I ZR 65/​07

  1. LG Mün­chen I, Urteil vom 22.03.2006 – 21 O 17367/​03 []
  2. OLG Mün­chen, Urteil vom 06.03.2007 – 18 U 3961/​06, AfP 2007, 237 = ZUM-RD 2007, 360[]