Buy-out-Ver­ein­ba­run­gen im Jour­na­lis­mus

Eine für die Hono­rie­rung der Leis­tun­gen von Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten weit­rei­chen­de, aller­dings nur vor­läu­fi­ge Ent­schei­dung hat jetzt das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen getrof­fen. Hier­bei ging es um die Fra­ge, ob Jour­na­lis­ten durch bestimm­te Ver­trags­klau­seln in der wirt­schaft­li­chen Nut­zung ihrer Arti­kel unan­ge­mes­sen benach­tei­ligt wer­den.

Buy-out-Ver­ein­ba­run­gen im Jour­na­lis­mus

Antrag­stel­ler in dem vom Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen mit 100.000,– € bewer­te­ten Ver­fah­ren war der Lan­des­ver­band des Deut­schen Jour­na­lis­ten­ver­ban­des (DJV) für Ber­lin und Bran­den­burg, der Mit­glied im DJV Bun­des­ver­band mit ca. 38.000 Mit­glie­dern ist. Nach sei­nem Sat­zungs­zweck wid­met er sich der Wahr­neh­mung und För­de­rung der recht­li­chen, wirt­schaft­li­chen und sozia­len Inter­es­sen der haupt­be­ruf­lich täti­gen Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten. Antrags­geg­ne­rin war die Ver­le­ge­rin der "Süd­deut­sche Zei­tung".

Der Antrag­stel­ler hat­te vor dem Land­ge­richt Mün­chen I eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung erstrebt, wonach es der Antrags­geg­ne­rin ver­bo­ten wer­den soll­te, bestimm­te in deren "Autoren­an­mel­de­for­mu­lar" ent­hal­te­nen Hono­rar­be­din­gun­gen für freie Mit­ar­bei­ter zu ver­wen­den und/​oder sich dar­auf zu beru­fen, da sie die Urhe­ber unan­ge­mes­sen benach­tei­li­gen wür­den. Das Land­ge­richt Mün­chen I hat den Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung jedoch zurück­ge­wie­sen, da die ange­grif­fe­ne Hono­rar­ver­ein­ba­rung als soge­nann­te Preis­ver­ein­ba­rung nicht der gericht­li­chen Inhalts­kon­trol­le unter­lie­ge, einer sol­chen Kon­trol­le dar­über hin­aus aber auch stand­hal­ten wür­de.

Gegen die­ses Urteil hat­te der Antrag­stel­ler Beru­fung ein­ge­legt und nun vom Ober­lan­des­ge­richt auch über­wie­gend Recht erhal­ten. Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen ver­bot der Antrags­geg­ne­rin, bestimm­te Hono­rar­be­din­gun­gen für freie Mit­ar­bei­ter zu ver­wen­den und/​oder sich bis zur rechts­kräf­ti­gen Klä­rung in einem Haupt­sa­che­ver­fah­ren gegen­über frei­en Mit­ar­bei­tern dar­auf zu beru­fen, wenn fol­gen­de Klau­seln ent­hal­ten sind:

Klau­sel 1: "Wir erlau­ben uns des­halb, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass mit jeder Hono­rar­zah­lung die Ein­räu­mung fol­gen­der umfas­sen­der, aus­schließ­li­cher, räum­lich, zeit­lich und inhalt­lich unbe­schränk­ter Nut­zungs­rech­te abge­gol­ten ist: das Print­me­dia­recht inklu­si­ve das Recht zur Erst­ver­öf­fent­li­chung, das Recht zur Bear­bei­tung, Umge­stal­tung und Über­set­zung, das Recht für Wer­be­zwe­cke, das Recht der elektronischen/​digitalen Ver­wer­tung und der Daten­bank­nut­zung sowie das Recht, die vor­ge­nann­ten Nut­zungs­rech­te auch auf Drit­te über­tra­gen zu kön­nen. Wer­den im Wege der Dritt­ver­wer­tung ande­ren Ver­la­gen Print­nut­zungs­rech­te ein­ge­räumt, so wird dies nach den jeweils gel­ten­den Rege­lun­gen der Süd­deut­schen Zei­tung zusätz­lich hono­riert."

Klau­sel 2: "Dritt­ver­wer­tungs­recht:… Der Urhe­ber ist nach dem Erschei­nen des Bei­tra­ges in der Süd­deut­schen Zei­tung frei, eben­falls Dritt­ver­wer­tungs­rech­te ein­zu­räu­men. Indem Sie sich hier­mit ein­ver­stan­den erklä­ren, ent­le­di­gen Sie sich als frei­er Autor aber kei­nes­wegs umfas­send Ihrer Rech­te. Denn mit der Über­tra­gung obi­ger Nut­zungs­rech­te auf die Süd­deut­sche Zei­tung GmbH räu­men wir Ihnen die Befug­nis ein, Ihre Bei­trä­ge für einen Zeit­punkt, der nach deren Ver­öf­fent­li­chung in der 'Süd­deut­schen Zei­tung' liegt, selbst – in der uns gelie­fer­ten oder einer ver­än­der­ten Fas­sung – wei­ter­zu­ver­wer­ten, also ande­ren Ver­la­gen zur Print- oder elek­tro­ni­schen Ver­wer­tung anzu­bie­ten."

Zur Begrün­dung sei­ner Ent­schei­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen zunächst fest­ge­stellt, dass es sich bei den ange­grif­fe­nen Bestim­mun­gen im streit­ge­gen­ständ­li­chen Autoren­an­mel­de­for­mu­lar nicht um eine nicht über­prüf­ba­re Preis­ver­ein­ba­rung son­dern um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen han­de­le, deren Inhalts­kon­trol­le dem Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes nicht ent­zo­gen sei. Das der Antrags­geg­ne­rin nach dem Autoren­an­mel­de­for­mu­lar von Autoren ein­zu­räu­men­de Dritt­ver­wer­tungs­recht grei­fe in den Gel­tungs­be­reich des urhe­ber­ver­trags­recht­li­chen Betei­li­gungs­grund­sat­zes gemäß § 11 Satz 2 UrhG, wonach der Urhe­ber grund­sätz­lich an jeder Nut­zung sei­nes Wer­kes ange­mes­sen zu betei­li­gen ist, inso­fern ein, als – abge­se­hen von der Wei­ter­li­zen­zie­rung von Print­nut­zungs­rech­ten an Drit­te – mit der Ver­gü­tungs­ver­ein­ba­rung kei­ne Betei­li­gung des Autors aus der Ver­ga­be von Dritt­rech­ten anfällt, son­dern letz­te­re mit der im übri­gen bestehen­den Ver­gü­tungs­re­ge­lung abge­gol­ten ist. Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen ist damit der vom Land­ge­richt ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, das Ver­fah­ren nach dem Unter­las­sungs­kla­gen­ge­setz sei gegen­über den Bestim­mun­gen der §§ 32, 32a UrhG nicht anwend­bar, nicht gefolgt.

In der Sache hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen aus­ge­führt, dass durch die ange­grif­fe­nen Klau­seln die Inter­es­sen der Urhe­ber nicht aus­rei­chend gewahrt sei­en, weil die­se dadurch an der wirt­schaft­li­chen Nut­zung ihres Wer­kes bzw. ihres dem Ver­lag über­las­se­nen Bei­trags nicht ange­mes­sen betei­ligt wür­den.

Zur Klau­sel 1: Zwar kön­ne die Rege­lung einer Pau­schal­ver­ein­ba­rung der Red­lich­keit ent­spre­chen, so das Ober­lan­des­ge­richt, wenn sie – bei objek­ti­ver Betrach­tung zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses – eine ange­mes­se­ne Betei­li­gung am vor­aus­sicht­li­chen Gesamt­ertrag der Nut­zung gewähr­leis­te. Im Streit­fall erschei­ne es jedoch frag­lich, ob ange­sichts der umfas­sen­den Rech­te­ein­räu­mung mit der Bezah­lung eines Pau­schal­ho­no­rars für die Über­las­sung eines jour­na­lis­ti­schen Bei­trags für eine Tages­zei­tung zuzüg­lich eines Fol­ge­ho­no­rars im Fal­le der Ver­ga­be von Print­nut­zungs­rech­ten an Drit­te eine ange­mes­se­ne Betei­li­gung des Redak­teurs an der wirt­schaft­li­chen Nut­zung sei­nes Arti­kels gewähr­leis­tet ist. Wenn auch ein jour­na­lis­ti­scher Bei­trag für eine Tages­zei­tung in der Regel – anders als im Fal­le der Über­set­zung einer Buch­vor­la­ge – nicht über einen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg aus­ge­wer­tet wer­de und Fra­gen der Absatz­be­tei­li­gung des Urhe­bers an der Ver­wer­tung sei­nes jour­na­lis­ti­schen Bei­trags oder der Betei­li­gung an Lizenz­erlö­sen im Rah­men einer Dritt­ver­wer­tung für die Beur­tei­lung der Ange­mes­sen­heit eines Hono­rars im Regel­fall nicht so sehr im Vor­der­grund stün­den, sei jeden­falls in Kom­bi­na­ti­on mit der Ein­schrän­kung, dass bereits mit jeder Hono­rar­zah­lung die umfas­sen­de Rech­te­ein­räu­mung zuguns­ten des Ver­la­ges voll­um­fäng­lich abge­gol­ten sei, die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Klau­sel (Nr. 1) mit wesent­li­chen Grund­ge­dan­ken des Urhe­ber­ver­trags­rechts unver­ein­bar und benach­tei­li­ge den Urhe­ber unan­ge­mes­sen.

Nach dem soge­nann­ten Grund­satz der kun­den­feind­lichs­ten Aus­le­gung wür­de näm­lich bereits eine Teil­zah­lung des ver­ein­bar­ten Pau­schal­ho­no­rars zur in der frag­li­chen Klau­sel vor­ge­se­he­nen umfas­sen­den Abgel­tung der Nut­zungs­rechts­über­tra­gung auf die Antrags­geg­ne­rin füh­ren. Einer Aus­le­gung der Hono­rar­klau­sel dahin­ge­hend, dass "mit jeder Hono­rar­zah­lung" nur das kom­plet­te Pau­schal­ho­no­rar umfasst sei, stün­de ent­ge­gen, dass die­se Klau­sel nicht aus­rei­chend klar und miss­ver­ständ­lich for­mu­liert sei und dem Trans­pa­renz­ge­bot nicht hin­rei­chend Rech­nung tra­ge.

Zur Klau­sel 2: Auch die­se stellt sich für das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen als unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung des Urhe­bers jour­na­lis­ti­scher Bei­trä­ge dar und ist daher eben­falls nich­tig.

Nach § 38 Abs. 3 Satz 1 UrhG erwer­be der Ver­le­ger oder Her­aus­ge­ber bei Über­las­sung eines Bei­tra­ges an eine Zei­tung im Zwei­fel nur ein ein­fa­ches Nut­zungs­recht. Der Grund für die­se Rege­lung lie­ge dar­in, so das Ober­lan­des­ge­richt, dass ein Urhe­ber häu­fig sei­nen Bei­trag meh­re­ren Zei­tun­gen gleich­zei­tig anbie­ten muss, um die Chan­ce zu erhal­ten, dass sein Bei­trag über­haupt genom­men wird. Müss­te er der Rei­he nach vor­ge­hen und zunächst die Ent­schei­dung der jewei­li­gen Redak­ti­on über die Auf­nah­me sei­nes Bei­trags abwar­ten, wäre letz­te­rer mög­li­cher­wei­se schon ver­al­tet. Soll das ver­mie­den wer­den, dür­fe die­ser nicht exklu­siv gebun­den sein.

Die genann­te Vor­schrift sei zwar abding­bar. Hier­nach mag die Ein­räu­mung eines aus­schließ­li­chen Nut­zungs­rechts auf die Antrags­geg­ne­rin mit anschlie­ßen­der Rück­über­tra­gung von Nut­zungs­rech­ten auf den Urhe­ber nach der Ver­öf­fent­li­chung des Bei­trags – wie in der vor­ge­nann­ten ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Klau­sel vor­ge­se­hen – für sich genom­men noch kei­nen Kon­flikt mit dem durch die Tages­ak­tua­li­tät von Zei­tungs­be­rich­ten beding­ten Bedürf­nis der Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Inter­es­sen­la­ge von Zei­tungs­re­dak­teu­ren dar­stel­len.

Mit den wesent­li­chen Grund­ge­dan­ken des § 38 Abs. 3 UrhG sei aller­dings eine ver­trag­li­che Rege­lung unver­ein­bar, die die Rück­über­tra­gung eines ein­fa­chen Nut­zungs­rechts an den Urhe­ber davon abhän­gig macht, dass der Bei­trag vor­ab in der Süd­deut­schen Zei­tung ver­öf­fent­licht wird. Den im Gesetz zum Aus­druck kom­men­den berech­tig­ten Belan­gen des Zei­tungs­re­dak­teurs tra­ge eine der­ar­ti­ge ver­trag­li­che Rege­lung ohne eine Öff­nungs­klau­sel, wonach der Urhe­ber einen Bei­trag auch ver­wer­ten kann, wenn die­ser in einer ande­ren Tages­zei­tung erscheint, nicht hin­rei­chend Rech­nung.

Die ange­grif­fe­ne Klau­sel eröff­ne dem­ge­gen­über der Antrags­geg­ne­rin die Mög­lich­keit, ent­we­der den Bei­trag über­haupt nicht zu ver­öf­fent­li­chen und ihn damit zu „sper­ren“, oder die Nut­zungs­rech­te hier­an auf einen ande­ren Ver­lag zu über­tra­gen, der den Bei­trag ver­öf­fent­licht. In bei­den Fäl­len wäre sein Bei­trag für den Urhe­ber wert­los. Dies wider­spre­che der Wer­tung des § 38 Abs. 3 UrhG, mit der für den Urhe­ber aus­rei­chen­de und effi­zi­en­te Ver­wer­tungs­mög­lich­kei­ten für ihrer Art nach schnell­le­bi­ge Zei­tungs­bei­trä­ge sicher­ge­stellt wer­den sol­len.

Kei­ne Beden­ken hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen dage­gen gegen eine drit­te Klau­sel, die von der Antrags­geg­ne­rin daher wei­ter ver­wen­det darf:

"Dritt­ver­wer­tungs­recht: Der Süd­deut­schen Zei­tung GmbH wird das Recht ein­ge­räumt, die vor­ge­nann­ten Nut­zungs­rech­te auch auf Drit­te zu über­tra­gen und den Drit­ten zu ermäch­ti­gen, die­se Nut­zungs­rech­te wie­der­um wei­ter zu über­tra­gen, gege­be­nen­falls auch mit der Maß­ga­be, aber­mals Dritt­ver­wer­tungs­rech­te ein­räu­men zu kön­nen usw."

Eine for­mu­lar­mä­ßi­ge Zustim­mung zur Dritt­ver­wer­tung in Fäl­len, in denen, wie beim Ent­ste­hen einer Tages­zei­tung, eine Viel­zahl von Autoren mit­wir­ke, ist nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts des­halb zuläs­sig, da eine restrik­ti­ve Hand­ha­bung in der Pra­xis erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten mit sich bringt und die Funk­ti­ons­fä­hig­keit eines im redak­tio­nel­len Mas­sen­ge­schäft täti­gen Unter­neh­mens unan­ge­mes­sen beein­träch­ti­gen wür­de.

Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen, Beschluss vom am 21.April 2011 – 6 U 4127/​10