Com­pu­ter­spie­le, Tausch­bör­sen und die Urhe­ber­rechts­ver­let­zung im gewerb­li­chen Aus­maß

Die durch das Gesetz zur Ver­bes­se­rung der Durch­set­zung von Rech­ten des geis­ti­gen Eigen­tums mit Wir­kung vom 01.09.2009 in das Urhe­ber­rechts­ge­setz ein­ge­füg­te Bestim­mung des § 101 UrhG gibt dem Ver­letz­ten einen Aus­kunfts­an­spruch sowohl gegen den Ver­let­zer als auch gegen Drit­te:

Com­pu­ter­spie­le, Tausch­bör­sen und die Urhe­ber­rechts­ver­let­zung im gewerb­li­chen Aus­maß

Wer in gewerb­li­chem Aus­maß das Urhe­ber­recht oder ein ande­res nach dem Urhe­ber­rechts­ge­setz geschütz­tes Recht wider­recht­lich ver­letzt, kann vom Ver­letz­ten auf unver­züg­li­che Aus­kunft über die Her­kunft und den Ver­triebs­weg der rechts­ver­let­zen­den Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke oder sons­ti­gen Erzeug­nis­se in Anspruch genom­men wer­den (§ 101 Abs. 1 Satz 1 UrhG). In Fäl­len offen­sicht­li­cher Rechts­ver­let­zung oder in Fäl­len, in denen der Ver­letz­te gegen den Ver­let­zer Kla­ge erho­ben hat, besteht der Anspruch unbe­scha­det von § 101 Abs. 1 UrhG auch gegen eine Per­son, die in gewerb­li­chem Aus­maß – was im vor­lie­gen­den Fall allein von Bedeu­tung ist – für rechts­ver­let­zen­de Tätig­kei­ten genutz­te Dienst­leis­tun­gen erbrach­te, es sei denn, die Per­son wäre nach den §§ 383 bis 385 ZPO im Pro­zess gegen den Ver­let­zer zur Zeug­nis­ver­wei­ge­rung berech­tigt (§ 101 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 UrhG). Kann die Aus­kunft nur unter Ver­wen­dung von Ver­kehrs­da­ten (§ 3 Nr. 30 TKG) erteilt wer­den, ist für ihre Ertei­lung nach § 101 Abs. 9 UrhG eine vor­he­ri­ge rich­ter­li­che Anord­nung über die Zuläs­sig­keit der Ver­wen­dung der Ver­kehrs­da­ten erfor­der­lich, die von dem Ver­letz­ten zu bean­tra­gen ist.

Der Antrag auf Ertei­lung einer Anord­nung über die Zuläs­sig­keit der Ver­wen­dung der Ver­kehrs­da­ten (§ 101 Abs. 9 UrhG) ist nur begrün­det, wenn ein Anspruch auf Ertei­lung der begehr­ten Aus­kunft besteht. Ent­ge­gen der Annah­me des Beschwer­de­ge­richts setzt der von der Antrag­stel­le­rin behaup­te­te Anspruch aus § 101 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 UrhG auf Aus­kunft gegen eine Per­son, die in gewerb­li­chem Aus­maß für rechts­ver­let­zen­de Tätig­kei­ten genutz­te Dienst­leis­tun­gen erbrach­te, nicht vor­aus, dass die rechts­ver­let­zen­den Tätig­kei­ten das Urhe­ber­recht oder ein ande­res nach dem Urhe­ber­rechts­ge­setz geschütz­tes Recht in gewerb­li­chem Aus­maß ver­letzt haben 1. Es kann daher offen­blei­ben, ob das unbe­fug­te Ein­stel­len eines ein­zi­gen urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Werks in eine Online­Tausch­bör­se als eine Rechts­ver­let­zung in gewerb­li­chem Aus­maß anzu­se­hen ist.

Weder der Wort­laut des § 101 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 UrhG noch die Sys­te­ma­tik oder der Zweck des Geset­zes bie­ten einen hin­rei­chen­den Anhalts­punkt dafür, dass der Anspruch auf Aus­kunft gegen die Per­son, die in gewerb­li­chem Aus­maß für rechts­ver­let­zen­de Tätig­kei­ten genutz­te Dienst­leis­tun­gen erbrach­te, nur unter der ein­schrän­ken­den Vor­aus­set­zung besteht, dass die rechts­ver­let­zen­den Tätig­kei­ten gleich­falls ein gewerb­li­ches Aus­maß hat­ten 2. Auch die Richt­li­nie 2004/​48/​EG vom 29.04.2004 zur Durch­set­zung der Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums, deren Umset­zung das Gesetz zur Ver­bes­se­rung von Rech­ten des geis­ti­gen Eigen­tums vor allem dient, steht der Rege­lung in einem Mit­glied­staat nicht ent­ge­gen, nach der ein Aus­kunfts­an­spruch gegen­über Drit­ten nicht nur bei einer Rechts­ver­let­zung in gewerb­li­chem Aus­maß besteht 3. Schließ­lich kommt es für die Aus­le­gung des § 101 Abs. 2 UrhG nicht ent­schei­dend dar­auf an, dass die Ver­fas­ser des Regie­rungs­ent­wurfs der Ansicht waren, der Aus­kunfts­an­spruch gegen Drit­te set­ze eine Rechts­ver­let­zung in gewerb­li­chem Aus­maß vor­aus, weil die­se Ansicht im Gesetz kei­nen hin­rei­chen­den Nie­der­schlag gefun­den hat 4.

Aus­kunfts­an­spruchs­be­rech­tigt ist nicht nur der Urhe­ber oder der Inha­ber eines ande­ren nach dem Urhe­ber­rechts­ge­setz geschütz­ten Rechts, son­dern auch der Inha­ber eines aus­schließ­li­chen urhe­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rechts. Die Antrag­stel­le­rin in dem hier ent­schie­de­nen Ver­fah­ren ist Inha­be­rin der aus­schließ­li­chen urhe­ber­recht­li­chen Ver­triebs­rech­te für Deutsch­land, Öster­reich und die Schweiz an dem urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Com­pu­ter­spiel „Two Worlds II“. Ihr steht daher – unter ande­rem – das aus­schließ­li­che Recht zu, das Com­pu­ter­spiel öffent­lich zugäng­lich zu machen (§ 19a UrhG).

Die­ses aus­schließ­li­che Recht ist dadurch ver­letzt wor­den, dass Nut­zer das Com­pu­ter­spiel „Two Worlds II“ in der Zeit zwi­schen dem 28.09. und dem 3.10.2011 über eine Online-Tausch­bör­se ande­ren Nut­zern zum Her­un­ter­la­den ange­bo­ten haben. Die Rechts­ver­let­zung ist auch offen­sicht­lich; sie ist so ein­deu­tig, dass eine unge­recht­fer­tig­te Belas­tung der Betei­lig­ten aus­ge­schlos­sen erscheint 5.

Die Betei­lig­te hat als Inter­net-Pro­vi­der den Nut­zern die Inter­net­an­schlüs­se zur Ver­fü­gung gestellt und die jewei­li­gen (dyna­mi­schen) IP-Adres­sen zuge­wie­sen und damit in gewerb­li­chem Aus­maß für die rechts­ver­let­zen­den Tätig­kei­ten genutz­te Dienst­leis­tun­gen erbracht.

Die Inan­spruch­nah­me der Betei­lig­ten auf Aus­kunfts­er­tei­lung ist im Streit­fall auch nicht unver­hält­nis­mä­ßig (§ 101 Abs. 4 UrhG). Es ist weder vor­ge­tra­gen noch ersicht­lich, dass die Antrag­stel­le­rin als Aus­kunfts­be­rech­tig­te kein oder nur ein äußerst gerin­ges Inter­es­se dar­an haben kann, die Rechts­ver­let­zer genannt zu bekom­men 6.

Die begehr­te Aus­kunft über den Namen und die Anschrift der­je­ni­gen Nut­zer, denen die in der Anla­ge auf­ge­führ­ten IP-Adres­sen zu den jewei­li­gen Zeit­punk­ten zuge­wie­sen waren, kann nur unter Ver­wen­dung von Ver­kehrs­da­ten (§ 3 Nr. 30 TKG) im Sin­ne des § 101 Abs. 9 Satz 1 UrhG erteilt wer­den 7.

Die Begründ­etheit des Antrags nach § 101 Abs. 9 Satz 1 UrhG auf Gestat­tung der Ver­wen­dung von Ver­kehrs­da­ten zur Ertei­lung der Aus­kunft über den Namen und die Anschrift der Nut­zer, denen zu bestimm­ten Zeit­punk­ten bestimm­te (dyna­mi­sche) IP-Adres­sen zuge­wie­sen waren, setzt jeden­falls in den Fäl­len, in denen – wie hier – ein Aus­kunfts­an­spruch nach § 101 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 UrhG wegen einer offen­sicht­li­chen Rechts­ver­let­zung gegen eine Per­son besteht, die in gewerb­li­chem Aus­maß für rechts­ver­let­zen­de Tätig­kei­ten genutz­te Dienst­leis­tun­gen erbracht hat, grund­sätz­lich kein beson­de­res und ins­be­son­de­re kein gewerb­li­ches Aus­maß der Rechts­ver­let­zung vor­aus. Ein sol­cher Antrag ist viel­mehr unter Abwä­gung der betrof­fe­nen Rech­te des Rechts­in­ha­bers, des Aus­kunfts­pflich­ti­gen und der Nut­zer sowie unter Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit in aller Regel ohne wei­te­res begrün­det. Dage­gen bestehen weder uni­ons­recht­li­che noch ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Okto­ber 2012 – I ZB 13/​12

  1. BGH, Beschluss vom 19.04.2012 – I ZB 80/​11, GRUR 2012, 1026 Rn. 10 = WRP 2012, 1250 – Alles kann bes­ser wer­den[]
  2. vgl. BGH, GRUR 2012, 1026 Rn. 11 bis 23 – Alles kann bes­ser wer­den[]
  3. vgl. BGH, GRUR 2012, 1026 Rn. 24 bis 26 – Alles kann bes­ser wer­den[]
  4. vgl. BGH, GRUR 2012, 1026 Rn. 27 bis 30 – Alles kann bes­ser wer­den[]
  5. vgl. BT-Drucks. 16/​5048, S. 39[]
  6. vgl. BGH, GRUR 2012, 1026 Rn. 36 – Alles kann bes­ser wer­den[]
  7. vgl. BGH, GRUR 2012, 1026 Rn. 37 bis 39 – Alles kann bes­ser wer­den[]
  8. vgl. BGH, GRUR 2012, 1026 Rn. 40 bis 52 – Alles kann bes­ser wer­den[]