Das Bonus­sys­tem der hol­län­di­schen Ver­sand­apo­the­ke

Der Gemein­sa­me Bun­des­ge­richts­hof der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des hat ent­schie­den, dass das deut­sche Arz­nei­mit­tel­preis­recht auch für ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel gilt, die Apo­the­ken mit Sitz in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on im Wege des Ver­sand­han­dels nach Deutsch­land an End­ver­brau­cher abge­ben, und dass sei­ne Anwen­dung mit dem Pri­mär­recht der Uni­on in Ein­klang steht1.

Das Bonus­sys­tem der hol­län­di­schen Ver­sand­apo­the­ke

Er hat wei­ter ange­nom­men, dass ein Ver­stoß gegen die Waren­ver­kehrs­frei­heit im Sin­ne des Art. 34 AEUV nicht vor­liegt. Die Arz­nei­mit­tel­preis­vor­schrif­ten des deut­schen Rechts sind, auch wenn sie auf den Ver­sand­han­del mit ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln aus einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on nach Deutsch­land anwend­bar sind, kei­ne Maß­nah­me glei­cher Wir­kung im Sin­ne die­ser Bestim­mung2.

Die Rege­lung, wonach deut­sches Arz­nei­mit­tel­preis­recht auch für im Wege des Ver­sand­han­dels nach Deutsch­land ein­ge­führ­te Arz­nei­mit­tel gilt, wäre auch nach Art. 36 AEUV (Art. 30 EGV) zum Schutz der Gesund­heit der Bevöl­ke­rung gerecht­fer­tigt3.

Der nach der Ent­schei­dung des Gemein­sa­men Bun­des­ge­richts­hofs der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des mit Wir­kung vom 26.10.2012 in Kraft getre­te­nen Rege­lung des § 78 Abs. 1 Satz 4 AMG, wonach die auf­grund von § 78 Abs. 1 Satz 1 AMG erlas­se­ne Arz­nei­mit­tel­preis­ver­ord­nung auch für gemäß § 73 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1a AMG in den Gel­tungs­be­reich die­ses Geset­zes ver­brach­te Arz­nei­mit­tel gilt, kommt allein klar­stel­len­de Bedeu­tung zu4. Die Ein­füh­rung von § 78 Abs. 1 Satz 4 AMG kann des­halb an der Beur­tei­lung, dass das deut­sche Arz­nei­mit­tel­preis­recht mit dem pri­mä­ren Uni­ons­recht ver­ein­bar ist, nichts ändern.

Der Gemein­sa­me Bun­des­ge­richts­hof der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des hat ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gericht­hof der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 AEUV in Erwä­gung gezo­gen, eine Vor­la­ge jedoch nicht als erfor­der­lich ange­se­hen5. Es sind kei­ne Grün­de ersicht­lich, die dem Bun­des­ge­richts­hof Ver­an­las­sung geben wür­den, hier­von abzu­wei­chen.

Sol­che Grün­de erge­ben sich für den Bun­des­ge­richts­hof nicht aus dem von der Beklag­ten im Beschwer­de­ver­fah­ren vor­ge­leg­ten Schrei­ben der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on vom 20.11.2013 an die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on ver­tritt in die­sem Schrei­ben die Ansicht, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land mit der Ein­füh­rung der Rege­lung des § 78 Abs. 1 Satz 4 AMG gegen Art. 34 AEUV ver­sto­ße, weil die Preis­bin­dung den Markt­zu­gang für impor­tier­te ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel tat­säch­lich wesent­lich erschwe­re. Der Ver­sand­han­del stel­le für in ande­ren Mit­glied­staa­ten ansäs­si­ge Apo­the­ken den ein­zig mög­li­chen Ver­triebs­weg dar, weil die meis­ten aus­län­di­sche Apo­the­ken auf­grund ihrer Rechts­form kei­ne Fili­al­apo­the­ke in Deutsch­land eröff­nen dürf­ten. Wenn sie die dadurch begrün­de­ten struk­tu­rel­len Nach­tei­le nicht durch güns­ti­ge­re Prei­se als die deut­scher Apo­the­ken aus­glei­chen könn­ten, ver­lö­ren sie ihren größ­ten Wett­be­werbs­vor­teil. Die­ser Argu­men­ta­ti­on kann nicht zuge­stimmt wer­den.

Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist jede Han­dels­re­ge­lung der Mit­glied­staa­ten, die geeig­net ist, den Han­del inner­halb der Uni­on unmit­tel­bar oder mit­tel­bar, tat­säch­lich oder poten­ti­ell zu behin­dern, als eine Maß­nah­me mit glei­cher Wir­kung wie men­gen­mä­ßi­ge Beschrän­kun­gen im Sin­ne des Art. 34 AEUV anzu­se­hen6. Dage­gen liegt kei­ne sol­che Behin­de­rung vor, wenn Vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten, die bestimm­te Ver­kaufs­mo­da­li­tä­ten beschrän­ken oder ver­bie­ten, auf Erzeug­nis­se aus ande­ren Mit­glied­staa­ten ange­wandt wer­den, solan­ge die­se Vor­schrif­ten für alle im Inland täti­gen Wirt­schafts­teil­neh­mer gel­ten und den Absatz der inlän­di­schen Erzeug­nis­se und der Erzeug­nis­se aus ande­ren Mit­glied­staa­ten recht­lich wie tat­säch­lich in der glei­chen Wei­se berüh­ren7. Die deut­schen Vor­schrif­ten über den ein­heit­li­chen Apo­the­ken­ab­ga­be­preis sind nach die­sen Maß­stä­ben ledig­lich Ver­kaufs­mo­da­li­tä­ten im Sin­ne der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on8. Sie berüh­ren den Absatz der inlän­di­schen Erzeug­nis­se und der Erzeug­nis­se aus ande­ren Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on recht­lich wie tat­säch­lich glei­cher­ma­ßen. Aller­dings kann die beschrän­ken­de Wir­kung einer mit­glied­staat­li­chen Bestim­mung für Erzeug­nis­se aus ande­ren Mit­glied­staa­ten ungüns­ti­ger sein als für inlän­di­sche Erzeug­nis­se, wenn die Ein­schrän­kun­gen sich auf in ande­ren Mit­glied­staa­ten ansäs­si­ge Wirt­schafts­teil­neh­mer stär­ker aus­wir­ken als auf inlän­di­sche Unter­neh­men9. Aus­län­di­sche Ver­sand­apo­the­ken wer­den durch den ein­heit­li­chen Apo­the­ken­ab­ga­be­preis jedoch nicht stär­ker beschränkt als inlän­di­sche Ver­sand­apo­the­ken, die sich – eben­so wie eine inlän­di­sche sta­tio­nä­re Apo­the­ke – an den ein­heit­li­chen Apo­the­ken­ab­ga­be­preis hal­ten müs­sen10.

Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on ver­tritt in dem Schrei­ben vom 20.11.2013 wei­ter die Auf­fas­sung, die Maß­nah­me sei nicht aus Grün­den des Gesund­heits­schut­zes gemäß Art. 36 AEUV gerecht­fer­tigt. Die­ser Beur­tei­lung schließt sich der Bun­des­ge­richts­hof nicht an.

Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist bei der Prü­fung, ob die Mit­glied­staa­ten die Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts über die Waren­ver­kehrs­frei­heit im Rah­men der Zustän­dig­keit nach Art. 168 Abs. 7 AEUV (Art. 152 Abs. 5 EGV) über die Fest­le­gung der Gesund­heits­po­li­tik und die Orga­ni­sa­ti­on ihres Gesund­heits­we­sens – wie des Apo­the­kenund Arz­nei­mit­tel­we­sens – beach­tet haben, zu berück­sich­ti­gen, dass die Gesund­heit und das Leben von Men­schen den höchs­ten Rang ein­neh­men und die Mit­glied­staa­ten zu bestim­men haben, auf wel­chem Niveau sie den Schutz der Gesund­heit der Bevöl­ke­rung gewähr­leis­ten wol­len und wie dies erreicht wer­den soll. Da sich das Niveau von einem Mit­glied­staat zum ande­ren unter­schei­den kann, steht den Mit­glied­staa­ten ein Wer­tungs­spiel­raum zu11. Wenn eine Unge­wiss­heit wegen des Vor­lie­gens oder der Bedeu­tung der Gefah­ren für die mensch­li­che Gesund­heit ver­bleibt, brau­chen die Mit­glied­staa­ten nicht zu war­ten, bis der Beweis für das Bestehen die­ser Gefah­ren voll­stän­dig erbracht ist; viel­mehr kön­nen sie Schutz­maß­nah­men tref­fen. Außer­dem kön­nen die Mit­glied­staa­ten die­je­ni­gen Maß­nah­men ergrei­fen, die eine Gefahr für die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung ein­schließ­lich einer Gefahr für die siche­re und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung wei­test­ge­hend ver­rin­gern12. Der dem deut­schen Gesetz­ge­ber zuer­kann­te Wer­tungs­spiel­raum ist nicht dadurch über­schrit­ten, dass er ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel im Inter­es­se der siche­ren und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung einer umfas­sen­den – und damit auch den grenz­über­schrei­ten­den Ver­sand­han­del ein­be­zie­hen­den – Preis­bil­dung unter­stellt hat, um so der Gefahr eines rui­nö­sen Preis­wett­be­werbs unter Apo­the­ken ent­ge­gen­zu­wir­ken, eine flä­chen­de­cken­de und gleich­mä­ßi­ge Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung zu sichern und die Gefahr eines Fehl- oder Mehr­ge­brauchs von Medi­ka­men­ten zu min­dern13.

Da nach den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen § 78 Abs. 1 Satz 4 AMG nicht im Wider­spruch zum pri­mä­ren Uni­ons­recht steht, stel­len sich kei­ne ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­gen zur Aus­le­gung des Uni­ons­rechts, die ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 Abs. 3 AEUV erfor­dern. Eine Vor­la­ge ist nicht gebo­ten, wenn der Lösung der Rechts­fra­ge eine gesi­cher­te Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zugrun­de liegt14. Die sich im Rah­men des pri­mä­ren Uni­ons­rechts stel­len­den Fra­gen dazu, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen eine Beschrän­kung der Waren­ver­kehrs­frei­heit vor­liegt, sind durch die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on geklärt. Die Umset­zung die­ser Ent­schei­dungs­pra­xis im kon­kre­ten Fall ist Auf­ga­be der Gerich­te der Mit­glied­staa­ten15. An die­ser Beur­tei­lung ändert auch der Umstand nichts, dass nach der Ent­schei­dung des Gemein­sa­men Bun­des­ge­richts­hofs der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf sich zu dem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schlos­sen hat. Die Vor­la­ge­ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Düs­sel­dorf ent­hält kei­ne Gesichts­punk­te, die eine ande­re Bewer­tung als die­je­ni­ge in der Ent­schei­dung des Gemein­sa­men Bun­des­ge­richts­hofs der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des recht­fer­ti­gen. Die Tat­sa­che für sich genom­men, dass ein Gericht dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen vor­legt, die sich auch im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren stel­len, ver­an­lasst den Bun­des­ge­richts­hof nicht, die Grund­sät­ze der Ent­schei­dung des gemein­sa­men Bun­des­ge­richts­hofs der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des in Zwei­fel zu zie­hen.

Das mit dem vor­ste­hend erwähn­ten Schrei­ben der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on vom 20.11.2013 ein­ge­lei­te­te Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land erfor­dert auch nicht die Zulas­sung der Revi­si­on oder eine Aus­set­zung des Beschwer­de­ver­fah­rens nach § 148 ZPO.

Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on dür­fen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten kei­ne Ent­schei­dung tref­fen, die einer Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on zuwi­der­lau­fen, Maß­nah­men eines Mit­glied­staa­tes dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob sie eine gemäß Art. 107 AEUV mit dem Bin­nen­markt unver­ein­ba­re und des­halb ver­bo­te­ne staat­li­che oder aus staat­li­chen Mit­teln gewähr­te Bei­hil­fe dar­stel­len; dies gilt selbst dann, wenn die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on nur vor­läu­fi­gen Cha­rak­ter hat16. Falls die natio­na­len Gerich­te die Ansicht ver­tre­ten könn­ten, dass eine Maß­nah­me kei­ne staat­li­che Bei­hil­fe im Sin­ne von Art. 107 Abs. 1 AEUV dar­stellt, und daher ihre Durch­füh­rung nicht aus­zu­set­zen ist, obwohl die Kom­mis­si­on in ihrer Ent­schei­dung über die Eröff­nung des förm­li­chen Prüf­ver­fah­rens fest­ge­stellt hat, dass die­se Maß­nah­me Bei­hil­fe­ele­men­te auf­weist, wür­de die prak­ti­sche Wirk­sam­keit von Art. 108 Abs. 3 AEUV ver­ei­telt, der anord­net, dass der betref­fen­de Mit­glied­staat die beab­sich­tig­te Maß­nah­me nicht durch­füh­ren darf, bevor die Kom­mis­si­on einen abschlie­ßen­den Beschluss erlas­sen hat17. Wenn die in der Ent­schei­dung über die Eröff­nung des förm­li­chen Prüf­ver­fah­rens vor­ge­nom­me­ne vor­läu­fi­ge Bewer­tung des Bei­hilfe­cha­rak­ters der frag­li­chen Maß­nah­me anschlie­ßend in der end­gül­ti­gen Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on bestä­tigt wird, hät­ten die natio­na­len Gerich­te zum einen ihre Ver­pflich­tung aus Art. 108 Abs. 3 AEUV und Art. 3 der Ver­ord­nung Nr. 659/​1999 nicht ein­ge­hal­ten, die Durch­füh­rung jeg­li­chen Bei­hil­fe­vor­ha­bens bis zum Erlass der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on über die Ver­ein­bar­keit die­ses Vor­ha­bens mit dem Bin­nen­markt aus­zu­set­zen18. Selbst wenn die Kom­mis­si­on in ihrer end­gül­ti­gen Ent­schei­dung zu dem Ergeb­nis kom­men soll­te, dass kei­ne Bei­hil­fe­ele­men­te vor­lie­gen, ver­langt zum ande­ren das Ziel der Ver­hü­tung, das dem im Ver­trag über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on geschaf­fe­nen Kon­troll­sys­tem der staat­li­chen Bei­hil­fen zugrun­de liegt, dass die Durch­füh­rung der betref­fen­den Maß­nah­me infol­ge des in der Ent­schei­dung über die Eröff­nung des förm­li­chen Prüf­ver­fah­rens auf­ge­wor­fe­nen Zwei­fels hin­sicht­lich ihres Bei­hilfe­cha­rak­ters und ihrer Ver­ein­bar­keit mit dem Bin­nen­markt auf­ge­scho­ben wird, bis die­ser Zwei­fel durch die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on besei­tigt wird19. Haben die natio­na­len Gerich­te hin­sicht­lich der Fra­ge, ob die in Rede ste­hen­de Maß­nah­me eine staat­li­che Bei­hil­fe im Sin­ne von Art. 107 Abs. 1 AEUV dar­stellt, oder hin­sicht­lich der Gül­tig­keit oder der Aus­le­gung der Ent­schei­dung über die Eröff­nung des förm­li­chen Prüf­ver­fah­rens Zwei­fel, kön­nen sie zum einen die Kom­mis­si­on um Erläu­te­rung bit­ten. Zum ande­ren kön­nen oder müs­sen sie gemäß Art. 267 Abs. 2 und 3 AEUV dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on eine Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­le­gen20.

Die­se Recht­spre­chung ist auf das von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on eröff­ne­te Vor­ver­fah­ren zu einem Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren wegen einer ihrer Ansicht nach nicht gerecht­fer­tig­ten, gemäß Art. 34 AEUV ver­bo­te­nen Beschrän­kung des inner­ge­mein­schaft­li­chen Han­dels nicht über­trag­bar. Für ver­bo­te­ne Bei­hil­fen bestimmt Art. 108 Abs. 3 Satz 3 AEUV, dass der Mit­glied­staat die Bei­hil­fe­maß­nah­me nicht durch­füh­ren darf, bevor die Kom­mis­si­on einen abschlie­ßen­den Beschluss erlas­sen hat. Hat der Mit­glied­staat die nach Art. 108 Abs. 3 Satz 1 AEUV gebo­te­ne Unter­rich­tung unter­las­sen und ohne ent­spre­chen­den Beschluss der Kom­mis­si­on Maß­nah­men vor­ge­nom­men, gilt dies eben­falls, wenn die Kom­mis­si­on die Maß­nah­me als ver­bo­te­ne Bei­hil­fe gemäß Art. 107 AEUV qua­li­fi­ziert und ein Ver­fah­ren in ent­spre­chen­der Anwen­dung von Art. 108 Abs. 3 AEUV ein­ge­lei­tet hat. Eine Art. 108 Abs. 3 AEUV ent­spre­chen­de Rege­lung für das Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren, durch das ein Mit­glied­staat ver­pflich­tet wäre, ein nach Ansicht der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on ver­trags­ver­let­zen­des Ver­hal­ten zu unter­las­sen, bis die Kom­mis­si­on abschlie­ßend über die Ein­lei­tung eines Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­rens ent­schie­den hat, ent­hält Art. 258 AEUV dage­gen nicht. Viel­mehr bin­den Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on im Rah­men eines Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­rens die natio­na­len Gerich­te nicht (vgl. zu Art. 169 EG-Ver­trag [spä­ter 226 EG-Ver­trag] EuG, Beschluss vom 29.09.1997 T83/​97, Slg. 1997 II, 1523, 1539).

Ob die Zulas­sung der Revi­si­on oder eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens ver­an­lasst wäre, wenn die Kom­mis­si­on in dem Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren eine begrün­de­te Stel­lung­nah­me gemäß Art. 258 Abs. 1 AEUV abge­ge­ben oder gemäß Art. 258 Abs. 2 AEUV den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ange­ru­fen hät­te, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Soweit ersicht­lich, hat die Kom­mis­si­on das Vor­ver­fah­ren zu einem Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren seit dem Mahn­schrei­ben vom 20.11.2013 nicht wei­ter betrie­ben, nach­dem die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die bean­stan­de­te Rege­lung mit Schrei­ben vom 21.01.2014 ver­tei­digt hat.

Die Zulas­sung der Revi­si­on ist vor­lie­gend nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch nicht des­halb gebo­ten, weil die Unter­sa­gung, einen Bonus oder eine Prä­mie beim Erwerb ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel zu gewäh­ren, eine nicht gerecht­fer­tig­te Beschrän­kung der Berufs­aus­übungs­frei­heit (Art. 12 Abs. 1 GG) dar­stel­le. Beden­ken gegen die mate­ri­el­le Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Arz­nei­mit­tel­preis­rechts in die­ser Hin­sicht bestehen nicht. Berufs­aus­übungs­re­ge­lun­gen dür­fen vom Gesetz­ge­ber getrof­fen wer­den, wenn sie durch hin­rei­chen­de Grün­de des Gemein­wohls gerecht­fer­tigt sind, die gewähl­ten Mit­tel zur Errei­chung des ver­folg­ten Zwe­ckes geeig­net und erfor­der­lich sind und die durch sie bewirk­te Beschrän­kung den Betrof­fe­nen zumut­bar ist21. Dabei steht dem Gesetz­ge­ber eine wei­te Gestal­tungs­frei­heit zu, dies gilt auch im Arz­nei­mit­tel­preis­recht22 und für die Vor­schrift des § 78 Abs. 1 Satz 4 AMG, die ihre Recht­fer­ti­gung in den mit ihr ver­folg­ten Belan­gen des Gemein­wohls fin­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Janu­ar 2016 – I ZR 67/​14

  1. GmS-OGB, Beschluss vom 22.08.2012 – GmS-OGB 1/​10, BGHZ 194, 354 Rn. 21 ff., 34 ff.
  2. GmS-OGB, BGHZ 194, 354 Rn. 39 ff.
  3. GmS-OGB, BGHZ 194, 354 Rn. 44 ff.
  4. BGH, Urteil vom 26.02.2014 – I ZR 79/​10, GRUR 2014, 593 Rn. 16 = WRP 2014, 692 Sofort-Bonus
  5. GmSOGB, BGHZ 194, 354 Rn. 47
  6. vgl. EuGH, Urteil vom 11.07.1974 – 8/​74, Slg. 1974, 837 Rn. 5 – Das­son­vil­le; Urteil vom 26.04.2012 C456/​10, JZ 2012, 740 Rn. 32 – ANETT
  7. vgl. EuGH, Urteil vom 24.11.1993 – C267 und 268/​91, Slg. 1993, I6097 = NJW 1994, 121 Rn. 16 f. – Keck und Mit­houard
  8. vgl. EuGH, Urteil vom 30.04.2009 – C531/​07, Slg. 2009, I3717 = GRUR 2009, 792 Rn.20 Fach­ver­band der Buch- und Medienwirtschaft/​LIBRO
  9. vgl. EuGH, Urteil vom 11.12 2003 – C322/​01, Slg. 2003, I14887 = NJW 2004, 131 Rn. 71 bis 75 – Deut­scher Apothekerverband/N.V. u.a.
  10. GmS-OGB, BGHZ 194, 354 Rn. 40 ff.
  11. vgl. EuGH, Urtei­le vom 19.05.2009 – C171 und 172/​07, Slg. 2009, I4171 = NJW 2009, 2112 Rn.19 Apo­the­ker­kam­mer u.a./Saar­land
  12. EuGH, NJW 2009, 2112 Rn. 30 – Apo­the­ker­kam­mer u.a./Saarland
  13. GmS-OGB, BGHZ 194, 354 Rn. 45 f.; vgl. auch Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs eines Zwei­ten Geset­zes zur Ände­rung arz­nei­mit­tel­recht­li­cher und ande­rer Vor­schrif­ten, BT-Drs. 17/​9341, S. 66 f.
  14. vgl. EuGH, Urteil vom 30.09.2003 – C224/​01, Slg. 2003, I10239 = NJW 2003, 3539 Rn. 118 – Köb­ler
  15. vgl. EuGH, Urteil vom 23.03.2010 – C236/​08 bis 238/​08, Slg. 2010, I2417 = GRUR 2010, 445 Rn. 88 und 119 – Goog­le France/​Louis Vuit­ton; vgl. auch EuGH, Urteil vom 23.02.2006 – C441/​04, Slg. 2006, I2093 Rn. 30, A‑Punkt Schmuck­han­dels GmbH/​Schmidt; GmSOGB, BGHZ 194, 354 Rn. 47
  16. EuGH, Urteil vom 21.11.2013 – C284/​12, NJW 2013, 3771 Rn. 41 – Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flug­ha­fen Frank­furt-Hahn GmbH; Beschluss vom 04.04.2014 – C27/​13 Flug­ha­fen Lübeck GmbH/​Air Ber­lin plc & Co. Luft­ver­kehrs KG
  17. EuGH, NJW 2013, 3771 Rn. 38 – Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flughafen Frank­furt-Hahn GmbH
  18. EuGH, NJW 2013, 3771 Rn. 39 – Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flughafen Frank­furt-Hahn GmbH
  19. EuGH, NJW 2013, 3771 Rn. 40 – Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flughafen Frank­furt-Hahn GmbH
  20. EuGH, NJW 2013, 3771 Rn. 44 Deut­sche Luft­han­sa AG/​Flughafen Frank­furt-Hahn GmbH
  21. vgl. BVerfG, BVerfGE 68, 193 [218]
  22. vgl. BVerfG, MDR 1991, 405; NJW 2000, 1781; NJW 2002, 3693; BVerfGE 114, 196