Das Ende lang­fris­ti­ger Gas­lie­fer­ver­trä­ge

Der Kar­tell­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat sich aktu­ell mit der kar­tell­recht­li­chen Zuläs­sig­keit lang­fris­ti­ger Gas­lie­fer­ver­trä­ge befasst. E.ON Ruhr­gas, das mit Abstand größ­te deut­sche Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men, hat­te – eben­so wie die ande­ren gro­ßen Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men – in der Ver­gan­gen­heit sei­ne Kun­den, meist regio­na­le Gas­un­ter­neh­men und Stadt­wer­ke, durch lang­fris­ti­ge, häu­fig den gesam­ten Jah­res­be­darf abde­cken­de Ver­trä­ge an sich gebun­den. Das Bun­des­kar­tell­amt hat­te im Janu­ar 2006 ent­schie­den, dass die­se Ver­trä­ge bis zum 30. Sep­tem­ber 2006 been­det wer­den müs­sen und dass Fern­gas­un­ter­neh­men ihre Kun­den auch in Zukunft nicht mehr lang­fris­tig an sich bin­den dür­fen. Nach den Vor­ga­ben des Bun­des­kar­tell­amts darf die Lauf­zeit künf­ti­ger Gas­lie­fer­ver­trä­ge zwei Jah­re nicht über­schrei­ten, wenn durch den Ver­trag mehr als 80% des tat­säch­li­chen Bedarfs des Kun­den gedeckt wird. Bei einer Bedarfs­de­ckung zwi­schen 50 und 80% muss die Lauf­zeit auf maxi­mal vier Jah­re begrenzt sein. Die­se Vor­ga­ben des Bun­des­kar­tell­amts, die zunächst bis zum 30. Sep­tem­ber 2010 gel­ten, hat der Bun­des­ge­richts­hof in Über­ein­stim­mung mit der Vor­in­stanz, dem Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf, jetzt bestä­tigt. Im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren hat­te E.ON Ruhr­gas die Ver­pflich­tung, die lang­fris­ti­gen Ver­trä­ge zu been­den und neue Ver­trä­ge nur noch nach dem vom Bun­des­kar­tell­amt vor­ge­ge­be­nen Men­gen-Lauf­zeit-Gerüst zu schlie­ßen, nicht mehr in Fra­ge gestellt. Die Ver­fü­gung des Bun­des­kar­tell­amts ent­hält dar­über hin­aus aber auch das Ver­bot, Ver­trä­ge mit­ein­an­der zu kom­bi­nie­ren, die nach Men­ge und Lauf­zeit für sich genom­men zuläs­sig sind. Wenn bei­spiels­wei­se schon ein Vier­jah­res­ver­trag über 80% des Kun­den­be­darfs besteht, darf kein Ange­bot über die freie Teil­men­ge von 20% abge­ge­ben wer­den, es sei denn, auch über die Haupt­men­ge wür­de neu ver­han­delt. Gegen die­se zusätz­li­che Beschrän­kung hat sich E.ON Ruhr­gas mit sei­ner Rechts­be­schwer­de in ers­ter Linie gewandt.

Das Ende lang­fris­ti­ger Gas­lie­fer­ver­trä­ge

In sei­ner Ent­schei­dung vom gest­ri­gen Tag geht der BGH davon aus, dass die bis­he­ri­ge Pra­xis lang­fris­ti­ger Gas­lie­fer­ver­trä­ge gegen deut­sches und euro­päi­sches Kar­tell­recht ver­sto­ßen hat, weil sol­che Ver­trä­ge, mit denen nahe­zu der gesam­te Bedarf der jewei­li­gen Kun­den gedeckt wird, zu einer Abschot­tung des Mark­tes und damit zu einer spür­ba­ren Behin­de­rung des Wett­be­werbs führ­ten. Der BGH hat es für unbe­denk­lich gehal­ten, dass das Kar­tell­amt zur Berech­nung der zuläs­si­gen Lie­fer­quo­te auf den tat­säch­li­chen Ver­triebs­be­darf des Gas­kun­den im Ver­trags­zeit­raum abge­stellt hat. E.ON Ruhr­gas sei es zumut­bar, die Lie­fer­men­gen fort­lau­fend zu über­wa­chen und gege­be­nen­falls an wit­te­rungs­be­ding­te und kon­junk­tu­rel­le Schwan­kun­gen anzu­pas­sen. Eine Fest­schrei­bung der zuläs­si­gen Lie­fer­men­ge auf einen Bruch­teil des Vor­jah­res­werts oder eines Durch­schnitts­werts meh­re­rer Vor­jah­re wei­se dem­ge­gen­über Nach­tei­le im Hin­blick auf die Ver­sor­gungs­si­cher­heit auf. Außer­dem sei es dem Zweit­lie­fe­ran­ten nicht zuzu­mu­ten, wenn er mit einem rela­tiv gerin­gen Lie­fer­an­teil das gesam­te Risi­ko eines kon­junk­tu­rel­len oder wit­te­rungs­be­ding­ten Mehr- oder Min­der­be­darfs abde­cken müs­se.

Wegen der über­ra­gen­den Markt­macht von E.ON Ruhr­gas auf dem durch sein Gas­netz bestimm­ten Gas­wei­ter­ver­tei­ler­markt – E.ON Ruhr­gas hat hier einen Markt­an­teil von 75%, ver­fügt über das größ­te Hoch­druck­lei­tungs­netz und ist an ca. 30% aller Regio­nal- und Orts­gas­un­ter­neh­men direkt oder indi­rekt betei­ligt – habe das Bun­des­kar­tell­amt mit Recht ange­nom­men, dass allein die Been­di­gung der bis­he­ri­gen Ver­trä­ge nicht aus­rei­chend gewe­sen wäre, um eine wesent­li­che Öff­nung des Mark­tes für Wett­be­wer­ber zu ermög­li­chen. Hier­zu sei es viel­mehr erfor­der­lich gewe­sen, für eine Über­gangs­zeit prak­tisch hand­hab­ba­re Regeln für den Abschluss künf­ti­ger Gas­lie­fer­ver­trä­ge auf­zu­stel­len. Zwar sei­en die Ver­trä­ge, die das Bun­des­kar­tell­amt unter­sagt habe, nur des­we­gen kar­tell­rechts­wid­rig, weil sie Teil eines Bün­dels gleich­ar­ti­ger Ver­trä­ge gewe­sen sei­en. Es müs­se aber davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass E.ON Ruhr­gas ohne das Ver­bot eine Viel­zahl gleich­ar­ti­ger Ver­trä­ge abschlie­ßen wür­de und dadurch erneut eine Markt­ab­schot­tung ein­tre­ten wür­de.

Der BGH hat auch das Ver­bot für recht­mä­ßig gehal­ten, meh­re­re für sich genom­men unbe­denk­li­che Ver­trä­ge mit­ein­an­der zu kom­bi­nie­ren, wenn die­se Ver­trä­ge zusam­men­ge­rech­net die Gren­zen des Men­gen-Lauf­zeit-Gerüsts über­schrei­ten. Kön­ne der Lie­fe­rant, der bereits einen Teil des Bedarfs decke (im Bei­spiel: 80%), bei der Ver­ga­be der Rest­men­ge mit­bie­ten, wer­de der ange­streb­te Effekt einer Markt­öff­nung für ande­re Lie­fe­ran­ten gefähr­det, weil der Lie­fe­rant der Haupt­men­ge auf­grund der bereits akqui­rier­ten Men­ge erheb­li­che Kos­ten­vor­tei­le habe. Dass durch die­se Rege­lung unter Umstän­den ein beson­ders güns­ti­ges Ange­bot von E.ON Ruhr­gas nicht zum Zuge kom­me, müs­se für eine Über­gangs­zeit im Inter­es­se einer effek­ti­ven lang­fris­ti­gen Öff­nung des Gas­wei­ter­ver­tei­ler­mark­tes in Kauf genom­men wer­den.

Von der Ent­schei­dung sind nur Ver­trä­ge zwi­schen E.ON Ruhr­gas als Fern­gas­un­ter­neh­men und den als Wei­ter­ver­tei­ler täti­gen Regio­nal- und Orts­gas­un­ter­neh­men betrof­fen. Bezugs­ver­trä­ge auf der Import­stu­fe, also mit den Erd­gas­pro­du­zen­ten, blei­ben hier­von unbe­rührt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Febru­ar 2009 – KVR 67/​07