Das Fir­men­schild auf Grab­mä­lern

Ein Unter­neh­men, das Grab­ma­le her­stellt und auf Fried­hö­fen auf­stellt, ver­stößt gegen § 3a UWG (i.V.m. der gemeind­li­chen Fried­hofs­sat­zung), wenn es auf den von ihm auf­ge­stell­ten Grab­ma­len Fir­men­schil­der der streit­ge­gen­ständ­li­chen Art mit der Anga­be sei­nes Unter­neh­mens­na­mens und ‑sit­zes sowie sei­ner Tele­fon­num­mer anbringt, obwohl die Fried­hofs­sat­zung das Anbie­ten von Waren und Dienst­leis­tun­gen auf dem Fried­hof ver­bie­tet.

Das Fir­men­schild auf Grab­mä­lern

Unter einem "Anbie­ten" im Sin­ne der Fried­hofs­sat­zung ist jede auf den Ver­trieb gerich­te­te Hand­lung ein­schließ­lich der Wer­bung und des Feil­hal­tens zu ver­ste­hen.

Ein durch­schnitt­lich infor­mier­ter, ver­stän­di­ger und situa­ti­ons­ad­äquat auf­merk­sa­mer Ver­brau­cher ver­steht Fir­men­schil­der der streit­ge­gen­ständ­li­chen Art nicht als schlich­te, neu­tra­le Her­stel­ler­an­ga­be "zu Ver­wal­tungs­zwe­cken", son­dern als Maß­nah­me der Absatz­för­de­rung und damit als ein "Anbie­ten".

Der Ver­stoß ist geeig­net, die Inter­es­sen der Ver­brau­cher – der Besu­cher des Fried­hofs – spür­bar zu beein­träch­ti­gen. Ob die Fried­hofs­ver­wal­tung der­ar­ti­ge Kenn­zeich­nun­gen dul­det, ist uner­heb­lich.

Nach § 3a UWG begeht eine im Sin­ne von § 3 UWG unzu­läs­si­ge geschäft­li­che Hand­lung, wer einer gesetz­li­chen Vor­schrift zuwi­der­han­delt, die auch dazu bestimmt ist, im Inter­es­se der Markt­teil­neh­mer das Markt­ver­hal­ten zu regeln, und der Ver­stoß geeig­net ist, die Inter­es­sen von Ver­brau­chern, sons­ti­gen Markt­teil­neh­mern oder Mit­be­wer­bern spür­bar zu beein­träch­ti­gen. Als Markt­ver­hal­ten im Sin­ne von § 3a UWG ist jede Tätig­keit auf einem Markt anzu­se­hen, die objek­tiv der För­de­rung des Absat­zes oder des Bezugs von Waren oder Dienst­leis­tun­gen dient und durch die ein Unter­neh­mer auf Mit­be­wer­ber, Ver­brau­cher oder sons­ti­ge Markt­teil­neh­mer ein­wirkt 1. Die hier frag­li­chen Bestim­mun­gen stel­len sol­che Markt­ver­hal­tens­re­ge­lun­gen dar 2, denn nach ihnen ist es auf dem Fried­hof nicht gestat­tet, "Waren und gewerb­li­che Diens­te anzu­bie­ten".

Zwar kann im Anwen­dungs­be­reich der Richt­li­nie 2005/​29/​EG ein Ver­stoß gegen eine natio­na­le Markt­ver­hal­tens­re­gel die Unlau­ter­keit nach § 3a UWG nur begrün­den, wenn die­se natio­na­le Bestim­mung eine uni­ons­recht­li­che Grund­la­ge hat 3. Durch­setz­bar blei­ben aller­dings, wie sich aus dem Erwä­gungs­grund 7 zu der genann­ten Richt­li­nie ergibt, natio­na­le Ver­bo­te aus Grün­den der guten Sit­ten und des Anstan­des 4. Um sol­che Bestim­mun­gen han­delt es sich hier, da die Rege­lun­gen in den Fried­hofs­sat­zun­gen dazu die­nen, die Wür­de des Fried­hofs zu schüt­zen.

Die Ver­fü­gungs­be­klag­te hat durch das Anbrin­gen der streit­ge­gen­ständ­li­chen Fir­men­schil­der gegen das Wer­be­ver­bot auf Fried­hö­fen ver­sto­ßen. Zutref­fend hat das Land­ge­richt fest­ge­stellt, dass die Fir­men­schil­der ein "Anbie­ten" von Waren und gewerb­li­chen Dienst­leis­tun­gen im Sin­ne der Fried­hofs­sat­zun­gen dar­stel­len.

Für ein Anbie­ten von Waren im Sin­ne die­ser Sat­zungs­be­stim­mung ist es nicht erfor­der­lich, dass die Waren zum sofor­ti­gen Kauf feil­ge­bo­ten wer­den. Viel­mehr wird es durch den Sat­zungs­ge­ber als mit der Wür­de des Ortes unver­ein­bar ange­se­hen, wenn Gewer­be­trei­ben­de auf dem Fried­hof kom­mer­zi­el­le Inter­es­sen ver­fol­gen. Zurecht geht das Land­ge­richt daher davon aus, dass unter einem "Anbie­ten" im Sin­ne der Sat­zun­gen jede auf den Ver­trieb gerich­te­te Hand­lung ein­schließ­lich der Wer­bung und dem Feil­hal­ten zu ver­ste­hen ist, wobei inso­weit maß­geb­lich ist, wie die ange­spro­che­nen Ver­kehrs­krei­se die Maß­nah­me ver­ste­hen, vor­lie­gend also vor allem Ver­brau­cher, die als Besu­cher des Fried­hofs die Fir­men­schil­der wahr­neh­men. Ein durch­schnitt­lich infor­mier­ter, ver­stän­di­ger und situa­ti­ons­ad­äquat auf­merk­sa­mer Ver­brau­cher aber ver­steht die Fir­men­schil­der in ihrer Kom­bi­na­ti­on von anspre­chen­der, indi­vi­du­ell gepräg­ter Gestal­tung und Anga­be von Fir­ma, Sitz und Tele­fon­num­mer des Unter­neh­mens nicht nur als schlich­te, neu­tra­le Her­stel­ler­an­ga­be "zu Ver­wal­tungs­zwe­cken", son­dern als eine Maß­nah­me, durch die Ver­brau­cher im Inter­es­se der Absatz­för­de­rung dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den sol­len, dass das betref­fen­de Grab­mal von der Unter­neh­me­rin her­ge­stellt wor­den ist, und ihnen nähe­re Infor­ma­tio­nen zur geschäft­li­chen Kon­takt­auf­nah­me ver­schafft wer­den sol­len.

Bestä­tigt wird dies im Übri­gen durch den Vor­trag der Unter­neh­me­rin, die Anga­ben auf den Fir­men­schil­dern dien­ten ledig­lich den Ange­hö­ri­gen und/​oder der Fried­hofs­ver­wal­tung für den Fall einer Mehr­fach­be­le­gung bzw. bei Pro­ble­men mit der Stand­fes­tig­keit des Grab­steins zur ver­ein­fach­ten Kon­takt­auf­nah­me . In die­sen Fäl­len ist nicht ledig­lich der Her­stel­ler des Grab­mals zur Leis­tung geeig­net; die Leis­tun­gen kön­nen auch von einem ande­ren Stein­metz erbracht wer­den. Die Fir­men­schil­der die­nen daher auch in die­sen Fäl­len dazu, die rele­van­ten Ver­brau­cher auf den Betrieb der Unter­neh­me­rin hin­zu­wei­sen, um so einen wei­te­ren Auf­trag zu akqui­rie­ren. Im Übri­gen ver­än­dert dies auch nicht den Ein­druck bei ande­ren Besu­chern, dass es sich dabei um Wer­bung han­delt.

Dar­auf, ob die Ver­fü­gungs­be­klag­te bewusst oder gar vor­sätz­lich und plan­mä­ßig vor­ge­gan­gen ist, kommt es für die Tat­be­stands­er­fül­lung bei einem Wett­be­werbs­ver­stoß durch Rechts­bruch nicht an 5.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts ist der Ver­stoß auch geeig­net, die Inter­es­sen von Ver­brau­chern, sons­ti­gen Markt­teil­neh­mern oder Mit­be­wer­bern spür­bar zu beein­träch­ti­gen. Spür­bar­keit ist dann zu beja­hen, wenn eine Beein­träch­ti­gung der geschütz­ten Inter­es­sen nicht nur theo­re­tisch, son­dern auch tat­säch­lich mit einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit ein­tre­ten kann 6. Dabei sind die Umstän­de des Ein­zel­falls zu berück­sich­ti­gen.

Zutref­fend stellt das Land­ge­richt ein­zig auf die Wir­kung auf Besu­cher des Fried­hofs ab und nicht auch auf die Inter­es­sen der Mit­be­wer­ber der Unter­neh­me­rin. Das Wer­be­ver­bot schützt die Trau­ern­den vor einer Beläs­ti­gung durch die Ver­fol­gung kom­mer­zi­el­ler Inter­es­sen, nicht aber die Mit­be­wer­ber davor, dass ein Wett­be­werbs­vor­sprung durch einen Miss­brauch des Fried­hofs als "Mes­se" oder als "Leis­tungs­schau" für Waren und Dienst­leis­tun­gen für Beer­di­gungs­leis­tun­gen erzielt wird.

Die Besu­cher des Fried­hofs kön­nen sich auch schon dann in ihrer Trau­er und ihrem Geden­ken an die Ver­stor­be­nen von den Fir­men­schil­dern gestört füh­len, wenn die Wer­bung erst bei nähe­rem Hin­se­hen als sol­che erkenn­bar ist 7. Vor­lie­gend ist das Schild auch nicht ledig­lich kaum wahr­nehm­bar, son­dern erzeugt bei einer Grö­ße von ca. 9 cm x 2 cm eine Anlock­wir­kung und ist – zumin­dest, wenn sich der Trau­ern­de in unmit­tel­ba­rer Nähe befin­det – gut les­bar. Die zwi­schen den Par­tei­en geführ­te Aus­ein­an­der­set­zung über die Höhe, in der die Fir­men­schil­der ange­bracht sind, ist für das Ober­lan­des­ge­richt nicht ent­schei­dend.

Nicht maß­geb­lich ist auch, ob die Fried­hofs­ver­wal­tung sol­che Kenn­zeich­nun­gen – bis zur Grö­ße eines Fünf­mark­stücks – dul­det. Für die Fra­ge der Spür­bar­keit ist es uner­heb­lich, ob die Ver­wal­tungs­be­hör­de von einer Sank­ti­ons­mög­lich­keit Gebrauch macht 8.

Da die Ver­fü­gungs­be­klag­te Ziff. 1 die streit­ge­gen­ständ­li­chen Fir­men­schil­der hat anbrin­gen las­sen, hat sie als Täte­rin die Erst­ver­stö­ße gegen § 3a UWG i.V.m. den Sat­zungs­be­stim­mun­gen began­gen, die eine Wie­der­ho­lungs­ge­fahr und damit einen Unter­las­sungs­an­spruch im zuge­spro­che­nen Umfang zu begrün­den, § 8 Absatz 1 UWG.

Nach­dem sich der gel­tend gemach­te Unter­las­sungs­an­spruch schon aus dem Ver­stoß gegen § 3a UWG ergibt, bedarf es kei­ner Ent­schei­dung, ob dane­ben auch ein Erst­ver­stoß gegen § 7 UWG vor­liegt.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 5. Juli 2018 – 2 U 167/​17

  1. OLG Stutt­gart, Urteil vom 08.06.2017 – 2 U 127/​16 28[]
  2. BGH, Urteil vom 21.07.2005 – I ZR 170/​02 24 – Fried­hofs­ru­he[]
  3. BGH, Urteil vom 14.01.2016 – I ZR 61/​14 13 – Wir hel­fen im Trau­er­fall; BGH, Urteil vom 29.04.2010 – I ZR 23/​08 11 – Cos­ta del Sol[]
  4. Köh­ler in Köhler/​Bornkamm/​Feddersen, UWG, 36. Aufl.2018, § 3a UWG Rn.01.30[]
  5. OLG Stutt­gart, Urteil vom 17.03.2005 – 2 U 173/​04 27[]
  6. Köhler/​Bornkamm/​Feddersen, Kom­men­tar zum UWG, 36. Aufl. (2018), § 3a UWG Rn.01.99[]
  7. vgl. OLG Stutt­gart, Aner­kennt­nis­ur­teil vom 25.10.2012 – 2 U 50/​12, in des­sen Fall waren Sarg­trä­ger mit Hem­den aus­ge­stat­tet wor­den, die mit dem Fir­men­schrift­zug oder ‑logo ver­se­hen waren[]
  8. BGH, Urteil vom 16.07.2009 – I ZR 140/​0720 – Ver­sand­kos­ten bei Froog­le; Köhler/​Bornkamm/​Feddersen, a.a.O., § 3a UWG Rn.01.47[]