Das Wer­be­ver­bot für Arz­nei­mit­tel und der Streit um Arz­nei­mit­tel­fest­be­trä­ge

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te heu­te dar­über zu ent­schei­den, ob die Benen­nung eines Arz­nei­mit­tels im Rah­men einer öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung über die Fest­set­zung eines Fest­be­trags für die­ses Arz­nei­mit­tel gegen Wer­be­ver­bo­te des Heil­mit­tel­wer­be­ge­set­zes ver­stößt.

Das Wer­be­ver­bot für Arz­nei­mit­tel und der Streit um Arz­nei­mit­tel­fest­be­trä­ge

Beklag­te war das Phar­ma­un­ter­neh­men Pfi­zer Phar­ma GmbH. Pfi­zer ver­treibt u.a. das ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel "Sor­tis", mit des­sen Hil­fe ein zu hoher Cho­le­ste­rin­spie­gel im Blut gesenkt wer­den kann. Für die­ses Arz­nei­mit­tel wur­de von den zustän­di­gen Stel­len im Juli 2004 ein Fest­be­trag fest­ge­setzt. Die Beklag­te bean­stan­de­te die Fest­set­zung mit der Begrün­dung, ihr Prä­pa­rat "Sor­tis" erfül­le die Vor­aus­set­zun­gen für eine Auf­nah­me in den Fest­be­trags­ka­ta­log nicht, weil es in sei­ner the­ra­peu­ti­schen Wir­kung mit ande­ren Prä­pa­ra­ten nicht aus­tausch­bar sei. Pfi­zer lehn­te es in der Fol­ge­zeit ab, den Abga­be­preis für "Sor­tis" auf den von den Kran­ken­kas­sen zu erstat­ten­den Fest­be­trag abzu­sen­ken. Dar­auf­hin wur­de ihr u.a. vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um vor­ge­wor­fen, sie han­de­le aus Pro­fit­sucht und ethisch ver­werf­lich, weil sie die Pati­en­ten ver­un­si­che­re. In der über­re­gio­na­len Tages­pres­se wur­de dar­über u.a. unter Über­schrif­ten wie "Regie­rung: Pfi­zer han­delt unethisch/​Machtkampf um Pharmapreise/​Ärzte sol­len ande­re Prä­pa­ra­te ver­ord­nen" berich­tet. Pfi­zer reagier­te mit einer ganz­sei­ti­gen Zei­tungs­an­zei­ge mit dem Titel "Kön­nen Kas­sen­pa­ti­en­ten wirk­lich auf Sor­tis ver­zich­ten?". Der Klä­ger, der Ver­band Sozia­ler Wett­be­werb, hält dies für eine Wer­bung, die gegen Vor­schrif­ten des Heil­mit­tel­wer­be­ge­set­zes (HWG), ins­be­son­de­re gegen das Ver­bot der Publi­kums­wer­bung nach § 10 Abs. 1 HWG und gegen die Pflicht zum Hin­weis auf Risi­ken und Neben­wir­kun­gen nach § 4 Abs. 3 Satz 1 HWG ver­stößt.

Das Land­ge­richt hat der Kla­ge auf Unter­las­sung der Wer­bung statt­ge­ge­ben. Das Beru­fungs­ge­richt hat die Beklag­te ledig­lich wegen Ver­sto­ßes gegen § 4 Abs. 3 Satz 1 HWG mit der Begrün­dung ver­ur­teilt, der am Rand der Anzei­ge gegen die Lese­rich­tung ange­brach­te Pflicht­hin­weis auf die Risi­ken und Neben­wir­kun­gen sei nicht gut les­bar im Sin­ne die­ser Vor­schrift. Hin­sicht­lich des Ver­sto­ßes gegen ande­re Vor­schrif­ten des HWG, ins­be­son­de­re gegen das Ver­bot der Publi­kums­wer­bung, kön­ne sich die Beklag­te auf ihr Grund­recht der Mei­nungs­frei­heit nach Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG beru­fen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Beru­fungs­ur­teil bestä­tigt und die Rechts­mit­tel bei­der Par­tei­en zurück­ge­wie­sen. Bei der Anzei­ge der Beklag­ten han­de­le es sich zwar um Wer­bung für ein Arz­nei­mit­tel, so dass die Wer­be­ver­bo­te des Heil­mit­tel­wer­be­ge­set­zes an sich zur Anwen­dung kämen. Die Beklag­te habe jedoch nach der für sie nega­ti­ven Publi­zi­tät ihren Stand­punkt in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on um die Fest­set­zung des Fest­be­trags für ihr Arz­nei­mit­tel grund­sätz­lich auch in der Form einer ganz­sei­ti­gen Zei­tungs­an­zei­ge äußern dür­fen. Zu die­sem Zweck habe sie ihr Arz­nei­mit­tel und sei­ne Anwen­dungs­ge­bie­te benen­nen und es mit Kon­kur­renz­pro­duk­ten ver­glei­chen dür­fen, um auf die­se Wei­se ihre Auf­fas­sung dar­zu­le­gen, die gesetz­li­che Fest­be­trags­re­ge­lung erfas­se ihr Arz­nei­mit­tel nicht. Der Bun­des­ge­richts­hof hat daher in Über­ein­stim­mung mit dem Beru­fungs­ge­richt eine unzu­läs­si­ge Publi­kums­wer­bung im Hin­blick auf das Recht der Beklag­ten auf Mei­nungs­frei­heit (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG) ver­neint. Dage­gen sei der Ver­stoß gegen § 4 Abs. 3 Satz 1 HWG nicht zu recht­fer­ti­gen. Die Beklag­te wäre in ihrem Recht auf Mei­nungs­frei­heit nicht unzu­mut­bar beein­träch­tigt gewe­sen, wenn sie den Hin­weis auf Risi­ken und Neben­wir­kun­gen gut les­bar ange­bracht hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. März 2009 – I ZR 213/​06 – Sor­tis