Der Anruf­bus im öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr

Anruf­bus­ver­keh­re, die nach tele­fo­ni­scher Vor­anmel­dung des Fahrt­wun­sches durch den Fahr­gast auch lini­en- und lini­en­bün­del­über­grei­fend zwi­schen den vom Fahr­gast ange­ge­be­nen Aus­gangs- und End­hal­te­stel­len ver­keh­ren, waren weder als Lini­en­ver­kehr im Sin­ne von § 42 PBefG noch nach § 2 Abs. 6 PBefG in der bis zum 31. Dezem­ber 2012 gel­ten­den Fas­sung geneh­mi­gungs­fä­hig. Sie konn­ten des­halb bei der von der Geneh­mi­gungs­be­hör­de zwi­schen den kon­kur­rie­ren­den Ver­kehrs­un­ter­neh­mern zu tref­fen­den Aus­wahl­ent­schei­dung nicht zuguns­ten der Anbie­ter die­ser Anruf­bus­ver­keh­re berück­sich­tigt wer­den.

Der Anruf­bus im öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr

In den bei­den jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Ver­fah­ren aus Sach­sen-Anhalt woll­ten die kla­gen­den Bus­un­ter­neh­men die Auf­he­bung von Lini­en­ver­kehrs­ge­neh­mi­gun­gen errei­chen, die ihren Kon­kur­ren­ten erteilt wor­den waren; die­se Geneh­mi­gun­gen soll­ten viel­mehr ihnen selbst erteilt wer­den. Im Janu­ar 2006/​Dezember 2007 mach­te der beklag­te Land­kreis bekannt, dass in sei­nem Zustän­dig­keits­be­reich Lini­en­ver­kehrs­ge­neh­mi­gun­gen aus­lau­fen wür­den und die Ver­kehrs­be­die­nung geord­net nach Lini­en­bün­deln neu ver­ge­ben wer­de. Um die ent­spre­chen­den Lini­en­ver­kehrs­ge­neh­mi­gun­gen bewar­ben sich die Klä­ge­rin­nen und die Bei­gela­de­nen. Auf der Grund­la­ge eines Punk­te­sys­tems, das eine Bewer­tung der von den Ver­kehrs­un­ter­neh­men ein­ge­reich­ten Ange­bo­te nach Punk­ten anhand von Ein­zel­kri­te­ri­en vor­sah, wur­den die Lini­en­ver­kehrs­ge­neh­mi­gun­gen den Bei­gela­de­nen erteilt. Dabei wer­te­te der Beklag­te die von den erfolg­rei­chen Bewer­bern ange­bo­te­nen Anruf­bus­ver­keh­re zu deren Guns­ten. Bei die­sen Ver­kehrs­an­ge­bo­ten ist vor­ge­se­hen, dass die ein­ge­setz­ten Fahr­zeu­ge – in der Regel Taxis oder Miet­wa­gen – zu bestimm­ten Zei­ten ent­spre­chend einer vor­he­ri­gen tele­fo­ni­schen Anmel­dung durch den Fahr­gast zwi­schen den gewünsch­ten Hal­te­stel­len ver­keh­ren; dabei wer­den auch auf ande­ren Lini­en oder in ande­ren Lini­en­bün­deln lie­gen­de Hal­te­stel­len ange­fah­ren. Strei­tig war, ob die­se Art der Ver­kehrs­be­die­nung als Lini­en­ver­kehr im Sin­ne von § 42 PBefG oder jeden­falls auf der Grund­la­ge von § 2 Abs. 6 PBefG geneh­mi­gungs­fä­hig ist; nach die­ser Rege­lung in der hier noch maß­geb­li­chen, bis zum 31. Dezem­ber 2012 gel­ten­den Fas­sung kön­nen Beför­de­run­gen, die in beson­ders gela­ger­ten Ein­zel­fäl­len nicht alle Merk­ma­le einer Ver­kehrs­art oder Ver­kehrs­form die­ses Geset­zes erfül­len, nach den Vor­schrif­ten die­ses Geset­zes geneh­migt wer­den, denen die­se Beför­de­run­gen am meis­ten ent­spre­chen.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Hal­le ist der Auf­fas­sung gefolgt, dass es sich bei den Anruf­bus­ver­keh­ren nicht um Lini­en­ver­kehr han­de­le, doch sei­en sie auf der Grund­la­ge von § 2 Abs. 6 PBefG a.F. geneh­mi­gungs­fä­hig 1. Dem­ge­gen­über hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Sach­sen-Anhalt in Mag­de­burg im Beru­fungs­ver­fah­ren auch die Anwend­bar­keit von § 2 Abs. 6 PBefG a.F. ver­neint 2.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die­se Rechts­auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Mag­de­burg be­stätigt:

Die Anruf­bus­ver­keh­re in der hier in Rede ste­hen­den Aus­ge­stal­tung waren zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt der letz­ten Ver­wal­tungs­ent­schei­dung weder nach § 42 PBefG noch nach § 2 Abs. 6 PBefG a.F. geneh­mi­gungs­fä­hig. Nach der gesetz­li­chen Begriffs­be­stim­mung in § 42 PBefG ist Lini­en­ver­kehr eine zwi­schen bestimm­ten Aus­gangs- und End­punk­ten ein­ge­rich­te­te regel­mä­ßi­ge Ver­kehrs­ver­bin­dung, auf der Fahr­gäs­te an bestimm­ten Hal­te­stel­len ein- und aus­stei­gen kön­nen. Da bei den hier zu beur­tei­len­den Anruf­bus­ver­keh­ren die jewei­li­gen Fahr­ten nach Zeit und Stre­cken­ver­lauf von den jewei­li­gen Fahrt­wün­schen des oder der Fahr­gäs­te abhän­gen und auch lini­en- und lini­en­bün­del­über­grei­fend statt­fin­den kön­nen, ver­lau­fen sie nicht zwi­schen „bestimm­ten“ Aus­gangs- und End­punk­ten. Auch eine Geneh­mi­gung auf der Grund­la­ge von § 2 Abs. 6 PBefG a.F. i.V.m. § 42 PBefG schied aus, weil die­se Rege­lung eine Geneh­mi­gung nur in beson­ders gela­ger­ten Ein­zel­fäl­len erlaub­te. Um einen sol­chen Ein­zel­fall han­del­te es sich hier nicht, da die Anruf­bus­ver­keh­re wegen der Kom­bi­na­ti­on von Ele­men­ten des Lini­en- und des Gele­gen­heits­ver­kehrs als eine neue Ver­kehrs­form anzu­se­hen sind und sie nach dem zugrun­de lie­gen­den Ver­kehrs­kon­zept zudem flä­chen­de­ckend sein soll­ten. Eine erwei­tern­de ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung von § 2 Abs. 6 PBefG a.F. war im Hin­blick auf die wei­te­ren „Öff­nungs­klau­seln“ in § 2 Abs. 7 PBefG und § 57 Abs. 1 Nr. 8 PBefG nicht gebo­ten.

Der Gesetz­ge­ber hat den Anwen­dungs­be­reich von § 2 Abs. 6 PBefG mit Gel­tung ab dem 1. Janu­ar 2013 erwei­tert.

Über die umstrit­te­nen Geneh­mi­gun­gen ist neu zu ent­schei­den; dabei ist die neue Rechts­la­ge zugrun­de zu legen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 12. Dezem­ber 2013 – 3 C 30.12 und 3 C 31.12

  1. VG Hal­le, Urtei­le vom 25.10.2010 – 7 A 1/​10 HAL und 7 A 21/​10 HAL[]
  2. OVG LSA, Urtei­le vom 01.08.2012 – 3 L 2/​11 und 3 L 2/​11[]