Der HNO-Arzt und die Wer­be­fly­er eines Hör­ge­rä­te­akus­ti­kers

Ein HNO-Arzt, der sei­nem Pati­en­ten unge­fragt den Wer­be­fly­er eines Hör­ge­rä­te­akus­tik­un­ter­neh­mens aus­hän­digt, ver­weist ihn grund­sätz­lich gem. § 34 Abs. 5 BOÄ ohne hin­rei­chen­den Grund an einen Anbie­ter von gesund­heit­li­chen Leis­tun­gen. Die ört­li­che Nähe des Hör­ge­rä­te­akus­tiker­un­ter­neh­mens zur Pra­xis des HNO-Arz­tes ist selbst bei Orts­un­kun­dig­keit des Pati­en­ten kein hin­rei­chen­der Ver­wei­sungs­grund im Sin­ne des § 34 Abs. 5 BOÄ.

Der HNO-Arzt und die Wer­be­fly­er eines Hör­ge­rä­te­akus­ti­kers

Beson­de­re Qua­li­täts­merk­ma­le eines Anbie­ters von gesund­heit­li­chen Leis­tun­gen kön­nen eine Ver­wei­sung des Pati­en­ten dort­hin nur recht­fer­ti­gen, wenn dies auf­grund der spe­zi­el­len Bedürf­nis­se gera­de die­ses Pati­en­ten geschieht. Dazu gehö­ren Zuver­läs­sig­keit, Freund­lich­keit, Schnel­lig­keit, Ser­vice und Prä­senz von Fach­leu­ten eben­so wenig wie spe­zi­el­le Ver­sor­gungs­mög­lich­kei­ten, die für den betref­fen­den Pati­en­ten im kon­kre­ten Fall nicht vor­ge­se­hen sind.

Unter einer "Ver­wei­sung" im Sin­ne des § 34 Abs. 5 BOÄÄ sind nicht nur den Pati­en­ten bin­den­de Über­wei­sun­gen zu ver­ste­hen, son­dern nach Wort­laut und Über­schrift erfasst die Norm grund­sätz­lich auch Emp­feh­lun­gen, da nach dem Zweck der Rege­lung die unbe­ein­fluss­te Wahl­frei­heit des Pati­en­ten in Bezug auf Apo­the­ken, Geschäf­te und Anbie­ter gesund­heit­li­cher Leis­tun­gen gewähr­leis­tet wer­den soll und die­se Wahl­frei­heit schon dann beein­träch­tigt ist, wenn der Arzt dem Pati­en­ten von sich aus einen bestimm­ten Erbrin­ger gesund­heit­li­cher Leis­tun­gen nahe­legt oder auch nur emp­fiehlt 1. Aus­ge­nom­men hier­von sind ledig­lich sol­che Emp­feh­lun­gen, um die der Pati­ent bit­tet (BGH a.a.O.). Vom Begriff der Ver­wei­sung in § 34 Abs. 5 BOÄ sind daher alle Emp­feh­lun­gen für bestimm­te Leis­tungs­er­brin­ger erfasst, die der Arzt sei­nen Pati­en­ten von sich aus erteilt. Dazu zählt auch die Emp­feh­lung nur eines Anbie­ters durch Pla­ka­te, Fly­er, Visi­ten­kar­ten und Gut­schei­ne (BGH a.a.O.).

Eine sol­che Ver­wei­sung liegt hier in der Über­ga­be des Fly­ers des Hör­ge­rä­te­akus­ti­kers durch den HNO-Arzt,sofern – wie im hier ent­schie­de­nen Fall – der Pati­ent den Arzt nicht zuvor um eine sol­che Emp­feh­lung gebe­ten hat.

Was unter einem hin­rei­chen­den Grund im Sin­ne des § 34 Abs. 5 BOÄ für eine sol­che Ver­wei­sung zu ver­ste­hen ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen klar­ge­stellt. Danach kön­nen sich hin­rei­chen­de Grün­de auch aus der Qua­li­tät der Ver­sor­gung, aus der Ver­mei­dung von Wegen bei geh­be­hin­der­ten Pati­en­ten und aus schlech­ten Erfah­run­gen erge­ben, die Pati­en­ten bei ande­ren Anbie­tern gemacht haben 2. Eine gene­rel­le Ver­wei­sung an einen bestimm­ten Anbie­ter ist dage­gen mit § 34 Abs. 5 BOÄ unver­ein­bar. Die­se Bestim­mung lässt die Ver­wei­sung an einen bestimm­ten Anbie­ter nur im Aus­nah­me­fall zu. Im Regel­fall soll dage­gen die unbe­ein­fluss­te Wahl­frei­heit des Pati­en­ten unter den Anbie­tern gesund­heit­li­cher Hilfs­mit­tel gewähr­leis­tet sein 3. Nicht aus­rei­chend ist danach die grö­ße­re Bequem­lich­keit eines bestimm­ten, kür­ze­ren Ver­sor­gungs­we­ges, wenn es sich nicht um einen geh­be­hin­der­ten Pati­en­ten han­delt 4. Die Qua­li­tät der Ver­sor­gung kann nur dann im Ein­zel­fall einen hin­rei­chen­den Grund im Sin­ne des § 34 Abs. 5 BOÄ dar­stel­len, wenn die Ver­wei­sung an einen bestimm­ten Hilfs­mit­tel­an­bie­ter aus Sicht des behan­deln­den Arz­tes auf­grund der spe­zi­el­len Bedürf­nis­se des ein­zel­nen Pati­en­ten beson­de­re Vor­tei­le in der Ver­sor­gungs­qua­li­tät bie­tet 5. Dem­ge­gen­über rei­chen in lang­jäh­ri­ger ver­trau­ens­vol­ler Zusam­men­ar­beit gewon­ne­ne gute Erfah­run­gen oder eine all­ge­mein hohe fach­li­che Kom­pe­tenz eines Anbie­ters oder sei­ner Mit­ar­bei­ter für einen hin­rei­chen­den Grund nicht aus, da es sich um Umstän­de han­delt, die unab­hän­gig von den Bedürf­nis­sen des ein­zel­nen Pati­en­ten gene­rell vor­lie­gen 6.

Die Vor­schrift des § 34 Abs. 5 BOÄ stellt eine Markt­ver­hal­tens­re­ge­lung im Sin­ne von § 4 Nr. 11 UWG dar 7.

Land­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 8. Juli 2011 – 14 O 108/​10 KfH III

  1. BGH WRP 2011, 451 Rn. 24 – Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung II[]
  2. vgl. BGH a.a.O.; BGH, GRUR 2000, 1080, 1082 – Ver­kürz­ter Ver­sor­gungs­weg; BGH, GRUR 2001, 255, 256 – Augen­arzt­an­schrei­ben[]
  3. BGH a.a.O., BGH, GRUR 2009, 977 Rn. 24 – Bril­len­ver­sor­gung I[]
  4. BGH a.a.O., BGH, GRUR 2000, 1080, 1082 – Ver­kürz­ter Ver­sor­gungs­weg[]
  5. BGH a.a.O.; BGH, GRUR 2000, 1080, 1082 – Ver­kürz­ter Ver­sor­gungs­weg; GRUR 2009, 977 Rn. 22 – Bril­len­ver­sor­gung I[]
  6. BGH, a.a.O.; BGH, GRUR 2009, 977 Rn. 24 – Bril­len­ver­sor­gung I; vgl. auch OLG Hamm, AZR 2008, 75, 77[]
  7. BGH a.a.O.; BGH, GRUR 2009, 977 Rn. 12 – Bril­len­ver­sor­gung I[]