Der Scho­ko­la­den-Test

Zwar steht es einem Waren­test­in­sti­tut frei, bei sei­ner Test­be­richt­erstat­tung höhe­re Stan­dards als die gesetz­lich gel­ten­den anzu­mah­nen, aber dann sind die Grün­de für sei­ne Erwä­gun­gen offen­zu­le­gen, damit der Ver­brau­cher nach­voll­zie­hen kann, wie eine Bewer­tung zustan­de gekom­men ist. Beruht die einem Test­ergeb­nis zugrun­de lie­gen­de Beur­tei­lung auf einer Aus­le­gung der Euro­päi­schen Aro­ma-Ver­ord­nung, die unzu­tref­fend und nicht mehr ver­tret­bar ist, wer­den durch die Test­ergeb­nis-Ver­öf­fent­li­chung die Rech­te des Her­stel­lers des getes­te­ten Pro­duk­tes ver­letzt.

Der Scho­ko­la­den-Test

Mit die­ser Begrün­dung hat das Land­ge­richt Mün­chen I in dem hier vor­lie­gen­den einst­wei­li­gen Ver­fü­gungs­ver­fah­ren einem deut­schen Waren­test­in­sti­tut (Beklag­te) durch Urteil ver­bo­ten, in Bezug auf die Voll-Nuss-Scho­ko­la­de eines gro­ßen Scho­ko­la­den­her­stel­lers (Klä­ge­rin) bestimm­te Behaup­tun­gen bezüg­lich der Ver­wen­dung eines che­misch her­ge­stell­ten Aro­ma­stoffs zu ver­brei­ten und die Scho­ko­la­de in der Rubrik DEKLARATION mit man­gel­haft zu bewer­ten.

Die Beklag­te hat­te im Novem­ber 2013 auf ihrer Home­page und in ihrem Heft 12/​2013 das Ergeb­nis einer Unter­su­chung ver­schie­de­ner Nuss­scho­ko­la­den ver­öf­fent­licht. Dabei erteil­te sie der Sor­te Voll-Nuss der Klä­ge­rin die Note man­gel­haft und bewer­te­te die Scho­ko­la­de wie oben wie­der­ge­ge­ben.

Die Klä­ge­rin und die dem Rechts­streit bei­getre­te­ne Aro­men­lie­fe­ran­tin set­zen sich hier­ge­gen zur Wehr und machen gel­tend, die angeb­li­che Fest­stel­lung der Beklag­ten, wonach die getes­te­te Scho­ko­la­de der Klä­ge­rin den che­misch her­ge­stell­ten Aro­ma­stoff Pipe­ro­nal ent­hal­te, sei falsch. Der Stoff Pipe­ro­nal kön­ne in einer Viel­zahl natür­li­cher bota­ni­scher Quel­len (wie z.B. Pfef­fer, Vanil­le, Sas­sa­fras-Öl) nach­ge­wie­sen wer­den. Für die Scho­ko­la­de aus dem Hau­se der Klä­ge­rin wer­de der Aro­ma­stoff Pipe­ro­nal aus pflanz­li­chen Aus­gangs­stof­fen durch zuge­las­se­ne Ver­fah­ren nach der Euro­päi­schen Aro­men­ver­ord­nung (VO (EG) Nr. 1334/​2008) gewon­nen. Die Beklag­te kön­ne sich in Bezug auf die streit­ge­gen­ständ­li­che Bericht­erstat­tung auch nicht auf die Wahr­neh­mung berech­tig­ter Inter­es­sen beru­fen, nach­dem sie nicht nach­wei­sen kön­ne, dass sie die erfor­der­li­che jour­na­lis­ti­sche Sorg­falt ange­wen­det habe.

Die Beklag­te hält dem ent­ge­gen, unstrei­tig ent­hal­te die Scho­ko­la­de 0,3 mg Piperonal/​Heliotropin pro kg. Das von der Beklag­ten beauf­trag­te unab­hän­gi­ge Prüf­in­sti­tut und die Beklag­te hät­ten über­ein­stim­mend fest­ge­stellt, dass Pipe­ro­nal indus­tri­ell durch eine che­mi­sche Oxi­da­ti­on her­ge­stellt wer­de. Ein indus­tri­el­les Her­stel­lungs­ver­fah­ren, das der Euro­päi­schen Aro­men-Ver­ord­nung (VO (EG) Nr. 1334/​2008) ent­spre­che, sei jedoch weder der Beklag­ten noch dem beauf­trag­ten Prüf­in­sti­tut bekannt, so dass man auf einen Ver­stoß gegen die Aro­men-Ver­ord­nung geschlos­sen habe.

Nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Mün­chen kön­ne die Beklag­te sich zwar grund­sätz­lich bei den im Inter­es­se der All­ge­mein­heit durch­ge­führ­ten Waren­tests auf eine weit­ge­hen­de Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit beru­fen. Die­se Frei­heit fin­de ihre Gren­ze aller­dings in den eben­falls geschütz­ten Inter­es­sen der Klä­ge­rin, nicht in unbil­li­ger Wei­se in ihrer Stel­lung am Markt beein­träch­tigt zu wer­den. Die­se Gren­ze sei hier über­schrit­ten: Die dem Test­ergeb­nis zugrun­de lie­gen­de Beur­tei­lung beru­he auf einer Aus­le­gung der Euro­päi­schen Aro­ma-Ver­ord­nung (VO (EG) Nr. 1334/​2008) durch die Beklag­te, die unzu­tref­fend und nicht mehr ver­tret­bar sei. Auch im Übri­gen ste­he die Test­be­richt­erstat­tung in der streit­ge­gen­ständ­li­chen Form außer Ver­hält­nis zu den Auf­ga­ben und Zie­len einer sach­li­chen Ver­brau­cher­auf­klä­rung.

Das Land­ge­richt Mün­chen betont, es ver­ken­ne zwar nicht das Bemü­hen der Beklag­ten um die Wah­rung stren­ger Anfor­de­run­gen an die Fest­stel­lung der Natür­lich­keit eines Aro­mas. Die Beklag­te kom­me damit im Grund­satz ihrem von der Mei­nungs­frei­heit gedeck­ten Auf­trag nach. Auch müs­se es der Beklag­ten selbst­ver­ständ­lich frei ste­hen, höhe­re Stan­dards als die gel­ten­den anzu­mah­nen, jeden­falls aber die gel­ten­den Rege­lun­gen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen.

Es sei jedoch zu bean­stan­den, dass die Beklag­te in ihrer Test­be­richt­erstat­tung die Grün­de für ihre Erwä­gun­gen nicht offen­ge­legt habe. Somit kön­ne der Ver­brau­cher auch nicht nach­voll­zie­hen, war­um die Beklag­te zu ihrer Bewer­tung gelangt sei. Jeden­falls neh­me die Bericht­erstat­tung eine Unschär­fe in Kauf, die nicht erfor­der­lich sei, um das Ziel der Ver­brau­cher­auf­klä­rung zu errei­chen.

Zu berück­sich­ti­gen sei bei der Abwä­gung wei­ter­hin, dass unstrei­tig nie eine Gefähr­dung der Ver­brau­cher bestan­den habe. Viel­mehr gehe es hier allein um die Ver­ein­bar­keit der Anga­be natür­li­ches Aro­ma mit der von der Beklag­ten – im Ergeb­nis unzu­tref­fend – vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung der Euro­päi­schen Aro­men-Ver­ord­nung. Die schlicht ver­brau­cher­po­li­ti­sche For­de­rung kön­ne eine so wenig trans­pa­ren­te Bericht­erstat­tung nicht recht­fer­ti­gen, zumal der Anschein einer tat­säch­li­chen Fest­stel­lung (che­misch her­ge­stellt) geweckt wer­de.

Wie das Aro­ma her­ge­stellt wird, blieb offen, denn auch die Beklag­te konn­te nicht aus­schlie­ßen, dass eine natür­li­che Her­stel­lung mög­lich ist, wenn man die von der Klä­ge­rin und vom Gericht gewähl­te Aus­le­gung der Aro­men­ver­ord­nung zugrun­de leg­te.

Daher hat das Land­ge­richt fest­ge­stellt, dass die Klä­ge­rin durch die Test­ergeb­nis-Ver­öf­fent­li­chun­gen in ihren Rech­ten ver­letzt wer­de. Dem Waren­test­in­sti­tut ist es in Bezug auf die Voll-Nuss-Scho­ko­la­de der Klä­ge­rin ver­bo­ten wor­den, fol­gen­de Behaup­tun­gen zu ver­brei­ten:

1. Wir haben den che­misch her­ge­stell­ten Aro­ma­stoff Pipe­ro­nal nach­ge­wie­sen.
2. Das Zuta­ten­ver­zeich­nis ist irre­füh­rend: Das Aro­ma ist nicht wie dekla­riert natür­lich, da der nach­ge­wie­se­ne Aro­ma­stoff Pipe­ro­nal che­misch her­ge­stellt wird.
3. Im Zuta­ten­ver­zeich­nis wird nur natür­li­ches Aro­ma genannt. Aber die Scho­ko­la­de erfüllt die­ses Ver­spre­chen nicht.
4. [ ], – wegen Irre­füh­rung hät­ten die Nuss­scho­ko­la­den nicht ver­kauft wer­den dür­fen. Juris­tisch aus­ge­drückt: Sie sind so nicht ver­kehrs­fä­hig.
5. Die Bewer­tung man­gel­haft in der Rubrik DEKLARATION allein mit der Fuß­no­te "Das Zuta­ten­ver­zeich­nis ist irre­füh­rend: Das Aro­ma ist nicht wie dekla­riert natür­lich, da der nach­ge­wie­se­ne Aro­ma­stoff Pipe­ro­nal künst­lich her­ge­stellt wird" als Begrün­dung.

Land­ge­richt Mün­chen I, Urteil vom 13. Janu­ar 2014 – 9 O 25477/​13