Der Streit um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen – Streit­wert und Beschwer

Da sich bei Ver­bands­pro­zes­sen nach §§ 1, 4 UKlaG der Streit­wert und die Beschwer der Par­tei­en regel­mä­ßig nach dem Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der Besei­ti­gung der bean­stan­de­ten AGB-Bestim­mung rich­tet, kommt weder der wirt­schaft­li­chen Bedeu­tung eines Klau­sel­werks oder der betrof­fe­nen Klau­seln ein maß­geb­li­ches Gewicht zu noch dem Zugang zum Revi­si­ons­ge­richt [1].

Der Streit um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen – Streit­wert und Beschwer

Eine von dem Regel­be­schwer­de­wert (2.500 € je bean­stan­de­ter Klau­sel) abwei­chen­de Bemes­sung der Beschwer folgt daher nicht schon dar­aus, dass ein Zulas­sungs­grund gel­tend gemacht wird, der – wäre die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zuläs­sig – zu der Zulas­sung der Revi­si­on füh­ren könn­te [2].

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für eine im Hin­blick auf ver­brau­cher­schutz­ge­setz­wid­ri­ge Prak­ti­ken im Sin­ne des § 2 UKlaG erho­be­ne Verbandsklage.

Bei einer gegen die Ver­wen­dung von AGB-Bestim­mun­gen gerich­te­ten Ver­bands­kla­ge ist regel­mä­ßig ein Streitund Beschwer­de­wert in einer Grö­ßen­ord­nung von 2.500 € je ange­grif­fe­ner Teil­klau­sel fest­zu­set­zen [3], im gege­be­nen Fall mit­hin 2.500 €. Dies gilt aller­dings nicht nur für die Fäl­le des Ver­bots von gesetz­wid­ri­gen All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen (§ 1 UKlaG), son­dern auch für eine im Hin­blick auf ver­brau­cher­schutz­ge­setz­wid­ri­ge Prak­ti­ken im Sin­ne des § 2 UKlaG erho­be­ne Ver­bands­kla­ge [4].

Die vor­ge­nann­ten Grund­sät­ze sind fer­ner nicht nur für die Fest­le­gung des Gebüh­ren­streit­werts maß­ge­bend, son­dern auch für die nach § 2 ZPO in Ver­bin­dung mit § 3 ZPO zu bestim­men­de Beschwer der in der Vor­in­stanz unter­le­ge­nen Par­tei. Dabei gel­ten sie – was auch die Beschwer­de nicht in Fra­ge stellt – nicht allein für die Beschwer eines Ver­brau­cher­schutz­ver­bands, son­dern auch für die Bemes­sung der Beschwer des im Unter­las­sungs­pro­zess unter­le­ge­nen Geg­ners [5].

Aller­dings ist es nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, einer etwai­gen her­aus­ra­gen­den wirt­schaft­li­chen Bedeu­tung einer nach § 2 UKlaG ange­foch­te­nen Pra­xis für die betrof­fe­nen Ver­kehrs­krei­se aus­nahms­wei­se Rech­nung zu tra­gen, wenn die Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit einer bestimm­ten Pra­xis nicht nur für die beklag­te Par­tei und ihre Ver­trags­part­ner, son­dern für die gesam­te Bran­che von wesent­li­cher Bedeu­tung ist, etwa weil es dabei um äußerst umstrit­te­ne ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ge Rechts­fra­gen von gro­ßer wirt­schaft­li­cher Trag­wei­te geht, über deren Beant­wor­tung bereits viel­fäl­tig und mit kon­tro­ver­sen Ergeb­nis­sen gestrit­ten wird [6].

Dabei muss der Beschwer­de­füh­rer, um dem Revi­si­ons­ge­richt die Prü­fung der in § 544 Abs. 2 Nr. 1 ZPO gere­gel­ten Wert­gren­ze von 20.000 € zu ermög­li­chen, inner­halb der lau­fen­den Frist zur Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de (auch) dar­le­gen und glaub­haft machen, dass er mit der beab­sich­tig­ten Revi­si­on das Beru­fungs­ur­teil in einem Umfang, der die Wert­gren­ze von 20.000 € über­steigt, abän­dern las­sen will [7].

Nach die­sen Maß­ga­ben über­steigt in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall der Wert der mit der Revi­si­on gel­tend zu machen­den Beschwer 20.000 € nicht:

Die Beschwer­de hat inner­halb der vor­ge­nann­ten Frist zur Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de hin­rei­chen­de Umstän­de für die Annah­me, die Zuläs­sig­keit der Ver­wen­dung des Dash But­tons in der bean­stan­de­ten Form sei eine Fra­ge von her­aus­ra­gen­der – ent­ge­gen der Ansicht der Beschwer­de nicht ledig­lich „gro­ßer“ – wirt­schaft­li­cher Bedeu­tung im Sin­ne des Ober­sat­zes der vor­ge­nann­ten Defi­ni­ti­on weder dar­ge­tan noch glaub­haft gemacht. Sol­che Umstän­de sind auch nicht ersicht­lich. Die Beschwer­de hat ledig­lich pau­schal auf eine „Viel­zahl der in Deutsch­land über den Dash But­ton abge­schlos­se­nen Ver­trä­ge“ ver­wie­sen. Das lässt die erfor­der­li­che wirt­schaft­li­che Bedeu­tung die­ses Ver­triebs­ka­nals nicht erkennen.

Die Beschwer­de hat inner­halb der maß­geb­li­chen Frist nicht ansatz­wei­se die Grö­ßen­ord­nung sowie die zen­tra­le Bedeu­tung der Ver­wen­dung des Dash But­tons in der bean­stan­de­ten Form sowie der hier­durch gene­rier­ten Umsät­ze dar­ge­legt, weder bei Ver­trags­ab­schlüs­sen der Beklag­ten selbst noch bei Ver­trags­ab­schlüs­sen von Online-Händ­lern, die ihre Pro­duk­te über die Inter­net­Platt­form der Beklag­ten ver­kau­fen. Dies wäre aber erfor­der­lich, um die her­aus­ra­gen­de wirt­schaft­li­che Bedeu­tung im Sin­ne der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu begründen.

In Anbe­tracht des­sen ist die Ansicht der Beschwer­de, der Bun­des­ge­richts­hof neh­me eine „über­le­ge­ne Sach­kun­de“ bei der Beur­tei­lung der Beschwer in Anspruch, schon im Ansatz ver­fehlt. Denn die Beschwer­de hat sich mit dem unzu­rei­chen­den, pau­scha­len Hin­weis auf eine „Viel­zahl“ in Deutsch­land mit­tels des Dash But­tons abge­schlos­se­ner Ver­trä­ge begnügt, es aber schlicht unter­las­sen, die – nach Maß­ga­be der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs erfor­der­li­che – her­aus­ra­gen­de wirt­schaft­li­che Bedeu­tung der Ver­wen­dung des Dash But­tons in der bean­stan­de­ten Form (glaub­haft) darzulegen.

Ver­geb­lich ver­weist die Beschwer­de dar­auf, der Rechts­streit um die Zuläs­sig­keit des Dash But­tons sei „für sämt­li­che Ver­brau­cher­ver­trä­ge im elek­tro­ni­schen Geschäfts­ver­kehr von Bedeu­tung“, weil ins­be­son­de­re die Fra­ge in Streit ste­he, „wie ein Unter­neh­mer sei­ne Infor­ma­ti­ons­pflich­ten gegen­über Ver­brau­chern erfül­len kann, wenn er über meh­re­re Kanä­le mit dem Ver­brau­cher in Kon­takt“ stehe.

Die­se undif­fe­ren­zier­te Sicht­wei­se lässt das kon­kre­te wirt­schaft­li­che Gewicht des streit­ge­gen­ständ­li­chen ver­brau­cher­schutz­ge­setz­wid­ri­gen Ver­hal­tens nicht erken­nen. Denn nach dem Urteil des Beru­fungs­ge­richts ver­stößt die Waren­be­stel­lung über das Inter­net unter Ver­wen­dung des Dash But­tons in der bean­stan­de­ten Form kon­kret gegen die Ver­pflich­tung aus § 312j Abs. 3 BGB, des­sen Schal­ter mit den Wör­tern „zah­lungs­pflich­tig bestel­len“ oder mit einer ent­spre­chen­den ein­deu­ti­gen For­mu­lie­rung zu beschrif­ten, sowie gegen die Ver­pflich­tung aus § 312j Abs. 2 BGB, dem Ver­brau­cher unmit­tel­bar, bevor er sei­ne Bestel­lung tätigt, Infor­ma­tio­nen über wesent­li­che Eigen­schaf­ten der bestell­ten Ware und deren Gesamt­preis zur Ver­fü­gung zu stel­len. Dies lässt eine wirt­schaft­li­che Bedeu­tung des Recht­streits für sämt­li­che Ver­brau­cher­ver­trä­ge oder Mehr­ka­nal­sys­te­me nicht erkennen.

Ob eine her­aus­ra­gen­de wirt­schaft­li­che Bedeu­tung unter Umstän­den aus­nahms­wei­se nicht erfor­der­lich sein könn­te, weil eine Benach­tei­li­gung eines inno­va­ti­ven Unter­neh­mens, wel­ches dem Markt in der Ent­wick­lung sei­ner Pro­duk­te vor­aus ist, deren Nach­ah­mung aber zu erwar­ten ist, zu besor­gen ist, kann auf sich beru­hen. Die Beschwer­de hat bereits nicht auf­ge­zeigt, dass sol­che Umstän­de gege­ben sind.

Unab­hän­gig davon hat die Beschwer­de­er­wi­de­rung unwi­der­spro­chen vor­ge­tra­gen, die Beklag­te habe den Ver­kauf von Dash But­tons schon im März 2019 – unmit­tel­bar nach Ver­kün­dung des Beru­fungs­ur­teils und noch vor des­sen Zustel­lung sowie vor der Ein­le­gung der Beschwer­de – ein­ge­stellt; im August 2019 habe die Beklag­te dar­über hin­aus den Sup­port ein­ge­stellt und die Dash But­tons abge­schal­tet. In Anbe­tracht des­sen stellt sich die Fra­ge, ob die Beklag­te das wirt­schaft­li­che Inter­es­se an der Inno­va­ti­on nicht bereits im Zeit­punkt der (letz­ten) münd­li­chen Beru­fungs­ver­hand­lung am 10.01.2019 prak­tisch ver­lo­ren hatte.

Nicht gefolgt wer­den kann der Beschwer­de auch dar­in, es lie­ge nahe, den Par­tei­en die Ent­schei­dung dar­über zu belas­sen, ob eine her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung einer streit­ge­gen­ständ­li­chen Klau­sel bezie­hungs­wei­se eines ver­brau­cher­schutz­ge­setz­wid­ri­gen Ver­hal­tens gege­ben sei; ins­be­son­de­re kön­ne es dem Ver­brau­cher­schutz­ver­band über­las­sen blei­ben, ob er sein Kos­ten­ri­si­ko begren­zen wol­le oder nicht.

Denn über die Höhe der Beschwer hat das Revi­si­ons­ge­richt ohne Bin­dung an die – feh­ler­haf­te – Streit­wert­fest­set­zung des Beru­fungs­ge­richts selbst zu befin­den [8]. Erst recht ist das Revi­si­ons­ge­richt nicht an ent­spre­chen­de (Fehl-)Vorstellungen der Par­tei­en gebun­den. Der Hin­weis der Beschwer­de, das Beru­fungs­ge­richt habe in der münd­li­chen Ver­hand­lung erklärt, den Streit­wert auf 32.500 € fest­set­zen zu wol­len, wor­auf­hin die Par­tei­en kei­ne Ein­wän­de erho­ben hät­ten, ist des­halb unbehelflich.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Okto­ber 2020 – VIII ZR 161/​19

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 26.09.2012 – IV ZR 208/​11, NJW 2013, 875 Rn.20; vom 24.03.2020 – XI ZR 516/​18, NJW-RR 2020, 1055 Rn. 5; vom 13.10.2020 – VIII ZR 25/​19[]
  2. Bestä­ti­gung von BGH, Beschluss vom 13.10.2020 – VIII ZR 25/​19, aaO[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 10.04.2018 – VIII ZR 247/​17, NJW 2018, 1880 Rn. 38 mwN[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 21.08.2019 – VIII ZR 263/​18, und – VIII ZR 265/​18, jeweils 1; vom 05.02.2019 – VIII ZR 277/​17, NJW 2019, 1531 Rn. 10; vom 10.04.2018 – VIII ZR 247/​17, aaO Rn. 34 f.; vom 22.11.2016 – I ZR 184/​15, VersR 2017, 507 Rn. 16; vom 07.05.2015 – I ZR 108/​14 6[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 10.04.2018 – VIII ZR 247/​17, aaO Rn. 38; vom 05.02.2019 – VIII ZR 277/​17, aaO; vom 21.08.2019 – VIII ZR 263/​18 und – VIII ZR 265/​18, aaO jeweils Rn. 2; jeweils mwN[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 10.04.2018 – VIII ZR 247/​17, aaO Rn. 36; vom 05.02.2019 – VIII ZR 277/​17, aaO Rn. 14; vom 21.08.2019 – VIII ZR 263/​18 und – VIII ZR 265/​18, aaO Rn. 3; jeweils mwN[]
  7. BGH, Beschlüs­se vom 10.04.2014 – V ZR 174/​13 5; vom 21.06.2018 – V ZB 254/​17, NJW-RR 2018, 1421 Rn. 5; vom 05.02.2019 – VIII ZR 277/​17, aaO Rn. 16; vom 21.03.2019 – IX ZR 26/​18 4 jeweils mwN; vom 06.06.2019 – I ZR 159/​18 5[]
  8. sie­he nur BGH, Beschlüs­se vom 19.06.2019 – IV ZR 224/​18 6; vom 09.11.2018 – VI ZR 5/​18 3; vom 04.05.2017 – III ZR 615/​16 3; vom 13.03.2013 – XII ZR 8/​13, NJW-RR 2013, 1401 Rn. 8, juris vom 13.10.2004 – XII ZR 110/​02 , NJW-RR 2005, 224 unter 1[]