Deut­sche Äcker für Schwei­zer Land­wir­te

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te erneut die Fra­ge zu ent­schei­den, ob ein schwei­ze­ri­scher Land­wirt mit Betriebs­sitz in der Schweiz in Deutsch­land Acker­land zur land­wirt­schaft­li­chen Nut­zung pach­ten kann. Und der BGH hat die­se Ent­schei­dung in Anglei­chung an eine Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten zu einer Ände­rung sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung genutzt.

Deut­sche Äcker für Schwei­zer Land­wir­te

Der Antrag­stel­ler des jetzt vom BGH ent­schie­de­nen falls ist schwei­ze­ri­scher Land­wirt und hat sei­nen Betriebs­sitz in der Schweiz. Mit Ver­trag vom 5. Sep­tem­ber 2005 pach­te­te er von dem Ver­päch­ter in Deutsch­land gele­ge­nes Acker­land zur Grö­ße von 2,05 ha für einen jähr­li­chen Pacht­zins von 410 € für die Zeit vom 1. Novem­ber 2005 bis zum 31. Okto­ber 2006. Der Ver­trag ent­hält eine Ver­län­ge­rungs­klau­sel für jeweils ein wei­te­res Jahr.

Das Land­wirt­schafts­amt bean­stan­de­te den Pacht­ver­trag und for­der­te die Betei­lig­ten auf, ihn unver­züg­lich auf­zu­he­ben. Der dage­gen gerich­te­te Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung ist erfolg­los geblie­ben; das Amts­ge­richt Walds­hut-Tien­gen – Land-wirt­schafts­ge­richt – hat den Pacht­ver­trag auf­ge­ho­ben. Die sofor­ti­ge Beschwer­de des Antrag­stel­lers hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he (Aus­sen­se­na­te Frei­burg) – Senat für Land­wirt­schafts­sa­chen – zurück­ge­wie­sen. Mit der zuge­las­se­nen Rechts­be­schwer­de will der Antrag­stel­ler nun­mehr vom BGH die Fest­stel­lung errei­chen, dass der Pacht­ver­trag nicht zu bean­stan­den ist.

Der BGH hat mit Beschluss vom 23. Novem­ber 2007 das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt, ob nach Art. 15 Abs. 1 des Anhangs I des Abkom­mens zwi­schen der Euro­päi­schen Gemein­schaft und ihren Mit­glied­staa­ten einer­seits und der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft ande­rer­seits über die Frei­zü­gig­keit1 nur Selb­stän­di­gen im Sin­ne von Art. 12 Abs. 1 des Anhangs I des Abkom­mens in dem Auf­nah­me­staat hin­sicht­lich des Zugangs zu einer selb­stän­di­gen Erwerbs­tä­tig­keit und deren Aus­übung eine Behand­lung zu gewäh­ren ist, die nicht weni­ger güns­ti­ger ist als die den eige­nen Staats­an­ge­hö­ri­gen gewähr­te Behand­lung, oder ob dies auch für selb­stän­di­ge Grenz­gän­ger im Sin­ne von Art. 13 Abs. 1 des Anhangs I des Abkom­mens gilt. Nach­dem der EuGH in einer Par­al­lel­sa­che2 die­se Fra­ge beant­wor­tet hat, hat der BGH mit Ein­ver­ständ­nis der Betei­lig­ten das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nicht auf­recht­erhal­ten und nun­mehr über die Beschwer­de ent­schie­den, die er für begrün­det erach­te­te.

Der Land­wirt­schafts­se­nat des OLG Karls­ru­he hat, so der BGH, als Beschwer­de­ge­richt zu Unrecht die Auf­he­bung des Pacht­ver­trags durch das Land­wirt­schafts­ge­richt Walds­hut-Tien­gen (§ 8 Abs. 1 Satz 1 LPachtVG) bestä­tigt. Die Ver­pach­tung bedeu­tet – ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des BGH – kei­ne unge­sun­de Ver­tei­lung der Boden­nut­zung.

Nach § 4 Abs. 2 LPachtVG liegt eine unge­sun­de Ver­tei­lung der Boden­nut­zung in der Regel vor, wenn die Ver­pach­tung Maß­nah­men zur Ver­bes­se­rung der Agrar­struk­tur wider­spricht. Das ist nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Land­wirtswchafts­se­nats des BGH3 der Fall, wenn land­wirt­schaft­li­che Grund­stü­cke auf dem Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch Ver­pach­tung an schwei­ze­ri­sche Land­wir­te, deren Betriebs­stät­te in der Schweiz liegt, der Nut­zung deut­scher Voll­erwerbs­land­wir­te ent­zo­gen wer­den, die die­ses Land drin­gend zur Schaf­fung und Erhal­tung leis­tungs- und wett­be­werbs­fä­hi­ger Betrie­be benö­ti­gen. Das in die schwei­ze­ri­sche Agrar­struk­tur ein­ge­bet­te­te Nut­zungs­in­ter­es­se schwei­ze­ri­scher Land­wir­te muss dem­ge­gen­über zurück­tre­ten, so dass im Ergeb­nis bei der Anwen­dung von § 4 LPachtVG schwei­ze­ri­sche Land­wir­te mit Betriebs­sitz in der Schweiz als außer­halb der deut­schen Agrar­struk­tur ste­hend, mit­hin wie Nicht­land­wir­te zu behan­deln sind.

Der Land­wirt­schafts­se­nat des BGH hält die­se Recht­spre­chung nun­mehr aus­drück­lich nicht mehr auf­recht. Ihr steht näm­lich die Rege­lung in Art. 15 Abs. 1 des Anhangs I des Abkom­mens zwi­schen der Euro­päi­schen Gemein­schaft und ihren Mit­glied­staa­ten einer­seits und der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft ande­rer­seits über die Frei­zü­gig­keit4, wel­ches am 1. Juni 2002 in Kraft getre­ten ist5, ent­ge­gen. Danach muss eine Ver­trags­par­tei den selb­stän­di­gen Grenz­gän­gern einer ande­ren Ver­trags­par­tei im Sin­ne des Art. 13 die­ses Anhangs hin­sicht­lich des Zugangs zu einer selb­stän­di­gen Erwerbs­tä­tig­keit und deren Aus­übung im Auf­nah­me­staat eine Behand­lung gewäh­ren, die nicht weni­ger güns­tig ist als die den eige­nen Staats­an­ge­hö­ri­gen gewähr­te Behand­lung6.

Dem­nach muss der Schwei­zer Antrag­stel­ler bei der Beur­tei­lung des Pacht­ver­trags wie ein deut­scher Land­wirt mit Betriebs­sitz in Deutsch­land behan­delt wer­den, denn er ist selbst­stän­di­ger Grenz­gän­ger.

Nach Art. 13 Abs. 1 des Anhangs I des Abkom­mens ist selb­stän­di­ger Grenz­gän­ger ein Staats­an­ge­hö­ri­ger einer Ver­trags­par­tei mit Wohn­sitz im Hoheits­ge­biet einer Ver­trags­par­tei, der eine selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit im Hoheits­ge­biet der ande­ren Ver­trags­par­tei aus­übt und in der Regel täg­lich oder min­des­tens ein­mal in der Woche an sei­nen Wohn­ort zurück­kehrt. Der Grenz­gän­ger­ei­gen­schaft steht es nicht ent­ge­gen, dass ein schwei­ze­ri­scher Land­wirt, der in Deutsch­land gele­ge­ne Pacht­flä­chen von sei­nem Betriebs­sitz in der Schweiz aus bewirt­schaf­te­tet, die­se Flä­chen gege­be­nen­falls über meh­re­re Wochen hin­weg nicht auf­sucht. Denn das Merk­mal der täg­li­chen oder min­des­tens wöchent­li­chen Rück­kehr an den Wohn­ort muss schon nach dem Wort­laut der Bestim­mung nur "in der Regel" vor­lie­gen; Aus­nah­men sind dem­nach mög­lich, ohne dass der recht­li­che Sta­tus des Grenz­gän­gers ent­fällt. Im Übri­gen ver­lan­gen auch die tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten ein Abse­hen von dem Erfor­der­nis des täg­li­chen oder wenigs­tens wöchent­li­chen Auf­su­chens der Flä­chen. Denn es gibt Erwerbs­tä­ti­ge, bei denen das nicht not­wen­dig ist, weil die Aus­übung der selb­stän­di­gen Tätig­keit in dem frem­den Hoheits­ge­biet nicht stän­dig den täg­li­chen oder wöchent­li­chen Auf­ent­halt erfor­dert. Ein Bei­spiel dafür ist die Bewirt­schaf­tung grenz­na­her land­wirt­schaft­li­cher Flä­chen vom Nach­bar­staat aus.

Somit führt die Ver­pach­tung der land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen an den Antrag­stel­ler trotz des Vor­han­den­seins von zwei deut­schen Land­wir­ten mit drin­gen­dem Auf­sto­ckungs­be­dürf­nis zu kei­ner unge­sun­den Ver­tei­lung der Boden­nut­zung allein aus dem Grund, dass er schwei­ze­ri­scher Land­wirt ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. April 2009 – BLw 9/​07

  1. ABl. 2002, L 114, S. 6 []
  2. BLw 10/​07 []
  3. BGHZ 101, 95, 99 []
  4. ABl. 2002, L 114, S. 6 []
  5. BGBl. II S. 1692 []
  6. EuGH, Urteil vom 22. Dezem­ber 2008, C‑13/​08, DÖV 2009, 210 []