Deut­sche Beschrän­kun­gen für den Anflug auf Zürich-Klo­ten

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on hat die Ent­schei­dung der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on für gül­tig erklärt, mit der die deut­schen Maß­nah­men bezüg­lich der An- und Abflü­ge zum bzw. vom Flug­ha­fen Zürich gebil­ligt wer­den. Die­se Maß­nah­men stel­len nach Ansicht des Euro­päi­schen Gerichts kein Ver­bot der Aus­übung von Ver­kehrs­rech­ten dar, son­dern eine blo­ße Ände­rung der betref­fen­den Flug­we­ge.

Deut­sche Beschrän­kun­gen für den Anflug auf Zürich-Klo­ten

Der Flug­ha­fen Zürich befin­det sich in Klo­ten (Schweiz), nord­öst­lich der Stadt Zürich und rund 15 km süd­öst­lich der Staats­gren­ze zwi­schen der Schweiz und Deutsch­land. Auf­grund der Nähe zur deut­schen Gren­ze muss bei der Mehr­heit der in Zürich ankom­men­den Flü­ge und bei den meis­ten Starts am frü­hen Mor­gen und spä­ten Abend der deut­sche Luft­raum durch­flo­gen wer­den. Die Nut­zung die­ses Luft­raums war zwi­schen 1984 und 2001 in einem zwei­sei­ti­gen Abkom­men zwi­schen der Schweiz und Deutsch­land gere­gelt, und anschlie­ßend Gegen­stand von Ver­hand­lun­gen. 2003 erließ das deut­sche Luft­fahrt­bun­des­amt eine natio­na­le Luft­ver­kehrs­re­ge­lung. Dar­in wer­den Maß­nah­men fest­ge­legt, mit denen bei nor­ma­len Wet­ter­be­din­gun­gen der Über­flug deut­schen Hoheits­ge­biets nahe der schwei­ze­ri­schen Gren­ze in gerin­ger Höhe zwi­schen 21 und 7 Uhr an Wochen­ta­gen und zwi­schen 20 und 9 Uhr an Wochen­en­den und Fei­er­ta­gen ver­hin­dert wer­den soll, um die Lärm­be­las­tung der dor­ti­gen Bevöl­ke­rung zu ver­rin­gern.

Unter Beru­fung auf das Abkom­men zwi­schen der Euro­päi­schen Gemein­schaft und der Schweiz über den Luft­ver­kehr 1, das für die Zwe­cke des Abkom­mens die Anwen­dung der Ver­ord­nung Nr. 2408/​92 über den Zugang von Luft­fahrt­un­ter­neh­men der Gemein­schaft zu Stre­cken des inner­ge­mein­schaft­li­chen Flug­ver­kehrs 2 vor­sieht, leg­te die Schweiz am 10. Juni 2003 eine Beschwer­de bei der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on mit dem Antrag ein, eine Ent­schei­dung dahin­ge­hend zu tref­fen, dass Deutsch­land die mit der natio­na­len Rege­lung ein­ge­führ­ten Maß­nah­men nicht mehr anwen­den kann.

Am 5. Dezem­ber 2003 ent­schied die Kom­mis­si­on 3, dass Deutsch­land sei­ne natio­na­le Rege­lung wei­ter anwen­den darf. Die Schweiz klag­te gegen die­se Ent­schei­dung vor dem Gericht der Euro­päi­schen Uni­on; sie mach­te unter ande­rem gel­tend, die Kom­mis­si­on hät­te die deut­schen Maß­nah­men anhand von Art. 9 der genann­ten Ver­ord­nung prü­fen müs­sen, der Betriebs­vor­schrif­ten betrifft, die die Aus­übung von Ver­kehrs­rech­ten von bestimm­ten Bedin­gun­gen abhän­gig machen, ein­schrän­ken oder ver­wei­gern, und rüg­te einen Ver­stoß gegen die Grund­sät­ze der Gleich­be­hand­lung, der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und der Dienst­leis­tungs­frei­heit im Luft­ver­kehr.

Mit sei­nem heu­ti­gen Urteil bestä­tigt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on jedoch die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on.

Das Gericht stellt zunächst fest, dass der Kom­mis­si­on kein Rechts­feh­ler unter­lau­fen ist, als sie ange­nom­men hat, dass die deut­schen Maß­nah­men die Aus­übung von Ver­kehrs­rech­ten nicht von bestimm­ten Bedin­gun­gen abhän­gig machen, ein­schrän­ken oder ver­wei­gern. Denn die deut­schen Maß­nah­men impli­zie­ren kei­ner­lei – auch kein beding­tes oder par­ti­el­les – Ver­bot des Durch­flugs des deut­schen Luft­raums für Flü­ge von und nach dem Flug­ha­fen Zürich, son­dern beschrän­ken sich auf eine blo­ße Ände­rung der betref­fen­den Flug­we­ge nach dem Start von oder vor der Lan­dung auf dem Flug­ha­fen Zürich.

Zum Ver­stoß gegen den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung zum Nach­teil der schwei­ze­ri­schen Luft­fahrt­un­ter­neh­men, die den Flug­ha­fen Zürich als Dreh­kreuz benut­zen, stellt das Euro­päi­sche Gericht fest, dass die Nähe zu einem Frem­den­ver­kehrs­ge­biet und damit zu einem beson­ders lärm­emp­find­li­chen Gebiet einen objek­ti­ven Umstand dar­stellt, der den Erlass die­ser Maß­nah­men nur für den Flug­ha­fen Zürich recht­fer­tigt. Das Gericht führt wei­ter aus, dass die deut­schen Maß­nah­men in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zu dem mit ihnen ver­folg­ten Ziel – der Ver­rin­ge­rung der Flug­lärm­be­las­tung in einem an die Schweiz angren­zen­den Teil des deut­schen Hoheits­ge­biets wäh­rend der Nacht­stun­den und an Wochen­en­den – ste­hen, da Deutsch­land über kei­ne ande­ren Mög­lich­kei­ten zur Lärm­ver­rin­ge­rung ver­füg­te.

Zum Ver­stoß gegen die Dienst­leis­tungs­frei­heit im Luft­ver­kehr stellt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass das Ziel der Ver­rin­ge­rung der Lärm­be­las­tung einen spe­zi­fi­schen Aspekt des Umwelt­schut­zes dar­stellt, der zu den zwin­gen­den Grün­den des All­ge­mein­in­ter­es­ses gehört, die Beschrän­kun­gen der durch den EG-Ver­trag ver­bürg­ten Grund­frei­hei­ten, ins­be­son­de­re auch des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs, recht­fer­ti­gen kön­nen, und dass die frag­li­chen Maß­nah­men inso­weit ver­hält­nis­mä­ßig sind.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 9. Sep­tem­ber 2010 – T‑319/​05 [Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft /​Kom­mis­si­on]

  1. Abkom­men zwi­schen der Euro­päi­schen Gemein­schaft und der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft über den Luft­ver­kehr, unter­zeich­net am 21.06.1999 in Luxem­burg, ABl. 2002, L 114, S. 73 (im Fol­gen­den: Abkom­men), und geneh­migt im Namen der Gemein­schaft durch den Beschluss 2002/​309/​EG, Eura­tom des Rates und – bezüg­lich des Abkom­mens über die wis­sen­schaft­li­che und tech­ni­sche Zusam­men­ar­beit – der Kom­mis­si­on vom 4. April 2002 über den Abschluss von sie­ben Abkom­men mit der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft (ABl. L 114, S. 1).[]
  2. Ver­ord­nung (EWG) Nr. 2408/​92 des Rates vom 23. Juli 1992 über den Zugang von Luft­fahrt­un­ter­neh­men der Gemein­schaft zu Stre­cken des inner­ge­mein­schaft­li­chen Flug­ver­kehrs (ABl. L 240, S. 8).[]
  3. Ent­schei­dung 2004/​12/​EG der Kom­mis­si­on vom 05.12.2003 zu einem Ver­fah­ren bezüg­lich der Anwen­dung von Art. 18 Abs. 2 Satz 1 des Abkom­mens und der Ver­ord­nung Nr. 2408/​92 (Sache TREN/​AMA/​11/​03 – Deut­sche Maß­nah­men bezüg­lich An-/Ab­flü­gen zum/​vom Flug­ha­fen Zürich) (ABl. 2004, L 4, S. 13).[]