Die Auf­klä­rung des zu Unrecht Abmah­nen­den – und der Scha­dens­er­satz des Abge­mahn­ten

Wer zu Unrecht abge­mahnt wird, ist grund­sätz­lich nicht ver­pflich­tet, den Abmah­nen­den vor Ein­lei­tung eines gericht­li­chen Ver­fah­rens über den wirk­li­chen Sach­ver­halt auf­zu­klä­ren 1.

Die Auf­klä­rung des zu Unrecht Abmah­nen­den – und der Scha­dens­er­satz des Abge­mahn­ten

Ein schuld­haf­tes Unter­las­sen im Sin­ne von § 254 BGB setzt aller­dings nicht die Ver­let­zung einer beson­de­ren Rechts­pflicht vor­aus, son­dern es umfasst jeden Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben, mit­hin ein Unter­las­sen der­je­ni­gen Maß­nah­men, die ein ver­nünf­ti­ger und wirt­schaft­lich den­ken­der Mensch nach Lage der Sache ergrei­fen wür­de, um Scha­den von sich abzu­wen­den 2. Dabei ist jedoch die § 945 ZPO zugrun­de lie­gen­de Inter­es­sen­be­wer­tung zu beach­ten, die dar­in besteht, dass die Voll­stre­ckung aus einem noch nicht end­gül­ti­gen Titel grund­sätz­lich im Risi­ko­be­reich des Gläu­bi­gers liegt 3.

Nach die­sen Maß­stä­ben war die Abge­mahn­te nicht gehal­ten, im wohl­ver­stan­de­nen eige­nen Inter­es­se den in der Abmah­nung mit­ge­teil­ten Sach­ver­halt zeit­nah zu über­prü­fen, um die Abmah­nen­de über den zutref­fen­den Sach­ver­halt auf­zu­klä­ren und von der Zustel­lung der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung abzu­hal­ten oder um im Wis­sen um die feh­len­de Berech­ti­gung des gericht­li­chen Ver­bots vom Rück­ruf der Waren abzu­se­hen.

Nach die­sen Maß­stä­ben war die Beklag­te nicht gehal­ten, im wohl­ver­stan­de­nen eige­nen Inter­es­se den in der Abmah­nung mit­ge­teil­ten Sach­ver­halt zeit­nah zu über­prü­fen, um die Klä­ge­rin über die Her­stel­lung der Bro­te in Ita­li­en auf­zu­klä­ren und von der Zustel­lung der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung abzu­hal­ten oder um im Wis­sen um die feh­len­de Berech­ti­gung des gericht­li­chen Ver­bots vom Rück­ruf der Waren abzu­se­hen.

Aller­dings kommt ein Mit­ver­schul­den in Betracht, wenn der Antrags­geg­ner eine sich auf­drän­gen­de Ver­tei­di­gungs­mög­lich­keit unter­lässt 4 oder liqui­de Beweis­mit­tel zurück­hält, aus denen sich das Feh­len des Ver­fü­gungs­an­spruchs ergibt 5.

In dem Ver­hal­ten der Beklag­ten nach Zustel­lung der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung hat das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt/​Main 6 kein Mit­ver­schul­den der Beklag­ten gemäß § 254 Abs. 2 BGB erkannt. Da die Beklag­te die einst­wei­li­ge Ver­fü­gung umge­hend habe befol­gen müs­sen, sei sie nicht gehal­ten gewe­sen, sich vor dem Rück­ruf der Bro­te bei der Pani­fi­cio Ita­lia­no Veri­tas GmbH nach dem Her­stel­lungs­ort der Pro­duk­te zu erkun­di­gen. Ange­sichts des Voll­stre­ckungs­drucks habe eine in der Kür­ze der Zeit allen­falls tele­fo­nisch ein­zu­ho­len­de Aus­kunft der Lie­fe­ran­tin die Beklag­te nicht zum Abbruch der Rück­ruf­ak­ti­on ver­an­las­sen müs­sen. Ohne eine schrift­li­che und an Eides Statt ver­si­cher­te Infor­ma­ti­on habe sie die Her­stel­lung der Bro­te in Ita­li­en nicht hin­rei­chend sicher bele­gen kön­nen. Gegen die­se Beur­tei­lung erhebt die Revi­si­on kei­ne Rügen. Sie lässt auch kei­nen Rechts­feh­ler erken­nen.

Es kommt hin­zu, dass im Streit­fall wei­te­re Umstän­de vor­lie­gen, die es recht­fer­ti­gen, die Klä­ge­rin nicht durch Annah­me eines Mit­ver­schul­dens der Beklag­ten zu ent­las­ten. Die Klä­ge­rin hat sofort das Ver­fü­gungs­ver­fah­ren gegen die Beklag­te als Han­dels­un­ter­neh­men bean­tragt, anstatt zunächst den auf dem Pro­dukt ange­ge­be­nen Her­stel­ler abzu­mah­nen. Ihr muss­te klar sein, dass die­ses Vor­ge­hen zu einem sofor­ti­gen Ver­triebs­stopp für das bean­stan­de­te Brot in den Märk­ten der Beklag­ten mit ent­spre­chen­den Kos­ten füh­ren muss­te. Die Fall­kon­stel­la­ti­on ent­sprach damit der­je­ni­gen einer unbe­rech­tig­ten Abneh­mer­ver­war­nung, die für den Her­stel­ler der bean­stan­de­ten Pro­duk­te und für den abge­mahn­ten Händ­ler mit einem erheb­li­chen Schä­di­gungs­po­ten­ti­al ver­bun­den ist 7. Damit kor­re­spon­die­ren für den­je­ni­gen, der eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung gegen ein bun­des­weit täti­ges Han­dels­un­ter­neh­men voll­zieht, beson­de­re Risi­ken.

Die Klä­ge­rin hat die einst­wei­li­ge Ver­fü­gung auch umge­hend der Beklag­ten zuge­stellt und damit erheb­li­chen Voll­stre­ckungs­druck aus­ge­übt, anstatt zunächst eine Ablich­tung der Ver­fü­gung mit dem Hin­weis zu über­mit­teln, bin­nen bestimm­ter Frist zuzu­stel­len 8. Die Klä­ge­rin ist damit wei­te­re Risi­ken ein­ge­gan­gen, die zu einer ent­spre­chen­den Haf­tung füh­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Juli 2015 – I ZR 250/​12

  1. vgl. BGH, Urteil vom 01.12 1994 – I ZR 139/​92, GRUR 1995, 167, 169 = WRP 1995, 300Kos­ten bei unbe­grün­de­ter Abmah­nung[]
  2. vgl. BGHZ 120, 261, 271; BGH, Urteil vom 17.06.2014 – VI ZR 281/​13, NJW 2014, 2493 Rn. 8 f.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 22.03.1990 – IX ZR 23/​89, NJW 1990, 2689, 2690; BGHZ 120, 261, 271[]
  4. vgl. Prütting/​Gehrlein aaO § 945 Rn. 9[]
  5. vgl. Grun­sky in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 945 Rn. 9[]
  6. OLG Frankfurt/​Main, Urteil vom 08.11.2012 – 6 U 27/​11[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 15.01.2009 – I ZR 123/​06, GRUR 2009, 878 Rn. 17 = WRP 2009, 1082Frä­s­au­to­mat[]
  8. vgl. BGH, GRUR 2015, 196 Rn.19 f. Nero[]