Die Bedürf­nis­se einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge und die Bestel­lung zum Notar

Die Pflicht der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung, Nota­re nach den Bedürf­nis­sen einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge zu bestel­len, besteht allein der All­ge­mein­heit gegen­über; der ein­zel­ne Bewer­ber kann dar­aus kei­ne sub­jek­ti­ven Rech­te ablei­ten.
Die Zuwei­sung einer Notar­stel­le ohne ihre vor­he­ri­ge Aus­schrei­bung kommt nicht in Betracht. Ein unmit­tel­ba­rer Anspruch auf Bestel­lung zum Notar besteht nicht.

Die Bedürf­nis­se einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge und die Bestel­lung zum Notar

Die Bun­des­no­tar­ord­nung gewährt grund­sätz­lich kei­nen Anspruch auf Bestel­lung zum Notar. Sie legt nur die Vor­aus­set­zun­gen fest, unter denen ein Bewer­ber zum Notar bestellt wer­den kann. Dar­aus folgt nicht, dass ein Bewer­ber, der die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, zwin­gend zum Notar bestellt wer­den muss. Viel­mehr ent­schei­det die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen über die Anzahl und Amts­sit­ze der Nota­re und damit über die Anzahl der im jewei­li­gen Amts­ge­richts­be­zirk neu zu beset­zen­den Stel­len 1. Dazu regelt § 4 BNo­tO, dass so vie­le Nota­re zu bestel­len sind, wie es den Bedürf­nis­sen einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge ent­spricht. Die­se Vor­schrift ist indes kei­ne Schutz­norm zuguns­ten poten­ti­el­ler Bewer­ber um eine Notar­stel­le. Der Notar übt als Trä­ger eines öffent­li­chen Amtes einen staat­lich gebun­de­nen, nach sei­nem Wesen und nach der Art der Auf­ga­ben dem öffent­li­chen Dienst ange­nä­her­ten Beruf aus. Dies hat zur Fol­ge, dass die Bestim­mung der Zahl der Amts­in­ha­ber und der Zuschnitt der Nota­ria­te der Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt des Staa­tes vor­be­hal­ten bleibt. Zwar muss sich das in § 4 Satz 1 BNo­tO ein­ge­räum­te Ermes­sen an den Erfor­der­nis­sen einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge aus­rich­ten. Die­se sach­li­che Ermes­sens­be­gren­zung dient aber, wie die Ein­rich­tung und Bewer­tung der Dienst­pos­ten der Beam­ten, nicht dazu, die Berufs­aus­sich­ten am Notar­be­ruf Inter­es­sier­ter zu ver­grö­ßern. Die Orga­ni­sa­ti­on staat­li­cher Auf­ga­ben geschieht grund­sätz­lich aus­schließ­lich im Inter­es­se der All­ge­mein­heit. Die in § 4 BNo­tO sta­tu­ier­te Pflicht, Nota­re nach den Bedürf­nis­sen einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge zu bestel­len, besteht somit auch nur der All­ge­mein­heit gegen­über; der ein­zel­ne Bewer­ber kann sich auf sie nicht beru­fen. Mit der Pflicht der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung, im Inter­es­se der ord­nungs­ge­mä­ßen Erfül­lung der den Nota­ren zuge­wie­se­nen staat­li­chen Auf­ga­ben die Zahl der besetz­ba­ren Notar­stel­len fest­zu­le­gen, kor­re­spon­diert kein Grund­recht des Not­ar­be­wer­bers aus Art. 12 Abs. 1 GG. Der Antrag­stel­ler kann daher hier­aus weder für die mate­ri­el­len Kri­te­ri­en noch für das Ver­fah­ren der Bedürf­nis­prü­fung Rech­te her­lei­ten 2. Schon des­halb – man­gels eines sub­jek­ti­ven Rechts – kann die vom Antrag­stel­ler begehr­te Ver­pflich­tung der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung, ihn zum Notar zu bestel­len, nicht aus­ge­spro­chen wer­den; eine sol­che Ver­pflich­tung grif­fe zudem in unzu­läs­si­ger Wei­se in die Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung ein.

Aus dem glei­chen Grun­de kann der Bewer­ber um eine Notar­stel­le, wie hier der Antrag­stel­ler, mit dem Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung kei­ne all­ge­mei­ne Über­prü­fung der von der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung ermit­tel­ten Anzahl der neu zu beset­zen­den Notar­stel­len errei­chen. Zwi­schen ihm und der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung gibt es kei­ne Rechts­be­zie­hung, die es gebö­te, auf sei­ne Belan­ge bei der Ein­rich­tung von Stel­len Rück­sicht zu neh­men 3. Daher kann dahin­ste­hen, ob es ange­zeigt war, die All­ge­mei­ne Ver­fü­gung über die Ange­le­gen­hei­ten der Nota­rin­nen und Nota­re (AVNot) im Jah­re 2005 4 im 1. Abschnitt unter § 1 dahin zu ändern, dass ein Bedürf­nis für die Schaf­fung einer wei­te­ren Notar­stel­le in der Regel erst dann gege­ben ist, wenn in dem Bezirk des Amts­ge­richts, in dem der in Aus­sicht genom­me­ne Amts­sitz liegt, in den vor­an­ge­gan­ge­nen drei Kalen­der­jah­ren jähr­lich durch­schnitt­lich min­des­tens 450 Urkunds­ge­schäf­te je Notar­stel­le – statt bis dahin 400 Urkunds­ge­schäf­te je Notar­stel­le – ange­fal­len sind. Selbst wenn dies zu ver­nei­nen wäre, könn­ten sich sub­jek­ti­ve Rech­te des Antrag­stel­lers dar­aus nicht erge­ben.

Schon gar nicht wäre die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung berech­tigt gewe­sen, den Antrag­stel­ler zum Notar zu ernen­nen, ohne die von die­sem ange­streb­te Stel­le zuvor aus­zu­schrei­ben. Die acht Stel­len für Nota­re mit Amts­sitz in Han­no­ver, auf die sich der Antrag­stel­ler im Jah­re 2008 bewor­ben hat, sind mit ande­ren Bewer­bern besetzt. Deren Ernen­nung zum Notar kann wegen des Grund­sat­zes der Ämter­sta­bi­li­tät und des in § 50 BNo­tO ent­hal­te­nen abschlie­ßen­den Kata­lo­ges für eine Amts­ent­he­bung nicht rück­gän­gig gemacht wer­den; für eine Aus­nah­me von die­sem Grund­satz der Ämter­sta­bi­li­tät 5 besteht kein Anhalt. Die Rechts­po­si­ti­on, wel­che die Mit­be­wer­ber durch ihre Ernen­nung erlangt haben, kann von einem unbe­rück­sich­tigt geblie­be­nen Bewer­ber daher nicht mehr ange­foch­ten wer­den 6. Vor Zuwei­sung einer ande­ren – wei­te­ren – Stel­le wären nach § 6b BNo­tO die Bewer­ber zuvor durch Aus­schrei­bung zu ermit­teln. Allein dies ent­spricht den ver­fas­sungs­recht­li­chen Erfor­der­nis­sen, ins­be­son­de­re dem Gebot der Bes­ten­aus­le­se. Jedes ande­re Ver­fah­ren könn­te die Grund­rech­te wei­te­rer, mög­li­cher­wei­se leis­tungs­stär­ke­rer Bewer­ber aus Artt. 12 Abs. 1, 33 Abs. 2 GG ver­let­zen 7. Auch aus die­sen Grün­den schei­tert der Ver­pflich­tungs­an­trag des Antrag­stel­lers.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Novem­ber 2010 – NotZ 4/​10

  1. vgl. BGH in BGHZ 124, 327, 329; sowie Beschluss vom 30.07.1990 – NotZ 24/​89, DNotZ 1991, 91 f.[]
  2. BVerfGE 73, 280, 292; BGH, Beschluss vom 18.09.1995 – NotZ 46/​94, DNotZ 1996, 902, 903 f.[]
  3. BGH, Beschluss vom 31.03.2003 – NotZ 39/​02, ZNotP 2003, 355 f.[]
  4. Nds. Rpfl. 2005 S. 52[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 04.11.2010 – 2 C 16.09[]
  6. BGHZ 165, 139, 142; 160, 190, 192 ff. m.w.N.[]
  7. BVerfGE 73, 280, 296; BVerfG DNotZ 2006, 790, 792; BGHZ 165 aaO 143[]