Die Bestel­lung zum Anwalts­no­tar – und die Examens­no­te im Aus­wahl­ver­fah­ren

Gemäß § 6 Abs. 3 BNo­tO rich­tet sich bei der hier vor­lie­gen­den Kon­kur­renz­si­tua­ti­on meh­re­rer geeig­ne­ter Bewer­ber um die aus­ge­schrie­be­nen Notar­stel­len die Rei­hen­fol­ge bei der Aus­wahl nach der per­sön­li­chen und fach­li­chen Eig­nung unter Berück­sich­ti­gung der die juris­ti­sche Abbil­dung abschlie­ßen­den Staats­prü­fung und der bei der Vor­be­rei­tung auf den Notar­be­ruf gezeig­ten Leis­tun­gen.

Die Bestel­lung zum Anwalts­no­tar – und die Examens­no­te im Aus­wahl­ver­fah­ren

Dem trägt die Vor­schrift des § 3 AVNot nor­min­ter­pre­tie­rend für die kon­kre­te Rechts­an­wen­dung Rech­nung, in der vor­ge­se­hen ist, dass Not­ar­be­stel­lun­gen unter Berück­sich­ti­gung der per­sön­li­chen Eig­nung im Regel­fall nach den Punkt­zah­len der Bewer­ber vor­ge­nom­men wer­den, deren Ermitt­lung nach Maß­ga­be der Ein­zel­re­ge­lun­gen in §§ 3 Abs. 1 und 2 AVNot erfolgt.

Nach der stän­di­gen höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung [1] ist die Bewer­tungs­ober­gren­ze für das Aus­wahl­kri­te­ri­um der Beur­kun­dun­gen im Rah­men der Notar­ver­we­sun­gen und Notar­ver­tre­tun­gen gebo­ten, um zu ver­hin­dern, dass die übri­gen gesetz­li­chen Aus­wahl­ge­sichts­punk­te, vor allem das beson­ders bedeut­sa­me Kri­te­ri­um des zwei­ten juris­ti­schen Staats­examens, ver­drängt wer­den und dass Bewer­ber unan­ge­mes­sen bevor­zugt wer­den, die im Ver­gleich zu ande­ren Bewer­bern in weit grö­ße­rem Maße Gele­gen­heit hat­ten, einen Notar zu ver­tre­ten oder des­sen Amt zu ver­we­sen. Eine ande­re Hand­ha­bung in die­sem Punkt lie­fe auf eine unver­tret­ba­re Bevor­zu­gung der­je­ni­gen Rechts­an­wäl­te hin­aus­lie­fe, die in Sozie­tä­ten grö­ße­rer Kanz­lei­en tätig sei­en. Auch die Ver­ga­be von Son­der­punk­ten für die­ses Leis­tungs­kri­te­ri­um ist abzu­leh­nen, weil sie die gebo­te­ne Begren­zung des Gewichts der Urkund­s­pra­xis wie­der ein­schrän­ken oder auf­he­ben und im Ergeb­nis über eine sys­tem­wid­ri­ge Dop­pel­be­wer­tung des­sel­ben Kri­te­ri­ums zu einer Ungleich­be­hand­lung ande­rer Bewer­ber füh­ren wür­de [2].

Auch die zuneh­men­den Bedeu­tung der bes­se­ren Note in der zwei­ten juris­ti­schen Staats­prü­fung für das Ergeb­nis des Aus­wahl­ver­fah­rens ist ange­mes­sen. Zwar führt ein ver­gleichs­wei­se gerin­ges Ange­bot an Notar­stel­len bei einer gro­ßen Zahl von Bewer­bern dazu, dass die Zahl der­je­ni­gen Bewer­ber zunimmt, die die erreich­ba­ren Höchst­punkt­zah­len für die Dau­er der haupt­be­ruf­li­chen Tätig­keit einer­seits und die Fort­bil­dungs­kur­se sowie beur­kun­de­ten Nie­der­schrif­ten ande­rer­seits (ins­ge­samt: 90 Punk­te) erreicht haben, sodass dem Ergeb­nis der zwei­ten juris­ti­schen Staats­prü­fung ent­schei­den­de Bedeu­tung für die Stel­len­be­set­zung zukom­men kann. Dies recht­fer­tigt es jedoch auch im vor­lie­gen­den Fall nicht, von dem in § 3 AVNot für den Regel­fall vor­ge­se­he­nen Aus­wahl­ver­fah­ren abzu­se­hen.

Ins­be­son­de­re hat das Ober­lan­des­ge­richt auch im vor­lie­gen­den Fall nicht zu ent­schei­den, ob eine ande­re Beur­tei­lung gebo­ten sein könn­te, wenn die Ent­schei­dung über die Ver­ga­be der Notar­stel­le ledig­lich von einer mini­ma­len Abwei­chung in den Punkt­wer­ten der betei­lig­ten Bewer­ber für das Ergeb­nis der die juris­ti­sche Aus­bil­dung abschlie­ßen­den Staats­prü­fung abhän­gig ist, sodass es an einem aus­sa­ge­kräf­ti­gen Beleg für einen Eig­nungs­vor­teil des bes­ser beur­teil­ten Bewer­bers feh­len und die Ver­ga­be der Stel­len an die­sen Bewer­ber außer Ver­hält­nis zu den Nach­tei­len ste­hen könn­te, die sich aus die­ser Ent­schei­dung für die abge­lehn­ten Bewer­ber erge­ben wür­de.

Die fach­li­che Eig­nung stellt indes­sen gera­de den umfas­sen­den Aus­wahl­maß­stab für das Amt des Notars dar [3]. Dabei kommt dem Ergeb­nis des zwei­ten juris­ti­schen Staats­examens, das wesent­lich auf der Beur­tei­lung nament­lich nicht gekenn­zeich­ne­ter Arbei­ten beruht, und das von einem finan­zi­el­len Inter­es­se der prü­fen­den Stel­le an der Nach­fra­ge nach Prü­fungs­leis­tun­gen frei ist, nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung eine beson­de­re Aus­sa­ge­kraft beim fach­li­chen Ver­gleich ver­schie­de­ner Bewer­ber zu [4]. Die abschlie­ßen­de juris­ti­sche Staats­prü­fung ist nach ihrem Anfor­de­rungs­bild, ihrer Pra­xis­be­zo­gen­heit und der gewähr­leis­te­ten Kon­trol­le der Selbst­stän­dig­keit der Leis­tun­gen in beson­de­rer Wei­se geeig­net, dass juris­ti­sche Grund­ver­ständ­nis sowie das juris­ti­sche Denk­ver­mö­gen und damit Eig­nungs­merk­ma­le des ein­zel­nen Bewer­bers aus­zu­wei­sen, die wesent­li­che Aus­sa­ge­kraft für alle qua­li­fi­zier­ten juris­ti­schen Beru­fe und damit auch für das Notar­amt besit­zen [5].

In die­sem Zusam­men­hang ist dar­auf zu ver­wei­sen, dass das juris­ti­sche Grund­ver­ständ­nis, die Fähig­keit zur prak­ti­schen Rechts­an­wen­dung und zur Fall­lö­sung sowie die Trans­fer­kom­pe­tenz, die durch das Examen eben­falls geprüft und aus­ge­wie­sen wür­den, im Gegen­satz zu dem blo­ßen Wis­sen um den Prü­fungs­stoff nicht schon mit zuneh­men­den zeit­li­chen Abstand von der die Aus­bil­dung abschlie­ßen­den Staats­prü­fung ver­blass­ten.

Inhalt und Qua­li­tät der bis­he­ri­gen Tätig­keit des Antrag­stel­lers als Anwalt und Notar­ver­tre­ter ent­zie­hen sich dage­gen ohne eine nur mit unver­hält­nis­mä­ßig hohem Auf­wand durch­zu­füh­ren­de for­ma­li­sier­te Prü­fung der notar­rele­van­ten Kennt­nis­se einer auch für die Mit­be­wer­ber nach­voll­zieh­ba­ren Bewer­tung. Allein die beruf­li­che Zusam­men­ar­beit mit einem Anwalts­no­tar und deren Dau­er las­sen dage­gen kei­nen ver­läss­li­chen Rück­schluss auf die Eig­nung des Bewer­bers zu.

Der Senat für Notar­sa­chen des Ober­lan­des­ge­richts Cel­le hält vor die­sem Hin­ter­grund an sei­ner Recht­spre­chung [6] fest, dass die in § 6 Abs. 3 Satz 1 BNo­tO vor­ge­se­he­ne Berück­sich­ti­gung des Prü­fungs­er­geb­nis­ses ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den und in der Nie­der­säch­si­schen AVNot auch im Ver­hält­nis zu den sons­ti­gen Aus­wahl­kri­te­ri­en recht­lich beden­ken­frei gere­gelt ist [7], sodass eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens nach Art. 100 GG nicht in Betracht kommt. Der Erlass und die Ver­län­ge­rung der Gel­tungs­dau­er der einst­wei­li­gen Anord­nung, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in dem eben­falls die Beset­zung einer Notar­stel­le in Han­no­ver betref­fen­den Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren [8] auf den Antrag eines Rechts­an­walts als abge­lehn­ter Bewer­ber erlas­sen hat, beruht auf einer blo­ßen Fol­gen­ab­wä­gung. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hält zwar die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Antrag­stel­lers in dem Par­al­lel­ver­fah­ren zwar nicht für offen­sicht­lich unbe­grün­det, den Aus­gang des Ver­fah­rens jedoch für offen.

Über­dies ist für das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le nach den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen nicht ersicht­lich, dass die Anwen­dung der für die Aus­wahl unter meh­re­ren geeig­ne­ten Bewer­bern maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten der §§ 6 Abs. 3 BNo­tO, § 3 AVNot in Anbe­tracht der erheb­li­chen unter­schied­li­chen Eig­nungs­merk­ma­le des Antrag­stel­lers einer­seits und der wei­te­ren Betei­lig­ten ande­rer­seits zu einer nicht durch zwin­gen­de Grün­de des Gemein­wohls gerecht­fer­tig­ten Ein­schrän­kung des Grund­rechts des Antrag­stel­lers aus Art. 12 Abs. 1 GG geführt hat. Danach besteht kein Grund, das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und damit die Bestel­lung der wei­te­ren Betei­lig­ten zu Nota­ren auf unab­seh­ba­re Zeit zu blo­ckie­ren.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 23. Juli 2002 – Not 13/​02

  1. vgl. BGH NdsR­pfl 1994, 330; DNotZ 1999, 241, 242; Beschluss vom 16.07.2001 – NotZ 1/​01[]
  2. vgl. BGH Beschluss vom 16.07.2001 – NotZ 1/​01[]
  3. vgl. BGHZ 124, 327; 130, 356, 359[]
  4. vgl. BGH NdsR­pfl 1994, 330, 333; BGH NJW-RR 2002, 705[]
  5. vgl. BGH NdsR­pfl 1994, 330, 332[]
  6. vgl. OLG Cel­le, Beschluss vom 16.08.2001 – Not 16/​01[]
  7. vgl. auch BGH NdsR­pfl 1994, 330; Beschluss vom 31.07.2000 – NotZ 3/​00; BVerfG NJW 1987, 887[]
  8. BVerfG – 1 BVR 838/​01[]