Die Geneh­mi­gungs­fä­hig­keit des Bau­vor­ha­bens – und die Archi­tek­ten­haf­tung

Der mit der Grund­la­gen­er­mitt­lung (Leis­tungs­pha­se 1) beauf­trag­te Archi­tekt hat den Bestel­ler hin­sicht­lich der Geneh­mi­gungs­fä­hig­keit des Bau­vor­ha­bens voll­stän­dig und rich­tig zu bera­ten. Ver­letzt der Archi­tekt die­se Pflicht und erklärt sich der Bestel­ler aus die­sem Grund damit ein­ver­stan­den, dass der Archi­tekt ein ande­res Gebäu­de als das ursprüng­lich gewoll­te plant, ist der Archi­tekt dem Bestel­ler zum Scha­dens­er­satz gemäß § 634 Nr. 4, §§ 636, 280, 281 BGB ver­pflich­tet. Der Scha­den besteht in die­sem Fall dar­in, dass der Bestel­ler Auf­wen­dun­gen für ein Gebäu­de tätigt, das er ohne die man­gel­haf­te Pla­nungs­leis­tung des Archi­tek­ten nicht hät­te errich­ten las­sen.

Die Geneh­mi­gungs­fä­hig­keit des Bau­vor­ha­bens – und die Archi­tek­ten­haf­tung

Ein Man­gel der Werk­leis­tung liegt vor, wenn sie nicht die ver­trag­lich ver­ein­bar­te Beschaf­fen­heit auf­weist. Dabei ist die Beach­tung der all­ge­mein aner­kann­ten Regeln der Tech­nik, sofern nicht ein ande­rer Stan­dard ver­ein­bart wor­den ist, als Min­dest­stan­dard geschul­det 1.

Die Kau­sa­li­tät zwi­schen einem Über­wa­chungs­feh­ler des Archi­tek­ten, der zu einem Man­gel des Bau­werks geführt hat, und dem Scha­den, der dem Bestel­ler in Gestalt der zur Man­gel­be­sei­ti­gung erfor­der­li­chen Auf­wen­dun­gen ent­steht, ist nach objek­ti­ven Kri­te­ri­en zu beur­tei­len. Sind die vom Bestel­ler ergrif­fe­nen Maß­nah­men zur Besei­ti­gung des Man­gels objek­tiv erfor­der­lich, kommt es nicht dar­auf an, ob der Bestel­ler den Man­gel vor Aus­füh­rung der Män­gel­be­sei­ti­gung erkannt hat.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war die vom Archi­tek­ten erbrach­te Pla­nungs­leis­tung man­gel­haft. So war er unter ande­rem mit der Grund­la­gen­er­mitt­lung beauf­tragt. Die Grund­la­gen­er­mitt­lung schließt eine Bera­tung zum gesam­ten Leis­tungs­be­darf ein (vgl. § 15 Abs. 2 Nr. 1 HOAI). Dabei sol­len die Pro­ble­me, die sich aus der Bau­auf­ga­be, den Pla­nungs­an­for­de­run­gen und den Ziel­vor­stel­lun­gen des Bestel­lers erge­ben, unter­sucht, ana­ly­siert und geklärt wer­den. Dazu gehört das Abfra­gen und Bespre­chen der Wün­sche, Vor­stel­lun­gen und For­de­run­gen des Bestel­lers 2.

Der Archi­tekt hat den Bestel­ler dabei über die Geneh­mi­gungs­fä­hig­keit des in Aus­sicht genom­me­nen Bau­vor­ha­bens voll­stän­dig und rich­tig zu infor­mie­ren. Ver­letzt der Archi­tekt die­se Pflicht und erklärt sich der Bestel­ler aus die­sem Grund damit ein­ver­stan­den, dass der Archi­tekt ein ande­res Gebäu­de als das ursprüng­lich gewoll­te plant, ist der Archi­tekt dem Bestel­ler zum Scha­dens­er­satz gemäß § 634 Nr. 4, §§ 636, 280, 281 BGB ver­pflich­tet. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts kann ein Scha­dens­er­satz­an­spruch des Bestel­lers nicht mit Hin­weis dar­auf abge­lehnt wer­den, dass das geplan­te Gebäu­de dem im Ver­trag ver­ein­bar­ten ent­spricht und inso­weit eine Abwei­chung der Ist- von der Soll-Beschaf­fen­heit nicht vor­liegt. Stimmt der Bestel­ler der Pla­nung eines Gebäu­des mit einer bestimm­ten Bau­wei­se nur des­we­gen zu, weil er auf­grund einer fal­schen Aus­kunft des Archi­tek­ten davon aus­geht, das von ihm ursprüng­lich gewoll­te Haus sei nicht geneh­mi­gungs­fä­hig, ist die Pla­nungs­leis­tung des Archi­tek­ten man­gel­haft. Der Scha­den besteht in die­sem Fall dar­in, dass der Bestel­ler Auf­wen­dun­gen für ein Gebäu­de tätigt, das er ohne die man­gel­haf­te Grund­la­gen­er­mitt­lung des Archi­tek­ten und die dar­auf beru­hen­de Pla­nung nicht hät­te errich­ten las­sen. Der Bestel­ler kann als Scha­dens­er­satz vom Archi­tek­ten die­je­ni­gen Kos­ten erstat­tet ver­lan­gen, die ursäch­lich auf die man­gel­haf­te Pla­nungs­leis­tung zurück­zu­füh­ren sind. Hier­zu gehö­ren neben dem an den Archi­tek­ten gezahl­ten Hono­rar und den auf­ge­wen­de­ten Bau­kos­ten auch die Kos­ten, die der Bestel­ler zur Besei­ti­gung des von ihm ursprüng­lich nicht gewoll­ten Gebäu­des auf­wen­det. Ein noch nicht erfüll­ter Hono­rar­an­spruch des Archi­tek­ten ent­fällt.

Vor­lie­gend hat der Bau­herr ein zwei­ge­schos­si­ges "Tos­ka­nah­aus" nur des­we­gen errich­ten las­sen, weil der Archi­tekt ihn auf Nach­fra­ge unzu­tref­fend dahin infor­miert hat­te, dass ein ein­ge­schos­si­ges Haus in dem Bau­ge­biet nicht geneh­mi­gungs­fä­hig sei. Dem Bau­herrn steht daher dem Grun­de nach ein Scha­dens­er­satz­an­spruch gemäß § 634 Nr. 4, §§ 636, 280, 281 BGB in Höhe der Kos­ten zu, die er im Zusam­men­hang mit dem Abschluss und der Aus­füh­rung des Bau­ver­trags sowie dem Abriss des Gebäu­des auf­ge­wen­det hat. Der Archi­tekt kann von dem Bau­herrn fer­ner kein Hono­rar für die von ihm bis zur Kün­di­gung erbrach­ten Leis­tun­gen bean­spru­chen, weil die­se infol­ge der man­gel­haf­ten Pla­nungs­leis­tung für den Bau­herrn ohne Wert gewe­sen sind. Einer Frist­set­zung zur Besei­ti­gung des Man­gels der Archi­tek­ten­leis­tung bedurf­te es nicht, weil sich der Man­gel bereits in der Bau­aus­füh­rung ver­wirk­licht hat­te 3.

Uner­heb­lich ist, ob der Beklag­te den Archi­tek­ten­ver­trag recht­zei­tig wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung ange­foch­ten hat. Es kann dahin­ste­hen, ob eine Anfech­tung des Archi­tek­ten­ver­trags hin­sicht­lich der Beauf­tra­gung des Archi­tek­ten mit Pla­nungs­leis­tun­gen zur Geneh­mi­gungs­pla­nung eines zwei­ge­schos­si­gen "Tos­ka­nahau­ses", die auf der feh­ler­haf­ten Grund­la­gen­er­mitt­lung des Archi­tek­ten beruh­ten, über­haupt recht­lich wirk­sam hät­te erklärt wer­den kön­nen. Denn der Scha­dens­er­satz­an­spruch des Bestel­lers wegen einer man­gel­haf­ten Pla­nungs­leis­tung des Archi­tek­ten besteht grund­sätz­lich neben der Mög­lich­keit, den Ver­trag wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung nach § 123 BGB anzu­fech­ten. Ein auf eine man­gel­haf­te Pla­nungs­leis­tung des Archi­tek­ten gestütz­ter Scha­dens­er­satz­an­spruch ist nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil der Getäusch­te den Ver­trag nicht inner­halb der Frist des § 124 Abs. 1 BGB wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung ange­foch­ten hat 4.

Ent­ge­gen der Ansicht des Archi­tek­ten kommt es auch nicht dar­auf an, ob der Beklag­te an dem teil­wei­se errich­te­ten Bau­werk noch Inter­es­se hat. Denn der dem Bau­herrn ent­stan­de­ne Scha­den beruht dar­auf, dass er auf­grund einer vom Archi­tek­ten zu ver­tre­ten­den man­gel­haf­ten Grund­la­gen­er­mitt­lung ein zwei­ge­schos­si­ges "Tos­ka­nah­aus" hat errich­ten las­sen. Die im Zusam­men­hang hier­mit auf­ge­wen­de­ten Kos­ten stel­len einen vom Archi­tek­ten zu erset­zen­den Ver­mö­gens­scha­den des Bestel­lers dar, ohne dass es dar­auf ankommt, ob die Bau­leis­tung voll­stän­dig oder nur teil­wei­se erbracht wor­den ist.

Dem Bau­herrn kann nach sei­nem Vor­brin­gen der gel­tend gemach­te Scha­dens­er­satz­an­spruch auch wegen vom Archi­tek­ten zu ver­tre­ten­der Män­gel bei der Über­wa­chung der Bau­leis­tun­gen gemäß § 634 Nr. 4, §§ 636, 280, 281 BGB zuste­hen. Das Beru­fungs­ge­richt hat offen gelas­sen, ob die Sohl­plat­te ent­ge­gen der Pla­nung des Sta­ti­kers ledig­lich mit Stahl­fa­ser­be­ton aus­ge­führt wor­den ist und ob dem Archi­tek­ten hin­sicht­lich der Aus­füh­rung des Trag­werks die Bau­über­wa­chung über­tra­gen wor­den war. Davon ist für das Revi­si­ons­ver­fah­ren zuguns­ten des Bau­herrn daher aus­zu­ge­hen.

Ein Werk ist man­gel­haft, wenn es nicht die ver­trag­lich ver­ein­bar­te Beschaf­fen­heit auf­weist. Es ist anzu­neh­men, dass die Beach­tung der all­ge­mein aner­kann­ten Regeln der Tech­nik, sofern nicht ein ande­rer Stan­dard ver­ein­bart wor­den ist, als Min­dest­stan­dard geschul­det ist. Ent­spricht die Werk- leis­tung dem nicht, liegt ein Werk­man­gel vor 5.

Der Man­gel ist auch erheb­lich. Da sich der in einer feh­ler­haf­ten Über­wa­chung der Aus­füh­rung der Boden­plat­te lie­gen­de Man­gel der Archi­tek­ten­leis­tung nach Errich­tung des Roh­baus bereits im Bau­werk ver­kör­pert hat und ohne Besei­ti­gung des Bau­werks nicht beho­ben wer­den kann, steht dem Bestel­ler wegen die­ses Man­gels gegen den Archi­tek­ten ein Scha­dens­er­satz­an­spruch gemäß § 634 Nr. 4, §§ 636, 280, 281 BGB zu, ohne dass es einer Frist­set­zung wegen des Man­gels bedarf. Die­ser Anspruch ist auf Ersatz der für die Errich­tung des Gebäu­des und für des­sen Abriss auf­ge­wen­de­ten Kos­ten gerich­tet. Die für die Errich­tung des Gebäu­des ange­fal­le­nen Kos­ten sind, wenn das Gebäu­de zur Besei­ti­gung eines Man­gels abge­bro­chen wer­den muss, als nutz­lo­se Auf­wen­dun­gen erstat­tungs­fä­hig. Der Beklag­te kann zudem die Leis­tung des Archi­tek­ten ins­ge­samt als für ihn unbrauch­bar zurück­wei­sen und braucht hier­für kei­ne Ver­gü­tung zu ent­rich­ten 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Juli 2014 – VII ZR 55/​13

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 07.03.2013 – VII ZR 134/​12, BauR 2013, 952[]
  2. BGH, Urteil vom 20.06.2013 – VII ZR 4/​12, aaO Rn. 16; Koeb­le in: Locher/​Koeble/​Frik, HOAI, 9. Aufl., § 15 Rn. 15; Koeb­le in: Kniffka/​Koeble, Kom­pen­di­um des Bau­rechts, 3. Aufl., Teil 12 Rn. 404; Neu­en­feld, NZBau 2000, 405, 406; zu § 33 HOAI 2009 i.V.m. Anla­ge 11 sie­he Koeb­le in: Locher/​Koeble/​Frik, HOAI, 11. Aufl., § 33 Rn. 28 f.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 08.07.2010 – VII ZR 171/​08, BauR 2010, 1778 Rn. 11 = NZBau 2010, 768; Urteil vom 11.10.2007 – VII ZR 65/​06, BauR 2007, 2083, 2084 = NZBau 2008, 187 m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 25.04.2006 – XI ZR 106/​05, BGHZ 167, 239 Rn. 30; Urteil vom 24.10.1996 – IX ZR 4/​96, NJW 1997, 254 m.w.N.[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 07.03.2013 – VII ZR 134/​12, BauR 2013, 952 Rn. 9 = NZBau 2013, 295; Urteil vom 21.04.2011 – VII ZR 130/​10, NZBau 2011, 415 Rn. 11; Urteil vom 14.05.1998 – VII ZR 184/​97, BGHZ 139, 16, 19 m.w.N.[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 11.03.1982 – VII ZR 128/​81, BGHZ 83, 181, 186; Urteil vom 09.12 1971 – VII ZR 211/​69, BauR 1972, 185, 187 m.w.N.[]