Die Hono­rar­ver­ein­ba­rung des Archi­tek­ten

Umfasst ein Pla­nungs­auf­trag Leis­tun­gen der Tech­ni­schen Aus­rüs­tung in meh­re­ren Anla­gen­grup­pen nach § 68 HOAI, muss die Abrech­nung sol­cher Leis­tun­gen gemäß § 69 Abs. 1 HOAI getrennt nach Anla­gen­grup­pen und den jewei­li­gen anre­chen­ba­ren Kos­ten der Anla­gen­grup­pen und der Hono­rar­ta­fel zu § 74 Abs. 1 HOAI erfol­gen. Maß­ge­bend für das Hono­rar sind danach die Tafel­wer­te für die ein­zel­nen Anla­gen­grup­pen. Betref­fen die Tafel­wer­te die anre­chen­ba­ren Kos­ten jeder ein­zel­nen Anla­gen­grup­pe, kann für den Tafel­höchst­wert nichts ande­res gel­ten. Der Tafel­höchst­wert ist über­schrit­ten, wenn die anre­chen­ba­ren Kos­ten einer Anla­gen­grup­pe die­sen Betrag über­stei­gen. Nur soweit das der Fall ist, dür­fen die Par­tei­en das Hono­rar gemäß § 74 Abs. 2, § 16 Abs. 3 HOAI frei ver­ein­ba­ren.

Die Hono­rar­ver­ein­ba­rung des Archi­tek­ten

Eine gemäß § 4 Abs. 1 HOAI schrift­lich bei Auf­trags­er­tei­lung getrof­fe­ne Hono­rar­ver­ein­ba­rung ist wirk­sam, wenn die danach zu zah­len­de Pau­schal­ver­gü­tung das Hono­rar nicht unter­schrei­tet, das dem Auf­trag­neh­mer nach der Hono­rar­ord­nung für Archi­tek­ten und Inge­nieu­re unter Berück­sich­ti­gung der dort fest­ge­leg­ten Min­dest­sät­ze zusteht. Sie ist auch nicht des­halb unwirk­sam, weil der für gemäß § 74 Abs. 2, § 16 Abs. 3 HOAI nicht preis­ge­bun­de­ne Leis­tun­gen ver­blei­ben­de Hono­rar­an­teil unter dem für den Tafel­höchst­wert des § 74 Abs. 1 HOAI gel­ten­den Hono­rar­min­dest­satz liegt.

Aus dem Umstand, dass der auf nicht preis­ge­bun­de­ne Leis­tun­gen ent­fal­len­de Teil des Pau­schal­ho­no­rars die hier­für nach den Min­dest­sät­zen für den Tafel­höchst­wert des § 74 Abs. 1 HOAI vor­ge­se­he­ne Ver­gü­tung erheb­lich unter­schrei­tet, kann der Archi­tekt jedoch nichts zu sei­nen Guns­ten her­lei­ten. Soweit in der Lite­ra­tur die Auf­fas­sung ver­tre­ten wird, auch im Rah­men des § 16 Abs. 3 HOAI kön­ne ein Hono­rar wirk­sam nur bis zur Unter­gren­ze des sich nach dem Tafel­höchst­wert erge­ben­den Min­dest­satz­ho­no­rars1 oder der gemäß § 242 BGB her­an­zu­zie­hen­den übli­chen Ver­gü­tung ver­ein­bart wer­den2, ist dem nicht zuzu­stim­men. Eine sol­che Beschrän­kung ergibt sich nicht aus dem mit der HOAI ver­folg­ten Zweck einer an Min­dest- und Höchst­sät­zen ori­en­tier­ten Hono­rar­bin­dung. Sie wäre viel­mehr mit dem kla­ren Wort­laut des § 16 Abs. 3 HOAI nicht in Ein­klang zu brin­gen.

§ 4 Abs. 1 HOAI gestat­tet es den Ver­trags­par­tei­en unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen, das Hono­rar für die von der Ver­ord­nung erfass­ten Archi­tek­ten- und Inge­nieur­leis­tun­gen pri­vat­au­to­nom zu ver­ein­ba­ren. Begrenzt wird die Ver­trags­frei­heit hin­sicht­lich der Höhe des Hono­rars grund­sätz­lich durch eine Bin­dung an die in der Ver­ord­nung fest­ge­setz­ten Min­dest- und Höchst­sät­ze3.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat aller­dings bereits dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Min­dest- und Höchts­preis­cha­rak­ter der Hono­rar­ord­nung für Archi­tek­ten und Inge­nieu­re nicht für Ver­gü­tungs­ver­ein­ba­run­gen über sol­che Leis­tun­gen gilt, deren anre­chen­ba­re Kos­ten den in § 16 Abs. 3 HOAI genann­ten Tafel­höchst­wert über­schrei­ten. In einem sol­chen Fall kann das Hono­rar frei ver­ein­bart wer­den. Eine Fort­schrei­bung der Hono­rar­ta­bel­le für anre­chen­ba­re Kos­ten, die den Wert des § 16 Abs. 3 HOAI über­stei­gen, kommt ohne eine ent­spre­chen­de Ver­ein­ba­rung der Ver­trags­par­tei­en nicht in Betracht, weil die Hono­rar­ta­bel­le des § 16 Abs. 1 HOAI ein in sich geschlos­se­nes Sys­tem ist4.

Nach die­sen Grund­sät­zen, die in glei­cher Wei­se für den Rege­lungs­be­reich des § 74 Abs. 1, 2 HOAI gel­ten, ist die hier zu beur­tei­len­de Hono­rar­ver­ein­ba­rung wirk­sam. Sie gewähr­leis­tet, dass die Klä­ge­rin die ihr nach den Min­dest­sät­zen der Hono­rar­ord­nung für Archi­tek­ten und Inge­nieu­re für preis­ge­bun­de­ne Ver­trags­leis­tun­gen zuste­hen­de Ver­gü­tung erhält. Soweit sie Leis­tun­gen zu erbrin­gen hat­te, deren anre­chen­ba­re Kos­ten den Tafel­höchst­wert über­schrei­ten, bestehen kei­ne preis­recht­li­chen Beschrän­kun­gen. § 4 Abs. 1 HOAI ist unan­wend­bar, weil das Hono­rar für Leis­tun­gen mit anre­chen­ba­ren Kos­ten über dem Tafel­höchst­wert nach dem kla­ren Wort­laut des § 16 Abs. 3 HOAI frei ver­ein­bart wer­den darf und des­halb von den Vor­schrif­ten der Hono­rar­ord­nung für Archi­tek­ten und Inge­nieu­re, wel­che die Ein­hal­tung der nach der Ver­ord­nung vor­ge­se­he­nen Min­dest- und Höchst­sät­ze sicher stel­len sol­len, gar nicht erfasst wird. Die dar­in zu Tage tre­ten­de Ent­schei­dung des Ver­ord­nungs­ge­bers kann nicht dadurch unter­lau­fen wer­den, die Ver­trags­par­tei­en gleich­wohl an eben die­se Hono­rar­pa­ra­me­ter zu bin­den5. Der Ver­ord­nungs­ge­ber hat in § 16 Abs. 2 HOAI eine Begren­zung des Hono­rars für den Fall der Unter­schrei­tung der Tafel­wer­te aus­drück­lich vor­ge­se­hen. Hät­te er einen Min­dest­satz für den Fall der Tafel­wert­über­schrei­tung gewollt, hät­te er eine ent­spre­chen­de Rege­lung getrof­fen. Aus die­sen Grün­den müs­sen auch Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen zurück­tre­ten, mit denen dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass der Schutz der Archi­tek­ten und Inge­nieu­re unvoll­kom­men gere­gelt ist, wenn sie bei Über­schrei­tung des Tafel­höchst­wer­tes kei­nen gesetz­li­chen Anspruch wenigs­tens auf das Hono­rar haben, dass sie in dem Fall hät­ten, dass die anre­chen­ba­ren Kos­ten den Tafel­höchst­wert nicht über­schrit­ten6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. März 2012 – VII ZR 195/​09

  1. Werner/​Pastor, Der Bau­pro­zess, 12. Aufl., Rn. 720; Wer­ner, FS Motz­ke, S. 440 f., Mül­ler­W­re­de, BauR 1996, 322; Korbion/​Mantscheff/​Vygen, HOAI, 7. Aufl., § 16 Rn. 8
  2. so Locher/​Koeble/​Frik, HOAI, 9. Aufl., § 16 Rn. 12
  3. BGH, Urteil vom 17.04.2009 – VII ZR 164/​07, BGHZ 180, 235; Urteil vom 07.12.1989 – VII ZR 70/​89, BauR 1990, 236, 238 = ZfBR 1990, 75, 76
  4. BGH, Urteil vom 24.06.2004 VII ZR 259/​02, BGHZ 159, 376, 380
  5. im Ergeb­nis eben­so Pott/​Dahlhoff/​Kniffka/​Rath, HOAI, 8. Aufl., § 16 Rn. 4
  6. vgl. Mül­ler-Wre­de, BauR 1996, 322, 323 f.