Die Schlie­ßung eines Kran­ken­hau­ses

Die Been­di­gung des Über­nah­me­ver­tra­ges eines Kran­ken­hau­ses ist aus wich­ti­gem Grund bezie­hungs­wei­se wegen Weg­falls der Geschäfts­grund­la­ge (§§ 313, 314 BGB) berech­tigt, wenn eine grund­le­gen­de, anhal­ten­de wirt­schaft­li­che Schief­la­ge des Kran­ken­hau­ses besteht, die als wesent­li­che Ver­än­de­rung der wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen anzu­se­hen ist.

Die Schlie­ßung eines Kran­ken­hau­ses

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Schlie­ßung des Kran­ken­hau­ses in Isny als rech­tens ange­se­hen. Die Stadt Isny ist der Ansicht, dass der beklag­te Land­kreis ver­pflich­tet ist, das Kran­ken­haus in Isny wei­ter zu betrei­ben. Die Klä­ge­rin stützt sich auf § 2 des Ver­tra­ges, wonach das Kran­ken­haus als all­ge­mein zugäng­li­ches Kran­ken­haus etwa in der bis­he­ri­gen Grö­ße wei­ter zu betrei­ben und für die Bevöl­ke­rung offen zu hal­ten sei, soweit dies nicht durch staat­li­che oder sons­ti­ge vom Land­kreis nicht zu ver­tre­ten­de Maß­nah­men oder Ereig­nis­se unmög­lich gemacht wird. In den Fol­ge­jah­ren wur­de das Kran­ken­haus von 150 Bet­ten auf mitt­ler­wei­le 19 Bet­ten ver­klei­nert. Wegen der Defi­zi­te hat der Land­kreis im Novem­ber 2012 beschlos­sen, die Kli­nik zu schlie­ßen und Kün­di­gun­gen des Ver­tra­ges aus­ge­spro­chen. Das Land­ge­richt hat die Kla­ge abge­wie­sen. Die Stadt will errei­chen, dass das Kran­ken­haus mit 100 Plan­bet­ten (hilfs­wei­se 50, 40 bezie­hungs­wei­se 19 Bet­ten) wei­ter betrie­ben wird. Nach­dem das Land­ge­richt Ravens­burg 1 die­sem Begeh­ren mit sei­ner Ent­schei­dung nicht ent­spro­chen hat, ist Beru­fung ein­ge­legt wor­den.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart kön­ne sich der beklag­te Land­kreis nicht dar­auf beru­fen, dass der Anspruch aus öffent­lich-recht­li­chen Grün­den unmög­lich gewor­den sei. Es sei offen, ob auf einen ent­spre­chen­den Antrag ein ander­wei­ti­ger Fest­stel­lungs­be­scheid des Regie­rungs­prä­si­di­ums Tübin­gen über den Betrieb bestimm­ter Fach­rich­tun­gen mög­lich wäre.

Soweit gel­tend gemacht wer­de, das Kran­ken­haus mit mehr als 53 Bet­ten zu betrei­ben, sei­en die­se Ansprü­che ver­wirkt. Ein Recht sei dann ver­wirkt, wenn der Berech­tig­te es über län­ge­re Zeit hin­weg nicht aus­ge­übt hat und der Anspruchs­geg­ner sich mit Rück­sicht auf das Gesamt­ver­hal­ten des Berech­tig­ten dar­auf ein­ge­rich­tet hat und ein­rich­ten durf­te, dass die­ser sein Recht auch künf­tig nicht gel­tend machen wol­le. Aus den vor­ge­leg­ten Anla­gen erge­be sich, dass der Gemein­de­rat im Okto­ber 2003 die Ver­rin­ge­rung auf 53 Bet­ten aus­drück­lich aner­kannt hat­te. Auch aus Stel­lung­nah­men des Jah­res 2010 las­se sich ent­neh­men, dass zwar gegen eine wei­te­re Redu­zie­rung gekämpft wur­de, eine Auf­sto­ckung auf frü­her bestehen­de Grö­ßen aber nicht ein­ge­for­dert wor­den sei. Die­ses Ver­hal­ten sei dahin­ge­hend zu ver­ste­hen, dass sowohl die Bet­ten­re­du­zie­rung als auch die Redu­zie­rung des medi­zi­ni­schen Leis­tungs­an­ge­bots hin­ge­nom­men wur­de.

Eine ordent­li­che Kün­di­gung des Über­nah­me­ver­tra­ges sei nicht mög­lich, da die­se nach § 2 Abs. 1 des Über­nah­me­ver­tra­ges wirk­sam aus­ge­schlos­sen wor­den sei.

Die Been­di­gung des Über­nah­me­ver­tra­ges sei aus wich­ti­gem Grund bezie­hungs­wei­se wegen Weg­falls der Geschäfts­grund­la­ge (§§ 313, 314 BGB) berech­tigt. Es müs­se nicht ent­schie­den wer­den, wie das Ver­hält­nis zwi­schen § 313 BGB und § 314 BGB zu bewer­ten sei, da im Ergeb­nis die­sel­be Rechts­fol­ge ein­tre­te. In jedem Fall sei es die Pflicht der Ver­trags­part­ner, vor­ran­gig vor einer Kün­di­gung ein­ver­nehm­lich nach einer Mög­lich­keit für eine Ver­trags­an­pas­sung zu suchen. Die hier­zu geführ­ten Ver­hand­lun­gen sei­en aller­dings trotz mona­te­lan­ger Bemü­hun­gen geschei­tert.

Der beklag­te Land­kreis habe des­halb nun­mehr das Recht, den Über­nah­me­ver­trag aus wich­ti­gem Grund zu kün­di­gen, weil eine grund­le­gen­de, anhal­ten­de wirt­schaft­li­che Schief­la­ge des Kran­ken­hau­ses bestehe, die als wesent­li­che Ver­än­de­rung der wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen anzu­se­hen sei. Wäh­rend zur Zeit des Über­nah­me­ver­tra­ges noch Betriebs­über­schüs­se erwirt­schaf­tet wor­den sei­en, sei nun von einer deut­lich defi­zi­tä­ren Situa­ti­on des Kran­ken­hau­ses aus­zu­ge­hen, für das Jahr 2012 betrug das Minus etwa 1,5 Mil­lio­nen Euro, auch 2009 – 2011 wur­den erheb­li­che Defi­zi­te pro­du­ziert. Der Land­kreis habe zwar das wirt­schaft­li­che Risi­ko der Trä­ger­schaft über­nom­men, damit sei aber nicht die defi­zi­tä­re Ent­wick­lung in den Risi­ko­be­reich des Land­krei­ses über­nom­men wor­den, da beim Ver­trags­schluss nicht mit dem Risi­ko einer grund­le­gen­den struk­tu­rel­len Ände­rung der Finanz­la­ge des Kran­ken­hau­ses gerech­net wor­den sei. Die Ver­än­de­rung der wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se sei nicht vom beklag­ten Land­kreis zu ver­tre­ten, denn die wirt­schaft­li­che Schief­la­ge sei bereits beim Betrieb mit 53 Bet­ten auf­ge­tre­ten und nicht erst durch die wei­te­re Bet­ten­re­du­zie­rung ver­ur­sacht wor­den. Ob ein wirt­schaft­li­cher Kran­ken­haus­be­trieb bei Aus­wei­tung des medi­zi­ni­schen Leis­tungs­spek­trums oder inhalt­li­cher Neu­aus­rich­tung mög­lich sei, sei für die Ent­schei­dung des Rechts­streits uner­heb­lich, da der Land­kreis sich zu der­ar­ti­gen Inves­ti­tio­nen ver­trag­lich nicht ver­pflich­tet habe. Der Ver­trag sei durch die am 14.10.2013 erfolg­te Kün­di­gung been­det wor­den.

Da die Kla­ge in der Haupt­sa­che abge­wie­sen wor­den sei, bestehe kein Anspruch mehr, das Kran­ken­haus wei­ter zu betrei­ben, wes­halb die einst­wei­li­ge Ver­fü­gung auf­ge­ho­ben wer­den müs­se.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 8. April 2014 – 10 U 115/​13

  1. LG Ravens­burg, Urteil vom 01.08.2013 – 6 O 400/​12[]