Die Unter­las­sungs­kla­ge eines Wirt­schafts­ver­bands – und der Gebührenstreitwert

Bei einer auf § 1 oder § 4a UKlaG gestütz­ten Kla­ge sind Gebüh­ren­streit­wert und Beschwer grund­sätz­lich auch dann allein nach dem Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der Besei­ti­gung der ange­grif­fe­nen Klau­seln zu bemes­sen, wenn der Klä­ger ein Wirt­schafts­ver­band im Sin­ne von § 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 UKlaG ist.

Die Unter­las­sungs­kla­ge eines Wirt­schafts­ver­bands – und der Gebührenstreitwert

Bei einer Ver­bands­kla­ge gegen die Ver­wen­dung von Bestim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen nach dem Unter­las­sungs­kla­gen­ge­setz rich­ten sich der Gebüh­ren­streit­wert und die Beschwer nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht nach der wirt­schaft­li­chen Bedeu­tung des ange­streb­ten Ver­bots, son­dern allein nach dem Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der Besei­ti­gung der ange­grif­fe­nen Klau­seln. Auf die­se Wei­se sol­len Ver­brau­cher­schutz­ver­bän­de bei der Wahr­neh­mung der ihnen im All­ge­mein­in­ter­es­se ein­ge­räum­ten Befug­nis, den Rechts­ver­kehr von unwirk­sa­men All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen zu befrei­en, vor unan­ge­mes­se­nen Kos­ten­ri­si­ken geschützt wer­den1.

Den maß­geb­li­chen Wert setzt der Bun­des­ge­richts­hof regel­mä­ßig in einer Grö­ßen­ord­nung von 2.500 Euro je ange­grif­fe­ner Teil­klau­sel an. Sei­ne Höhe hängt nicht davon ab, wel­che Par­tei in der Vor­in­stanz unter­le­gen ist2.

Eine abwei­chen­de Bewer­tung kommt nur aus­nahms­wei­se in Betracht, wenn beson­de­re Umstän­de vor­lie­gen, etwa, wenn es um äußerst umstrit­te­ne ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ge Rechts­fra­gen von gro­ßer wirt­schaft­li­cher Trag­wei­te geht, über deren Beant­wor­tung bereits viel­fäl­tig und mit kon­tro­ver­sen Ergeb­nis­sen gestrit­ten wird, und die Fra­ge nach der Wirk­sam­keit der Klau­sel des­halb für die gesam­te Bran­che von wesent­li­cher Bedeu­tung ist3.

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Die­se Maß­stä­be gel­ten ange­sichts des Zwecks der Rege­lung auch für eine auf § 1 oder § 4a UKlaG gestütz­te Kla­ge eines Ver­bands zur För­de­rung gewerb­li­cher oder selb­stän­di­ger beruf­li­cher Inter­es­sen im Sin­ne von § 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 UKlaG (nach­fol­gend: Wirtschaftsverband).

Der Gesetz­ge­ber hat mit § 13 AGBG, auf den die Rege­lung in § 1 ff. UKlaG zurück­geht, eine „abs­trak­te Unter­las­sungs- und Wider­rufs­kla­ge (ein­ge­schränk­te Popu­lar­kla­ge)“ ein­ge­führt4.

Die­ses Instru­ment dient dem Zweck, den Rechts­ver­kehr von unzu­läs­si­gen Klau­sel­wer­ken frei­zu­hal­ten und zu ver­hin­dern, dass sich die Ver­trags­frei­heit in einer blo­ßen Abschluss­frei­heit erschöpft5. Schutz­ob­jekt des Ver­fah­rens ist nicht der ein­zel­ne, von einer mög­li­cher­wei­se unzu­läs­si­gen Klau­sel betrof­fe­ne Ver­brau­cher, son­dern der Rechts­ver­kehr, der all­ge­mein von der Ver­wen­dung der­ar­ti­ger Klau­seln frei gehal­ten wer­den soll6. Die nach § 3 Abs. 1 Satz 1 UKlaG anspruchs­be­rech­tig­ten Stel­len fül­len mit ihren Kla­gen damit ein öffent­li­ches Inter­es­se aus. Dies wird auch durch den Umstand ver­deut­licht, dass der Gesetz­ge­ber als Alter­na­ti­ve oder Ergän­zung eine öffent­li­che Auf­sicht über All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen, etwa durch deren vor­he­ri­ge Geneh­mi­gung oder Regis­trie­rung erwo­gen, sich anstel­le einer sol­che Rege­lung aber für das Modell der Ver­bands­kla­ge ent­schie­den hat4.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann der Streit­wert einer auf § 1 oder § 4a UKlaG geschütz­ten Kla­ge – anders als bei einer auf das Gesetz gegen den unlau­te­ren Wett­be­werb gestütz­ten Kla­ge – nicht davon abhän­gen, ob der Klä­ger eine qua­li­fi­zier­te Ein­rich­tung, ein Wirt­schafts­ver­band oder eine Kam­mer ist.

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Bei einer auf § 8 UWG gestütz­ten Kla­ge eines Wett­be­werbs­ver­bands (§ 8 Abs. 3 Nr. 2 UWG) ist für den Streit­wert nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs das Inter­es­se maß­geb­lich, das ein gewich­ti­ger Mit­be­wer­ber der beklag­ten Par­tei an der begehr­ten Unter­las­sung hat7. Bei der Kla­ge eines Ver­brau­cher­ver­bands kommt es dage­gen auf das sat­zungs­mä­ßig wahr­ge­nom­me­ne Inter­es­se der Ver­brau­cher an; maß­ge­bend sind die gera­de die­sen dro­hen­den Nach­tei­le8.

Die­se Unter­schei­dung beruht auf dem Umstand, dass das Gesetz gegen den unlau­te­ren Wett­be­werb nicht nur dem Schutz der Ver­brau­cher und dem Inter­es­se der All­ge­mein­heit an einem unver­fälsch­ten Wett­be­werb dient, son­dern auch dem Schutz der Mit­be­wer­ber und sons­ti­ger Markt­teil­neh­mer (§ 1 UWG), und dass ein Wett­be­werbs­ver­band in der Regel die Inter­es­sen der zuletzt Genann­ten gel­tend macht. Ein Wett­be­werbs­ver­band darf zwar auch Ver­stö­ße gegen Vor­schrif­ten ver­fol­gen, die dem Schutz der Ver­brau­cher die­nen. Auch sol­che Kla­gen die­nen in der Regel aber zugleich den Inter­es­sen der Ver­bands­mit­glie­der, indem ver­hin­dert wird, dass sich ein Wett­be­wer­ber durch Ver­let­zung ver­brau­cher­schüt­zen­der Vor­schrif­ten Vor­tei­le ver­schafft9.

Für eine auf § 1 oder § 4a UKlaG gestütz­te Kla­ge kommt eine sol­che Dif­fe­ren­zie­rung nicht in Betracht. Wie oben dar­ge­legt wur­de, dient die­ses Gesetz dem Schutz der Ver­brau­cher und den Inter­es­sen der Öffent­lich­keit, nicht aber dem Schutz von Mit­be­wer­bern. Dem­entspre­chend ist auch bei der Kla­ge eines Wirt­schafts­ver­bands der Streit­wert nur anhand des Inter­es­ses der All­ge­mein­heit an der Besei­ti­gung der ange­grif­fe­nen Klau­seln zu bestimmen.

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Beson­de­re Umstän­de, die im Streit­fall die Annah­me eines 20.000 Euro über­stei­gen­den Werts begrün­den könn­ten, sind im hier ent­schie­de­nen Rechts­streit weder dar­ge­tan noch sonst ersicht­lich. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist es einer Par­tei, die in den Tat­sa­chen­in­stan­zen gegen die Fest­set­zung eines unter­halb von 20.000 Euro lie­gen­den Werts kei­ne Ein­wen­dun­gen erho­ben hat, ver­wehrt, erst­mals im Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren gel­tend zu machen, der Wert der Beschwer lie­ge über die­sem Betrag10. Der Beschwer­de­füh­rer kann sei­ne eige­nen Anga­ben aus den Tat­sa­chen­in­stan­zen auch nicht kor­ri­gie­ren, um die Wert­gren­ze zu über­schrei­ten11.

Eine ande­re Beur­tei­lung ist im Streit­fall auch nicht des­halb gebo­ten, weil das Beru­fungs­ge­richt den Streit­wert zunächst auf 25.000 Euro fest­ge­setzt hat. Die­se Fest­set­zung beruht nicht auf rele­van­tem Vor­brin­gen der kla­gen­den Wett­be­werbs­zen­tra­le, son­dern auf der unzu­tref­fen­den Rechts­auf­fas­sung, bei Kla­gen eines Wirt­schafts­ver­bands sei der Streit­wert nach ande­ren Maß­stä­ben zu bestimmen. 

Unab­hän­gig davon recht­fer­ti­gen die hier gel­tend gemach­ten Umstän­de ohne­hin nicht die Fest­set­zung eines höhe­ren Werts. So besteht nicht des­halb ein gestei­ger­tes Inter­es­se der All­ge­mein­heit am Aus­gang des Rechts­streits, weil inzi­dent über die Fra­ge der Wirk­sam­keit einer Rechts­wahl­klau­sel in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eines Luft­be­för­de­rungs­ver­trags mit Ver­brau­chern zu ent­schei­den ist. Dabei kann zu Guns­ten des kla­gen­den Ver­ban­des unter­stellt wer­den, dass Rechts­wahl­klau­seln im grenz­über­schrei­ten­den Pas­sa­gier­flug­ver­kehr üblich sind. Unab­hän­gig davon hat die wirt­schaft­li­che Bedeu­tung von ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Vor­fra­gen bei der Bemes­sung des Streit­werts außer Betracht zu blei­ben, weil die Ent­schei­dung dar­über nicht in Rechts­kraft erwächst12. Soweit die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gel­tend macht, die Wirk­sam­keit der ange­grif­fe­nen Klau­sel habe für die gesam­te Bran­che her­aus­ra­gen­de wirt­schaft­li­che Bedeu­tung, zeigt sie nicht auf, wel­che wei­te­ren Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men eine sol­che Klau­sel ver­wen­den und wel­che Bedeu­tung ihnen am Markt zukommt.

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Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Novem­ber 2020 – X ZR 3/​19

  1. vgl. nur BGH, Beschluss vom 21.03.2018 – X ZR 88/​16, Rn. 4; Beschluss vom 24.03.2020 – XI ZR 516/​18, NJW-RR 2020, 1055 Rn. 5; Beschluss vom 13.10.2020 – VIII ZR 25/​19, Rn. 8[]
  2. vgl. etwa BGH, NJW 2018, 1880 Rn. 35[]
  3. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 22.11.2016 – I ZR 184/​15, VersR 2017, 507 Rn. 16; Beschluss vom 23.02.2017 – III ZR 390/​16, Rn. 6; Beschluss vom 21.03.2018 – X ZR 88/​16, Rn. 4; Beschluss vom 05.02.2019 – VIII ZR 277/​17, NJW 2019, 1531 Rn. 14 – Foto­ab­zü­ge[]
  4. BT-Drs. 7/​5422 S. 3[][]
  5. BT-Drs. 7/​5422 S. 10[]
  6. BGH, Urteil vom 28.06.1984 – VII ZR 276/​83, BGHZ 92, 24, 26 = NJW 1984, 2468 9[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 05.03.1998 – I ZR 185/​95, NJW-RR 1998, 1421, 1422 5 f. – Ver­bands­in­ter­es­se; Beschluss vom 02.10.2002 – I ZR 60/​02, Rn. 10; Beschluss vom 09.10.2018 – KZR 47/​15, Rn. 1[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 15.09.2016 – I ZR 24/​16, GRUR 2017, 212 Rn. 9 – Finanz­sa­nie­rung[]
  9. BGH, Urteil vom 09.12.1993 – I ZR 276/​91, NJW 1994, 731 8; Köhler/​Feddersen in: Köhler/​Bornkamm/​Feddersen, UWG, 38. Aufl.2020, § 8 Rn.03.30[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 24.07.2019 – VII ZR 129/​18, IHR 2020, 21 Rn. 6; Beschluss vom 30.04.2020 – VII ZR 151/​19, Rn. 9[]
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 25.02.2016 – I ZR 115/​15, Rn. 6; Beschluss vom 21.11.2019 – III ZR 14/​19, Rn. 5[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 15.10.2008 – IV ZR 31/​08, VersR 2009, 562 Rn. 8; Beschluss vom 02.05.2019 – IX ZR 347/​18, Rn. 5; Urteil vom 10.04.2019 – VIII ZR 39/​18, NJW 2019, 1745 Rn. 16[]