Die ursprüng­lich zuläs­si­ge Ver­dachts­be­richt­erstat­tung

Wird bei einer ursprüng­lich zuläs­si­gen Ver­dachts­be­richt­erstat­tung spä­ter der Tat­ver­dacht aus­ge­räumt, hat der Betrof­fe­nen einen Anspruch auf Berich­ti­gung der frü­he­ren Bericht­erstat­tung durch einen ent­spre­chen­den Nach­trag bei dem ursprüng­li­chen Arti­kel, nicht aber auf einen neu­en Arti­kel, in dem über die Aus­räu­mung des Ver­dachts berich­tet wird.

Die ursprüng­lich zuläs­si­ge Ver­dachts­be­richt­erstat­tung

Der Klä­ger in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist ehe­ma­li­ger Chef­jus­ti­zi­ar einer Bank. Er ver­langt die Rich­tig­stel­lung einer ihn betref­fen­den Bericht­erstat­tung in einem von der Beklag­ten ver­leg­ten Nach­rich­ten­ma­ga­zin. Der ange­grif­fe­ne Bei­trag geht der Fra­ge nach, ob ein wegen des Ver­dachts von Pflicht­ver­let­zun­gen ent­las­se­nes Vor­stands­mit­glied der Bank Opfer einer Falsch­be­zich­ti­gung gewor­den ist. Der Bei­trag berich­tet über ein gegen einen frü­he­ren Sicher­heits­be­ra­ter der Bank ein­ge­lei­te­tes Ermitt­lungs­ver­fah­ren wegen des Ver­dachts, das Büro des ehe­ma­li­gen Vor­stands­mit­glieds ver­wanzt, des­sen Pri­vat­woh­nung durch­sucht und beim Fri­sie­ren von Doku­men­ten mit­ge­hol­fen zu haben. In die­sem Zusam­men­hang gibt der Bei­trag Aus­sa­gen des frü­he­ren Sicher­heits­be­ra­ters wie­der, wonach der nament­lich genann­te Klä­ger und zwei wei­te­re Per­so­nen an der Beauf­tra­gung die­ser Maß­nah­men mit­ge­wirkt haben sol­len. Nach der Ver­öf­fent­li­chung des Bei­trags wur­de eine nota­ri­el­le Erklä­rung des frü­he­ren Sicher­heits­be­ra­ters bekannt, in der die­ser von sei­nen angeb­li­chen frü­he­ren Aus­sa­gen abrück­te. Spä­ter wur­de ein gegen ihn und den Klä­ger ein­ge­lei­te­tes Ermitt­lungs­ver­fah­ren ein­ge­stellt.

In der Vor­in­stanz hat sich das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg nach einer Beweis­auf­nah­me davon über­zeugt, dass der Ver­dacht, der Klä­ger habe an Abhör­maß­nah­men gegen das ehe­ma­li­ge Vor­stands­mit­glied mit­ge­wirkt, unbe­rech­tigt ist. Das Ober­lan­des­ge­richt hat die Beklag­te antrags­ge­mäß ver­ur­teilt, in ihrem Nach­rich­ten­ma­ga­zin unter der Über­schrift „Rich­tig­stel­lung“ eine Erklä­rung zu ver­öf­fent­li­chen, wonach sie den Ver­dacht nicht auf­recht­erhal­te [1].

Auf die Revi­si­on der Ver­le­ge­rin hat dage­gen nun der Bun­des­ge­richts­hof das ange­foch­te­ne Urteil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg zurück­ver­wie­sen.

Der ange­grif­fe­ne Bei­trag ent­hält nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hof eine den Klä­ger nicht vor­ver­ur­tei­len­de Ver­dachts­be­richt­erstat­tung, die nach dem für die revi­si­ons­recht­li­che Prü­fung maß­geb­li­chen Sach­vor­trag der Beklag­ten zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung recht­mä­ßig war. Die mög­li­chen Ver­feh­lun­gen von Füh­rungs­kräf­ten der Bank, die im Zuge der Finanz­kri­se ver­stärkt in das Blick­feld der Öffent­lich­keit gera­ten war, waren ein Vor­gang von gra­vie­ren­dem Gewicht, des­sen Mit­tei­lung durch ein Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis der All­ge­mein­heit gerecht­fer­tigt war. Die Ver­le­ge­rin hat auch einen hin­rei­chen­den Min­dest­be­stand an Bewei­s­tat­sa­chen dar­ge­tan, die zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung für eine Betei­li­gung des Klä­gers an den frag­li­chen Vor­gän­gen spra­chen. Denn nach dem Vor­trag der Ver­le­ge­rin stütz­te sich der Bei­trag unter ande­rem auf Aus­sa­gen des frü­he­ren Sicher­heits­be­ra­ters gegen­über den Autoren des Berichts und auf einen Ver­merk der Staats­an­walt­schaft. Auch hat­ten die Autoren den Klä­ger und eine wei­te­re Per­son ange­hört, die an der Beauf­tra­gung des frü­he­ren Sicher­heits­be­ra­ters mit­ge­wirkt haben soll­te. Dies war unter den kon­kre­ten Umstän­den des Fal­les aus­rei­chend.

Zwar kommt auch im Fall einer im Ver­öf­fent­li­chungs­zeit­punkt zuläs­si­gen Ver­dachts­be­richt­erstat­tung ein Berich­ti­gungs­an­spruch des Betrof­fe­nen grund­sätz­lich in Betracht, wenn – wie im Streit­fall – der Tat­ver­dacht spä­ter aus­ge­räumt wird und die Ruf­be­ein­träch­ti­gung fort­dau­ert. Jedoch ergibt die gebo­te­ne Abwä­gung zwi­schen dem Per­sön­lich­keits­recht des Betrof­fe­nen (Art. 2 Abs. 1, Art. 1 Abs. 1 GG, Art. 8 Abs. 1 EMRK) sowie dem Recht der Pres­se auf Mei­nungs- und Medi­en­frei­heit (Art. 5 Abs. 1 GG, Art. 10 EMRK), dass das Pres­se­or­gan nicht ver­pflich­tet wer­den kann, sich nach einer recht­mä­ßi­gen Ver­dachts­be­richt­erstat­tung selbst ins Unrecht zu set­zen. Des­halb kann der Betrof­fe­ne bei spä­te­rer Aus­räu­mung des Ver­dachts und Fort­wir­kung der Beein­träch­ti­gung von dem Pres­se­or­gan nicht die Rich­tig­stel­lung der ursprüng­li­chen Bericht­erstat­tung, son­dern nur die nach­träg­li­che Mit­tei­lung (Nach­trag) ver­lan­gen, dass nach Klä­rung des Sach­ver­halts der berich­te­te Ver­dacht nicht mehr auf­recht­erhal­ten wer­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Novem­ber 2014 – VI ZR 76/​14

  1. OLG Ham­burg, Urteil vom 28.01.2014 – 7 U 44/​12[]