Die Ver­schwie­gend­heits­pflicht des Notars – und die Anord­nung der Vor­la­ge von Nota­rak­ten

Mit der Berück­sich­ti­gung der Ver­schwie­gen­heits­pflich­ten eines Notars bei der Ermes­sens­aus­übung nach § 142 Abs. 1 ZPO betref­fend die Anord­nung der Vor­la­ge von Nota­rak­ten hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen.

Die Ver­schwie­gend­heits­pflicht des Notars – und die Anord­nung der Vor­la­ge von Nota­rak­ten

Im vor­lie­gen­den Fall hat­te in der Vor­in­stanz das Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt 1 davon abge­se­hen, dem beklag­ten NOtar nach § 142 Abs. 1 ZPO auf­zu­ge­ben, hin­sicht­lich der Abwick­lung des streit­ge­gen­ständ­li­chen Kauf­ver­trags das Mas­sen­buch und die Notar­ne­ben­ak­te im Pro­zess vor­zu­le­gen.

Nach § 142 Abs. 1 Satz 1 ZPO kann das Gericht anord­nen, dass eine Par­tei die sich in ihrem Besitz befind­li­chen Urkun­den und sons­ti­gen Unter­la­gen, auf die sich eine Par­tei bezo­gen hat, vor­legt. Die Anord­nung der Urkun­den­vor­le­gung gemäß § 142 Abs. 1 ZPO steht im Ermes­sen des Gerichts. Bei sei­ner Ermes­sens­ent­schei­dung kann das Gericht den mög­li­chen Erkennt­nis­wert und die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit einer Anord­nung, aber auch berech­tig­te Belan­ge des Geheim­nis- und Per­sön­lich­keits­schut­zes berück­sich­ti­gen. Die Nicht­be­fol­gung einer Anord­nung nach § 142 Abs. 1 ZPO ist nicht mit einer spe­zi­el­len Sank­ti­on belegt, son­dern ledig­lich gemäß §§ 286, 427 Satz 2 ZPO frei zu wür­di­gen. Die Hand­ha­bung des durch § 142 Abs. 1 ZPO ein­ge­räum­ten Ermes­sens ist der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Kon­trol­le dabei weit­ge­hend ent­zo­gen. Das Revi­si­ons­ge­richt hat aber anhand der Urteils­grün­de zu über­prü­fen, ob der Tatrich­ter von einem ihm ein­ge­räum­ten Ermes­sen über­haupt Gebrauch gemacht hat 2.

Im vor­lie­gen­den Fall hat das Kam­mer­ge­richt sein Ermes­sen aus­ge­übt und dabei – recht­lich beden­ken­frei – wegen der Ver­schwie­gen­heits­pflicht des Beklag­ten gemäß § 18 BNo­tO eine Anord­nung nach § 142 Abs. 1 ZPO abge­lehnt. Die Ver­schwie­gen­heits­pflicht des Notars dient allein dem Schutz des Betei­lig­ten, den der Notar betreut hat 3. Zwar kann der Notar berech­tigt sein, wegen eines recht­fer­ti­gen­den Not­stan­des (§ 34 StGB) oder in Wahr­neh­mung berech­tig­ter Inter­es­sen (§ 193 StGB) auch ansons­ten der Geheim­hal­tungs­pflicht unter­lie­gen­de Umstän­de zu offen­ba­ren. Einem der­ar­ti­gen Recht zur Aus­sa­ge folgt aber nicht eine ent­spre­chen­de Aus­sa­ge­ver­pflich­tung 4. Im Rah­men der Ermes­sens­ent­schei­dung war es des­halb feh­ler­frei, den Geheim­hal­tungs­in­ter­es­sen, auf die sich der Beklag­te beru­fen hat, aus­schlag­ge­ben­des Gewicht bei­zu­mes­sen. Dar­über hin­aus ist zu berück­sich­ti­gen, dass hin­sicht­lich der sich wei­gern­den Par­tei das Gesetz kei­ne Zwangs­mit­tel zur Durch­set­zung einer Urkun­den­vor­la­ge vor­sieht. Die Wei­ge­rung wäre allen­falls nach §§ 286, 427 ZPO frei zu wür­di­gen, wobei auch bei die­ser Wür­di­gung das Geheim­hal­tungs­ge­bot zu beach­ten gewe­sen wäre und sich daher die Wei­ge­rung der Vor­la­ge nicht ohne Wei­te­res zum Nach­teil des Beklag­ten hät­te aus­wir­ken dür­fen bezie­hungs­wei­se müs­sen 5. Im Übri­gen hat das Kam­mer­ge­richt rechts­feh­ler­frei berück­sich­tigt, dass das Unter­blei­ben einer Anord­nung nach § 142 ZPO nicht von vorn­her­ein die Klä­ge­rin in Beweis­not bringt. Sie kann die Ver­käu­fer des vor­an­ge­gan­ge­nen Kauf­ver­trags und den Zwi­schen­er­wer­ber K. als Zeu­gen benen­nen und die­se im Rah­men der Zeu­gen­ver­neh­mung befra­gen. Zudem kann sie die­se Per­so­nen selbst um eine Befrei­ung des Beklag­ten von der Ver­schwie­gen­heits­pflicht bit­ten, so dass er sich nicht mehr hier­auf beru­fen könn­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Juli 2014 – III ZR 514/​13

  1. KG, Urteil vom 01.11.2013 – 9 U 315/​12[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 26.06.2007 – XI ZR 277/​05, BGHZ 173, 23 Rn.20 f[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 14.07.1986 – NotZ 4/​86, BGHR ZPO § 383 Abs. 1 Nr. 6 Notar 1; BGH, Urteil vom 30.11.1989 – III ZR 112/​88, BGHZ 109, 260, 269[]
  4. BGH, Beschluss vom 09.12 2004 – IX ZB 279/​03, DNotZ 2005, 288, 291[]
  5. vgl. Eyl­mann in Eylmann/​Vaasen, BNotO/​BeurkG, 3. Aufl., § 18 BNo­tO Rn. 64[]