Die vom Insol­venz­ver­wal­ter frei­ge­ge­be­ne Anwalts­kanz­lei

Die Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft ist nach § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO zu wider­ru­fen, wenn der Rechts­an­walt in Ver­mö­gens­ver­fall gera­ten ist. Wur­de über das Ver­mö­gen des Rechts­an­walts wegen Zah­lungs­un­fä­hig­keit das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net, so wird nach § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO ein Ver­mö­gens­ver­fall des Rechts­an­walts kraft Geset­zes ver­mu­tet.

Die vom Insol­venz­ver­wal­ter frei­ge­ge­be­ne Anwalts­kanz­lei

Solan­ge das Insol­venz­ver­fah­ren läuft, ist die Grund­la­ge die­ser Ver­mu­tung nicht ent­fal­len. Geord­ne­te Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se sind erst wie­der her­ge­stellt, wenn dem Schuld­ner ent­we­der durch Beschluss des Insol­venz­ge­richts die Rest­schuld­be­frei­ung ange­kün­digt wur­de (§ 291 Abs. 1 InsO) oder ein vom Insol­venz­ge­richt bestä­tig­ter Insol­venz­plan (§ 248 InsO) oder ange­nom­me­ner Schul­den­be­rei­ni­gungs­plan (§ 308 InsO) vor­liegt, bei des­sen Erfül­lung der Schuld­ner von sei­nen übri­gen For­de­run­gen gegen­über den Gläu­bi­gern befreit wird 1.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen müs­sen zu dem nach der BGH-Recht­spre­chung 2 für die Beur­tei­lung der Recht­mä­ßig­keit des Wider­rufs maß­geb­li­chen Zeit­punkt des Abschlus­ses des behörd­li­chen Wider­rufs­ver­fah­rens vor­lie­gen; die Beur­tei­lung zeit­lich spä­te­rer Ent­wick­lun­gen ist einem Wie­der­zu­las­sungs­ver­fah­ren vor­be­hal­ten. Soweit der Insol­venz­ver­wal­ter die Anwalts­kanz­lei nach § 35 Abs. 2 InsO frei gege­ben hat, besei­tigt dies weder die Insol­venz noch den Ver­mö­gens­ver­fall 3.

Wie der Bestim­mung des § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO zu ent­neh­men ist, geht der Gesetz­ge­ber grund­sätz­lich von einer Gefähr­dung der Inter­es­sen der Recht­su­chen­den aus, wenn sich ein Rechts­an­walt in Ver­mö­gens­ver­fall befin­det. Die Frei­ga­be durch den Insol­venz­ver­wal­ter ist inso­weit nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Maß­geb­lich für die­sen ist allein, wel­che der gesetz­li­chen Alter­na­ti­ven für die Mas­se vor­teil­haf­ter ist. Ent­schei­det er sich für den Ver­bleib in der Mas­se, so flie­ßen die­ser die Erträ­ge aus der selb­stän­di­gen Tätig­keit zu. Sie haf­tet dann aber auch für die hier­aus resul­tie­ren­den Ver­bind­lich­kei­ten. Gibt er hin­ge­gen die selb­stän­di­ge Tätig­keit frei, so fließt zwar dem Insol­venz­schuld­ner der Neu­erwerb aus ihr zu. Er haf­tet jedoch nun­mehr auch für die ent­ste­hen­den Neu­ver­bind­lich­kei­ten. Dar­über hin­aus unter­liegt er der Ablie­fe­rungs­pflicht nach § 35 Abs. 2 Satz 2 InsO i.V.m. § 295 Abs. 2 InsO. Hier­aus folgt, dass eine Kanz­lei­frei­ga­be regel­mä­ßig dann erfol­gen wird, wenn der Ver­wal­ter die Ein­nah­men aus der selb­stän­di­gen Tätig­keit eher nied­rig ein­schätzt und das Risi­ko ver­mei­den will, dass die Mas­se mit Ver­bind­lich­kei­ten aus die­ser Tätig­keit belas­tet wird.

Eine Gefähr­dung der Inter­es­sen der Recht­su­chen­den wird damit allein durch die Frei­ga­be weder aus­ge­schlos­sen noch ver­min­dert 4. Auch der blo­ße Antrag auf Ertei­lung der Rest­schuld­be­frei­ung genügt inso­weit nicht; die Gefähr­dung ent­fällt erst mit dem Beschluss nach § 289 InsO 5. Anhalts­punk­te dafür, dass hier einer der sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­le vor­liegt, in denen ansons­ten nach der Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung eine Gefähr­dung der Inter­es­sen der Recht­su­chen­den durch den Ver­mö­gens­ver­fall ver­neint wer­den kann 6, sind nicht ersicht­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Juni 2012 – AnwZ (Brfg) 23/​12

  1. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 31.05.2010 – AnwZ (B) 27/​09, ZIn­sO 2010, 1380 Rn. 12; vom 28.10.2011 – AnwZ (Brfg) 20/​11, NZI 2012, 106 Rn. 8; und vom 04.04.2012 – AnwZ (Brfg) 62/​11[]
  2. vgl. Beschlüs­se vom 29.06.2011 – AnwZ (Brfg) 11/​10, BGHZ 190, 187 Rn. 9 ff.; und vom 28.10.2011, aaO Rn. 7[]
  3. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 26.11.2007 – AnwZ (B) 96/​06; vom 21.03.2011 – AnwZ (B) 37/​10, NZI 2011, 464 Rn. 7; und vom 28.09.2011 – AnwZ (Brfg) 29/​11, ZIn­sO 2012, 140 Rn. 4[]
  4. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 26.11.2007, aaO Rn. 10 und vom 21.03.2011, aaO Rn. 8[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 31.05.2010, aaO Rn. 15 m.w.N.[]
  6. vgl. hier­zu BGH, Beschlüs­se vom 31.05.2010, aaO; und 28.09.2011, aaO, jeweils m.w.N.[]