Die vom öffent­li­chen Auf­trag­ge­ber vor­for­mu­lier­ten Ver­ga­be­un­ter­la­gen

Der Erklä­rungs­wert der vom öffent­li­chen Auf­trag­ge­ber vor­for­mu­lier­ten Ver­ga­be­un­ter­la­gen ist gemäß den für die Aus­le­gung von Wil­lens­er­klä­run­gen gel­ten­den, auf den objek­ti­ven Emp­fän­ger­ho­ri­zont der poten­zi­el­len Bie­ter abstel­len­den Grund­sät­zen zu ermit­teln.

Die vom öffent­li­chen Auf­trag­ge­ber vor­for­mu­lier­ten Ver­ga­be­un­ter­la­gen

Der gestell­ten Ver­ga­be­be­din­gung einer "rechts­ver­bind­li­chen" Unter­zeich­nung des Ange­bots kommt ledig­lich der Erklä­rungs­ge­halt zu, dass der Unter­zeich­ner bei Ange­bots­ab­ga­be über die erfor­der­li­che Ver­tre­tungs­macht ver­fügt haben muss.

Mit der Unter­schrifts­klau­sel hat die Auf­trag­ge­be­rin als Ver­ga­be­stel­le eine vor­for­mu­lier­te Ver­ga­be­be­din­gung gestellt. Wel­cher Erklä­rungs­wert dem Inhalt von Ver­ga­be­un­ter­la­gen zukommt, ist nach den für die Aus­le­gung von Wil­lens­er­klä­run­gen gel­ten­den Grund­sät­zen (§§ 133, 157 BGB) unter Berück­sich­ti­gung des Umstands zu ermit­teln, dass die Ver­ga­be­un­ter­la­gen von der Ver­ga­be­stel­le vor­for­mu­liert sind 1. Maß­geb­lich für das Ver­ständ­nis ist dabei der objek­ti­ve Emp­fän­ger­ho­ri­zont der poten­zi­el­len Bie­ter 2.

Nach den maß­geb­li­chen Ver­ständ­nis­mög­lich­kei­ten der mit der Aus­schrei­bung ange­spro­che­nen Bie­ter­krei­se ist der Unter­schrifts­klau­sel der Erklä­rungs­ge­halt bei­zu­le­gen, dass der Unter­zeich­ner bei Ange­bots­ab­ga­be über die erfor­der­li­che Ver­tre­tungs­macht ver­fügt haben muss 3. Der Gesichts­punkt einer inter­es­sen­ge­rech­ten Aus­le­gung recht­fer­tigt kein abwei­chen­des Ergeb­nis.

Soweit die Gegen­an­sicht das Risi­ko voll­macht­lo­ser Ver­tre­tung bei Han­deln einer Per­son, deren Ver­tre­tungs­macht nicht dem Inhalt des Han­dels­re­gis­ters ent­spre­che und die sich auch nicht durch eine Voll­machts­ur­kun­de legi­ti­mie­re, für den öffent­li­chen Auf­trag­ge­ber anspricht, ist schon frag­lich, inwie­weit die etwai­ge Erhe­bung die­ses Ein­wands eines Bie­ters, der den Ver­trag nicht erfül­len will, bei wirk­lich­keits­na­her Betrach­tung erfolg­ver­spre­chend und wahr­schein­lich wäre. Jeden­falls wäre es mit dem Gebot der kla­ren und ein­deu­ti­gen Abfas­sung von Ver­ga­be­un­ter­la­gen 4 unver­ein­bar, der Klau­sel auf­grund der Hin­zu­fü­gung des Attri­buts "rechts­ver­bind­lich" (unter­schrie­ben) nach dem Emp­fän­ger­ho­ri­zont den Erklä­rungs­ge­halt bei­zu­le­gen, mit dem Ange­bot müs­se die Bevoll­mäch­ti­gung des Unter­zeich­ners doku­men­tiert wer­den, wenn nicht die gesetz­li­chen Ver­tre­ter oder Pro­ku­ris­ten des bie­ten­den Unter­neh­mens unter­schrie­ben haben 5.

Der in der Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Düs­sel­dorf vom 22.12.2004 6 ent­schie­de­ne Fall wies die Beson­der­heit auf, dass sich die Ver­tre­tungs­be­fug­nis des Bie­ters, eines städ­ti­schen Eigen­be­triebs, aus einer gesetz­li­chen Vor­schrift, der Gemein­de­ord­nung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len, ergab und das Ange­bot nicht von der danach ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten Per­son unter­schrie­ben war. Für die Schluss­fol­ge­rung, dass das Ange­bot eines Form­kauf­manns (§ 6 HGB) nur dann im Sin­ne der Unter­schrifts­klau­sel "rechts­ver­bind­lich" unter­schrie­ben ist, wenn es die Unter­schrift des gesetz­li­chen Ver­tre­ters oder eines Pro­ku­ris­ten auf­weist, oder ein Drit­ter sei­ner Unter­schrift zumin­dest einen Ver­tre­tungs­zu­satz hin­zu­ge­fügt hat, bie­tet die Ent­schei­dung die­ses Fal­les kei­ne Grund­la­ge. Das Gesetz sieht bei Form­kauf­leu­ten eine "rechts­wirk­sa­me", nicht aus dem Han­dels­re­gis­ter ersicht­li­che Ver­tre­tung durch ande­re Per­so­nen als die gesetz­li­chen Ver­tre­ter und Pro­ku­ris­ten vor (§ 54 Abs. 1 HGB) und unter­schei­det gene­rell zwi­schen dem Bestehen von Ver­tre­tungs­macht und deren Nach­weis. Der vom Beru­fungs­ge­richt erwähn­te Ver­tre­tungs­zu­satz ist nicht kon­sti­tu­tiv für die Wirk­sam­keit der Erklä­rung einer zur Ver­tre­tung bevoll­mäch­tig­ten Per­son, son­dern allen­falls für die Fra­ge von Bedeu­tung, ob ihr Ver­tre­tungs­wil­le hin­rei­chend her­vor­tritt. Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall war der Wil­le, für die Klä­ge­rin zu han­deln, nach den Umstän­den (Fir­menstem­pel im Unter­schrifts­feld einer die Klä­ge­rin als Bie­te­rin benen­nen­den Urkun­de) offen­sicht­lich (§ 164 Abs. 1 BGB).

BGH, Urteil vom 20. Novem­ber 2012 – X ZR 108/​10

  1. BGH, Urteil vom 10.06.2008 – X ZR 78/​07, Ver­ga­beR 2008, 782 Rn. 10 Nach­un­ter­neh­mer­er­klä­rung[]
  2. BGH, Urteil vom 11.11.1993 VII ZR 47/​93, BGHZ 124, 64; BGH, Ver­ga­beR 2008, 782 Rn. 10; BGH, Urteil vom 03.04.2012 – X ZR 130/​10, Ver­ga­beR 2012, 724 Rn. 10 – Stra­ßen­aus­bau[]
  3. in die­sem Sin­ne bereits OLG Naum­burg, NZBau 2008, 789, 791; eben­so Beck'scher VOB/AKomm./Prieß § 21 Rn. 6 ff.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 10.06.2008 X ZR 78/​07, Ver­ga­beR 2008, 782 Rn. 10 Nach­un­ter­neh­mer­er­klä­rung; BGH, Ver­ga­beR 2012, 724 Rn. 9[]
  5. dage­gen auch Prieß, aaO Rn. 12[]
  6. OLG Düs­sel­dorf, Ver­ga­beR 2005, 222[]