Elek­tro­ni­sche Biblio­theks-Lese­plät­ze

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens meh­re­re Fra­gen zur Zuläs­sig­keit von elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen in Biblio­the­ken vor­ge­legt.

Elek­tro­ni­sche Biblio­theks-Lese­plät­ze

Klä­ge­rin in dem beim Bun­des­ge­richts­hof anhän­gi­gen Rechts­streit ist ein Ver­lag. Die beklag­te Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Darm­stadt hat in ihrer öffent­lich zugäng­li­chen Biblio­thek elek­tro­ni­sche Lese­plät­ze ein­ge­rich­tet, an denen Biblio­theks­nut­zer Zugang zu bestimm­ten Wer­ken aus dem Biblio­theks­be­stand haben. Dar­un­ter befand sich das im Ver­lag der Klä­ge­rin erschie­ne­ne Lehr­buch "Ein­füh­rung in die neue­re Geschich­te". Die Beklag­te hat­te das Buch digi­ta­li­siert, um es an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen bereit­zu­stel­len. Die Nut­zer der Lese­plät­ze konn­ten das Werk ganz oder teil­wei­se auf Papier aus­dru­cken oder auf einem USB-Stick abspei­chern. Auf ein Ange­bot der Klä­ge­rin, von ihr her­aus­ge­ge­be­ne Lehr­bü­cher als elek­tro­ni­sche Bücher (E‑Books) zu erwer­ben und zu nut­zen, ist die Beklag­te nicht ein­ge­gan­gen.

Die Klä­ge­rin ist der Ansicht, eine sol­che Nut­zung der in ihrem Ver­lag erschie­ne­nen Wer­ke sei nicht von der Schran­ken­re­ge­lung des § 52b UrhG gedeckt. Nach die­ser Bestim­mung ist es zuläs­sig, ver­öf­fent­lich­te Wer­ke aus dem Bestand öffent­lich zugäng­li­cher Biblio­the­ken, die kei­nen unmit­tel­bar oder mit­tel­bar wirt­schaft­li­chen oder Erwerbs­zweck ver­fol­gen, aus­schließ­lich in den Räu­men der jewei­li­gen Ein­rich­tung an eigens dafür ein­ge­rich­te­ten elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zur For­schung und für pri­va­te Stu­di­en zugäng­lich zu machen, soweit dem kei­ne ver­trag­li­chen Rege­lun­gen ent­ge­gen­ste­hen. Die Klä­ge­rin nimmt die Beklag­te unter ande­rem auf Unter­las­sung in Anspruch.

Das erst­in­stanz­lich mit der Kla­ge befass­te Land­ge­richt Frank­furt a.M. hat zwar den Antrag der Klä­ge­rin abge­wie­sen, der Beklag­ten zu ver­bie­ten, Bücher aus dem Ver­lag der Klä­ge­rin zu digi­ta­li­sie­ren und in digi­ta­li­sier­ter Form an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen ihrer Biblio­thek zu benut­zen, wenn die Klä­ge­rin ihr für die­se Nut­zung einen ange­mes­se­nen Lizenz­ver­trag anbie­tet 1. Es ist der Ansicht, ein blo­ßes Ver­trags­an­ge­bot des Rechts­in­ha­bers sei kei­ne gel­ten­de Rege­lung, die einer Inan­spruch­nah­me der Schran­ken­re­ge­lung ent­ge­gen­ste­he. Es hat der Beklag­ten jedoch – wie von der Klä­ge­rin bean­tragt – unter­sagt, Biblio­theks­nut­zern zu ermög­li­chen, digi­ta­le Ver­sio­nen von Bücher aus ihrem Ver­lag an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen aus­zu­dru­cken oder auf USB-Sticks abzu­spei­chern. Dies sei nicht zuläs­sig, weil andern­falls der nor­ma­le Ver­kauf der Bücher über­mä­ßig beein­träch­tigt wer­de.

Mit ihrer vom Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­se­nen Sprung­re­vi­si­on erstrebt die Beklag­te die voll­stän­di­ge Abwei­sung der Kla­ge. Die Klä­ge­rin ver­folgt mit ihrer Anschluss­re­vi­si­on ihren Kla­ge­an­trag in vol­lem Umfang wei­ter.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on drei Fra­gen zur Aus­le­gung von Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt. Die Rege­lung des § 52b UrhG setzt Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG um und ist daher richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen. Nach Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG kön­nen die Mit­glied­staa­ten bestimm­te Rech­te des Rechts­in­ha­bers ein­schrän­ken, für die Nut­zung von Wer­ken, für die kei­ne Rege­lun­gen über Ver­kauf und Lizen­zen gel­ten und die sich in den Samm­lun­gen öffent­lich zugäng­li­cher Biblio­the­ken befin­den, die kei­nen unmit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren wirt­schaft­li­chen oder kom­mer­zi­el­len Zweck ver­fol­gen, und zwar durch ihre Zugäng­lich­ma­chung auf eigens hier­für ein­ge­rich­te­ten Ter­mi­nals in den Räum­lich­kei­ten der Biblio­the­ken.

Nach Ansicht des Bun­des­ge­richs­hofs stellt sich zunächst die Fra­ge, ob im Sin­ne des Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG "Rege­lun­gen über Ver­kauf und Lizen­zen gel­ten", wenn der Rechts­in­ha­ber den Biblio­the­ken den Abschluss von Lizenz­ver­trä­gen über die Nut­zung von Wer­ken auf Ter­mi­nals zu ange­mes­se­nen Bedin­gun­gen anbie­tet.

Sodann stellt sich nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs die Fra­ge, ob Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG die Mit­glied­staa­ten dazu berech­tigt, Biblio­the­ken das Recht zu gewäh­ren, Druck­wer­ke des Biblio­theks­be­stands zu digi­ta­li­sie­ren, wenn dies erfor­der­lich ist, um die Wer­ke auf den Ter­mi­nals zugäng­lich zu machen.

Schließ­lich hat der Bun­des­ge­richts­hof dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge vor­ge­legt, ob es den Biblio­theks­nut­zern nach Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG ermög­licht wer­den darf, auf den Ter­mi­nals zugäng­lich gemach­te Wer­ke ganz oder teil­wei­se auf Papier aus­zu­dru­cken oder auf USB-Sticks abzu­spei­chern und die­se Ver­viel­fäl­ti­gun­gen aus den Räu­men der Ein­rich­tung mit­zu­neh­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Sep­tem­ber 2012 – I ZR 69/​11 – Elek­tro­ni­sche Lese­plät­ze

  1. LG Frank­furt a.M., Urteil vom 16.03.2011 – 2/​06 O 378/​10, GRUR 2011, 614[]