Elek­tro­ni­sche Lese­plät­ze – und das Urhe­ber­recht

Ver­trag­li­che Rege­lun­gen im Sin­ne von § 52b Satz 1 UrhG, die einem Zugäng­lich­ma­chen von Wer­ken an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen ent­ge­gen­ste­hen kön­nen, sind allein Rege­lun­gen in bestehen­den Ver­trä­gen und kei­ne Rege­lun­gen in blo­ßen Ver­trags­an­ge­bo­ten.

Elek­tro­ni­sche Lese­plät­ze – und das Urhe­ber­recht

Soweit es nach § 52b Satz 1 und 2 UrhG zuläs­sig ist, Wer­ke an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich zu machen, sind in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 52a Abs. 3 UrhG die zur Zugäng­lich­ma­chung erfor­der­li­chen Ver­viel­fäl­ti­gun­gen zuläs­sig.

An elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen dür­fen Wer­ke unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 52b Satz 1 und 2 UrhG auch dann zugäng­lich gemacht wer­den, wenn sie von Nut­zern der elek­tro­ni­schen Lese­plät­ze nicht nur gele­sen, son­dern aus­ge­druckt oder abge­spei­chert wer­den kön­nen.

An elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen nach § 52b Satz 1 und 2 UrhG zugäng­lich gemach­te Wer­ke dür­fen von Nut­zern der elek­tro­ni­schen Lese­plät­ze unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 53 UrhG ver­viel­fäl­tigt wer­den.

Betrei­ber elek­tro­ni­scher Lese­plät­ze kön­nen für unbe­fug­te Ver­viel­fäl­ti­gun­gen eines Wer­kes durch Nut­zer der elek­tro­ni­schen Lese­plät­ze haf­ten, wenn sie nicht die ihnen mög­li­chen und zumut­ba­ren Vor­keh­run­gen getrof­fen haben, um sol­che Rechts­ver­let­zun­gen zu ver­hin­dern.

Gemäß § 52b Satz 1 UrhG ist es zuläs­sig, ver­öf­fent­lich­te Wer­ke aus dem Bestand öffent­lich zugäng­li­cher Biblio­the­ken, Muse­en oder Archi­ve, die kei­nen unmit­tel­bar oder mit­tel­bar wirt­schaft­li­chen oder Erwerbs­zweck ver­fol­gen, aus­schließ­lich in den Räu­men der jewei­li­gen Ein­rich­tung an eigens dafür ein­ge­rich­te­ten elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zur For­schung und für pri­va­te Stu­di­en zugäng­lich zu machen, soweit dem kei­ne ver­trag­li­chen Rege­lun­gen ent­ge­gen­ste­hen. Dabei dür­fen nach § 52b Satz 2 UrhG grund­sätz­lich nicht mehr Exem­pla­re eines Wer­kes an den ein­ge­rich­te­ten elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen gleich­zei­tig zugäng­lich gemacht wer­den, als der Bestand der Ein­rich­tung umfasst.

Dabei geht der Bun­des­ge­richts­hof davon aus, dass dem Zugäng­lich­ma­chen eines Wer­kes im Sin­ne die­ser Bestim­mung "kei­ne ver­trag­li­chen Rege­lun­gen ent­ge­gen­ste­hen", wenn – wie im hier ent­schie­de­nen Streit­fall – ledig­lich das Ange­bot zum Abschluss eines ent­spre­chen­den Ver­tra­ges vor­liegt. Mit "ver­trag­li­chen Rege­lun­gen" im Sin­ne des § 52b Satz 1 UrhG sind allein Rege­lun­gen in bestehen­den Ver­trä­gen und kei­ne Rege­lun­gen in blo­ßen Ver­trags­an­ge­bo­ten gemeint. Das folgt jeden­falls aus der gebo­te­nen richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung die­ser Wen­dung.

Die Bestim­mung des § 52b UrhG setzt Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG um und ist daher richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen. Nach Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG kön­nen die Mit­glied­staa­ten Aus­nah­men oder Beschrän­kun­gen in Bezug auf die in Art. 2 und 3 vor­ge­se­he­nen Rech­te (also das Ver­viel­fäl­ti­gungs­recht sowie das Recht der öffent­li­chen Wie­der­ga­be ein­schließ­lich der öffent­li­chen Zugäng­lich­ma­chung von Wer­ken und das Recht der öffent­li­chen Zugäng­lich­ma­chung sons­ti­ger Schutz­ge­gen­stän­de) für die Nut­zung von Wer­ken und sons­ti­gen Schutz­ge­gen­stän­den vor­se­hen, "für die kei­ne Rege­lun­gen über Ver­kauf und Lizen­zen gel­ten" und die sich in den Samm­lun­gen der in Art. 5 Abs. 2 Buchst. c der Richt­li­nie 2001/​29/​EG genann­ten Ein­rich­tun­gen (das sind öffent­lich zugäng­li­che Biblio­the­ken, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen oder Muse­en oder Archi­ve, die kei­nen unmit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren wirt­schaft­li­chen oder kom­mer­zi­el­len Zweck ver­fol­gen) befin­den, und zwar durch ihre Wie­der­ga­be oder Zugäng­lich­ma­chung für ein­zel­ne Mit­glie­der der Öffent­lich­keit zu Zwe­cken der For­schung und pri­va­ter Stu­di­en auf eigens hier­für ein­ge­rich­te­ten Ter­mi­nals in den Räum­lich­kei­ten der genann­ten Ein­rich­tun­gen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge vor­ge­legt, ob bereits das blo­ße Ange­bot eines ange­mes­se­nen Lizenz­ver­trags dazu führt, dass "Rege­lun­gen über Ver­kauf und Lizen­zen" gel­ten und eine Aus­nah­me nach Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG aus­ge­schlos­sen ist, oder ob dies erst dann der Fall ist, wenn der Rechts­in­ha­ber und die Ein­rich­tung eine ent­spre­chen­de Ver­ein­ba­rung getrof­fen haben. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat ent­schie­den, der Begriff "Rege­lun­gen über Ver­kauf und Lizen­zen" in Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG sei in dem Sin­ne zu ver­ste­hen, dass der Rechts­in­ha­ber und eine in die­ser Bestim­mung genann­te Ein­rich­tung, wie eine öffent­lich zugäng­li­che Biblio­thek, für das betrof­fe­ne Werk einen Lizenz- oder Nut­zungs­ver­trag geschlos­sen haben müs­sen, in dem die Bedin­gun­gen für die Nut­zung des Wer­kes durch die Ein­rich­tung fest­ge­legt sind.

Dem Zugäng­lich­ma­chen des Wer­kes an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen steht im Streit­fall daher nicht ent­ge­gen, dass die Ver­le­ge­rin der Biblio­thek ange­bo­ten hat, die von ihr her­aus­ge­ge­be­nen Lehr­bü­cher als elek­tro­ni­sche Bücher (E‑Books) zu erwer­ben und zu nut­zen. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob die­ses Ange­bot der Ver­le­ge­rin bereits vor der Nut­zung des Lehr­buchs durch die Biblio­thek vor­lag und ob es sich dabei um ein ange­mes­se­nes Ange­bot han­del­te.

Die Ver­le­ge­rin kann von der Biblio­thek auch nicht gemäß § 97 Abs. 1 UrhG ver­lan­gen, es zu unter­las­sen, Lehr­bü­cher oder ande­re Wer­ke aus ihrem Ver­lag, ins­be­son­de­re die "Ein­füh­rung in die neue­re Geschich­te" von Win­fried Schul­ze, zu digi­ta­li­sie­ren oder digi­ta­li­sie­ren zu las­sen, um sie in digi­ta­li­sier­ter Form für öffent­li­che Wie­der­ga­ben ins­be­son­de­re an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen der Uni­ver­si­täts- und Lan­des­bi­blio­thek Darm­stadt ver­wen­den zu kön­nen.

Die Biblio­thek hat das im Bestand ihrer Biblio­thek nur als gedruck­tes Buch vor­han­de­ne Werk digi­ta­li­siert, um es in die­ser Form an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich machen zu kön­nen. Damit hat sie in das aus­schließ­li­che Recht des Urhe­bers ein­ge­grif­fen, sein Werk zu ver­viel­fäl­ti­gen (§ 15 Abs. 1 Nr. 1, § 16 UrhG).

Die­ser Ein­griff in das Urhe­ber­recht ist jedoch nicht wider­recht­lich, da die Biblio­thek sich mit Erfolg auf eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Schran­ken­re­ge­lung des § 52a Abs. 3 UrhG beru­fen kann. Danach sind in den Fäl­len des § 52b Satz 1 und 2 UrhG die zur Zugäng­lich­ma­chung erfor­der­li­chen Ver­viel­fäl­ti­gun­gen zuläs­sig.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge vor­ge­legt, ob die Befug­nis der Mit­glied­staa­ten aus Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG, Aus­nah­men oder Beschrän­kun­gen in Bezug auf die Rech­te nach Art. 2 und 3 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG für die Nut­zung von Wer­ken und sons­ti­gen Schutz­ge­gen­stän­den, die sich in den Samm­lun­gen der genann­ten Ein­rich­tun­gen befin­den, durch ihre Wie­der­ga­be oder Zugäng­lich­ma­chung auf eigens hier­für ein­ge­rich­te­ten Ter­mi­nals vor­zu­se­hen, auch die Befug­nis umfasst, eine Aus­nah­me oder Beschrän­kung in Bezug auf das Ver­viel­fäl­ti­gungs­recht nach Art. 2 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG für die Nut­zung die­ser Wer­ke und sons­ti­gen Schutz­ge­gen­stän­de durch Ver­viel­fäl­ti­gun­gen vor­zu­se­hen, die für die Wie­der­ga­be oder Zugäng­lich­ma­chung auf sol­chen Ter­mi­nals erfor­der­lich sind. Dabei hat der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin­ge­wie­sen, nach sei­ner Auf­fas­sung spre­che alles dafür, dass eine ent­spre­chen­de Befug­nis der Mit­glied­staa­ten, soweit sie sich nicht bereits als Annex­kom­pe­tenz aus Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG erge­be, aus Art. 5 Abs. 2 Buchst. c der Richt­li­nie 2001/​29/​EG her­ge­lei­tet wer­den kön­ne 1. Nach Art. 5 Abs. 2 Buchst. c der Richt­li­nie 2001/​29/​EG kön­nen die Mit­glied­staa­ten in Bezug auf "bestimm­te Ver­viel­fäl­ti­gungs­hand­lun­gen" von öffent­lich zugäng­li­chen Biblio­the­ken, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen oder Muse­en oder von Archi­ven, die kei­nen unmit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren wirt­schaft­li­chen oder kom­mer­zi­el­len Zweck ver­fol­gen, Aus­nah­men oder Beschrän­kun­gen in Bezug auf das in Art. 2 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG vor­ge­se­he­ne Ver­viel­fäl­ti­gungs­recht vor­se­hen.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat ent­schie­den, Art. 5 Abs. 3 Buchst. n in Ver­bin­dung mit Art. 5 Abs. 2 Buchst. c der Richt­li­nie 2001/​29/​EG sei dahin aus­zu­le­gen, dass er es einem Mit­glied­staat nicht ver­wehrt, öffent­lich zugäng­li­chen Biblio­the­ken, die unter die­se Bestim­mun­gen fal­len, das Recht ein­zu­räu­men, in ihren Samm­lun­gen ent­hal­te­ne Wer­ke zu digi­ta­li­sie­ren, wenn die­se Ver­viel­fäl­ti­gungs­hand­lung erfor­der­lich ist, um den Nut­zern die­se Wer­ke auf eigens hier­für ein­ge­rich­te­ten Ter­mi­nals in den Räum­lich­kei­ten die­ser Ein­rich­tun­gen zugäng­lich zu machen. Zur Begrün­dung hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on aus­ge­führt, das Recht zur Wie­der­ga­be von Wer­ken, das den in Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG genann­ten Ein­rich­tun­gen wie öffent­lich zugäng­li­chen Biblio­the­ken in den tat­be­stand­li­chen Gren­zen die­ser Bestim­mung zuste­he, droh­te einen gro­ßen Teil sei­nes sach­li­chen Gehalts und sogar sei­ner prak­ti­schen Wirk­sam­keit zu ver­lie­ren, wenn die­se Ein­rich­tun­gen kein akzes­so­ri­sches Recht zur Digi­ta­li­sie­rung der betrof­fe­nen Wer­ke besä­ßen 2.

An die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis sind die natio­na­len Gerich­te gebun­den. Sie sind zudem zur richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung des natio­na­len Rechts ver­pflich­tet. Dabei ver­langt der Grund­satz der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung mehr als blo­ße Aus­le­gung im enge­ren Sin­ne. Er for­dert viel­mehr, das natio­na­le Recht, wo dies nötig und mög­lich ist, richt­li­ni­en­kon­form fort­zu­bil­den 3. Dar­aus folgt hier das Gebot einer richt­li­ni­en­kon­for­men Rechts­fort­bil­dung durch ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 52a Abs. 3 UrhG auf die von § 52b Satz 1 und 2 UrhG erfass­ten Fall­ge­stal­tun­gen. Eine Rechts­fort­bil­dung im Wege der ent­spre­chen­den Anwen­dung einer Rege­lung setzt eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke und eine ver­gleich­ba­re Inter­es­sen­la­ge vor­aus. Die­se Vor­aus­set­zung ist erfüllt.

Im Regie­rungs­ent­wurf eines Zwei­ten Geset­zes zur Rege­lung des Urhe­ber­rechts in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft ist zur Begrün­dung des Vor­schlags, zur Umset­zung von Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG mit § 52b UrhG eine neue Schran­ken­re­ge­lung zu schaf­fen, aus­ge­führt, damit sol­le es öffent­li­chen Biblio­the­ken, Muse­en und Archi­ven zur Erfül­lung ihres Bil­dungs­auf­trags ermög­licht wer­den, "ihre Bestän­de auch in digi­ta­ler Form" an eigens dafür ein­ge­rich­te­ten elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen den Benut­zern zu Zwe­cken der For­schung und für pri­va­te Stu­di­en zugäng­lich zu machen 4. Die­ser Begrün­dung ist zu ent­neh­men, dass zur Umset­zung von Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG mit § 52b UrhG eine Rege­lung geschaf­fen wer­den soll­te, die es den genann­ten Ein­rich­tun­gen gestat­tet, in ihrem Bestand nur als gedruck­te Bücher vor­han­de­ne Wer­ke zu digi­ta­li­sie­ren, um sie an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich machen zu kön­nen. Soweit die Bestän­de nur in ana­lo­ger Form vor­lie­gen, kön­nen sie den Benut­zern nur dann an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen in digi­ta­ler Form zugäng­lich gemacht wer­den, wenn sie zuvor digi­ta­li­siert und damit ver­viel­fäl­tigt wor­den sind. § 52b UrhG ent­hält jedoch kei­ne Bestim­mung, die eine sol­che Ver­viel­fäl­ti­gung erlaubt. Inso­weit besteht ersicht­lich eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke.

Die­se plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke ist durch eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 52a Abs. 3 UrhG auf die von § 52b Satz 1 und 2 UrhG erfass­ten Fall­ge­stal­tun­gen zu schlie­ßen. Die Bestim­mung des § 52a Abs. 3 UrhG betrifft eine ver­gleich­ba­re Inter­es­sen­la­ge. § 52a Abs. 1 UrhG gestat­tet unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen das öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chen ver­öf­fent­lich­ter (klei­ner) Tei­le eines Wer­kes, von Wer­ken gerin­gen Umfangs sowie ein­zel­ner Bei­trä­ge aus Zei­tun­gen oder Zeit­schrif­ten für Unter­richt und For­schung. Gemäß § 52a Abs. 3 UrhG sind in die­sen Fäl­len auch die zur öffent­li­chen Zugäng­lich­ma­chung erfor­der­li­chen Ver­viel­fäl­ti­gun­gen zuläs­sig. Lie­gen die betref­fen­den Wer­ke nur in ana­lo­ger Form vor, gehört zu den danach zuläs­si­gen Ver­viel­fäl­ti­gun­gen das Digi­ta­li­sie­ren die­ser Vor­la­gen, wenn die­se Ver­viel­fäl­ti­gun­gen erfor­der­lich sind, um die Wer­ke bei­spiels­wei­se durch Ein­stel­len auf einem Ser­ver öffent­lich zugäng­lich machen zu kön­nen 5.

Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 52a Abs. 3 UrhG auf die von § 52b Satz 1 und 2 UrhG erfass­ten Fall­ge­stal­tun­gen über­schrei­tet ent­ge­gen der Ansicht der Ver­le­ge­rin nicht die Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung. Eine uni­ons­rechts­kon­for­me Rechts­fort­bil­dung muss zwar nach natio­na­len Metho­den rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung zuläs­sig sein. Beim Vor­lie­gen einer erkenn­bar plan­wid­ri­gen Geset­zes­lü­cke ist eine rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung jedoch ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig, wenn sie vom Gesetz­ge­ber still­schwei­gend gebil­ligt wird 6. Die­se Vor­aus­set­zung ist hier erfüllt. Der Geset­zes­be­grün­dung ist die Rege­lungs­ab­sicht des Gesetz­ge­bers zu ent­neh­men, Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG richt­li­ni­en­kon­form umzu­set­zen und es den genann­ten Ein­rich­tun­gen zu ermög­li­chen, den Benut­zern ihre (ana­lo­gen) Bestän­de an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen in digi­ta­ler Form zugäng­lich zu machen. Es ent­spricht daher der Rege­lungs­ab­sicht des Gesetz­ge­bers, wenn den genann­ten Ein­rich­tun­gen im Wege einer richt­li­ni­en­kon­for­men Rechts­fort­bil­dung die zu die­sem Zweck erfor­der­li­chen Ver­viel­fäl­ti­gun­gen gestat­tet wer­den. Dabei kommt es ent­ge­gen der Ansicht der Ver­le­ge­rin nicht dar­auf an, ob der Gesetz­ge­ber erkannt hat, dass die Befug­nis der Mit­glied­staa­ten, sol­che Ver­viel­fäl­ti­gun­gen zu gestat­ten, sich nicht bereits aus Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG ergibt, son­dern erst aus einer Ver­bin­dung die­ser Rege­lung mit Art. 5 Abs. 2 Buchst. c der Richt­li­nie 2001/​29/​EG her­ge­lei­tet wer­den kann 7.

Der mit dem Zugäng­lich­ma­chen des Wer­kes ver­bun­de­ne Ein­griff in das Urhe­ber­recht ist von der Schran­ken­re­ge­lung des § 52b Satz 1 und 2 UrhG gedeckt, auch wenn die Biblio­thek es Nut­zern der Biblio­thek damit ermög­licht, das Werk an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen auf Papier aus­zu­dru­cken oder auf Daten­trä­gern abzu­spei­chern und in die­ser Form aus den Räu­men der Biblio­thek mit­zu­neh­men.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge vor­ge­legt, ob von den Mit­glied­staa­ten gemäß Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG für die Nut­zung von Wer­ken durch ihre Wie­der­ga­be oder Zugäng­lich­ma­chung auf eigens hier­für ein­ge­rich­te­ten Ter­mi­nals in den Räum­lich­kei­ten der genann­ten Ein­rich­tun­gen vor­ge­se­he­ne Aus­nah­men oder Beschrän­kun­gen in Bezug auf die Rech­te nach Art. 2 und 3 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG so weit rei­chen dür­fen, dass Nut­zer der Ter­mi­nals auf den Ter­mi­nals wie­der­ge­ge­be­ne oder zugäng­lich gemach­te Wer­ke ganz oder teil­wei­se auf Papier aus­dru­cken oder auf einem USB-Stick abspei­chern kön­nen.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat ent­schie­den, Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG sei dahin aus­zu­le­gen, dass er nicht Hand­lun­gen erfasst wie das Aus­dru­cken von Wer­ken auf Papier oder ihr Spei­chern auf einem USB-Stick, die von Nut­zern auf Ter­mi­nals vor­ge­nom­men wer­den, die in unter die­se Bestim­mung fal­len­den öffent­lich zugäng­li­chen Biblio­the­ken eigens ein­ge­rich­tet sind. Zur Begrün­dung hat er aus­ge­führt, die Beschrän­kung nach Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG erfas­se nur bestimm­te Hand­lun­gen der Wie­der­ga­be im Sin­ne von Art. 3 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG wie das Zugäng­lich­ma­chen von Wer­ken durch die Ein­rich­tun­gen und nicht Ver­viel­fäl­ti­gun­gen im Sin­ne von Art. 2 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG wie das Aus­dru­cken und Abspei­chern der Wer­ke durch die Nut­zer 8.

Die Mit­glied­staa­ten kön­nen daher auf der Grund­la­ge von Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG ein Aus­dru­cken oder Abspei­chern der an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich gemach­ten Wer­ke durch die Nut­zer weder gestat­ten noch ver­bie­ten. Die der Umset­zung von Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG die­nen­de Rege­lung des § 52b UrhG ist des­halb ent­ge­gen der Ansicht des Land­ge­richts nicht dahin­ge­hend ein­schrän­kend aus­zu­le­gen, dass Wer­ke an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen nur in der Wei­se zugäng­lich gemacht wer­den dür­fen, dass sie von Nut­zern dort nur gele­sen und nicht auch aus­ge­druckt oder abge­spei­chert wer­den kön­nen.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat aller­dings dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sol­che Hand­lun­gen der Ver­viel­fäl­ti­gung auf ana­lo­gem oder digi­ta­lem Daten­trä­ger gege­be­nen­falls durch die natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten zur Umset­zung der Aus­nah­men und Beschrän­kun­gen nach Art. 5 Abs. 2 Buchst. a oder b der Richt­li­nie 2001/​29/​EG gestat­tet sein kön­nen 9.

Nach Art. 5 Abs. 2 Buchst. a oder b der Richt­li­nie 2001/​29/​EG kön­nen die Mit­glied­staa­ten Aus­nah­men oder Beschrän­kun­gen in Bezug auf das in Art. 2 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG vor­ge­se­he­ne Ver­viel­fäl­ti­gungs­recht vor­se­hen und zwar zum einen in Bezug auf Ver­viel­fäl­ti­gun­gen auf Papier oder einem ähn­li­chen Trä­ger mit­tels belie­bi­ger foto­me­cha­ni­scher Ver­fah­ren oder ande­rer Ver­fah­ren mit ähn­li­cher Wir­kung (Art. 5 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2001/​29/​EG) und zum ande­ren in Bezug auf Ver­viel­fäl­ti­gun­gen auf belie­bi­gen Trä­gern durch eine natür­li­che Per­son zum pri­va­ten Gebrauch und weder für direk­te noch indi­rek­te kom­mer­zi­el­le Zwe­cke (Art. 5 Abs. 2 Buchst. b der Richt­li­nie 2001/​29/​EG), sofern im Ein­zel­fall die in die­sen Bestim­mun­gen nor­mier­ten Vor­aus­set­zun­gen, ins­be­son­de­re die eines gerech­ten Aus­gleichs für den Rechts­in­ha­ber, erfüllt sind. Der­ar­ti­ge Aus­nah­men oder Beschrän­kun­gen des Ver­viel­fäl­ti­gungs­rechts sind durch § 53 UrhG ins deut­sche Recht umge­setzt wor­den, der die Zuläs­sig­keit von Ver­viel­fäl­ti­gun­gen zum pri­va­ten oder sons­ti­gen eige­nen Gebrauch regelt.

Damit stellt sich jedoch nicht die Fra­ge, ob die Zuläs­sig­keit von Ver­viel­fäl­ti­gun­gen nach § 53 UrhG in § 52b UrhG hin­ein­ge­le­sen wer­den kann 10. Bei den Schran­ken­re­ge­lun­gen des § 52b UrhG einer­seits und des § 53 UrhG ande­rer­seits han­delt es sich um jeweils eigen­stän­di­ge Rege­lun­gen. Sie erfas­sen nicht nur unter­schied­li­che Nut­zungs­hand­lun­gen, son­dern rich­ten sich auch an unter­schied­li­che Nut­zer­krei­se. Wäh­rend § 52b UrhG die Zuläs­sig­keit des Zugäng­lich­ma­chens von Wer­ken an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen durch bestimm­te Ein­rich­tun­gen regelt, hat § 53 UrhG die Zuläs­sig­keit des Ver­viel­fäl­ti­gens von Wer­ken zum eige­nen Gebrauch und damit auch die Zuläs­sig­keit ent­spre­chen­der Ver­viel­fäl­ti­gun­gen durch Nut­zer elek­tro­ni­scher Lese­plät­ze zum Gegen­stand. Bei­de Rege­lun­gen bestehen unab­hän­gig von­ein­an­der und kön­nen neben­ein­an­der oder nach­ein­an­der anwend­bar sein. Ent­ge­gen der Ansicht der Ver­le­ge­rin ist es daher auch ohne aus­drück­li­che gesetz­li­che Rege­lung zuläs­sig, dass ein auf­grund der Schran­ken­re­ge­lung des § 52b UrhG durch eine Biblio­thek an einem elek­tro­ni­schen Lese­platz zugäng­lich gemach­tes Werk auf­grund der Schran­ken­re­ge­lung des § 53 UrhG durch einen Benut­zer des elek­tro­ni­schen Lese­plat­zes ver­viel­fäl­tigt wird 11.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat aller­dings dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die durch die natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten zur Umset­zung der Aus­nah­men und Beschrän­kun­gen nach Art. 5 Abs. 2 Buchst. a oder b der Richt­li­nie 2001/​29/​EG gestat­te­ten Ver­viel­fäl­ti­gungs­hand­lun­gen den Vor­aus­set­zun­gen des Art. 5 Abs. 5 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG ent­spre­chen müs­sen und der Umfang der ver­viel­fäl­tig­ten Tex­te folg­lich nicht die berech­tig­ten Inter­es­sen des Urhe­ber­rechts­in­ha­bers unge­bühr­lich ver­let­zen darf 12. Ent­ge­gen der Ansicht der Ver­le­ge­rin folgt dar­aus jedoch nicht, dass die durch die natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten zur Umset­zung der Aus­nah­men und Beschrän­kun­gen nach Art. 5 Abs. 3 Buchst. n der Richt­li­nie 2001/​29/​EG gestat­te­ten Hand­lun­gen der Wie­der­ga­be kei­ne Anschluss­ver­viel­fäl­ti­gun­gen ermög­li­chen dür­fen, weil ansons­ten die nor­ma­le Ver­wer­tung der an den Lese­plät­zen zur Ver­fü­gung gestell­ten Wer­ke ernst­lich in Gefahr gerie­te.

Die Biblio­thek haf­tet nicht als Teil­neh­mer oder Stö­rer für unbe­fug­te Ver­viel­fäl­ti­gun­gen des Wer­kes durch Nut­zer der elek­tro­ni­schen Lese­plät­ze.

Die Biblio­thek hat es Nut­zern der elek­tro­ni­schen Lese­plät­ze zwar ermög­licht, die an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich gemach­ten Wer­ke aus­zu­dru­cken und abzu­spei­chern und damit zu ver­viel­fäl­ti­gen. Es ist aber weder vom Land­ge­richt fest­ge­stellt noch von der Ver­le­ge­rin vor­ge­tra­gen, dass es in kon­kre­ten Fäl­len zu unbe­rech­tig­ten Ver­viel­fäl­ti­gun­gen die­ser Wer­ke und ins­be­son­de­re des im Ver­lag der Ver­le­ge­rin erschie­ne­nen Lehr­buchs "Ein­füh­rung in die neue­re Geschich­te" von Win­fried Schul­ze durch Nut­zer der Lese­plät­ze gekom­men ist. Davon kann auch nicht ohne Wei­te­res aus­ge­gan­gen wer­den. Es kom­men zahl­rei­che Fall­ge­stal­tun­gen in Betracht, in denen ein Aus­dru­cken oder Abspei­chern der an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen im Sin­ne von § 52b Abs. 1 UrhG "zur For­schung und für pri­va­te Stu­di­en" zugäng­lich gemach­ten Wer­ke von der Schran­ken­re­ge­lung des § 53 UrhG gedeckt ist und der Umfang der ver­viel­fäl­tig­ten Tex­te die berech­tig­ten Inter­es­sen des Urhe­ber­rechts­in­ha­bers nicht unge­bühr­lich ver­letzt 13.

Gemäß § 53 Abs. 1 Satz 1 UrhG sind ein­zel­ne Ver­viel­fäl­ti­gun­gen eines Wer­kes durch eine natür­li­che Per­son zum pri­va­ten Gebrauch auf belie­bi­gen Trä­gern zuläs­sig, sofern sie weder unmit­tel­bar noch mit­tel­bar Erwerbs­zwe­cken die­nen, soweit nicht zur Ver­viel­fäl­ti­gung eine offen­sicht­lich rechts­wid­rig her­ge­stell­te oder öffent­lich zugäng­lich gemach­te Vor­la­ge ver­wen­det wird. Die­se Schran­ken­re­ge­lung gestat­tet das Aus­dru­cken und Abspei­chern der von der Biblio­thek an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich gemach­ten Wer­ke durch Nut­zer zum pri­va­ten Gebrauch. Auch das Ver­viel­fäl­ti­gen "zur For­schung und für pri­va­te Stu­di­en" im Sin­ne von § 52b Abs. 1 UrhG ist ein Ver­viel­fäl­ti­gen "zum pri­va­ten Gebrauch", sofern es nicht Erwerbs­zwe­cken dient 14.

Fer­ner ist es gemäß § 53 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 UrhG zuläs­sig, ein­zel­ne Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke eines Wer­kes zum eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Gebrauch her­zu­stel­len, wenn und soweit die Ver­viel­fäl­ti­gung zu die­sem Zweck gebo­ten ist und sie kei­nen gewerb­li­chen Zwe­cken dient. Dem "eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Gebrauch" dient auch ein Ver­viel­fäl­ti­gen "zur For­schung und für pri­va­te Stu­di­en" im Sin­ne von § 52b Abs. 1 UrhG durch Per­so­nen, die sich über den Erkennt­nis­stand der Wis­sen­schaft infor­mie­ren wol­len 15. Die Her­stel­lung der Ver­viel­fäl­ti­gung ist zwar nicht "gebo­ten", wenn der Erwerb oder die Aus­lei­he des Wer­kes pro­blem­los mög­lich und zumut­bar ist. Wird nur ein klei­ner Teil eines Wer­kes zum wis­sen­schaft­li­chen Gebrauch benö­tigt, ist es im All­ge­mei­nen aber nicht zumut­bar, das gesam­te Werk zu erwer­ben oder aus­zu­lei­hen. In einem sol­chen Fall ist daher das Aus­dru­cken oder Abspei­chern des in Form einer Datei zugäng­li­chen Werk­teils in der Regel als gebo­ten anzu­se­hen 16.

Dar­über hin­aus ist es nach § 53 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4, Satz 2 Nr. 1 und 2, Satz 3 UrhG zuläs­sig, ein­zel­ne Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke eines Wer­kes zum sons­ti­gen eige­nen Gebrauch her­zu­stel­len, wenn es sich um klei­ne Tei­le eines erschie­ne­nen Wer­kes oder um ein­zel­ne Bei­trä­ge han­delt, die in Zei­tun­gen oder Zeit­schrif­ten erschie­nen sind, oder wenn es sich um ein seit min­des­tens zwei Jah­ren ver­grif­fe­nes Werk han­delt, und zwar jeweils unter der wei­te­ren Vor­aus­set­zung, dass die Ver­viel­fäl­ti­gung auf Papier oder einem ähn­li­chen Trä­ger mit­tels belie­bi­ger pho­to­me­cha­ni­scher Ver­fah­ren oder ande­rer Ver­fah­ren mit ähn­li­cher Wir­kung vor­ge­nom­men wird oder eine aus­schließ­lich ana­lo­ge Nut­zung statt­fin­det. Die­se Rege­lung setzt kei­nen bestimm­ten Zweck der Ver­viel­fäl­ti­gung vor­aus 17. Sie erfasst daher auch Ver­viel­fäl­ti­gun­gen "zur For­schung und für pri­va­te Stu­di­en" im Sin­ne von § 52b Abs. 1 UrhG.

Die Schran­ken­re­ge­lung des § 53 UrhG ent­hält kei­ne all­ge­mei­ne Ein­schrän­kung, wonach ein an elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich gemach­tes Werk nicht als Vor­la­ge für Ver­viel­fäl­ti­gun­gen benutzt wer­den darf 18. § 53 Abs. 1 Satz 1 UrhG bestimmt ledig­lich, dass zur Ver­viel­fäl­ti­gung kei­ne offen­sicht­lich rechts­wid­rig her­ge­stell­te oder öffent­lich zugäng­lich gemach­te Vor­la­ge ver­wen­det wer­den darf 19. Die­se Vor­aus­set­zung ist jedoch nicht erfüllt, wenn ein Werk – wie im Streit­fall – auf­grund der Schran­ken­re­ge­lung des § 52b UrhG und damit recht­mä­ßig zugäng­lich gemacht wor­den ist.

Die Ver­viel­fäl­ti­gung gra­phi­scher Auf­zeich­nun­gen von Wer­ken der Musik und die im wesent­li­chen voll­stän­di­ge Ver­viel­fäl­ti­gung eines Buches oder einer Zeit­schrift zum eige­nen Gebrauch ist aller­dings, soweit sie durch Aus­dru­cken oder Abspei­chern vor­ge­nom­men wird, gemäß § 53 Abs. 4 UrhG nur zuläs­sig, wenn es sich um ein seit min­des­tens zwei Jah­ren ver­grif­fe­nes Werk han­delt. Die Ver­le­ge­rin macht ohne Erfolg gel­tend, die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Bestim­mung lägen nicht vor. Das Land­ge­richt hat nicht fest­ge­stellt, dass Nut­zer der Lese­plät­ze das hier in Rede ste­hen­de Buch im wesent­li­chen voll­stän­dig ver­viel­fäl­tigt haben. Die Revi­si­on hat auch nicht gerügt, das Land­ge­richt habe ent­spre­chen­den Vor­trag der Ver­le­ge­rin über­gan­gen.

Die in § 53 UrhG zur Umset­zung der Aus­nah­men und Beschrän­kun­gen nach Art. 5 Abs. 2 Buchst. a oder b der Richt­li­nie 2001/​29/​EG auf­ge­führ­ten Ver­viel­fäl­ti­gungs­hand­lun­gen sind nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nur gestat­tet, sofern im Ein­zel­fall die in die­sen Bestim­mun­gen der Richt­li­nie nor­mier­ten Vor­aus­set­zun­gen, ein­schließ­lich die eines gerech­ten Aus­gleichs für den Rechts­in­ha­ber, erfüllt sind. Ent­ge­gen der Ansicht der Ver­le­ge­rin erhal­ten die Rechts­in­ha­ber für die hier in Rede ste­hen­den Ver­viel­fäl­ti­gun­gen einen gerech­ten Aus­gleich in Form einer ange­mes­se­nen Ver­gü­tung. Ist nach der Art eines Wer­kes zu erwar­ten, dass es nach § 53 Abs. 1 bis 3 UrhG ver­viel­fäl­tigt wird, so hat der Urhe­ber des Wer­kes gemäß §§ 54 ff. UrhG gegen den Her­stel­ler, den Händ­ler, den Impor­teur und den Betrei­ber von Gerä­ten und von Spei­cher­me­di­en, deren Typ allein oder in Ver­bin­dung mit ande­ren Gerä­ten, Spei­cher­me­di­en oder Zube­hör zur Vor­nah­me sol­cher Ver­viel­fäl­ti­gun­gen benutzt wird, Anspruch auf Zah­lung einer ange­mes­se­nen Ver­gü­tung. Damit ist auch für Ver­viel­fäl­ti­gun­gen von nach § 52b UrhG zugäng­lich gemach­ten Vor­la­gen eine ange­mes­se­ne Ver­gü­tung gewähr­leis­tet 20.

Die in § 53 UrhG zur Umset­zung der Aus­nah­men und Beschrän­kun­gen nach Art. 5 Abs. 2 Buchst. a oder b der Richt­li­nie 2001/​29/​EG auf­ge­führ­ten Ver­viel­fäl­ti­gungs­hand­lun­gen müs­sen nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on im Übri­gen den Vor­aus­set­zun­gen des Art. 5 Abs. 5 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG ent­spre­chen; folg­lich darf der Umfang der ver­viel­fäl­tig­ten Tex­te nicht die berech­tig­ten Inter­es­sen des Urhe­ber­rechts­in­ha­bers unge­bühr­lich ver­let­zen. Es ist nicht ersicht­lich, dass die hier in Rede ste­hen­den Ver­viel­fäl­ti­gun­gen die­se Anfor­de­run­gen nicht erfül­len. Die zahl­rei­chen ein­schrän­ken­den Vor­aus­set­zun­gen des § 53 UrhG hin­sicht­lich des Gegen­stands, des Umfangs und des Zwecks zuläs­si­ger Ver­viel­fäl­ti­gun­gen gewähr­leis­ten grund­sätz­lich, dass der Umfang der ver­viel­fäl­tig­ten Tex­te die berech­tig­ten Inter­es­sen des Urhe­ber­rechts­in­ha­bers nicht unge­bühr­lich ver­letzt.

Soweit die Nut­zer der elek­tro­ni­schen Lese­plät­ze zu einem Ver­viel­fäl­ti­gen der Wer­ke nicht berech­tigt wären und das dar­an bestehen­de Urhe­ber­recht ver­let­zen wür­den, käme zwar eine Haf­tung der Biblio­thek als Teil­neh­mer oder Stö­rer in Betracht. Da die Biblio­thek gemäß § 52b Satz 1 und 2 UrhG berech­tigt ist, die Wer­ke in der Wei­se an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich zu machen, dass die­se dort aus­ge­druckt und abge­spei­chert wer­den kön­nen, wür­de sie aller­dings nur haf­ten, wenn sie dar­über hin­aus in ande­rer Wei­se etwa durch pflicht­wid­ri­ges Unter­las­sen – dazu bei­trü­ge, dass Nut­zer an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich gemach­te Wer­ke unbe­fugt aus­dru­cken und abspei­chern.

Betrei­ber elek­tro­ni­scher Lese­plät­ze sind ver­pflich­tet, die ihnen mög­li­chen und zumut­ba­ren Vor­keh­run­gen zu tref­fen, um unbe­fug­te Ver­viel­fäl­ti­gun­gen von Wer­ken durch Nut­zer der elek­tro­ni­schen Lese­plät­ze zu ver­hin­dern 21. Eine Haf­tung der Biblio­thek käme daher etwa in Fra­ge, wenn sie die Nut­zer nicht dar­auf hin­wie­se, dass sie die an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen zugäng­lich gemach­ten Wer­ke nur unter den – näher zu bezeich­nen­den – Vor­aus­set­zun­gen des § 53 UrhG ver­viel­fäl­ti­gen dür­fen. Fer­ner käme eine Haf­tung der Biblio­thek in Betracht, wenn sie nicht durch ihr mög­li­che und zumut­ba­re Maß­nah­men dafür sorg­te, dass die Nut­zer – den Vor­aus­set­zun­gen des § 53 UrhG ent­spre­chend – nur ein­zel­ne Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke oder klei­ne Tei­le eines Wer­kes und kei­ne gra­phi­schen Auf­zeich­nun­gen von Wer­ken der Musik oder im wesent­li­chen voll­stän­di­gen Bücher oder Zeit­schrif­ten ver­viel­fäl­ti­gen. Inso­weit tref­fen die Biblio­thek, die die Mög­lich­keit zu Ver­viel­fäl­ti­gun­gen an den elek­tro­ni­schen Lese­plät­zen schafft, Kon­troll- und Über­wa­chungs­pflich­ten, um eine unbe­fug­te Ver­viel­fäl­ti­gung von Wer­ken durch Nut­zer mög­lichst weit­ge­hend aus­zu­schlie­ßen. Dar­über hin­aus könn­te ein Hin­weis der Biblio­thek an die Nut­zer gebo­ten sein, dass die auf­grund der Schran­ken­re­ge­lung des § 53 UrhG erstell­ten Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke gemäß § 53 Abs. 6 Satz 1 UrhG nicht ver­brei­tet wer­den dür­fen.

Da die Grund­sät­ze zur Aus­le­gung von Art. 5 Abs. 2 Buchst. a bis c, Abs. 3 Buchst. n und Abs. 5 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG im Streit­fall durch die ange­führ­te Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on geklärt sind und im Übri­gen kei­ne ver­nünf­ti­gen Zwei­fel bei der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts bestehen, ist ein wei­te­res Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 267 AEUV nicht gebo­ten 22.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. April 2015 – I ZR 69/​11

  1. BGH, GRUR 2013, 503 Rn. 23 – Elek­tro­ni­sche Lese­plät­ze I[]
  2. EuGH, GRUR 2014, 1078 Rn. 43 – TU Darmstadt/​Ulmer[]
  3. BGH, Urteil vom 26.11.2008 – VIII ZR 200/​05, BGHZ 179, 27 Rn. 21, mwN[]
  4. BT-Drs. 16/​1828, S. 21; vgl. auch Beschluss­emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses, BT-Drs. 16/​5939, S. 44[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 28.11.2013 – I ZR 76/​12, GRUR 2014, 549 Rn. 65 = WRP 2014, 699 – Mei­len­stei­ne der Psy­cho­lo­gie[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 26.11.2008 – VIII ZR 200/​05, BGHZ 179, 27 Rn. 21; Urteil vom 07.10.2009 – I ZR 80/​04, ZUM 2010, 429 Rn. 22 – PC III, mwN[]
  7. aA Jani, EuZW 2014, 868, 872 f.[]
  8. vgl. EuGH, GRUR 2014, 1078 Rn. 51 bis 53 – TU Darmstadt/​Ulmer[]
  9. EuGH, GRUR 2014, 1078 Rn. 55 – TU Darmstadt/​Ulmer[]
  10. aA Loewen­heim, GRUR 2014, 1057, 1059 f.[]
  11. vgl. Grün­ber­ger, GPR 2015, 91, 93[]
  12. EuGH, GRUR 2014, 1078 Rn. 56 TU Darmstadt/​Ulmer[]
  13. aA Jani, EuZW 2014, 868, 872 f.; Wel­ler, juris­PR-ITR 23/​2104 Anm. 5; vgl. auch Stein­hau­er, GRUR-Prax 2014, 471, 472[]
  14. zum – mit­tel­bar Erwerbs­zwe­cken die­nen­den – Ver­viel­fäl­ti­gen zu Aus­bil­dungs­zwe­cken vgl. BGH, GRUR 2014, 549 Rn. 72 – Mei­len­stei­ne der Psy­cho­lo­gie, mwN[]
  15. vgl. zum Ver­viel­fäl­ti­gen durch Stu­die­ren­de BGH, GRUR 2014, 549 Rn. 70 – Mei­len­stei­ne der Psy­cho­lo­gie, mwN[]
  16. vgl. BGH, GRUR 2014, 549 Rn. 70 – Mei­len­stei­ne der Psy­cho­lo­gie, mwN[]
  17. vgl. BGH, GRUR 2014, 549 Rn. 71 – Mei­len­stei­ne der Psy­cho­lo­gie, mwN[]
  18. vgl. zu unver­öf­fent­lich­ten und unvoll­ende­ten Wer­ken BGH, Urteil vom 19.03.2014 – I ZR 35/​13, GRUR 2014, 974 Rn. 13 bis 44 = WRP 2014, 1198 – Por­trät­kunst[]
  19. vgl. zur Anfer­ti­gung von Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken auf der Grund­la­ge von unrecht­mä­ßi­gen Quel­len EuGH, Urteil vom 10.04.2014 – C435/​12, GRUR 2014, 546 Rn.20 bis 58 = WRP 2014, 682 – ACI Adam/​Thuiskopie und SONT[]
  20. aA Jani, EuZW 2014, 872, 873[]
  21. vgl. zur Haf­tung der Betrei­ber von Foto­ko­pier­ge­rä­ten BGH, Urteil vom 09.06.1983 – I ZR 70/​81, GRUR 1984, 54, 55 – Kopier­lä­den I[]
  22. vgl. EuGH, Urteil vom 06.10.1982 Rs. 283/​81, Slg. 1982, 3415 = NJW 1983, 1257, 1258 C.I.L.F.I.T.[]