Ermä­ßi­gung der Notar­ge­büh­ren für mild­tä­ti­ge oder kirch­li­che Kör­per­schaf­ten

Es ist mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar, dass die Ermä­ßi­gung von Notar­ge­büh­ren nur sol­chen Kör­per­schaf­ten, Ver­ei­ni­gun­gen und Stif­tun­gen gewährt wird, die aus­schließ­lich mild­tä­ti­ge oder kirch­li­che, nicht aber gemein­nüt­zi­ge Zwe­cke ver­fol­gen.

Ermä­ßi­gung der Notar­ge­büh­ren für mild­tä­ti­ge oder kirch­li­che Kör­per­schaf­ten

Eine Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung gemäß § 144 Abs. 2 i.V.m. § 144 Abs. 1 Kos­tO schei­det aus, weil die Kos­ten­schuld­ne­rin weder mild­tä­ti­ge noch kirch­li­che Zwe­cke ver­folgt.

Gemäß § 144 Abs. 1 Kos­tO ermä­ßi­gen sich die Notar­ge­büh­ren unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen für die dort genann­ten Kos­ten­schuld­ner, ins­be­son­de­re Bund, Län­der, Gemein­den und Kir­chen. Die­se Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung ist gemäß § 144 Abs. 2 Kos­tO auch Kör­per­schaf­ten, Ver­ei­ni­gun­gen oder Stif­tun­gen zu gewäh­ren, die aus­schließ­lich und unmit­tel­bar mild­tä­ti­ge oder kirch­li­che Zwe­cke im Sin­ne der Abga­ben­ord­nung ver­fol­gen. Ein mild­tä­ti­ger Zweck setzt gemäß § 53 AO unter ande­rem die selbst­lo­se Unter­stüt­zung hilfs­be­dürf­ti­ger Per­so­nen vor­aus. Kirch­li­che Zwe­cke im Sin­ne des § 54 AO lie­gen in der selbst­lo­sen För­de­rung einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, die Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts ist.

Nach dem ein­deu­ti­gen Wort­laut erstreckt sich der Anwen­dungs­be­reich der Norm nicht auf die Kos­ten­schuld­ne­rin. Sie ver­folgt weder mild­tä­ti­ge noch kirch­li­che, son­dern mit der För­de­rung des Natur­schut­zes gemein­nüt­zi­ge Zwe­cke; dar­un­ter sind gemäß § 52 Abs. 1 Satz 1 AO Tätig­kei­ten zu ver­ste­hen, durch die die All­ge­mein­heit auf mate­ri­el­lem, geis­ti­gem oder sitt­li­chem Gebiet selbst­los geför­dert wird. Hier­zu gehö­ren unter ande­rem die För­de­rung des Natur­schut­zes und der Land­schafts­pfle­ge im Sin­ne des Bun­des­na­tur­schutz­ge­set­zes und der Natur­schutz­ge­set­ze der Län­der (§ 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 8 AO). Dass § 144 Abs. 2 Kos­tO nur auf die aus­drück­lich in der Norm genann­ten Zwe­cke anwend­bar ist, ent­spricht ein­hel­li­ger Auf­fas­sung in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur [1].

Eine ana­lo­ge Anwen­dung der Vor­schrift kommt nicht in Betracht, weil es an einer Rege­lungs­lü­cke fehlt.

Der Gesetz­ge­ber hat den Anwen­dungs­be­reich des § 144 Abs. 2 Kos­tO bewusst eng begrenzt. Dass er bei sei­ner Ver­wei­sung auf Bestim­mun­gen der Abga­ben­ord­nung die nahe­lie­gen­de Mög­lich­keit der Erstre­ckung auf gemein­nüt­zi­ge Ein­rich­tun­gen über­se­hen hat, erscheint aus­ge­schlos­sen. Für eine gewollt eng begrenz­te Reich­wei­te der Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung spricht dar­über hin­aus der Umstand, dass selbst eine mild­tä­ti­ge oder kirch­li­che Zweck­rich­tung nur dann begüns­tigt wird, wenn sie aus­schließ­lich und unmit­tel­bar ver­folgt wird (vgl. § 56, § 57 AO). Sogar Ein­rich­tun­gen, die nach ihrem Sat­zungs­zweck sowohl mild­tä­ti­ge als auch gemein­nüt­zi­ge Zwe­cke ver­fol­gen, ist des­halb kei­ne Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung zu gewäh­ren [2].

Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Norm bestä­tigt die­se Aus­le­gung. Mit der in § 144 Abs. 2 Kos­tO in der Fas­sung vom 15.06.1989 erst­mals ent­hal­te­nen Beschrän­kung der Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung auf Kör­per­schaf­ten, Ver­ei­ni­gun­gen und Stif­tun­gen, die aus­schließ­lich und unmit­tel­bar mild­tä­ti­ge oder kirch­li­che Zwe­cke ver­fol­gen, reagier­te der Gesetz­ge­ber auf eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 01.03.1978, mit der die Vor­gän­ger­re­ge­lung (§ 144 Abs. 3 Kos­tO idF vom 28.08.1969 [3]) teil­wei­se für nich­tig erklärt wor­den war. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hielt die damals wei­ter gefass­te Pflicht zur Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung für unver­ein­bar mit der Berufs­aus­übungs­frei­heit der Nota­re (Art. 12 Abs. 1 Satz 2 GG) [4]. Eine Ermä­ßi­gungs­pflicht müs­se aus Grün­den des All­ge­mein­wohls gerecht­fer­tigt und den Nota­ren zumut­bar sein; dies habe der Gesetz­ge­ber unter Ermitt­lung der Ein­kom­mens­aus­wir­kun­gen für die Nota­re kon­kret zu prü­fen [5]. Die­sen Vor­ga­ben woll­te der Gesetz­ge­ber gerecht wer­den und die Gebüh­ren­ver­güns­ti­gung in einem engen, den Notar mög­lichst wenig belas­ten­den Rah­men hal­ten [6]. Ange­sichts des­sen ist der sach­li­che und per­sön­li­che Gel­tungs­be­reich der Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung abschlie­ßend gere­gelt wor­den. Die Aus­deh­nung auf die weit gefass­te Ver­fol­gung gemein­nüt­zi­ger Zwe­cke im Sin­ne des § 52 AO lie­fe dem erklär­ten Ziel des Gesetz­ge­bers zuwi­der.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Kos­ten­schuld­ne­rin ist § 144 Abs. 2 Kos­tO mit Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar; eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens und Vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG) kommt nicht in Betracht.

Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG gebie­tet es dem Gesetz­ge­ber, wesent­lich Glei­ches gleich und wesent­lich Unglei­ches ungleich zu behan­deln [7]. Er gilt sowohl für unglei­che Belas­tun­gen als auch für unglei­che Begüns­ti­gun­gen. Ver­bo­ten ist daher auch ein gleich­heits­wid­ri­ger Begüns­ti­gungs­aus­schluss, bei dem einem Per­so­nen­kreis eine Begüns­ti­gung gewährt wird, einem ande­ren Per­so­nen­kreis die Begüns­ti­gung aber vor­ent­hal­ten bleibt. Je nach Rege­lungs­ge­gen­stand und Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­len erge­ben sich unter­schied­li­che Gren­zen für den Gesetz­ge­ber. Art. 3 Abs. 1 GG ist jeden­falls ver­letzt, wenn sich ein ver­nünf­ti­ger, aus der Natur der Sache erge­ben­der oder sonst­wie ein­leuch­ten­der Grund für die gesetz­li­che Dif­fe­ren­zie­rung oder Gleich­be­hand­lung nicht fin­den lässt. Dabei kommt es ent­schei­dend dar­auf an, in wel­chem Maß sich die Ungleich­be­hand­lung von Per­so­nen oder Sach­ver­hal­ten nach­tei­lig auf die Aus­übung grund­recht­lich geschütz­ter Frei­hei­ten aus­wir­ken kann. Nähe­re Maß­stä­be und Kri­te­ri­en dafür, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen im Ein­zel­fall der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz durch den Gesetz­ge­ber ver­letzt ist, las­sen sich nicht abs­trakt und all­ge­mein, son­dern nur bezo­gen auf die jeweils betrof­fe­nen unter­schied­li­chen Sach- und Rege­lungs­be­rei­che prä­zi­sie­ren [8].

Im Bereich der Notar­ge­büh­ren darf der Gesetz­ge­ber die aus­schließ­li­che Ver­fol­gung von mild­tä­ti­gen oder kirch­li­chen Zwe­cken gegen­über der Ver­fol­gung gemein­nüt­zi­ger Zwe­cke pri­vi­le­gie­ren.

Im Aus­gangs­punkt sind der Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung im Hin­blick auf die Grund­rech­te der Nota­re enge Gren­zen gesetzt; inso­weit besteht ein grund­le­gen­der Unter­schied zu Begüns­ti­gun­gen im Steu­er­recht. Denn wäh­rend der Staat auf eige­ne Ein­nah­men ver­zich­tet, wenn er steu­er­recht­li­che Pri­vi­le­gi­en gewährt, ver­pflich­ten Gebüh­ren­er­mä­ßi­gungs­vor­schrif­ten Nota­re dazu, beruf­li­che Leis­tun­gen für ein Ent­gelt zu erbrin­gen, das erheb­lich unter den Regel­ge­büh­ren liegt. Der­ar­ti­ge Nor­men sind ver­fas­sungs­recht­lich als Berufs­aus­übungs­re­ge­lun­gen im Sin­ne von Art. 12 Abs. 1 Satz 2 GG zu beur­tei­len und bedür­fen einer beson­de­ren Recht­fer­ti­gung [9].

Dem­ge­gen­über han­delt es sich auf Sei­ten der Kos­ten­schuld­ner um eine rela­tiv gering­fü­gi­ge finan­zi­el­le Erleich­te­rung, die in aller Regel nicht von exis­ten­ti­el­lem Gewicht ist. Aus die­sem Grund muss der Gesetz­ge­ber bei der Aus­wahl der begüns­tig­ten Kos­ten­schuld­ner ledig­lich das Ver­bot will­kür­li­cher Ungleich­be­hand­lung beach­ten.

Gemes­sen dar­an ist die durch § 144 Abs. 2 Kos­tO getrof­fe­ne Aus­wahl der pri­vi­le­gier­ten Zwe­cke nicht zu bean­stan­den.

Eine beson­de­re Behand­lung kirch­li­cher Zwe­cke im Sin­ne des § 54 AO begeg­net kei­nen Beden­ken, weil die geför­der­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, die Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts sind, dem beson­de­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz der Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel unter­lie­gen (Art. 140 GG i.V.m. Art. 136 bis 139, 141 WRV). Dar­aus folgt zwar kei­ne staat­li­che Ver­ant­wor­tung für die finan­zi­el­le Aus­stat­tung der Kir­chen und kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen, wohl aber eine Prä­fe­renz­po­si­ti­on, soweit der Staat mate­ri­el­le Ver­tei­lungs­funk­tio­nen wahr­nimmt [10]. Auch die Bevor­zu­gung der Ver­fol­gung kirch­li­cher Zwe­cke gegen­über den als gemein­nüt­zig ein­ge­stuf­ten reli­giö­sen Zwe­cken (§ 52 Abs. 2 Nr. 2 AO) hält sich noch in dem wei­ten Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers.

Eine Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung im Hin­blick auf mild­tä­ti­ge Zwe­cke recht­fer­tigt sich jeden­falls aus der Über­le­gung, dass die­se zum Kern­be­reich selbst­lo­ser Gemein­wohl­för­de­rung gehö­ren [11]. Ein­rich­tun­gen, die aus­schließ­lich mild­tä­ti­ge Zwe­cke ver­fol­gen, unter­stüt­zen Per­so­nen, die per­sön­lich oder wirt­schaft­lich hilfs­be­dürf­tig sind (vgl. § 53 AO). Damit decken sie einen Für­sor­ge­be­reich ab, der zu den selbst­ver­ständ­li­chen Pflich­ten des Sozi­al­staats gehört [12]. Zwar betref­fen auch die als gemein­nüt­zig ein­ge­stuf­ten Zwe­cke im All­ge­mei­nen wich­ti­ge staat­li­che Auf­ga­ben; dabei geht es aber auch und vor allem um eine qua­li­ta­ti­ve Ergän­zung und Berei­che­rung des staat­li­chen Leis­tungs­an­ge­bots in höchst unter­schied­li­chen und breit gefä­cher­ten Berei­chen (vgl. § 52 Abs. 2 AO) [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Juni 2013 – V ZB 130/​12

  1. Bay­O­bLGZ 1994, 271, 272; LG Arns­berg, Kir­chE 46, 361, 364; Schwarz in Korintenberg/​Lappe/​Bengel/​Reimann, Kos­tO, 18. Aufl., § 144 Rn. 12; Rohs in Rohs/​Wedewer, Kos­tO [2012], § 144 Rn. 7; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 42. Aufl., § 144 Rn. 17; Tiedtke/​Diehn, Notar­kos­ten im Grund­stücks­recht, 3. Aufl., Rn. 608; Fil­zek, Kos­tO, 4. Aufl., § 144 Rn. 6; Notar­kas­se Mün­chen, Streif­zug durch die Kos­ten­ord­nung, 9. Aufl., Rn. 658, 661[]
  2. Bay­O­bLGZ 1994, 271, 272; LG Arns­berg, Kir­chE 46, 361, 364 f.; Schwarz in Korintenberg/​Lappe/​Bengel/​Reimann, Kos­tO, 18. Aufl., § 144 Rn. 12; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 42. Aufl., § 144 Rn. 17; Tiedtke/​Diehn, Notar­kos­ten im Grund­stücks­recht, 3. Aufl., Rn. 608; Schmidt, Mitt­RhNotK 1989, 209, 210[]
  3. BGBl. I S. 1513[]
  4. BVerfGE 47, 285 ff.[]
  5. BVerfGE 47, 285, 318 ff.[]
  6. vgl. Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Rechts­aus­schus­ses vom 20.04.1989, BT-Drucks. 11/​4394, S. 10 f.; Gesetz­ent­wurf des Bun­des­ra­tes vom 19.05.1988, BT-Drucks. 11/​2343, S. 10 f.[]
  7. st. Rspr., vgl. BVerfGE 98, 365, 385 mwN[]
  8. st. Rspr., vgl. BVerfGE 110, 412, 432 f.; BVerfG, NJW 2013, 847 Rn. 72 jeweils mwN[]
  9. näher BVerfGE 47, 285, 321[]
  10. Rob­bers in Listl/​Pirson, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts I, 2. Aufl., S. 877 f.; vgl. auch Ehlers in Sachs, GG, 6. Aufl., Art. 140 Rn. 9; Maunz/​Dürig/​Korioth, GG [2013] Art. 140 Rn. 32[]
  11. vgl. Hüt­te­mann, Gemein­nüt­zig­keits- und Spen­den­recht, 2. Aufl., § 3 Rn. 157[]
  12. vgl. BVerfGE 40, 121, 133[]
  13. Hüt­te­mann, aaO, § 1 Rn. 82[]