Euro-Ret­tungs­schirm: vor­läu­fig kei­ne Über­tra­gung der Betei­li­gungs­rech­te des Bun­des­ta­ges

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat im Wege der Einst­wei­li­ge Anord­nung beschlos­sen, dass vor­läu­fig kei­ne Betei­li­gungs­rech­te des Bun­des­ta­ges auf das soge­nann­te 9‑er Son­der­gre­mi­um über­tra­gen wer­den.

Euro-Ret­tungs­schirm: vor­läu­fig kei­ne Über­tra­gung der Betei­li­gungs­rech­te des Bun­des­ta­ges

Am 26. Okto­ber 2011 hat der Bun­des­tag die neun Mit­glie­der des Gre­mi­ums gewählt (soge­nann­tes 9‑er Son­der­gre­mi­um).

Im Wege des Organ­streit­ver­fah­rens ver­bun­den mit einem Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung wen­den sich die Antrag­stel­ler, Abge­ord­ne­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges, gegen die mit der Geset­zes­än­de­rung ein­ge­führ­te Neu­re­ge­lung der Betei­li­gung des Bun­des­ta­ges. Sie sehen sich durch die Dele­ga­ti­on der par­la­men­ta­ri­schen Haus­halts­ver­ant­wor­tung auf das 9‑er Son­der­gre­mi­um in ihrem Abge­ord­ne­ten­sta­tus gemäß Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG ver­letzt.

Der "Euro-Ret­tungs­schirm" wur­de als Reak­ti­on Reak­ti­on auf die Staats­schul­den­kri­se im Gebiet der Euro­päi­schen Wäh­rungs­uni­on von deren Mit­glied­staa­ten geschaf­fen. Im Rah­men des Ret­tungs­schirms ist eine pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­te Zweck­ge­sell­schaft, die Euro­päi­sche Finanz­sta­bi­li­sie­rungs­fa­zi­li­tät (EFSF) gegrün­det wor­den. Die­se Zweck­ge­sell­schaft erhält garan­tien von den Euro-Mit­glied­staa­ten, um die Mit­tel an den Kapi­tal­märk­ten auf­zu­neh­men, die sie für über­schul­de­te Mit­glied­staa­ten bereit­stellt. Mit dem Gesetz zur Über­nah­me von Gewähr­leis­tun­gen im Rah­men eines euro­päi­schen Sta­bi­li­sie­rungs­me­cha­nis­mus (Sta­bi­li­sie­rungs­me­cha­nis­mus­ge­setz – Stab­MechG) vom 22. Mai 2010 leg­te der Bun­des­ge­setz­ge­ber auf natio­na­ler Ebe­ne die Vor­aus­set­zun­gen für die Leis­tung finan­zi­el­len Bei­stands fest.

Im Mai/​Juli 2011 kamen die Mit­glied­staa­ten über­ein, die ver­ein­bar­te maxi­ma­le Dar­le­hens­ka­pa­zi­tät der EFSF von 440 Mil­li­ar­den Euro in vol­lem Umfang bereit­zu­stel­len und die EFSF mit wei­te­ren, fle­xi­ble­ren Instru­men­ten zur Bewäl­ti­gung der Staats­schul­den­kri­se und der gestie­ge­nen Anste­ckungs­ge­fah­ren unter den Euro-Mit­glied­staa­ten aus­zu­stat­ten. Die euro­päi­schen Ver­ein­ba­run­gen wur­den in Deutsch­land durch das am 14. Okto­ber 2011 in Kraft getre­te­ne Gesetz zur Ände­rung des Sta­bi­li­sie­rungs­me­cha­nis­mus­ge­set­zes umge­setzt, das nun­mehr einen auf rund 211 Mil­li­ar­den Euro erhöh­ten Gewähr­leis­tungs­rah­men der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor­sieht, die erwei­ter­ten Instru­men­te der EFSF defi­niert und die Vor­aus­set­zun­gen ihres Ein­sat­zes fest­legt.

Zudem wur­den die Betei­li­gungs­rech­te des Bun­des­ta­ges neu gere­gelt. Danach bedür­fen Ent­schei­dun­gen des deut­schen Ver­tre­ters in der EFSF grund­sätz­lich der Zustim­mung des Bun­des­ta­ges. In Fäl­len beson­de­rer Eil­be­dürf­tig­keit und Ver­trau­lich­keit soll die­ses Betei­li­gungs­recht jedoch gemäß § 3 Abs. 3 Stab­MechG von einem neu zu schaf­fen­den Gre­mi­um aus­ge­übt wer­den, deren Mit­glie­der aus den gegen­wär­tig 41 Mit­glie­dern des Haus­halts­aus­schus­ses zu wäh­len sind. Bei Not­maß­nah­men zur Ver­hin­de­rung von Anste­ckungs­ge­fah­ren soll nach der Neu­re­ge­lung regel­mä­ßig beson­de­re Eil­be­dürf­tig­keit oder Ver­trau­lich­keit vor­lie­gen. In allen übri­gen Fäl­len kann bei­des von der Bun­des­re­gie­rung gel­tend gemacht wer­den. Hier­ge­gen steht dem Haus­halts­aus­schuss ein Wider­spruchs­recht zu, das nur mit Mehr­heit aus­ge­übt wer­den kann, um wie­der eine Zustim­mungs­kom­pe­tenz des gesam­ten Bun­des­ta­ges zu errei­chen. Dar­über hin­aus kön­nen nach § 5 Abs. 7 Stab­MechG die Unter­rich­tungs­rech­te des Bun­des­ta­ges auf das Gre­mi­um über­tra­gen wer­den.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat im Wege der einst­wei­li­gen Anord­nung ent­schie­den, dass bis zur Ent­schei­dung im Organ­streit­ver­fah­ren die Betei­li­gungs­rech­te des Bun­des­ta­ges nicht durch das neu kon­sti­tu­ier­te Gre­mi­um wahr­ge­nom­men wer­den dür­fen.

Die für den Erlass der einst­wei­li­gen Anord­nung erfor­der­li­che Fol­gen­ab­wä­gung ergibt, dass den Antrag­stel­lern gewich­ti­ge Nach­tei­le ent­stün­den, wenn die einst­wei­li­ge Anord­nung nicht ergin­ge und sich das Organ­streit­ver­fah­ren spä­ter als begrün­det erwie­se. Sie könn­ten zwi­schen­zeit­lich in ihren Sta­tus­rech­ten als Abge­ord­ne­te aus Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG irrever­si­bel ver­letzt wer­den. Denn bis zur Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che könn­te das Son­der­gre­mi­um Ent­schei­dun­gen tref­fen, die die Sta­tus­rech­te der Antrag­stel­ler im Hin­blick auf die haus­halts­po­li­ti­sche Gesamt­ver­ant­wor­tung des Bun­des­ta­ges berüh­ren, so etwa indem es die Zustim­mung zu einer Not­maß­nah­me der EFSF auf Antrag eines Mit­glied­staa­tes der Euro-Zone erteil­te. Die­se mög­li­che Rechts­ver­let­zung wäre durch eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in der Haupt­sa­che nicht mehr rück­gän­gig zu machen, da die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nach erfolg­ter Zustim­mung völ­ker­recht­lich bin­den­de Ver­pflich­tun­gen ein­ge­gan­gen wäre. Dem­ge­gen­über wie­gen die Nach­tei­le weni­ger schwer, die ent­stün­den, wenn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die begehr­te einst­wei­li­ge Anord­nung erlie­ße, in der Haupt­sa­che aber dem Antrag im Organ­streit­ver­fah­ren der Erfolg zu ver­sa­gen wäre. Die Nicht­aus­übung der Mit­wir­kungs- und Unter­rich­tungs­rech­te durch das Son­der­gre­mi­um bis zur Haupt­sa­che­ent­schei­dung führ­te nicht dazu, dass die erfor­der­li­che Hand­lungs­fä­hig­keit der Bun­des­re­gie­rung in die­sem Zeit­raum nicht gewähr­leis­tet wäre. Viel­mehr kann die Bun­des­re­gie­rung jeder­zeit not­wen­di­ge Zustim­mun­gen gegen­über dem Deut­schen Bun­des­tag bean­tra­gen, über die dann das Ple­num ent­schei­det.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 27. Okto­ber 2011 – 2 BvE 8/​11