Fach­an­walt für Ver­kehrs­recht – und die Fall­zah­len

Für den Nach­weis der prak­ti­schen Erfah­run­gen auf dem Gebiet des Ver­kehrs­rechts kön­nen nur sol­che ver­si­che­rungs­recht­li­chen Fäl­le her­an­ge­zo­gen wer­den, die einen Bezug zum Stra­ßen­ver­kehr auf­wei­sen.

Fach­an­walt für Ver­kehrs­recht – und die Fall­zah­len

Nach § 5 Abs. 1 lit. k FAO setzt der Erwerb der für die Bezeich­nung "Fach­an­walt für Ver­kehrs­recht" nach­zu­wei­sen­den beson­de­ren prak­ti­schen Erfah­run­gen vor­aus, dass der Rechts­an­walt inner­halb der letz­ten drei Jah­ren vor der Antrag­stel­lung per­sön­lich und wei­sungs­frei 160 Fäl­le bear­bei­tet hat, davon min­des­tens 60 gericht­li­che Ver­fah­ren. Die Fäl­le müs­sen sich auf min­des­tens drei ver­schie­de­ne Berei­che des § 14d Nr. 1 bis 4 FAO bezie­hen; auf jeden der drei Berei­che müs­sen min­des­tens fünf Fäl­le ent­fal­len. Einer die­ser Berei­che wird mit den Wor­ten "Ver­si­che­rungs­recht, ins­be­son­de­re das Recht der Kraft­fahrt­ver­si­che­rung, der Kas­ko­ver­si­che­rung sowie Grund­zü­ge der Per­so­nen­ver­si­che­rung" umschrie­ben (§ 14d Nr. 2 FAO).

Der in § 14d Nr. 2 FAO ver­wand­te Begriff des Ver­si­che­rungs­rechts ent­spricht nicht dem­je­ni­gen des § 14a FAO. Die Vor­schrift des § 14a FAO ent­hält kei­ne auch für § 14d Nr. 2 FAO ver­bind­li­che Legal­de­fi­ni­ti­on des Begriffs "Ver­si­che­rungs­recht".

§ 14a FAO beschreibt in ins­ge­samt neun Unter­punk­ten die­je­ni­gen Rechts­ge­bie­te, in denen für das Fach­ge­biet Ver­si­che­rungs­recht beson­de­re Kennt­nis­se nach­zu­wei­sen sind: all­ge­mei­nes Ver­si­che­rungs­ver­trags­recht und Beson­der­hei­ten der Pro­zess­füh­rung, Recht der Ver­si­che­rungs­auf­sicht, Grund­zü­ge des inter­na­tio­na­len Ver­si­che­rungs­rechts, Trans­port und Spe­di­ti­ons­ver­si­che­rungs­recht, Sach­ver­si­che­rungs­recht, Recht der pri­va­ten Per­so­nen­ver­si­che­rung, Haft­pflicht­ver­si­che­rungs­recht, Rechts­schutz­ver­si­che­rung, Grund­zü­ge des Ver­trau­ens­scha­den- und Kre­dit­ver­si­che­rungs­rechts. Wenn die Ansicht des Klä­gers zuträ­fe, der Begriff des Ver­si­che­rungs­rechts also dem­je­ni­gen in § 14a FAO ent­sprä­che, wären auch für den Titel eines Fach­an­walts für Ver­kehrs­recht beson­de­re Kennt­nis­se in allen neun auf­ge­führ­ten Berei­chen erfor­der­lich. Ein sach­li­cher Grund dafür, dem Bewer­ber um den Titel eines Fach­an­walts für Ver­kehrs­recht der­art umfas­sen­de Kennt­nis­se des Ver­si­che­rungs­rechts abzu­ver­lan­gen, ist jedoch nicht ersicht­lich. Über­dies wären die in § 5 Abs. 1 lit. h FAO einer­seits, in § 5 Abs. 1 lit. k FAO ande­rer­seits vor­ge­se­he­nen Fall­zah­len und die jeweils ange­ord­ne­te Ver­tei­lung der Fäl­le auf ein­zel­ne Berei­che nicht ver­ständ­lich.

Fol­ge­rich­tig hat der Sat­zungs­ge­ber davon abge­se­hen, den für das Fach­ge­biet Ver­kehrs­recht maß­geb­li­chen Begriff des Ver­si­che­rungs­rechts durch eine Ver­wei­sung auf § 14a FAO zu bestim­men. Er hat ihn viel­mehr durch eine bei­spiel­haf­te Auf­zäh­lung – das Recht der Kraft­fahrt­ver­si­che­rung, der Kas­ko­ver­si­che­rung sowie Grund­zü­ge der Per­so­nen­ver­si­che­run­gen – erläu­tert, die im Zusam­men­hang mit dem Stra­ßen­ver­kehr und mit Ver­kehrs­un­fäl­len ste­hen und im Rah­men eines ver­kehrs­recht­li­chen Man­dats Bedeu­tung erlan­gen kön­nen. Der Klä­ger meint und der Anwalts­ge­richts­hof hat erwo­gen, dass den genann­ten Bei­spie­len kei­ner­lei beschrän­ken­de Wir­kung zukom­me. Damit wird jedoch ver­kannt, dass § 14d Nr. 2 FAO Teil der Vor­schrift des § 14d FAO ist, die sich aus­schließ­lich mit dem Fach­ge­biet Ver­kehrs­recht befasst. Einer ähn­li­chen Rege­lungs­tech­nik unter­liegt § 14d Nr. 5 FAO. Der hier ohne Ein­schrän­kun­gen oder Erläu­te­run­gen ver­wand­te Begriff der "Beson­der­hei­ten der Ver­fah­rens- und Pro­zess­füh­rung" kann sich im Zusam­men­hang mit der Vor­schrift des § 14d FAO nur auf Ver­fah­ren und Pro­zes­se im Rah­men eines ver­kehrs­recht­li­chen Man­dats bezie­hen. Die genann­te For­mu­lie­rung fin­det sich so oder ähn­lich auch in ande­ren Vor­schrif­ten der Fach­an­walts­ord­nung (vgl. etwa § 14b Nr. 9 FAO für das Fach­ge­biet des Medi­zin­rechts). Sie ist jeweils im Lich­te der­je­ni­gen Vor­schrift aus­zu­le­gen, wel­cher sie ange­hört.

Hat der Bewer­ber nur sol­che Kennt­nis­se des Ver­si­che­rungs­rechts nach­zu­wei­sen, die für die Bear­bei­tung eines ver­kehrs­recht­li­chen Fal­les von Bedeu­tung sein kön­nen, heißt das zugleich, dass ver­si­che­rungs­recht­li­che Fäl­le, die kei­nen Bezug zu einem ver­kehrs­recht­li­chen Vor­gang haben, nicht geeig­net sind, die in der Fach­an­walts­ord­nung ver­lang­ten beson­de­ren ver­kehrs­recht­li­chen Kennt­nis­se nach­zu­wei­sen 1. Nur die­ses Ergeb­nis ent­spricht den Erwar­tun­gen des recht­su­chen­den Publi­kums, für wel­ches die Fach­an­walts­be­zeich­nun­gen maß­geb­lich bestimmt sind. Der Rechts­an­walt, der eine Fach­an­walts­be­zeich­nung führt, weist damit auf Spe­zi­al­kennt­nis­se hin, über die er im Unter­schied zu ande­ren Rechts­an­wäl­ten ver­fügt, die kei­ne Fach­an­walts­be­zeich­nung füh­ren dür­fen 2. Wer einen Fach­an­walt für Ver­kehrs­recht auf­sucht, rech­net nicht damit, dass die­ser sei­ne beson­de­ren prak­ti­schen Erfah­run­gen zu einem wesent­li­chen Teil auf Teil­ge­bie­ten des Ver­si­che­rungs­rechts gesam­melt hat, die in kei­ner­lei Zusam­men­hang mit einem ver­kehrs­recht­li­chen Vor­gang stan­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Okto­ber 2014 – AnwZ (Brfg) 85/​13

  1. im Ergeb­nis eben­so Ber­li­ner Emp­feh­lun­gen 2006, BRAK-Mitt.2006, 274, 275 Nr. 8; Wei­de, SVR 2010, 71, 73; Hartung/​Scharmer, BORA/​FAO, 5. Aufl., § 5 FAO Rn. 178; aA wohl Offer­mann-Burck­art in Henssler/​Prütting, BRAO, 4. Aufl., § 5 FAO Rn. 143[]
  2. BGH, Urteil vom 25.11.2013 – AnwZ (Brfg) 44/​12, NJW-RR 2014, 751 Rn. 11 m.w.N.[]