Framing frem­der Inter­net­sei­ten

Der Betrei­ber einer Inter­net­sei­te begeht kei­ne Urhe­ber­rechts­ver­let­zung, wenn er urhe­ber­recht­lich geschütz­te Inhal­te, die auf einer ande­ren Inter­net­sei­te mit Zustim­mung des Rechts­in­ha­bers für alle Inter­net­nut­zer zugäng­lich sind, im Wege des „Framing” in sei­ne eige­ne Inter­net­sei­te ein­bin­det.

Framing frem­der Inter­net­sei­ten

Die Klä­ge­rin, die Was­ser­fil­ter­sys­te­me her­stellt und ver­treibt, ließ zu Wer­be­zwe­cken einen etwa zwei Minu­ten lan­gen Film mit dem Titel „Die Rea­li­tät” her­stel­len, der sich mit der Was­ser­ver­schmut­zung befasst. Sie ist Inha­be­rin der aus­schließ­li­chen urhe­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rech­te an die­sem Film. Der Film war – nach dem Vor­brin­gen der Klä­ge­rin ohne ihre Zustim­mung – auf der Video­platt­form „You­Tube” abruf­bar.

Die bei­den Beklag­ten sind als selb­stän­di­ge Han­dels­ver­tre­ter für ein mit der Klä­ge­rin im Wett­be­werb ste­hen­des Unter­neh­men tätig. Sie unter­hal­ten jeweils eige­ne Inter­net­sei­ten, auf denen sie für die von ihnen ver­trie­be­nen Pro­duk­te wer­ben. Im Som­mer 2010 ermög­lich­ten sie den Besu­chern ihrer Inter­net­sei­ten, das von der Klä­ge­rin in Auf­trag gege­be­ne Video im Wege des „Framing” abzu­ru­fen. Bei einem Klick auf einen Link wur­de der Film vom Ser­ver der Video­platt­form „You­Tube” abge­ru­fen und in einem auf den Web­sei­ten der Beklag­ten erschei­nen­den Rah­men („Frame”) abge­spielt. Die Klä­ge­rin ist der Auf­fas­sung, die Beklag­ten hät­ten das Video damit unbe­rech­tigt öffent­lich zugäng­lich gemacht. Sie hat die Beklag­ten daher auf Zah­lung von Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Mün­chen – I hat die Beklag­ten antrags­ge­mäß zur Zah­lung von Scha­dens­er­satz in Höhe von je 1.000 € an die Klä­ge­rin ver­ur­teilt1, auf die Beru­fung der Beklag­ten hat dage­gen das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen die Kla­ge abge­wie­sen2

Mit der vom Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen im Beru­fungs­ur­teil zuge­las­se­nen Revi­si­on begehr­te die Klä­ge­rin vor dem Bun­des­ge­richts­hof die Wie­der­her­stel­lung des land­ge­richt­li­chen Urteils. Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te dar­auf­hin die Ver­fah­ren zunächst aus­ge­setzt und dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Vor­ab­ent­schei­dung uni­ons­recht­li­cher Rechts­fra­gen vor­ge­legt3. Nach­dem der Uni­ons­ge­richts­hof die­se Rechts­fra­gen im Okto­ber 2014 ent­schie­den hat4, hat der Bun­des­ge­richts­hof nun­mehr das Mün­che­ner Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen zurück­ver­wie­sen.

Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat, so der Bun­des­ge­richts­hof, mit Recht ange­nom­men, dass die blo­ße Ver­knüp­fung eines auf einer frem­den Inter­net­sei­te bereit­ge­hal­te­nen Wer­kes mit der eige­nen Inter­net­sei­te im Wege des „Framing” kein öffent­li­ches Zugäng­lich­ma­chen im Sin­ne des § 19a UrhG dar­stellt, weil allein der Inha­ber der frem­den Inter­net­sei­te dar­über ent­schei­det, ob das auf sei­ner Inter­net­sei­te bereit­ge­hal­te­ne Werk der Öffent­lich­keit zugäng­lich bleibt. Eine sol­che Ver­knüp­fung ver­letzt auch bei einer im Blick auf Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft gebo­te­nen richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung des § 15 Abs. 2 UrhG grund­sätz­lich kein unbe­nann­tes Ver­wer­tungs­recht der öffent­li­chen Wie­der­ga­be. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat auf das im vor­lie­gen­den Rechts­streit ein­ge­reich­te Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­ge­richts­hofs aus­ge­führt, es lie­ge kei­ne öffent­li­che Wie­der­ga­be vor, wenn auf einer Inter­net­sei­te anklick­ba­re Links zu Wer­ken bereit­ge­stellt wür­den, die auf einer ande­ren Inter­net­sei­te mit Erlaub­nis der Urhe­ber­rechts­in­ha­ber für alle Inter­net­nut­zer frei zugäng­lich sei­en. Das gel­te auch dann, wenn das Werk bei Ankli­cken des bereit­ge­stell­ten Links in einer Art und Wei­se erschei­ne, die den Ein­druck ver­mit­te­le, dass es auf der Sei­te erschei­ne, auf der sich die­ser Link befin­de, obwohl es in Wirk­lich­keit einer ande­ren Sei­te ent­stam­me4.

Den Aus­füh­run­gen des Uni­ons­ge­richtsh­fos ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs aller­dings zu ent­neh­men, dass in sol­chen Fäl­len eine öffent­li­che Wie­der­ga­be erfolgt, wenn kei­ne Erlaub­nis des Urhe­ber­rechts­in­ha­bers vor­liegt. Danach hät­ten die Beklag­ten das Urhe­ber­recht am Film ver­letzt, wenn die­ser ohne Zustim­mung des Rechts­in­ha­bers bei „You­Tube” ein­ge­stellt war.

Dazu hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen in sei­nem Beru­fungs­ur­teil kei­ne Fest­stel­lun­gen getrof­fen. Der Bun­des­ge­richts­hof BGH hat des­halb das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen zurück­ver­wie­sen, damit die­ses die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen tref­fen kann.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat erwo­gen, das Ver­fah­ren erneut bis zur Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs in dem vom Hoge Raad der Nie­der­lan­de am 7.04.2015 ein­ge­reich­ten Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen in der Rechts­sa­che C160/​15 – GS Media BV/​Sanoma Media Nether­lands BV u.a. aus­zu­set­zen. Der Hoge Raad hat dem Uni­ons­ge­richts­hof die Fra­ge vor­ge­legt, ob von einer öffent­li­chen Wie­der­ga­be aus­zu­ge­hen ist, wenn das Werk auf der ande­ren Inter­net­sei­te ohne Zustim­mung des Rechts­in­ha­bers zugäng­lich gemacht wor­den ist. Der Bun­des­ge­richts­hof hat gleich­wohl von einer Aus­set­zung des Ver­fah­rens abge­se­hen. Mit einer Ent­schei­dung des EuGH in dem ihm vom Hoge Raad vor­ge­leg­ten Ver­fah­ren ist frü­hes­tens in einem Jahr zu rech­nen. Auf die dem EuGH in jenem Ver­fah­ren gestell­te Fra­ge kommt es im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nur an, wenn der Film ohne Zustim­mung des Rechts­in­ha­bers bei „You­Tube” ein­ge­stellt war. Es ist daher nicht ange­bracht, das Ver­fah­ren ohne Klä­rung der Fra­ge aus­zu­set­zen, ob der Film ohne Zustim­mung des Rechts­in­ha­bers bei „You­Tube” ein­ge­stellt war.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Juli 2015 – I ZR 46/​12 – Die Rea­li­tät II

  1. LG Mün­chen I, Urteil vom 02.02.2011 – 37 O 15777/​10
  2. OLG Mün­chen, Urteil vom 16.02.2012 – 6 U 1092/​11, ZUM-RD 2013, 398
  3. BGH, Beschluss vom 16.05.2013 – I ZR 46/​12, GRUR 2013, 818 = WRP 2013, 1047 – Die Rea­li­tät I
  4. EuGH, Beschluss vom 21.10.2014 – C348/​13, GRUR 2014, 1196 = WRP 2014, 1441 – Best­Wa­ter International/​Mebes und Potsch