Das Bundesverfassungsgericht hat die Verfassungsbeschwerden eines Unternehmens der Wurstherstellung und mehrerer Zeitarbeitsunternehmen nicht zur Entscheidung angenommen, die sich gegen das Verbot richteten, in der Fleischwirtschaft Personal als Werkvertragsbeschäftigte oder in Leiharbeit einzusetzen.

Die beschwerdeführenden Unternehmen sahen sich hierdurch in ihrem Grundrecht der Berufsfreiheit verletzt; das Unternehmen der Wurstherstellung rügte zudem eine nicht zu rechtfertigende Ungleichbehandlung mit anderen Branchen. Die Begründung der Verfassungsbeschwerden genügten nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts jedoch nicht den gesetzlichen Anforderungen und waren daher unzulässig:
Die Beschwerdeführenden rügen mit ihren Verfassungsbeschwerden die Verletzung ihrer Berufsfreiheit (Art. 12 Abs. 1 GG) durch das Fremdpersonalverbot in der Fleischwirtschaft auf Grund des Arbeitsschutzkontrollgesetzes. In dem Verfahren 1 BvR 2888/20 wird zudem eine Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes (Art. 3 Abs. 1 GG) gerügt.
Am 30.12.2020 wurde das Gesetz zur Verbesserung des Vollzugs im Arbeitsschutz vom 22.12.2020 („Arbeitsschutzkontrollgesetz„, im Folgenden: ASKG) veröffentlicht. Neben Änderungen des Arbeitsschutzgesetzes schließt es insbesondere bestimmte Beschäftigungsformen in der Fleischwirtschaft aus. Hierzu wurden in das Gesetz zur Sicherung von Arbeitnehmerrechten in der Fleischwirtschaft (im Folgenden: GSA Fleisch) neue Regelungen eingefügt. Zentral und Gegenstand der hier zu entscheidenden Verfassungsbeschwerden sind §§ 6a und 7 GSA Fleisch. Der neue § 6a enthält ein Fremdpersonalverbot für die Fleischwirtschaft und § 7 regelt Bußgeldtatbestände im Falle des Verstoßes.
§ 6a Abs. 2 GSA Fleisch verbietet es den Unternehmen ab dem 1.01.2021, die Schlachtung, Zerlegung und Fleischverarbeitung durch Selbstständige erledigen zu lassen, also mit Hilfe der bisher in weitem Umfang eingesetzten Werkvertragsunternehmen. Diese Arbeiten dürfen nur noch durch eigenes Personal ausgeführt werden. Mit Wirkung ab 1.04.2021 schränkt § 6a Abs. 3 GSA Fleisch zudem die Leiharbeit in diesen Bereichen der Fleischwirtschaft ein und untersagt sie ab dem 1.04.2024. Zur Kontrolle werden in § 6b GSA Fleisch neue Befugnisse der Zollverwaltungsbehörden geschaffen.
Dies gilt nach § 2 Abs. 1 Satz 2 GSA Fleisch für Betriebe der Fleischwirtschaft im Sinne von § 6 Abs. 9 des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes (AEntG). Dies sind Betriebe und selbstständige Betriebsabteilungen, in denen überwiegend geschlachtet oder Fleisch verarbeitet wird oder die ihre Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen überwiegend in Betrieben der Fleischwirtschaft einsetzen. Gemäß § 2 Abs. 2 GSA Fleisch gelten die Regelungen in §§ 6 bis 6b GSA Fleisch aber nicht für Handwerksbetriebe mit bis zu 49 Beschäftigten.
Die Beschwerdeführenden sind ein Unternehmen der Wurstherstellung sowie Zeitarbeitsunternehmen, die bis zum 1.04.2021 in unterschiedlichem Umfang Beschäftigte in Schlacht, Zerlege- und Fleischverarbeitungsbetriebe überließen.
- Die Beschwerdeführerin im ersten Verfahren1 ist ein Unternehmen der Wurstherstellung mit etwa 650 Beschäftigten. An ihrem Produktionsstandort erfolgt die Warenannahme der Rohstoffe mit Qualitätsprüfung, das Kuttern, das Füllen der Wurst in künstliche Därme, das Räuchern und Trocknen, das Schneiden und automatische Verpacken, sowie der Versand mit der Logistik. Für den Arbeitsschritt Schneiden und Verpacken habe sie bis zum 31.12.2020 insgesamt 300 Arbeitskräfte eines Werkvertragsunternehmens eingesetzt, das diese ausgebildet und in die Arbeitsschritte eingewiesen habe. Diese Zusammenarbeit habe sie ab dem 1.01.2021 in Form der Leiharbeit fortgesetzt.
- Die Beschwerdeführenden in fünf weiteren den Verfahren2 sind Zeitarbeitsunternehmen. Die Belegschaften aller beschwerdeführenden Zeitarbeitsunternehmen hätten sich seit dem 1.04.2021 zum Teil stark verringert. Die Beschäftigten seien zu schlechteren Bedingungen von den Einsatzbetrieben übernommen oder an andere Kunden vermittelt worden. Die beschwerdeführenden Zeitarbeitsunternehmen versuchten nun, ihre Arbeitnehmerüberlassung auf andere Branchen zu übertragen oder, soweit sie bereits vor dem 1.04.2021 auch in anderen Branchen tätig gewesen seien, dies auszubauen.
Die Beschwerdeführenden rügen, dass das Fremdpersonalverbot sie in ihrem Grundrecht der Berufsfreiheit aus Art. 12 Abs. 1 GG verletze; das beschwerdeführende Unternehmen der Wurstherstellung rügt zudem eine nicht zu rechtfertigende Ungleichbehandlung mit anderen Branchen.
Das Bundesverfassungsgericht hat die sechs Verfassungsbeschwerden nicht zur Entscheidung angenommen (§ 93a Abs. 2 BVerfGG). Ihnen komme, so das Bundesverfassungsgericht, keine grundsätzliche Bedeutung zu. Auch sei ihre Annahme nicht zur Durchsetzung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genannten Rechte der Beschwerdeführenden angezeigt. Die Verfassungsbeschwerden hätten keine hinreichende Aussicht auf Erfolg, da sie unzulässig seien.
Dabei konnte es für das Bundesverfassungsgericht offenbleiben, ob die Anforderungen an die Subsidiarität der Verfassungsbeschwerden (vgl. § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG) gewahrt sind. Auch vor der Erhebung von Rechtssatzverfassungsbeschwerden sind nach dem Grundsatz der Subsidiarität grundsätzlich alle Mittel zu ergreifen, die der geltend gemachten Grundrechtsverletzung abhelfen können. Entscheidend ist, ob die fachgerichtliche Klärung erforderlich ist, um zu vermeiden, dass das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidungen auf ungesicherter Tatsachen- und Rechtsgrundlage trifft3; das Bundesverfassungsgericht soll auch keine Aussagen über den Inhalt einer einfachgesetzlichen Regelung treffen müssen, solange sich hierzu noch keine gefestigte Rechtsprechung der Fachgerichte entwickelt hat4.
Wenn sich eine Verfassungsbeschwerde unmittelbar gegen ein Gesetz wendet, kann daher auch die Erhebung einer Feststellungs- oder Unterlassungsklage zu den zuvor zu ergreifenden Rechtsbehelfen gehören. Das ist selbst dann nicht ausgeschlossen, wenn die Vorschriften abschließend gefasst sind und die fachgerichtliche Prüfung günstigstenfalls dazu führen kann, dass das angegriffene Gesetz gemäß Art. 100 Abs. 1 GG dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt wird. Erst recht müssen die Fachgerichte vorher angerufen werden, wenn die angegriffenen Vorschriften auslegungsbedürftige und -fähige Rechtsbegriffe enthalten, von deren Auslegung und Anwendung es maßgeblich abhängt, inwieweit Beschwerdeführende durch die angegriffenen Vorschriften tatsächlich und rechtlich beschwert sind5.
Nur soweit die Beurteilung einer Norm allein spezifisch verfassungsrechtliche Fragen aufwirft, die das Bundesverfassungsgericht zu beantworten hat, ohne dass von einer vorausgegangenen fachgerichtlichen Prüfung verbesserte Entscheidungsgrundlagen zu erwarten wären, bedarf es einer vorangehenden fachgerichtlichen Entscheidung nicht6. Außerdem ist es zur Wahrung des Grundsatzes der Subsidiarität nicht erforderlich, vor Erhebung einer Verfassungsbeschwerde gegen eine bußgeldbewehrte Rechtsnorm zu verstoßen und sich dem Risiko einer entsprechenden Ahndung auszusetzen, um dann im Bußgeldverfahren die Verfassungswidrigkeit der Norm geltend machen zu können7.
Die hier beschwerdeführenden Unternehmen haben die Fachgerichte bislang nicht angerufen. Sie wenden sich jedoch gegen ein neues Gesetz, dessen Auslegung und Anwendung auf sie bislang nicht geklärt ist. Was als Betrieb der Fleischwirtschaft im Sinne des § 2 Abs. 1 GSA Fleisch in Verbindung mit § 6 Abs. 9 AEntG anzusehen ist, erscheint derzeit streitig. Dazu sind auch erste fachgerichtliche Entscheidungen über Feststellungsanträge von Betrieben, in denen Fremdpersonal zum Einsatz kam, getroffen worden8. Ebenso ungeklärt ist, was unter einem „Bereich der Fleischverarbeitung“ nach § 6a Abs. 2 GSA Fleisch zu verstehen ist9.
Der Notwendigkeit vorheriger fachgerichtlicher Klärung steht hier auch nicht entgegen, dass von den Finanzgerichten unterschiedliche Auffassungen zur Statthaftigkeit der Feststellungsklage vertreten werden10. Denn auch dann müssen alle zur Verfügung stehenden prozessualen Mittel ergriffen werden, um eine Korrektur der geltend gemachten Verfassungsverletzung zu erwirken11. Hier müsste der gerade erst einsetzende fachgerichtliche Klärungsprozess12 daher auch von den Beschwerdeführenden betrieben werden. Dass die Anwendbarkeit der angegriffenen Vorschriften auf sie unzweifelhaft oder ihnen die vorherige Erschöpfung des Rechtswegs tatsächlich unzumutbar wäre, ist jedenfalls nicht erkennbar.
Die Verfassungsbeschwerden sind jedoch unabhängig von der Frage der Subsidiarität auch bereits deshalb unzulässig, weil sie nicht in einer den Anforderungen der § 23 Abs. 1 Satz 2 Halbsatz 1, § 92 BVerfGG entsprechenden Weise substantiiert sind.
Eine zulässige Verfassungsbeschwerde setzt voraus, dass die Möglichkeit der eigenen, unmittelbaren und gegenwärtigen Betroffenheit in eigenen Rechten den Begründungsanforderungen nach § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG hinreichend konkret dargelegt wird13.
Daran fehlt es hier. Die Beschwerdeführenden sind nur dann selbst von den angegriffenen Vorschriften betroffen, wenn diese auf sie und die von ihnen benannte Zusammenarbeit mit ihren Kunden auch tatsächlich Anwendung finden. Das ist jedoch nicht nur fachgerichtlich nicht geklärt, sondern nach dem Vorbringen auch nicht klar erkennbar.
Die Anwendbarkeit der angegriffenen Regelung und damit die Selbstbetroffenheit der Beschwerdeführenden lässt sich schon einfachrechtlich nur auf der Grundlage von konkreten Angaben zu durchgeführten Tätigkeiten, Arbeitszeitanteilen und Betriebsstruktur sowie zu Geschäftszwecken der jeweiligen Betriebe selbst oder als Kunden der Zeitarbeitsunternehmen beurteilen. Der Vortrag der Beschwerdeführerin im Verfahren 1 BvR 2888/20 zur Beschäftigtenzahl und zur Zahl der bei Auftrags- und Produktionsspitzen eingesetzten Leiharbeitskräfte genügt insoweit nicht. Die Darlegung, dass sie die ganze Breite der Wurstproduktion abbilde, bleibt abstrakt. Auch die Aussage, „überwiegend (also mind. 50,1 %), faktisch sogar deutlich mehr Fleischverarbeitung im Sinne des Gesetzes“ zu verrichten, wiederholt letztlich die gesetzliche Regelung, zeigt aber nicht näher auf, wie der Betrieb konkret ausgestaltet ist. Der Beschwerdeführerin ist konkreterer Vortrag auch nicht unmöglich. Das veranschaulichen die zwischenzeitlich ergangenen finanzgerichtlichen Entscheidungen, die auch ein Unternehmen der Wurstherstellung betrafen. Das gilt auch für Zeitarbeitsunternehmen. Diese verfügen zwar nicht ohne weiteres über detaillierte Kenntnisse der Verhältnisse bei ihren Kunden als den Einsatzbetrieben des Fremdpersonals. Doch erschließt sich hier weder, ob und gegebenenfalls welche weiteren Kenntnisse im Rahmen der vertraglichen Beziehungen zu den Kunden vorhanden sind, noch, warum relevante Daten nicht in Erfahrung gebracht werden könnten. In drei Verfahren14 beschränkt sich der Vortrag auf Schätzwerte zu Personalanteilen eigener Arbeitskräfte der Kunden in Bereichen, in denen auch Leiharbeitskräfte eingesetzt würden. Zur Klärung der Anwendbarkeit der angegriffenen Normen genügt aber auch hier die Angabe nicht, es werde „mindestens 50,1 %, faktisch aber 100 %“ Fleisch verarbeitet. Das gilt insbesondere, da auch geschildert wird, dass Arbeitskräfte auch zur Kommissionierung, Etikettierung, Palettierung, Versand und Verladung oder als Schlosser und Elektriker eingesetzt würden, die zumindest nicht ohne weiteres der Fleischverarbeitung zuzurechnen sind.
Die angegriffenen Regelungen für die Fleischwirtschaft sind auf die Beschwerdeführenden nach § 2 Abs. 2 GSA Fleisch zudem nur anwendbar, wenn das Fremdpersonal nicht in Handwerksbetrieben mit bis zu 49 Arbeitskräften eingesetzt wird. Inwieweit dies der Fall ist, ist in vier der Verfahren15 nicht hinreichend klar erkennbar.
Zur prozessrechtlich geforderten Substantiierung der Rüge, in eigenen Rechten verletzt zu sein, weil eine nicht zu rechtfertigende Ungleichbehandlung vorliege, gehört es auch, sich nicht nur mit den maßgeblichen Vergleichssachverhalten, sondern auch mit den naheliegenden Argumenten für die Ungleichbehandlung auseinanderzusetzen16. Das beschwerdeführende Unternehmen der Fleischwirtschaft1 befasst sich in ihrem Vergleich mit der Baubranche, Logistikzentren und der Landwirtschaft aber nicht damit, inwiefern die Arbeitsbedingungen sowie der Anteil und Einsatz von Fremdpersonal auch konkret mit dem Kerngeschäft der Fleischindustrie vergleichbar seien, auf die der Gesetzgeber abgestellt hat17.
Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 1. Juni 2022 – 1 BvR 2888/20, 1 BvR 1152/21, 1 BvR 1153/21, 1 BvR 1154/21, 1 BvR 1155/21 und 1 BvR 1156/21
- BVerfG – 1 BvR 2888/20[↩][↩]
- BVerfG – 1 BvR 1152/21, 1 BvR 1153/21, 1 BvR 1154/21, 1 BvR 1155/21 und 1 BvR 1156/21[↩]
- vgl. BVerfGE 123, 148 <173>[↩]
- vgl. BVerfGE 86, 15 <27> 114, 258 <280>[↩]
- vgl. BVerfGE 143, 246 <321 f. Rn. 210> 145, 20 <54 f. Rn. 85 f.> 150, 309 <326 f. Rn. 42 ff.> 158, 170 <199 f. Rn. 70> BVerfG, Beschluss vom 19.11.2021 – 1 BvR 781/21 u.a., Rn. 101[↩]
- vgl. BVerfGE 150, 309 <326 f. Rn. 44> m.w.N.[↩]
- vgl. BVerfGE 145, 20 <54 Rn. 85> m.w.N.[↩]
- vgl. im Eilverfahren FG Hamburg, Beschluss vom 20.05.2021 – 4 V 33/21; FG Hamburg, Beschluss vom 20.12.2021 – 4 V 77/21; in der Hauptsache anders FG Nürnberg, Urteil vom 20.07.2021 – 1 K 382/21; vgl. auch Zimmer, NZA 2022, S. 4 <7>[↩]
- dazu bereits BVerfG, Beschluss vom 29.12.2020 – 1 BvQ 165/20 u.a., Rn.19; auch FG Hamburg, Beschlüsse vom 20.05.2021 – 4 V 33/21, Rn. 52 ff.; und vom 20.12.2021 – 4 V 77/21, Rn. 30 und 43[↩]
- dafür FG Hamburg, Beschluss vom 20.12.2021 – 4 V 77/21 16 ff., FG Münster, Beschluss vom 19.01.2022 – 8 V 3108/21 F 61 ff.; dagegen FG Nürnberg, Urteil vom 20.07.2021 – 1 K 382/21 60 ff.[↩]
- vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.06.2021 – 1 BvR 2771/18, Rn. 69[↩]
- vgl. Linsenmaier, NZA 2021, S. 1315; zum Klärungsbedarf Zimmer, NZA 2022, S. 4 <7>[↩]
- vgl. BVerfG, Beschluss vom 19.11.2021 – 1 BvR 971/21 u.a., Rn. 25; stRspr[↩]
- BVerfG – 1 BvR 1152/21, 1 BvR 1153/21 und 1 BvR 1154/21[↩]
- BVerfG – 1 BvR 1152/21, 1 BvR 1153/21, 1 BvR 1155/21 und 1 BvR 1156/21[↩]
- vgl. BVerfGE 131, 66 <82>[↩]
- vgl. BT-Drs.19/21978, S.20 f.[↩]
Bildnachweis:
- Schlachthof: Jai79 | CC0 1.0 Universal