Fuß­ball-WM kom­plett im Free-TV

Die Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft 2012 kann kom­men: Nach einem Urteil des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on ist es zuläs­sig, dass ein Mit­glied­staat unter bestimm­ten Bedin­gun­gen die Exklu­siv­über­tra­gung aller Spie­le der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft und der Fuß­ball­eu­ro­pa­meis­ter­schaft auf einem Bezahl­fern­seh­sen­der ver­bie­tet, um für sei­ne Bevöl­ke­rung die Mög­lich­keit sicher­zu­stel­len, die­se Ereig­nis­se auf einem frei zugäng­li­chen Fern­seh­sen­der zu ver­fol­gen. Wenn die­se Wett­be­wer­be in ihrer Gesamt­heit von erheb­li­cher gesell­schaft­li­cher Bedeu­tung sind, ist die­se Beschrän­kung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs und der Nie­der­las­sungs­frei­heit durch das Recht auf Infor­ma­tio­nen und durch die Not­wen­dig­keit, der Öffent­lich­keit brei­ten Zugang zur Fern­seh­be­richt­erstat­tung über die­se Ereig­nis­se zu gewähr­leis­ten, gerecht­fer­tigt.

Fuß­ball-WM kom­plett im Free-TV

Die Richt­li­nie über die Aus­übung der Fern­seh­tä­tig­keit 1 gestat­tet den Mit­glied­staa­ten, die Exklu­siv­über­tra­gung von Ereig­nis­sen, denen sie eine erheb­li­che Bedeu­tung für ihre Gesell­schaft bei­mes­sen, zu ver­bie­ten, wenn eine sol­che Über­tra­gung einem bedeu­ten­den Teil der Öffent­lich­keit die Mög­lich­keit näh­me, die­se Ereig­nis­se in einer frei zugäng­li­chen Fern­seh­sen­dung zu ver­fol­gen.

Die End­run­den der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft („Welt­meis­ter­schaft“) und der Fuß­ball­eu­ro­pa­meis­ter­schaft („EURO“) wer­den von der Féde­ra­ti­on inter­na­tio­na­le de foot­ball asso­cia­ti­on (FIFA) bzw. der Uni­on des asso­cia­ti­ons euro­péen­nes de foot­ball (UEFA) aus­ge­rich­tet. Der Ver­kauf der Fern­seh­über­tra­gungs­rech­te an die­sen Wett­be­wer­ben ist für bei­de Ver­bän­de eine wich­ti­ge Ein­nah­me­quel­le.

Bel­gi­en und das Groß­bri­tan­ni­en erstell­ten Lis­ten der Ereig­nis­se, denen sie erheb­li­che Bedeu­tung für ihre jewei­li­ge Gesell­schaft bei­ma­ßen. Die­se Lis­ten umfass­ten ins­be­son­de­re im Fall Bel­gi­ens alle Spie­le der Welt­meis­ter­schafts­en­drun­de und im Fall von Groß­bri­tan­ni­en alle Spie­le der Welt­meis­ter­schafts­en­drun­de und der End­run­de der Euro­pa­meis­ter­schaft. Die­se Lis­ten wur­den der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on über­mit­telt, die ent­schied, dass sie mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar sei­en.

Die betref­fen­den Ent­schei­dun­gen der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on wur­den von der FIFA und der UEFA vor dem Gericht der Euro­päi­schen Uni­on mit der Begrün­dung ange­foch­ten, dass nicht alle die­se Spie­le Ereig­nis­se von erheb­li­cher Bedeu­tung für die jewei­li­ge Gesell­schaft die­ser Staa­ten sein könn­ten.

In sei­nem Urteil prüft das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on nun zunächst eini­ge Beson­der­hei­ten im Zusam­men­hang mit der Aus­rich­tung der Welt­meis­ter­schaft und der EURO sowie ihre Aus­wir­kung auf die Fern­seh­über­tra­gung die­ser Wett­be­wer­be. Es nimmt sodann Bezug auf die Rechts­vor­schrif­ten der Uni­on und der Mit­glied­staa­ten über die Über­tra­gung die­ser Sport­er­eig­nis­se. Schließ­lich wen­det es sich der Fra­ge zu, ob die Fern­seh­über­tra­gungs­rech­te an der Welt­meis­ter­schaft und an der EURO, deren ursprüng­li­che Inha­ber die FIFA bzw. die UEFA sind, aus zwin­gen­den Grün­den des All­ge­mein­in­ter­es­ses beschränkt wer­den kön­nen.

Dazu führt das Euro­päi­sche Gericht aus, dass die Erwäh­nung Erwäh­nung der Welt­meis­ter­schaft und der EURO im 18. Erwä­gungs­grund der Richt­li­nie 97/​36 bedeu­tet, dass ein Mit­glied­staat, wenn er Spie­le die­ser Wett­be­wer­be in die Lis­te sei­ner Wahl auf­nimmt, in sei­ner Mit­tei­lung an die Kom­mis­si­on kei­ne beson­de­re Begrün­dung zu ihrer Eigen­schaft als Ereig­nis von erheb­li­cher gesell­schaft­li­cher Bedeu­tung geben muss. Die etwai­ge Schluss­fol­ge­rung der Kom­mis­si­on, dass die Auf­nah­me der Welt­meis­ter­schaft und der EURO in ihrer Gesamt­heit in eine Lis­te von Ereig­nis­sen von erheb­li­cher Bedeu­tung für die Gesell­schaft eines Mit­glied­staats mit dem Uni­ons­recht des­halb ver­ein­bar sei, weil die­se Wett­be­wer­be auf­grund ihrer Merk­ma­le als ein­heit­li­che Ereig­nis­se anzu­se­hen sei­en, kann jedoch auf der Grund­la­ge spe­zi­fi­scher Anhalts­punk­te in Fra­ge gestellt wer­den, die bele­gen, dass die „Nor­mal­spie­le“ der Welt­meis­ter­schaft und der EURO nicht von einer sol­chen Bedeu­tung für die Gesell­schaft die­ses Staa­tes sind. Die Halb­fi­nal­spie­le, das End­spiel und die Spie­le, an denen die bzw. eine Natio­nal­mann­schaft des betref­fen­den Lan­des betei­ligt ist, gel­ten als „Top­spie­le“ der Welt­meis­ter­schaft. Die „Top­spie­le“ der EURO schlie­ßen nament­lich das Eröff­nungs­spiel und das End­spiel ein. Die übri­gen Spie­le die­ser Wett­be­wer­be gel­ten als „Nor­mal­spie­le“.

In die­sem Zusam­men­hang stellt das Euro­päi­sche Gericht klar, dass die „Top­spie­le“ und – bei der EURO – die Spie­le mit Betei­li­gung der/​einer Natio­nal­mann­schaft des betref­fen­den Lan­des von erheb­li­cher Bedeu­tung für die Gesell­schaft des jewei­li­gen Mit­glied­staats sind und des­halb in eine natio­na­le Lis­te auf­ge­nom­men wer­den dür­fen, auf der die Ereig­nis­se ver­zeich­net sind, die die ent­spre­chen­de Bevöl­ke­rung in einer frei zugäng­li­chen Fern­seh­sen­dung ver­fol­gen kön­nen muss. Zu den ande­ren Spie­len der Welt­meis­ter­schaft und der EURO weist das Euro­päi­sche Gericht dar­auf hin, dass die­se Wett­be­wer­be als Gesamt­ereig­nis­se und nicht als Anein­an­der­rei­hun­gen ein­zel­ner, in „Top­spie­le“ und „Nor­mal­spie­le“ auf­ge­teil­ter Ereig­nis­se ange­se­hen wer­den kön­nen. So kön­nen sich z. B. die Ergeb­nis­se der „Nor­mal­spie­le“ auf die Betei­li­gung der Mann­schaf­ten an den „Top­spie­len“ aus­wir­ken, was ein beson­de­res Inter­es­se der Öffent­lich­keit an ihnen her­vor­ru­fen kann.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on weist inso­weit dar­auf hin, dass im Vor­aus – zum Zeit­punkt der Erstel­lung der natio­na­len Lis­ten oder des Erwerbs der Über­tra­gungs­rech­te – nicht fest­stell­bar ist, wel­che Spie­le wirk­lich für die spä­te­ren Pha­sen die­ser Wett­be­wer­be ent­schei­dend sein oder sich auf das Abschnei­den einer bestimm­ten Natio­nal­mann­schaft aus­wir­ken wer­den. Aus die­sem Grund ist es der Ansicht, dass der Umstand, dass bestimm­te „Nor­mal­spie­le“ Ein­fluss auf die Betei­li­gung an den „Top­spie­len“ haben kön­nen, die Ent­schei­dung eines Mit­glied­staats recht­fer­ti­gen kann, allen Spie­len die­ser Wett­be­wer­be erheb­li­che gesell­schaft­li­che Bedeu­tung bei­zu­mes­sen.

Zu den Sta­tis­ti­ken, die die Klä­ge­rin­nen – Bel­gi­en und Groß­bri­tan­ni­en – als Beleg dafür vor­ge­legt haben, dass die „Nor­mal­spie­le“ nicht von erheb­li­cher Bedeu­tung für die bel­gi­sche und die eng­li­sche Gesell­schaft sein sol­len, stellt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die Zuschau­er­zah­len der letz­ten Welt­meis­ter­schaf­ten und Euro­pa­meis­ter­schaf­ten für die­se Spiel­ka­te­go­rie zei­gen, dass die betref­fen­den Spie­le eine hohe Zahl von Fern­seh­zu­schau­ern anzo­gen, dar­un­ter vie­le, die sich nor­ma­ler­wei­se nicht für Fuß­ball inter­es­sie­ren.

Das Euro­päi­sche Gericht hält sodann, da es in der Uni­on auf der Ebe­ne der spe­zi­fi­schen Ereig­nis­se, die von den Mit­glied­staa­ten als von erheb­li­cher gesell­schaft­li­cher Bedeu­tung ange­se­hen wer­den kön­nen, kei­ne Har­mo­ni­sie­rung gibt, meh­re­re Her­an­ge­hens­wei­sen an die Auf­nah­me der Welt­meis­ter­schafts­spie­le und der Spie­le der EURO in eine natio­na­le Lis­te für glei­cher­ma­ßen mit der Richt­li­nie ver­ein­bar. Somit kann es sein, dass man­che Mit­glied­staa­ten nur die „Top­spie­le“ und – bei der EURO – die Spie­le mit Betei­li­gung der betref­fen­den Nationalmannschaft(en) als von erheb­li­cher Bedeu­tung für ihre Gesell­schaft betrach­ten, wäh­rend nach der begrün­de­ten Ansicht ande­rer auch die „Nor­mal­spie­le“ auf der natio­na­len Lis­te ver­zeich­net sein müs­sen.
Wei­ter stellt das Gericht fest, dass zwar die Ein­stu­fung der Welt­meis­ter­schaft und der EURO als Ereig­nis von erheb­li­cher gesell­schaft­li­cher Bedeu­tung den Preis beein­träch­ti­gen kann, den die FIFA und die UEFA für die Ver­ga­be der Über­tra­gungs­rech­te an die­sen Wett­be­wer­ben erzie­len, sie aber nicht den Han­dels­wert die­ser Rech­te ver­nich­tet, weil sie die bei­den Ver­bän­de nicht zu deren Ver­ga­be zu belie­bi­gen Bedin­gun­gen ver­pflich­tet. Obwohl die­se Ein­stu­fung den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr und die Nie­der­las­sungs­frei­heit beschränkt, ist sie auch gerecht­fer­tigt, da sie das Recht auf Infor­ma­tio­nen schüt­zen und der Öffent­lich­keit brei­ten Zugang zur Fern­seh­be­richt­erstat­tung über Ereig­nis­se von erheb­li­cher gesell­schaft­li­cher Bedeu­tung ver­schaf­fen soll.

Schließ­lich stellt das Gericht fest, dass den Rechts­vor­schrif­ten des Ver­ei­nig­ten König­reichs kei­ne Gewäh­rung beson­de­rer oder aus­schließ­li­cher Rech­te an bestimm­te Rund­funk­an­stal­ten zu ent­neh­men ist.

Das Gericht ent­schei­det daher, dass die Kom­mis­si­on es feh­ler­frei für uni­ons­rechts­kon­form hielt, dass das Ver­ei­nig­te König­reich alle Spie­le der Welt­meis­ter­schaft und der EURO und Bel­gi­en alle Spie­le der Welt­meis­ter­schaft als „Ereig­nis von erheb­li­cher Bedeu­tung“ für ihre jewei­li­ge Gesell­schaft ein­stuf­ten. Die Kla­gen der FIFA und der UEFA wer­den daher abge­wie­sen.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 17. Febru­ar 2011 – T‑385/​07, T‑55/​08 und T‑68/​08 [FIFA und UEFA /​Kom­mis­si­on]

  1. Richt­li­nie 89/​552/​EWG des Rates vom 3. Okto­ber 1989 zur Koor­di­nie­rung bestimm­ter Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Aus­übung der Fern­seh­tä­tig­keit (ABl. L 298, S. 23) in der durch die Richt­li­nie 97/​36/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 30. Juni 1997 (ABl. L 202, S. 60) geän­der­ten Fas­sung.