Geld­bu­ße wegen Kar­tell­bil­dung auf nie­der­län­di­schem Bier­markt

Die Geld­bu­ße, die gegen die Kon­in­kli­jke Grolsch NV wegen ihrer Betei­li­gung an einem Kar­tell auf dem nie­der­län­di­schen Bier­markt ver­hängt wur­de, ist für nich­tig erklärt wor­den.

Geld­bu­ße wegen Kar­tell­bil­dung auf nie­der­län­di­schem Bier­markt

Die Kom­mis­si­on ver­häng­te gegen die größ­ten nie­der­län­di­schen Braue­rei­en, die Hei­ne­ken NV und ihre Toch­ter­ge­sell­schaft Hei­ne­ken Neder­land BV, die Bava­ria NV und die Kon­in­kli­jke Grolsch NV, wegen Betei­li­gung an einem Kar­tell auf dem nie­der­län­di­schen Bier­markt im Zeit­raum vom 27. Febru­ar 1996 bis zum 3. Novem­ber 1999 Geld­bu­ßen in Höhe von über 273 Mio. Euro 1. Dabei wur­de der InBev-Grup­pe Immu­ni­tät nach dem Kron­zeu­gen­pro­gramm der Kom­mis­si­on gewährt, da sie ent­schei­den­de Infor­ma­tio­nen in Bezug auf die Zuwi­der­hand­lung gelie­fert hat. Die Kom­mis­si­on hat­te gegen die Hei­ne­ken NV und ihre Toch­ter­ge­sell­schaft als Gesamt­schuld­ne­rin­nen eine Geld­bu­ße in Höhe von 219,28 Mio. Euro und gegen die Bava­ria NV eine Geld­bu­ße in Höhe von 22,85 Mio. Euro ver­hängt. Mit Urtei­len vom 16. Juni 2011 2 hat das Gericht die­se Geld­bu­ßen auf 198 Mio. Euro bzw. 20,71 Mio. Euro her­ab­ge­setzt.

Auf dem nie­der­län­di­schen Bier­markt wer­den die Pro­duk­te der Braue­rei­en ins­be­son­de­re über zwei Ver­triebs­ka­nä­le an den End­ver­brau­cher ver­kauft, zum einen über das Gast­ge­wer­be („hore­ca“), d. h. Hotels, Restau­rants und Cafés, in denen an Ort und Stel­le kon­su­miert wird, und zum ande­ren über den Ver­triebs­weg „Food“ der Super­märk­te und Wein- und Spi­ri­tuo­sen­händ­ler, wo Bier für den häus­li­chen Ver­brauch gekauft wird. Die von der Kom­mis­si­on fest­ge­stell­te Zuwi­der­hand­lung bestand in der Abstim­mung von Bier­prei­sen und ihrer Erhö­hun­gen und in der Auf­tei­lung der Kun­den sowohl im Gast­ge­wer­be­sek­tor als auch im Sek­tor des häus­li­chen Ver­brauchs in den Nie­der­lan­den und in der gele­gent­li­chen Abstim­mung ande­rer Geschäfts­be­din­gun­gen für ein­zel­ne Kun­den im Gast­ge­wer­be­sek­tor in den Nie­der­lan­den.

Die Kom­mis­si­on setz­te gegen die Kon­in­kli­jke Grolsch NV eine Geld­bu­ße in Höhe von 31,66 Mio. Euro fest. Dar­auf­hin erhob die­se Gesell­schaft beim Gericht Kla­ge auf Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on oder auf Her­ab­set­zung ihrer Geld­bu­ße. Eine Nich­tig­keits­kla­ge dient dazu, uni­ons­rechts­wid­ri­ge Hand­lun­gen der Uni­ons­or­ga­ne für nich­tig erklä­ren zu las­sen. Sie kann unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen von Mit­glied­staa­ten, Orga­nen der Uni­on oder Ein­zel­nen beim Gerichts­hof oder beim Gericht erho­ben wer­den. Ist die Kla­ge begrün­det, wird die Hand­lung für nich­tig erklärt. Das betref­fen­de Organ hat eine durch die Nich­tig­erklä­rung der Hand­lung etwa ent­ste­hen­de Rege­lungs­lü­cke zu schlie­ßen.

Nun hat das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on die Geld­bu­ße der KOn­in­kli­jke Grolsch NV für nich­tig erklärt.Die Kon­in­kli­jke Grolsch NV bestrei­tet im Wesent­li­chen, sich an der fest­ge­stell­ten Zuwi­der­hand­lung unmit­tel­bar betei­ligt zu haben. Sie trägt vor, an den meis­ten der strei­ti­gen Tref­fen hät­ten Ange­stell­te ihrer 100%igen Toch­ter­ge­sell­schaft Grol­sche Bierbrou­werij Neder­land BV teil­ge­nom­men; Nach Auf­fas­sung des Gerichts hät­te die Kom­mis­si­on daher nicht fest­stel­len dür­fen, dass sie an der Zuwi­der­hand­lung betei­ligt gewe­sen sei, son­dern hät­te ihr gege­be­nen­falls die Ver­ant­wort­lich­keit für eine von ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft began­ge­ne Zuwi­der­hand­lung zurech­nen müs­sen.

Zunächst prüft das Gericht u. a. bestimm­te Doku­men­te bezüg­lich der Tref­fen, die zwi­schen den Unter­neh­men statt­ge­fun­den haben, und gelangt zu dem Ergeb­nis, dass die Beweis­mit­tel, über die die Kom­mis­si­on ver­fügt, nicht genü­gen, um die unmit­tel­ba­re Betei­li­gung der Kon­in­kli­jke Grolsch NV am Kar­tell nach­zu­wei­sen. Sodann weist das Gericht dar­auf hin, dass eine Ent­schei­dung, wenn sie wie im vor­lie­gen­den Fall eine Mehr­zahl von Adres­sa­ten betrifft und sich die Fra­ge stellt, wem die fest­ge­stell­te Zuwi­der­hand­lung zuzu­rech­nen ist, in Bezug auf jeden der Adres­sa­ten hin­rei­chend begrün­det sein muss, ins­be­son­de­re aber in Bezug auf die­je­ni­gen, denen die Zuwi­der­hand­lung in der Ent­schei­dung zur Last gelegt wird. Daher muss eine sol­che Ent­schei­dung hin­sicht­lich einer Mut­ter­ge­sell­schaft, die für das Ver­hal­ten ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wird, eine ein­ge­hen­de Dar­stel­lung der Grün­de ent­hal­ten, die es gerecht­fer­tigt erschei­nen lie­ßen, die Zuwi­der­hand­lung die­ser Gesell­schaft zuzu­rech­nen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung besteht in dem beson­de­ren Fall, dass eine Mut­ter­ge­sell­schaft 100 % des Kapi­tals ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft hält, die gegen die Wett­be­werbs­re­geln ver­sto­ßen hat, eine wider­leg­li­che Ver­mu­tung, dass die Mut­ter­ge­sell­schaft tat­säch­lich einen bestim­men­den Ein­fluss auf das Ver­hal­ten ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft aus­übt.
Unter die­sen Umstän­den genügt es, dass die Kom­mis­si­on nach­weist, dass die Mut­ter­ge­sell­schaft das gesam­te Kapi­tal der Toch­ter­ge­sell­schaft hält, um anzu­neh­men, dass die Mut­ter­ge­sell­schaft einen bestim­men­den Ein­fluss auf die Geschäfts­po­li­tik ihres Toch­ter­un­ter­neh­mens aus­übt. Die Kom­mis­si­on kann in der Fol­ge dem Mut­ter­un­ter­neh­men als Gesamt­schuld­ner die Haf­tung für die Zah­lung der gegen des­sen Toch­ter­un­ter­neh­men ver­häng­ten Geld­bu­ße zuwei­sen, es sei denn, dass das Mut­ter­un­ter­neh­men, dem es obliegt, die­se Ver­mu­tung zu wider­le­gen, aus­rei­chen­de Bewei­se dafür vor­legt, dass sein Toch­ter­un­ter­neh­men auf dem Markt eigen­stän­dig auf­tritt.

Das Gericht weist dar­auf hin, dass im vor­lie­gen­den Fall in der Ent­schei­dung die Mut­ter­ge­sell­schaft, die Kon­in­kli­jke Grolsch NV, mit der Grolsch-Grup­pe gleich­ge­setzt wird und die wirt­schaft­li­chen, orga­ni­sa­to­ri­schen und recht­li­chen Bin­dun­gen zwi­schen Mut­ter- und Toch­ter­ge­sell­schaft mit Still­schwei­gen über­gan­gen wer­den und der Name der Toch­ter­ge­sell­schaft nir­gend­wo in der Begrün­dung genannt ist. Somit hat die Kom­mis­si­on nicht dar­ge­legt, anhand wel­cher Grün­de sie die für den Betrieb des Unter­neh­mens zum Zeit­punkt der Zuwi­der­hand­lung ver­ant­wort­li­che juris­ti­sche Per­son bestimmt hat, um sie haft­bar zu machen oder um es ihr gege­be­nen­falls zu ermög­li­chen, die Ver­mu­tung, dass die Mut­ter­ge­sell­schaft tat­säch­lich einen bestim­men­den Ein­fluss auf das Ver­hal­ten ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft aus­übt, zu wider­le­gen. Das Gericht stellt fest, dass die Kom­mis­si­on in ihrer Ent­schei­dung nicht dar­ge­legt hat, aus wel­chen Grün­den der Kon­in­kli­jke Grolsch NV das in der Teil­nah­me von Mit­ar­bei­tern ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft an den strei­ti­gen Tref­fen bestehen­de Ver­hal­ten zuzu­rech­nen sein soll. Die Kom­mis­si­on hat der Mut­ter­ge­sell­schaft damit die Mög­lich­keit genom­men, die Rich­tig­keit die­ser Zurech­nung gege­be­nen­falls vor dem Gericht anzu­fech­ten und die Ver­mu­tung zu wider­le­gen, und sie hat das Gericht nicht in die Lage ver­setzt, sei­ne Kon­troll­auf­ga­be in die­ser Hin­sicht wahr­zu­neh­men.

Daher hat das Gericht ent­schie­den, die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on für nich­tig zu erklä­ren, soweit sie die Kon­in­kli­jke Grolsch NV betrifft.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 15. Sep­tem­ber 2011 – T‑234/​07, Kon­in­kli­jke Grolsch NV/​Kommission

  1. K(2007) 1697 der Kom­mis­si­on vom 18. April 2007 in einem Ver­fah­ren nach Arti­kel 81,(EG), Sache COMP/B‑2/37.766 – Nie­der­län­di­scher Bier­markt, ABl. 2008, C 122, S. 1[]
  2. T‑235/​07 und T‑240/​07[]