Gerä­te­ab­ga­ben auf Com­pu­ter und Dru­cker

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in drei wei­te­ren bei ihm anhän­gi­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­den der Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft Wort Recht gege­ben und jeweils Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs, mit denen eine Gerä­te­ab­ga­be (und eine hier­aus abge­lei­te­te Aus­kunfts­pflicht über die erfolg­ten Gerä­te­ver­käu­fe) abge­lehnt wor­den war, auf­ge­ho­ben.

Gerä­te­ab­ga­ben auf Com­pu­ter und Dru­cker

Soweit die aktu­el­le Rechts­la­ge im Streit stand, erfolg­te die Auf­he­bung frei­lich nicht auf der Grund­la­ge einer mate­ri­ell-recht­li­chen Prü­fung, son­dern wegen eines for­mel­len Feh­lers. Wie schon bei sei­ner ers­ten Ent­schei­dung zur Gerä­te­ab­ga­be auf Dru­cker und Plot­ter bemän­gel­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auch in sei­ner jet­zi­gen Ent­schei­dung zur Gerä­te­ab­ga­be auf Com­pu­ter, dass der Bun­des­ge­richts­hof die dort anhän­gi­gen Rechts­strei­te selbst unmit­tel­bar ent­schie­den und nicht zuvor im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ange­ru­fen hat­te. Die ange­grif­fe­nen Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hofs ver­sto­ßen wegen Feh­lens einer Aus­ein­an­der­set­zung mit der Vor­la­ge­pflicht zum Gerichts­hof (Art. 267 Abs. 3 AEUV, vor­mals Art. 234 Abs. 3 EG) gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG.

Soweit hin­ge­gen – wie bei den bei­den jet­zi­gen Ent­schei­dun­gen zur Gerä­te­ab­ga­be auf Dru­cker und Plot­ter – die Rechts­la­ge bis Ende 2007 gel­ten­de Rechts­la­ge im Raum stand, sieht das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die grund­ge­setz­lich geschütz­ten Eigen­tums­rech­te der Urhe­ber ver­letzt.

Die Gerä­te­ab­ga­be auf PCs[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hält in der ers­ten Ent­schei­dung1 zur Gerä­te­ab­ga­be auf Com­pu­ter an sei­nem bis­he­ri­gen Prü­fungs­maß­stab für die Vor­la­ge­pflicht zum Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest2. Bei der Prü­fung einer Ver­let­zung von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG kommt es nicht in ers­ter Linie auf die Ver­tret­bar­keit der fach­ge­richt­li­chen Aus­le­gung des für den Streit­fall maß­geb­li­chen mate­ri­el­len Uni­ons­rechts an, son­dern auf die Ver­tret­bar­keit der Hand­ha­bung der Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV3.

Soweit Kam­mern bei­der Sena­te des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­lan­gen, dass das Fach­ge­richt Grün­de anzu­ge­ben hat, die zei­gen, ob es sich hin­sicht­lich des euro­päi­schen Rechts aus­rei­chend kun­dig gemacht hat, und die so dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Kon­trol­le am Maß­stab des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ermög­li­chen4, kann sich die­se Recht­spre­chung ihrer­seits auf eine Senats­ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts stüt­zen5.

Das Schwei­gen der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen zum euro­päi­schen Recht und spe­zi­ell zu Art. 267 Abs. 3 AEUV macht es dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt unmög­lich, von einer ver­tret­ba­ren Hand­ha­bung der Vor­la­ge­pflicht aus­zu­ge­hen. Dabei liegt das Bestehen einer Vor­la­ge­pflicht nahe. Denn ver­tret­ba­re ande­re Ansich­ten zu der vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fra­ge erschei­nen auf der Grund­la­ge der Urhe­ber­rechts­richt­li­nie (Richt­li­nie 2001/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22. Mai 2001 zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft)6 kei­nes­falls als aus­ge­schlos­sen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te mit Urteil vom 2. Okto­ber 2008 eine Gerä­te­ab­ga­be­pflicht für Com­pu­ter ver­neint7. Bei PCs han­de­le es sich, so der Bun­des­ge­richts­hof, nicht um Gerä­te, die im Sin­ne des § 54a Abs. 1 Satz 1 UrhG a.F. zur Vor­nah­me von Ver­viel­fäl­ti­gun­gen durch Ablich­tung eines Werk­stücks oder in einem Ver­fah­ren ver­gleich­ba­rer Wir­kung bestimmt sei­en. Unter Ver­fah­ren ver­gleich­ba­rer Wir­kung sei­en nur Ver­fah­ren zur Ver­viel­fäl­ti­gung von Druck­wer­ken zu ver­ste­hen. Von einem ana­lo­gen Werk­stück müss­ten ana­lo­ge Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke ent­ste­hen. Dies sei nicht der Fall, wenn digi­ta­le Vor­la­gen ver­wen­det oder digi­ta­le Kopi­en her­ge­stellt wür­den. Im Zusam­men­spiel mit einem Scan­ner sei nur die­ser, nicht der PC ver­gü­tungs­pflich­tig. Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung kom­me gleich­falls nicht in Betracht. Denn die Inter­es­sen­la­ge bei der Ver­viel­fäl­ti­gung digi­ta­ler Vor­la­gen mit­tels PC sei mit der vom Gesetz­ge­ber als rege­lungs­be­dürf­tig ange­se­he­nen Inter­es­sen­la­ge bei der Ver­viel­fäl­ti­gung von Druck­wer­ken mit­tels Foto­ko­pier­ge­rä­ten nicht ver­gleich­bar. Häu­fig lie­ge eine aus­drück­li­che oder kon­klu­den­te Ein­wil­li­gung des Berech­tig­ten in Ver­viel­fäl­ti­gun­gen auch mit­tels PC zum pri­va­ten Gebrauch vor. Die­se Ver­viel­fäl­ti­gun­gen bedürf­ten nicht der gesetz­li­chen Lizenz des § 53 Abs. 1 bis 3 UrhG und unter­lä­gen schon des­halb nicht der Ver­gü­tungs­pflicht nach § 54a Abs. 1 Satz 1 UrhG a.F. Der Berech­tig­te kön­ne zudem – anders als bei Druck­wer­ken – die unbe­rech­tig­te Ver­viel­fäl­ti­gung mit tech­ni­schen Maß­nah­men erschwe­ren.

In die­ser Begrün­dung fehlt dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die hin­rei­chen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Urhe­ber­rechts­recht­li­nie: Im Streit­fall über die Aus­kunfts­pflicht wegen der Gerä­te­ab­ga­be auf Per­so­nal­Com­pu­ter ergibt sich gegen­über der Erör­te­rung im Kam­mer­be­schluss vom 30. August 2010 über die Gerä­te­ab­ga­be auf Dru­cker und Plot­ter die Beson­der­heit, dass die Urhe­ber­rechts­richt­li­nie (nur) mit ihrem Art. 5 Abs. 2 lit. b ein­schlä­gig sein dürf­te, weil es nicht um Ver­viel­fäl­ti­gun­gen auf Papier oder einem ähn­li­chen Trä­ger, son­dern „auf belie­bi­gen Trä­gern“ geht. Damit kommt es hier nicht dar­auf an, ob die Ver­viel­fäl­ti­gung „mit­tels foto­me­cha­ni­scher Ver­fah­ren oder ande­rer Ver­fah­ren mit ähn­li­cher Wir­kung“ erfolgt. Ande­rer­seits müss­ten nun­mehr etwai­ge tech­ni­sche Schutz­maß­nah­men berück­sich­tigt wer­den. Aus Erwä­gungs­grund 35 zur Richt­li­nie dürf­te sich aber erge­ben, dass dies nur die Höhe, nicht den Grund des „gerech­ten Aus­gleichs“ betrifft.

Dass der öster­rei­chi­sche Obers­te Gerichts­hof mit Urteil vom 24. Febru­ar 2009 eine Ver­gü­tungs­pflicht für PCs auf der Grund­la­ge von § 42b Abs. 2 Nr. 1 öUrhG abge­lehnt hat8, ist für die Beur­tei­lung der Vor­la­ge­pflicht im Streit­fall ohne Bedeu­tung. Die Geset­zes­ma­te­ria­li­en in Öster­reich zur Novel­le 1996 defi­nie­ren die „der Repro­gra­phie ähn­li­chen Ver­fah­ren“ aus­drück­lich als sol­che, die zu einer Ver­viel­fäl­ti­gung auf Papier oder einem ver­gleich­ba­ren Mate­ri­al füh­ren. Die bereits bestehen­de Ver­gü­tungs­pflicht für Dru­cker stand außer Streit.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat inzwi­schen in sei­nem Urteil vom 21. Okto­ber 20109 über Vor­la­ge­fra­gen eines spa­ni­schen Gerichts ent­schie­den, die sich auf ein Sys­tem der Leer­me­di­en­ab­ga­be bei digi­ta­len Trä­gern bezo­gen. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof sah – eben­so wie die Gene­ral­an­wäl­tin10 – kei­nen Grund, die­sen Umstand im Hin­blick auf die Anwend­bar­keit der Richt­li­nie zu pro­ble­ma­ti­sie­ren. In der Sache urteilt der Gerichts­hof unter ande­rem, dass Mit­glied­staa­ten, die Pri­vat­ko­pi­en erlau­ben, die Zah­lung eines gerech­ten Aus­gleichs zuguns­ten der davon betrof­fe­nen Urhe­ber vor­se­hen müs­sen, aller­dings nur inso­weit, als die frag­li­chen Gerä­te und Medi­en mut­maß­lich für pri­va­te Ver­viel­fäl­ti­gun­gen gebraucht wer­den. Dem­zu­fol­ge ist die unter­schieds­lo­se Anwen­dung der Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en auf Anla­gen, Gerä­te und Medi­en zur digi­ta­len Ver­viel­fäl­ti­gung, die nicht pri­va­ten Nut­zern über­las­sen wer­den und ein­deu­tig ande­ren Ver­wen­dun­gen als der Anfer­ti­gung von Pri­vat­ko­pi­en vor­be­hal­ten sind, nicht mit der Richt­li­nie ver­ein­bar11.

Eine voll­stän­di­ge Klä­rung der im Streit­fall auf­ge­wor­fe­nen gemein­schafts­recht­li­chen Pro­ble­ma­tik im Sin­ne eines „acte éclai­ré“ ist durch die­ses Urteil des Gerichts­hofs nicht erfolgt, jeden­falls nicht im Sin­ne eines Aus­schlus­ses digi­ta­ler Trä­ger oder Gerä­te aus dem Sys­tem der Gerä­te- und Medi­en­ab­ga­be im Sin­ne von §§ 54 ff. UrhG a.F. Die nähe­re Prü­fung die­ser Fra­ge sowie der sich nach wie vor stel­len­den Aus­le­gungs­fra­gen fällt in die Zustän­dig­keit des Bun­des­ge­richts­hofs im fort­zu­set­zen­den Ver­fah­ren.

Im Rah­men der Prü­fung einer Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV wird der Bun­des­ge­richts­hof im Hin­blick auf die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit wie­der­um eine an Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG ori­en­tier­te Aus­le­gung des § 54a UrhG a.F. zu erwä­gen haben. Die hier­bei anzu­le­gen­den Maß­stä­be hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Beschluss vom 30. August 2010 dar­ge­legt und kon­kre­ti­siert.

Art. 14 Abs. 1 GG deter­mi­niert aller­dings nicht das Ergeb­nis einer die betei­lig­ten (Grund-)Rechtspositionen umfas­send wür­di­gen­den Aus­le­gung des Urhe­ber­rechts. Die sich im Pri­vat­rechts­streit gegen­über­ste­hen­den Par­tei­en kön­nen regel­mä­ßig jeweils für sich Grund­rech­te in Anspruch neh­men, die aber nur im Wege der Aus­strah­lungs­wir­kung auf die Aus­le­gung und Anwen­dung der zivil­recht­li­chen Nor­men Ein­fluss neh­men12. Wie etwa im Miet­recht13 und im Arbeits­recht14 ist es auch in urhe­ber­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten nicht Sache des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, den Zivil­ge­rich­ten vor­zu­ge­ben, wie sie im Ergeb­nis zu ent­schei­den haben15. Dies gilt umso mehr, wenn die fach­recht­li­che Aus­le­gung und Anwen­dung des Rechts mög­li­cher­wei­se tat­säch­li­che Annah­men und Fest­stel­lun­gen ein­be­zie­hen muss, über deren Berech­ti­gung das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht befin­det.

So könn­te zu berück­sich­ti­gen sein, dass bei Dru­ckern und Plot­tern – eben­so wie beim gesetz­li­chen Leit­bild des Foto­ko­pie­rers – eine ana­lo­ge Kopie in Schrift- oder Bild­form her­ge­stellt wird, im PC dem­ge­gen­über durch das Abspei­chern auf der Fest­plat­te, nach umstrit­te­ner Ansicht bereits durch die vor­über­ge­hen­de Fest­le­gung im Arbeits­spei­cher, eine digi­ta­le Ver­viel­fäl­ti­gung ent­steht16. Dabei könn­te sich auch die Fra­ge stel­len, ob § 54a Abs. 1 Satz 1 UrhG a.F. ange­sichts sei­nes engen Wort­lauts, der eine der Ablich­tung eines Werk­stücks ver­gleich­ba­re Wir­kung vor­aus­setzt, richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen ist.

Wei­ter bleibt es dem Bun­des­ge­richts­hof unbe­nom­men, zwi­schen der haupt­säch­li­chen Ver­wen­dung der Gerä­te im betrieb­li­chen oder pri­va­ten Kon­text zu dif­fe­ren­zie­ren oder, wie der Gerichts­hof in sei­nem Urteil vom 21. Okto­ber 2010, dar­auf abzu­stel­len, ob die frag­li­chen Gerä­te mut­maß­lich für pri­va­te Ver­viel­fäl­ti­gun­gen gebraucht wer­den17, was auch bei einem Ver­kauf an Gewer­be­trei­ben­de oder Frei­be­ruf­ler nicht aus­ge­schlos­sen erscheint.

Die Gerä­te­ab­ga­be auf Dru­cker und Plot­ter[↑]

Die zwei­te Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts18 betraf wie­der­um die Gerä­te­ab­ga­be auf Dru­cker und Plot­ter, kon­kret: die Fra­ge, ob die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs mit der Ableh­nung einer Ver­gü­tungs­pflicht („Gerä­te­ab­ga­be“) für Dru­cker und Plot­ter auf der Grund­la­ge von § 54a UrhG a.F. in der bis 31. Dezem­ber 2007 gel­ten­den Fas­sung ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Rech­te von Urhe­bern oder der Beschwer­de­füh­re­rin als Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft ver­let­zen.

Der Bun­des­ge­richts­hofs hat­te hier eine Revi­si­on im Beschluss­we­ge unter Bezug­nah­me auf sein inzwi­schen vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf­ge­ho­be­nes19 Urteil vom 6. Dezem­ber 200720 zurück­ge­wie­sen21. Hier­in sah das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt das Eigen­tums­recht der Urhe­ber ver­letzt:

Zu den kon­sti­tu­ie­ren­den Merk­ma­len des Urhe­ber­rechts als Eigen­tum im Sin­ne der Ver­fas­sung gehö­ren die grund­sätz­li­che Zuord­nung des ver­mö­gens­wer­ten Ergeb­nis­ses der schöp­fe­ri­schen Leis­tung an den Urhe­ber im Wege pri­vat­recht­li­cher Nor­mie­rung sowie sei­ne Frei­heit, in eige­ner Ver­ant­wor­tung dar­über ver­fü­gen zu kön­nen. Im Ein­zel­nen ist es Sache des Gesetz­ge­bers, im Rah­men der inhalt­li­chen Aus­prä­gung des Urhe­ber­rechts nach Art. 14 Abs. 1 Satz 2 GG sach­ge­rech­te Maß­stä­be fest­zu­le­gen, die eine der Natur und der sozia­len Bedeu­tung des Rechts ent­spre­chen­de Nut­zung und ange­mes­se­ne Ver­wer­tung sicher­stel­len22. Dabei hat der Gesetz­ge­ber einen ver­hält­nis­mä­ßig wei­ten Ent­schei­dungs­raum23. Ein­grif­fe in das Ver­wer­tungs­recht des Urhe­bers kön­nen frei­lich nur durch ein gestei­ger­tes öffent­li­ches Inter­es­se gerecht­fer­tigt wer­den24.

Sind bei der gericht­li­chen Aus­le­gung und Anwen­dung ein­fach­recht­li­cher Nor­men meh­re­re Deu­tun­gen mög­lich, so ver­dient die­je­ni­ge den Vor­zug, die den Wert­ent­schei­dun­gen der Ver­fas­sung ent­spricht25 und die die Grund­rech­te der Betei­lig­ten mög­lichst weit­ge­hend in prak­ti­scher Kon­kor­danz zur Gel­tung bringt. Der Respekt vor der gesetz­ge­ben­den Gewalt (Art. 20 Abs. 2 GG) for­dert dabei eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung, die durch den Wort­laut des Geset­zes gedeckt ist und die prin­zi­pi­el­le Ziel­set­zung des Gesetz­ge­bers wahrt26. Die Deu­tung darf nicht dazu füh­ren, dass das gesetz­ge­be­ri­sche Ziel in einem wesent­li­chen Punkt ver­fehlt oder ver­fälscht wird27.

Die Fach­ge­rich­te haben bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des Urhe­ber­rechts die durch die Eigen­tums­ga­ran­tie gezo­ge­nen Gren­zen zu beach­ten und müs­sen die im Gesetz zum Aus­druck kom­men­de Inter­es­sen­ab­wä­gung in einer Wei­se nach­voll­zie­hen, die den Eigen­tums­schutz der Urhe­ber eben­so wie etwai­ge damit kon­kur­rie­ren­de Grund­rechts­po­si­tio­nen beach­tet und unver­hält­nis­mä­ßi­ge Grund­rechts­be­schrän­kun­gen ver­mei­det28. Die Schwel­le eines Ver­sto­ßes gegen Ver­fas­sungs­recht, den das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu kor­ri­gie­ren hat, ist aller­dings erst erreicht, wenn die Aus­le­gung der Zivil­ge­rich­te Aus­le­gungs­feh­ler erken­nen lässt, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von der Bedeu­tung der Eigen­tums­ga­ran­tie, ins­be­son­de­re vom Umfang ihres Schutz­be­reichs, beru­hen und auch in ihrer mate­ri­el­len Bedeu­tung für den kon­kre­ten Rechts­fall von eini­gem Gewicht sind, ins­be­son­de­re weil dar­un­ter die Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Rechts­po­si­tio­nen im Rah­men der pri­vat­recht­li­chen Rege­lung lei­det29.

Danach ist im Streit­fall ein Abwä­gungs­de­fi­zit fest­zu­stel­len, das sich in einer Aus­le­gung der streit­ent­schei­den­den Norm des § 54a Abs. 1 UrhG a.F. nie­der­schlägt, die die als geis­ti­ges Eigen­tum von der Ver­fas­sung gewähr­leis­te­ten Urhe­ber­rech­te nicht aus­rei­chend beach­tet.

Art. 14 Abs. 1 GG deter­mi­niert aller­dings nicht das Ergeb­nis einer die betei­lig­ten (Grund-)Rechtspositionen umfas­send wür­di­gen­den Aus­le­gung des Urhe­ber­rechts. Die sich im Pri­vat­rechts­streit gegen­über­ste­hen­den Par­tei­en kön­nen regel­mä­ßig jeweils für sich Grund­rech­te in Anspruch neh­men, die aber nur im Wege der Aus­strah­lungs­wir­kung auf die Aus­le­gung und Anwen­dung der zivil­recht­li­chen Nor­men Ein­fluss neh­men30. Wie etwa im Miet­recht31 und im Arbeits­recht32 ist es auch in urhe­ber­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten nicht Sache des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, den Zivil­ge­rich­ten vor­zu­ge­ben, wie sie im Ergeb­nis zu ent­schei­den haben33. Dies gilt umso mehr, wenn die fach­recht­li­che Aus­le­gung und Anwen­dung des Rechts mög­li­cher­wei­se tat­säch­li­che Annah­men und Fest­stel­lun­gen ein­be­zie­hen muss, über deren Berech­ti­gung das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht befin­det.

Aus der Bezug­nah­me des ange­grif­fe­nen Beschlus­ses des Bun­des­ge­richtsfhofs auf das Urteil vom 6. Dezem­ber 2007 und aus der For­mu­lie­rung, das Beru­fungs­ge­richt habe die Kla­ge „im Ergeb­nis“ zu Recht abge­wie­sen, geht her­vor, dass sich der Bun­des­ge­richts­hof auf die Erwä­gun­gen stützt, die im Ver­fah­ren 1 BvR 1631/​08 vor dem Hin­ter­grund des Eigen­tums­schut­zes als bedenk­lich ange­se­hen wur­den. In die­sem Ver­fah­ren kam es aller­dings auf die Rüge einer Ver­let­zung von Art. 14 Abs. 1 GG nicht tra­gend an, weil der Ver­fas­sungs­be­schwer­de bereits wegen einer Ver­let­zung von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG statt­zu­ge­ben war.

Im Ein­zel­nen ist gegen die schon zivil­recht­lich nicht zwin­gen­de Aus­le­gung von § 54a Abs. 1 UrhG a.F. durch den Bun­des­ge­richts­hof zu erin­nern, dass sie bei Urhe­bern digi­ta­ler Vor­la­gen jeg­li­che Ver­gü­tung ent­fal­len lässt und mil­de­re – zugleich mit dem Urhe­ber­rechts­ge­setz zu ver­ein­ba­ren­de34 – Mit­tel, das heißt hier eine Begren­zung der Höhe der Ver­gü­tung, nicht in Erwä­gung zieht. Dass die Abga­be auf Scan­ner35 dem Umfang nach hin­reicht, um eine ange­mes­se­ne Ver­gü­tung der digi­ta­len Urhe­ber zu gewähr­leis­ten, ergibt sich aus den fach­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen nicht.

Die fach­recht­li­che Aus­le­gung und Anwen­dung des Urhe­ber­rechts muss ins­be­son­de­re ange­sichts der auf die­sem Gebiet zahl­rei­chen tech­ni­schen Neue­run­gen die Eigen­tums­rech­te der Urhe­ber aus Art. 14 Abs. 1 GG gewähr­leis­ten. Eine tat­säch­li­che oder recht­li­che Ent­wick­lung kann eine bis dahin ein­deu­ti­ge und voll­stän­di­ge Rege­lung lücken­haft, ergän­zungs­be­dürf­tig und zugleich ergän­zungs­fä­hig wer­den las­sen. Die ver­fas­sungs­recht­li­che Zuläs­sig­keit der Lücken­su­che und ‑schlie­ßung fin­det ihre Recht­fer­ti­gung unter ande­rem dar­in, dass Geset­ze einem Alte­rungs­pro­zess unter­wor­fen sind. Die Gerich­te sind daher befugt und ver­pflich­tet zu prü­fen, wie das Geset­zes­recht auf neue Zeit­um­stän­de anzu­wen­den ist36. Dies schließt hier die Prü­fung ein, inwie­weit eine restrik­ti­ve Aus­le­gung von § 54a UrhG a.F. ange­sichts der rasan­ten Ver­brei­tung digi­ta­ler Daten­spei­che­rung und ‑ver­viel­fäl­ti­gung dazu führt, dass zu Las­ten gewis­ser Urhe­ber eine abso­lu­te Schutz­lü­cke ent­steht.

Eine Aus­le­gung im Lich­te von Art. 14 Abs. 1 GG hat, wie im Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 30. August 2010 näher aus­ge­führt, davon aus­zu­ge­hen, der Gesetz­ge­ber habe dem Urhe­ber durch § 54a UrhG a.F. den ihm von der Ver­fas­sung garan­tier­ten Ver­wer­tungs­an­spruch für sol­che Fäl­le sichern wol­len, in denen der Werk­nut­zer nicht belangt wer­den kann und daher auf den Gerä­te­her­stel­ler aus­ge­wi­chen wer­den muss.

Schließ­lich nimmt die Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Bezug auf sei­ne im Beschluss vom 30. August 2010 erläu­ter­ten Beden­ken gegen die Argu­men­ta­ti­on des Bun­des­ge­richts­hofs, anders als bei Druck­wer­ken lie­ge bei digi­ta­len Vor­la­gen häu­fig eine Ein­wil­li­gung des Berech­tig­ten in die Ver­viel­fäl­ti­gung vor. Auch dem "Padawan"-Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 21. Okto­ber 201037 lässt sich nicht ent­neh­men, dass ein Ein­ver­ständ­nis des Urhe­bers mit der Ver­viel­fäl­ti­gung – ohne gleich­zei­ti­ge Ver­gü­tungs­ab­re­de – eine Aus­gleichs­pflicht nach Art. 5 Abs. 2 der Urhe­ber­rechts­richt­li­nie38 aus­schlös­se.

Unge­ach­tet des­sen ist der Bun­des­ge­richts­hof von Ver­fas­sungs wegen nicht gehin­dert, zwi­schen der haupt­säch­li­chen Ver­wen­dung der Gerä­te im betrieb­li­chen oder pri­va­ten Kon­text zu dif­fe­ren­zie­ren oder, wie der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in sei­nem "Padawan"-Urteil vom 21. Okto­ber 2010, dar­auf abzu­stel­len, ob die frag­li­chen Gerä­te mut­maß­lich für pri­va­te Ver­viel­fäl­ti­gun­gen gebraucht wer­den39, was auch bei einem Ver­kauf an Gewer­be­trei­ben­de oder Frei­be­ruf­ler nicht aus­ge­schlos­sen erscheint.

Im Aus­gangs­ver­fah­ren ist wegen des auf das Jahr 2001 beschränk­ten streit­ge­gen­ständ­li­chen Zeit­raums aller­dings zu beach­ten, dass die Richt­li­nie gemäß ihres Art. 10 Abs. 2 Hand­lun­gen und Rech­te nicht berührt, die vor dem 22. Dezem­ber 2002 abge­schlos­sen bzw. erwor­ben wur­den. Unbe­scha­det bleibt das ab dem Zeit­punkt des Inkraft­tre­tens der Richt­li­nie am 22. Juni 2001 gel­ten­de soge­nann­te Frus­tra­ti­ons­ver­bot40.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 21. Dezem­ber 2010 – 1 BvR 506/​09 (Com­pu­ter), 1 BvR 2742/​08 und 1 BvR 2760/​08 (Dru­cker und Plot­ter – Alt­fäl­le)

  1. 1 BvR 506/​09 []
  2. BVerfG, Beschluss vom 30.08.2010 – 1 BvR 1631/​08; vgl. auch BVerfGE 82, 159, 194 ff.; und BVerfG, Beschluss vom 06.07.2010 – 2 BvR 2661/​06, Rn. 88 ff. []
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 10.11.2010 – 1 BvR 2065/​10; der Sache nach eben­so gehand­habt in BVerfG, Beschluss vom 06.07.2010, a.a.O., Rn. 92 []
  4. vgl. BVerfGK 8, 401, 405; 10, 19, 31; BVerfG, Beschlüs­se vom 09.01.2001 – 1 BvR 1036/​99, NJW 2001, 1267, 1268; vom 30.08.2010, a.a.O.; vom 14.05.2007 – 1 BvR 2036/​05, NVwZ 2007, 942, 945, vom 20.02.2008 – 1 BvR 2722/​06, NVwZ 2008, 780, 781; und vom 25.02.2010 – 1 BvR 230/​09, NJW 2010, 1268, 1269 []
  5. BVerfGE 71, 122, 135 f. []
  6. ABl EG Nr. L 167 S. 10 []
  7. BGH, Urteil vom 02.10.2008 – I ZR 18/​06 []
  8. öOGH, Urteil vom 24.02.2009 – 4 Ob 225/​08d, GRUR Int. 2009, 754 []
  9. EuGH, Urteil vom 21.10.2010 – C‑467/​08 „Pada­wan“ []
  10. EuGH, Schluss­an­trä­ge der Gene­ral­an­wäl­tin vom 11.05.2010 – C‑467/​08, Rn. 16 und pas­sim []
  11. EuGH, a.a.O., Rn. 59 []
  12. vgl. BVerfGE 112, 332, 358, m.w.N.; stRspr []
  13. vgl. BVerfGE 89, 1, 9 f. []
  14. vgl. BVerfGK 1, 308, 311, 313 []
  15. vgl. auch BVerfGE 94, 1, 9 f.; 112, 332, 358 []
  16. vgl. hier­zu Loewen­heim, in: ders., Hand­buch des Urhe­ber­rechts, 2. Aufl. 2010, § 20 Rn. 11 m.w.N.; Schul­ze, in: Dreier/​Schulze, UrhG, 3. Aufl. 2008, § 16 Rn. 6, 13 m.w.N. []
  17. EuGH, a.a.O., Rn. 59 []
  18. 1 BvR 2742/​08 und 1 BvR 2760/​08 []
  19. BVerfG, Beschluss vom 30.08.2010, a.a.O. []
  20. BGH, Urteil vom 06.12.2007 – I ZR 94/​05 []
  21. BGH, Beschluss vom 14.08.2008 – I ZR 208/​07 []
  22. vgl. BVerfGE 31, 229, 240 f.; 79, 1, 25 []
  23. vgl. BVerfGE 21, 73, 83; 79, 29, 40 []
  24. vgl. BVerfGE 31, 229, 243; 49, 382, 400; 79, 29, 41 []
  25. vgl. BVerfGE 8, 210, 220 f.; 88, 145, 166 []
  26. vgl. BVerfGE 86, 288, 320 []
  27. vgl. BVerfGE 8, 28, 34; 54, 277, 299 f. []
  28. vgl. BVerfGE 89, 1, 9 f. []
  29. vgl. BVerfGE 89, 1, 9 f.; 95, 28, 37; 97, 391, 401; 112, 332, 358 f. []
  30. vgl. BVerfGE 112, 332, 358 m.w.N.; stRspr []
  31. vgl. BVerfGE 89, 1, 9 f. []
  32. vgl. BVerfGK 1, 308, 311, 313 []
  33. vgl. auch BVerfGE 94, 1, 9 f.; 112, 332, 358 []
  34. vgl. BGHZ 140, 326, 333 f. []
  35. vgl. BGH, Urteil vom 05.07.2001 – I ZR 335/​98, GRUR 2002, 246 []
  36. vgl. BVerfGE 82, 6, 12; 96, 375, 394 []
  37. EuGH, Urteil vom 21.10.2010 – C‑467/​08 [Pada­wan], Rn. 40 ff. []
  38. Richt­li­nie 2001/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22. Mai 2001 zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, ABl EG Nr. L 167 S. 10 []
  39. EuGH, a.a.O., Rn. 59 []
  40. vgl. EuGH, Urteil vom 04.07.2006 – C‑212/​04 „ELOG“ -, Slg. 2006, S. I‑06057 m.w.N. []