30jähriger Kün­di­gungs­aus­schluss in der Kapi­tal­an­la­ge-GbR

Die Rege­lung im Gesell­schafts­ver­trag einer Kapi­tal­an­la­ge­ge­sell­schaft in der Form einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts, die dem nur in gerin­gem Umfang kapi­tal­mä­ßig betei­lig­ten Anle­ger eine ordent­li­che Kün­di­gung sei­ner Betei­li­gung erst­mals nach 31 Jah­ren gestat­tet, stellt wegen des damit für den Anle­ger ver­bun­de­nen unüber­schau­ba­ren Haf­tungs­ri­si­kos eine unzu­läs­si­ge Kün­di­gungs­be­schrän­kung nach § 723 Abs. 3 BGB dar.

30jähriger Kün­di­gungs­aus­schluss in der Kapi­tal­an­la­ge-GbR

Dies folgt nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs aller­dings nicht dar­aus, dass eine sol­che Kün­di­gungs­be­schrän­kung zum Nach­teil des Ver­brau­chers von einem gesetz­li­chen Leit­bild abweicht (§ 307 Abs. 2 Nr. 1 BGB). § 723 BGB geht, anders als das Beru­fungs­ge­richt meint, nicht von dem gesetz­li­chen Leit­bild einer jeder­zeit ordent­lich künd­ba­ren BGB-Gesell­schaft aus. Dort sind viel­mehr ledig­lich die Kün­di­gungs­re­ge­lun­gen für die unter­schied­li­chen, jedoch gleich­wer­tig neben­ein­an­der­ste­hen­den For­men der unbe­fris­te­ten und der befris­te­ten BGB-Gesell­schaft auf­ge­führt.

Die Beschrän­kung des Kün­di­gungs­rechts des GbR-Gesell­schaf­ters ver­stößt jedoch gegen § 723 Abs. 3 BGB.

Es ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass auf­grund der all­ge­mei­nen Ver­trags­frei­heit rechts­ge­schäft­li­che Bin­dun­gen über einen lan­gen Zeit­raum ein­ge­gan­gen wer­den kön­nen. Eine Gren­ze bil­den ledig­lich §§ 138, 242, 723 Abs. 3 BGB und gege­be­nen­falls § 307 Abs. 1 BGB. Eine lang­fris­ti­ge Bin­dung ist dann sit­ten­wid­rig, wenn durch sie die per­sön­li­che und wirt­schaft­li­che Hand­lungs­frei­heit so beschränkt wird, dass die eine Sei­te der ande­ren in einem nicht mehr hin­nehm­ba­ren Über­maß "auf Gedeih und Ver­derb" aus­ge­lie­fert ist. Maß­ge­bend ist eine Abwä­gung der jewei­li­gen ver­trags­ty­pi­schen und durch die Beson­der­hei­ten des Ein­zel­falls gepräg­ten Umstän­de 1. Die­se Abwä­gung führt vor­lie­gend dazu, die Ver­trags­bin­dung des GbR-Gesell­schaf­ters als eine gegen § 723 Abs. 3 BGB ver­sto­ßen­de, unzu­läs­si­ge Kün­di­gungs­be­schrän­kung zu bewer­ten mit der Fol­ge, dass der Gesell­schaf­ter sich jeder­zeit durch Kün­di­gung von sei­ner Betei­li­gung an der BGB-Gesell­schaft lösen konn­te.

Eine Befris­tung von 31 Jah­ren stellt unter den hier gege­be­nen Umstän­den eine nach § 723 Abs. 3 BGB unzu­läs­si­ge Kün­di­gungs­be­schrän­kung dar. § 723 Abs. 3 BGB kann auch bei über­lan­gen Befris­tun­gen von Gesell­schafts­ver­trä­gen ein­grei­fen.

Im Anschluss an die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 17. Juni 1953 2, der­zu­fol­ge § 723 Abs. 3 BGB sich nicht auf zeit­li­che Beschrän­kun­gen, son­dern auf ande­re Erschwe­run­gen oder den völ­li­gen Aus­schluss des Kün­di­gungs­rechts bezieht, ent­sprach es der frü­her herr­schen­den Mei­nung, dass Befris­tun­gen in Gesell­schafts­ver­trä­gen zwar nicht auf die Lebens­zeit eines Gesell­schaf­ters (§ 724 BGB), im Übri­gen aber zeit­lich unbe­schränkt ver­ein­bart wer­den konn­ten 3. Als Gren­ze einer nicht mehr hin­nehm­ba­ren Ver­trags­dau­er wur­de allein ein Ver­stoß gegen § 138 Abs. 1 BGB aner­kannt.

Mit Urteil vom 18. Sep­tem­ber 2006 4 hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass dem in die­ser All­ge­mein­heit nicht gefolgt wer­den kann. Bereits im Urteil vom 11. Juli 1968 5 hat­te der Bun­des­ge­richts­hof den Zweck des § 723 Abs. 3 BGB dar­in gese­hen, Ver­ein­ba­run­gen über die Beschrän­kung des ordent­li­chen Kün­di­gungs­rechts die Wirk­sam­keit zu ver­sa­gen, bei denen die Bin­dung der Gesell­schaf­ter an die Gesell­schaft zeit­lich ganz unüber­schau­bar ist und infol­ge­des­sen ihre per­sön­li­che und wirt­schaft­li­che Betä­ti­gungs­frei­heit unver­tret­bar ein­ge­engt wird. Hier­in ist ihm die Lite­ra­tur ganz über­wie­gend gefolgt 6. Eine der­ar­ti­ge zeit­li­che Unüber­schau­bar­keit mit den ent­spre­chen­den nach­tei­li­gen Fol­gen für die per­sön­li­che Frei­heit des Gesell­schaf­ters besteht nicht nur bei unbe­fris­te­ten oder die­sen wegen der Unbe­stimm­bar­keit der Ver­trags­lauf­zeit gleich­ste­hen­den Gesell­schafts­ver­trä­gen, son­dern auch bei zeit­lich befris­te­ten Gesell­schafts­ver­trä­gen, bei denen die ver­trag­li­che Bin­dung von so lan­ger Dau­er ist, dass bei Ver­trags­schluss die Ent­wick­lung und damit die Aus­wir­kun­gen auf die Gesell­schaf­ter unüber­seh­bar sind. Sinn und Zweck der gesetz­li­chen Rege­lung, die Frei­heit des Ein­zel­nen zu wah­ren, kön­nen bei bestimm­ten Gesell­schafts­ver­trä­gen den Aus­schluss einer über­mä­ßig lan­gen Bin­dung erfor­dern, wenn die­se in ihrer prak­ti­schen Wir­kung einem Kün­di­gungs­aus­schluss für unbe­stimm­te Zeit gleich­kommt 7.

Die Fra­ge, wo die zeit­li­che Gren­ze einer zuläs­si­gen Zeit­be­stim­mung ver­läuft, lässt sich nicht all­ge­mein, son­dern nur anhand der Umstän­de des Ein­zel­falls beant­wor­ten. Hier­bei sind außer den schutz­wür­di­gen Inter­es­sen der ein­zel­nen Gesell­schaf­ter an abseh­ba­ren, ein­sei­ti­gen, ohne wich­ti­gen Grund gewähr­ten Lösungs­mög­lich­kei­ten auch die Struk­tur der Gesell­schaft, die Art und das Aus­maß der für die Betei­lig­ten aus dem Gesell­schafts­ver­trag fol­gen­den Pflich­ten sowie das durch den Gesell­schafts­zweck begrün­de­te Inter­es­se an mög­lichst lang­fris­ti­gem Bestand der Gesell­schaft zu berück­sich­ti­gen 8.

Die danach erfor­der­li­che Inter­es­sen­ab­wä­gung führt hier für den Bun­des­ge­richts­hof zur Unwirk­sam­keit der Ver­trags­bin­dung von 31 Jah­ren.

Zwar setzt die als Kapi­tal­an­la­ge kon­zi­pier­te Gesell­schaft not­wen­di­ger­wei­se eine län­ge­re Lauf­zeit vor­aus. Auch stellt die monat­li­che Belas­tung mit einer Zah­lung von im hier ent­schie­de­nen Fall 52,50 € für sich gese­hen wirt­schaft­lich kei­ne über­mä­ßi­ge Ein­schrän­kung der Hand­lungs­frei­heit eines Anle­gers dar. Nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben darf bei der Abwä­gung auch, dass der Gesell­schaf­ter in Kennt­nis sei­nes Alters nicht die gerin­ge­re Lauf­zeit von 18 Jah­ren, son­dern frei­wil­lig eine Raten­zah­lungs­dau­er bis zu sei­nem 75. Lebens­jahr gewählt hat. Gleich­wohl ver­mag auch unter Berück­sich­ti­gung all des­sen der Umstand, dass nach zwölf Jah­ren die Bei­trags­frei­stel­lung bean­tragt wer­den kann, nichts an der Unzu­läs­sig­keit einer 31jährigen Ver­trags­bin­dung zu ändern. Denn der Gesell­schaf­ter wür­de dadurch nur von sei­ner Ein­zah­lungs­pflicht befreit, blie­be jedoch Gesell­schaf­ter der BGB-Gesell­schaft und wäre für wei­te­re 19 Jah­re der unbe­schränk­ten, per­sön­li­chen Außen­haf­tung mit sei­nem gesam­ten Ver­mö­gen (§ 128 HGB ana­log) aus­ge­setzt. Die­sem grund­sätz­lich unbe­grenz­ten, von einem nur kapi­ta­lis­tisch betei­lig­ten Anle­ger nicht über­schau­ba­ren Haf­tungs­ri­si­ko über einen Zeit­raum von 31 Jah­ren steht, wie die gerin­ge Raten­hö­he zeigt, wirt­schaft­lich nur eine Betei­li­gung des Gesell­schaf­ters in gerin­gem Umfang gegen­über. Ange­sichts des­sen wird der Gesell­schaf­ter durch das unüber­schau­ba­re Haf­tungs­ri­si­ko in sei­ner per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Hand­lungs­fä­hig­keit in einem Aus­maß beein­träch­tigt, das zwar noch nicht die Gren­ze der Sit­ten­wid­rig­keit nach § 138 BGB über­schrit­ten haben mag, das aber durch kei­ne Inter­es­sen der Gesell­schaft an sei­nem Ver­bleib gerecht­fer­tigt ist und sich dem­nach als eine unzu­läs­si­ge Umge­hung des in § 723 Abs. 3 BGB ver­bo­te­nen Kün­di­gungs­aus­schlus­ses dar­stellt. In die­sem unüber­schau­ba­ren Haf­tungs­ri­si­ko liegt der Unter­schied zu dem vom Bun­des­ge­richts­hof mit Urteil vom 21. März 2005 9 ent­schie­de­nen Fall eines stil­len Gesell­schaf­ters, der sich zudem nur für zwölf Jah­re gebun­den hat­te.

Die Rechts­fol­ge eines Ver­sto­ßes gegen § 723 Abs. 3 BGB besteht in der Nich­tig­keit (nur) der ent­ge­gen­ste­hen­den Kün­di­gungs­be­schrän­kung. An die Stel­le der nich­ti­gen Kün­di­gungs­re­ge­lung tritt dis­po­si­ti­ves Recht 10, das heißt der Gesell­schaf­ter kann sei­ne Betei­li­gung jeder­zeit nach § 723 Abs. 1 Satz 1 BGB ordent­lich kün­di­gen. Etwas ande­res gilt nur dann, wenn der Gesell­schafts­zweck oder die sons­ti­gen zwi­schen den Betei­lig­ten getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen erken­nen las­sen, dass sie über­ein­stim­mend eine zeit­lich unbe­grenz­te oder lang anhal­ten­de Bin­dung gewollt haben und mit der Nich­tig­keit aus § 723 Abs. 3 BGB nicht gerech­net haben. In der­ar­ti­gen Fäl­len ist das Gericht befugt, den Par­tei­wil­len durch ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung, das heißt durch Fest­set­zung einer den Vor­stel­lun­gen der Betei­lig­ten mög­lichst nahe kom­men­den, noch zuläs­si­gen Befris­tung Rech­nung zu tra­gen 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Mai 2012 – II ZR 205/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 21.03.2005 – II ZR 140/​03, ZIP 2005, 753, 756 m.w.N.[]
  2. BGH, Urteil vom 17.06.1953 – II ZR 205/​52, BGHZ 10, 91, 98[]
  3. vgl. Hueck, OHG, 4. Aufl., § 24 I, 5; Flu­me, ZHR 148 (1984), 503, 520; Mer­le, Fest­schrift Bär­mann, S. 631, 646 f.; wei­te­re Nach­wei­se bei Münch­Komm-BGB/Ul­mer/Schä­fer, 5. Aufl., § 723 Rn. 133[]
  4. BGH, Urteil vom 18.09.2006 – II ZR 137/​04, ZIP 2006, 2316 ff.[]
  5. BGH, Urteil vom 11.07.1968 – II ZR 179/​66, BGHZ 50, 316, 321 f.[]
  6. vgl. Erman/H.P. Wes­ter­mann, BGB, 13. Aufl., § 723 Rn. 22; Wie­de­mann, Gesell­schafts­recht II, S. 272 f.; Münch­Komm-BGB/Ul­mer/­Schä­fer, 5. Aufl., § 723 Rn. 65 m.w.N.[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 18.09.2006 – II ZR 137/​04, ZIP 2006, 2316 Rn. 11 m.w.N.[]
  8. sie­he Münch­Komm-BGB/Ul­mer/­Schä­fer, 5. Aufl., § 723 Rn. 66 m.w.N.[]
  9. BGH, Urteil vom 21.03.2005 – II ZR 140/​03, ZIP 2005, 753[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 18.09.2006 – II ZR 137/​04, ZIP 2006, 2316 Rn. 21; Urteil vom 13.06.1994 – II ZR 259/​92, ZIP 1994, 1180, 1182[]
  11. sie­he inso­weit BGH, Urteil vom 18.09.2006 – II ZR 137/​04, ZIP 2006, 2316 Rn. 21 f.; Urteil vom 13.06.1994 – II ZR 259/​92, ZIP 1994, 1180, 1182 f.[]