Akti­en­recht­li­ches Spruch­ver­fah­ren – und die Insol­venz der Akti­en­ge­sell­schaft

Ein Spruch­ver­fah­ren wird durch die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen eines Antrags­geg­ners nicht ent­spre­chend § 240 ZPO unter­bro­chen.

Akti­en­recht­li­ches Spruch­ver­fah­ren – und die Insol­venz der Akti­en­ge­sell­schaft

Teil­wei­se wird im Schrift­tum die Ansicht ver­tre­ten, im Fal­le der Insol­venz des Antrags­geg­ners sei das Spruch­ver­fah­ren als "strei­ti­ges Ver­fah­ren" der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit ana­log § 240 ZPO kraft Geset­zes unter­bro­chen, da es die Fest­le­gung der vom Antrags­geg­ner zu gewäh­ren­den Aus­gleichs­ver­pflich­tung, also die Insol­venz­mas­se betref­fe1. Danach wäre das dem Fest­set­zungs­ver­fah­ren zugrun­de­lie­gen­de Spruch­ver­fah­ren seit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen der Schuld­ne­rin unter­bro­chen und vor­lie­gend auch nicht wie­der­auf­ge­nom­men wor­den. Eine Unter­bre­chung des Spruch­ver­fah­rens wür­de sich auf ein nach­fol­gen­des Fest­set­zungs­ver­fah­ren aus­wir­ken. Vor dem Ende des Spruch­ver­fah­rens kann ein Fest­set­zungs­ver­fah­ren nicht begin­nen2. Dem­nach wäre das Rechts­schutz­in­ter­es­se des Antrags­geg­ners dar­auf gerich­tet, die unter Ver­stoß gegen den Ver­fah­rens­still­stand ergan­ge­nen Ent­schei­dun­gen allein wegen die­ses Ver­sto­ßes auf­he­ben zu las­sen3.

Dem­ge­gen­über sind die ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung und der über­wie­gen­de Teil im Schrift­tum der Auf­fas­sung, dass ein Spruch­ver­fah­ren durch die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen des zur Zah­lung eines etwai­gen Erhö­hungs­be­trags ver­pflich­te­ten Antrags­geg­ners nicht in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 240 ZPO unter­bro­chen wird4, da im Spruch­ver­fah­ren kei­ne Zah­lungs­an­sprü­che ver­folgt wer­den. Danach wäre das Spruch­ver­fah­ren durch die Ent­schei­dung des Land­ge­richts in der Haupt­sa­che been­det gewe­sen, so dass an und für sich ein Fest­set­zungs­ver­fah­ren begin­nen könn­te.

Der Bun­des­ge­richts­hof schließt sich der letzt­ge­nann­ten Auf­fas­sung an.

In den gemäß § 17 Abs. 1 SpruchG maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten des FamFG fin­den sich weder Rege­lun­gen über die Unter­bre­chung des Ver­fah­rens noch eine aus­drück­li­che Ver­wei­sung auf § 240 ZPO.

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine ana­lo­ge Anwen­dung von § 240 ZPO sind mit Blick auf die Beson­der­hei­ten des Spruch­ver­fah­rens nicht gege­ben.

Eine Ana­lo­gie ist zuläs­sig, wenn das Gesetz eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke ent­hält und der zu beur­tei­len­de Sach­ver­halt in recht­li­cher Hin­sicht soweit mit dem Tat­be­stand, den der Gesetz­ge­ber gere­gelt hat, ver­gleich­bar ist, dass ange­nom­men wer­den kann, der Gesetz­ge­ber wäre bei einer Inter­es­sen­ab­wä­gung, bei der er sich von den glei­chen Grund­sät­zen hät­te lei­ten las­sen wie bei dem Erlass der her­an­ge­zo­ge­nen Geset­zes­vor­schrift, zu dem glei­chen Abwä­gungs­er­geb­nis gekom­men5. Es fin­den sich schon kei­ne Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke.

Auf­grund der unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­ge zum zivil­pro­zes­sua­len Erkennt­nis­ver­fah­ren besteht kein Bedürf­nis für eine ent­spre­chen­de Anwen­dung von § 240 ZPO im Spruch­ver­fah­ren. Ein maß­geb­li­cher Zweck der Unter­bre­chung, dem Insol­venz­ver­wal­ter die not­wen­di­ge Gele­gen­heit zur Prü­fung zu geben, ob und wie er ein Ver­fah­ren wei­ter­be­trei­ben möch­te6, kann nicht erreicht wer­den.

Das Spruch­ver­fah­ren wäre dau­er­haft unter­bro­chen, da es man­gels unmit­tel­ba­ren recht­li­chen Bezu­ges zur Insol­venz­mas­se nicht nach den für das Insol­venz­ver­fah­ren gel­ten­den Vor­schrif­ten wie­der­auf­ge­nom­men wer­den könn­te. Zum einen betrifft es nicht die Aus­son­de­rung eines Gegen­stands aus der Insol­venz­mas­se (§ 86 Abs. 1 Nr. 1 InsO), die abge­son­der­te Befrie­di­gung (§ 86 Abs. 1 Nr. 2 InsO) oder eine Mas­se­ver­bind­lich­keit (§ 86 Abs. 1 Nr. 3 InsO). Zum ande­ren wäre die Auf­nah­me des Spruch­ver­fah­rens auch nicht im Rah­men von § 87 i.V.m. § 179 Abs. 1, § 180 Abs. 2 InsO mög­lich, da ein Spruch­ver­fah­ren von vorn­her­ein kein auf einen Leis­tungs­ti­tel gerich­te­ter Rechts­streit über eine For­de­rung i.S.v. § 180 Abs. 2 InsO ist. Das Spruch­ver­fah­ren ist viel­mehr auf Fest­stel­lung der ange­mes­se­nen Kom­pen­sa­ti­on aus­ge­rich­tet. Eine Leis­tungs­ver­pflich­tung ist nicht Gegen­stand des Spruch­ver­fah­rens, son­dern erst einer ggf. nach­fol­gen­den Leis­tungs­kla­ge7.

Die Anteils­in­ha­ber könn­ten im Fall der dau­er­haf­ten Unter­bre­chung des Spruch­ver­fah­rens ihre Ansprü­che auch nicht auf ande­rem Wege gel­tend machen, da eine gericht­li­che Nach­prü­fung des Umtausch­ver­hält­nis­ses und die Fest­set­zung einer baren Zuzah­lung allein im Rah­men des Spruch­ver­fah­rens erfol­gen darf (vgl. § 305 UmwG aF i.V.m. § 15 UmwG aF, § 1 Nr. 4 SpruchG). Das Spruch­ver­fah­ren schließt nach all­ge­mei­ner Ansicht in sei­nem Anwen­dungs­be­reich jede ande­re Art der gericht­li­chen Gel­tend­ma­chung von Abfin­dungs­und Aus­gleichs­an­sprü­chen aus8. Die­ser Vor­rang des Spruch­ver­fah­rens wür­de auch bei einer Unter­bre­chung ent­spre­chend § 240 ZPO fort­wir­ken, da das Ver­fah­ren wei­ter­hin rechts­hän­gig blie­be. Von der Vor­rang­wir­kung sind neben Leis­tungs­kla­gen auch Fest­stel­lungs­kla­gen erfasst und damit eben­falls Kla­gen auf Fest­stel­lung einer bestimm­ten Abfin­dungs­hö­he zur Insol­venz­ta­bel­le gemäß § 87 InsO i.V.m. § 179 Abs. 1, § 180 Abs. 1 InsO; die­se wären unzu­läs­sig.

Auch die Gel­tend­ma­chung von Kos­ten­er­stat­tungs­an­sprü­chen oder Aus­la­gen und Ver­gü­tung des gemein­sa­men Ver­tre­ters wäre nicht mög­lich, da dies eine rechts­kräf­ti­ge Aus­gangs­ent­schei­dung im Spruch­ver­fah­ren erfor­dert.

Es käme des­halb einer Rechts­ver­wei­ge­rung gegen­über den Antrag­stel­lern gleich, wenn sich ein lau­fen­des Spruch­ver­fah­ren mit Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen eines Antrags­geg­ners erle­di­gen wür­de9. Auch ein ein­ge­schränk­tes oder sogar feh­len­des wirt­schaft­li­ches Inter­es­se der Antrag­stel­ler wür­de ihr Rechts­schutz­be­dürf­nis grund­sätz­lich nicht ent­fal­len las­sen10.

Die wei­te­re Durch­füh­rung des Spruch­ver­fah­rens ent­spricht auch den Inter­es­sen aller Betei­lig­ten und dient der Pro­zess­öko­no­mie. Die Bün­de­lung aller Ein­wen­dun­gen gegen die Höhe der Kom­pen­sa­ti­on auf ein Ver­fah­ren wahrt nicht nur die Inter­es­sen des Insol­venz­ver­wal­ters als Schuld­ner der baren Zuzah­lung, son­dern bie­tet auch den Antrag­stel­lern und den kei­nen Antrag stel­len­den Anteils­eig­nern Kos­ten­vor­tei­le gegen­über einer Viel­zahl von Ver­fah­ren auf Fest­stel­lung zur Insol­venz­ta­bel­le. Letz­te­re wären unzweck­mä­ßig, weil ein Urteil nur zwi­schen den jewei­li­gen Par­tei­en wir­ken wür­de, aber alle betrof­fe­nen Anteils­in­ha­ber gleich behan­delt wer­den sol­len. Ver­fah­ren mit unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen zur Kom­pen­sa­ti­on wären schwer erträg­lich. Eben­so wür­de eine Viel­zahl von Ver­fah­ren zudem die Gerich­te über Gebühr belas­ten11.

Schließ­lich stie­ße eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 240 ZPO auf­grund der gestal­ten­den Wir­kung eines Aus­spruchs im Spruch­ver­fah­ren auf kaum über­wind­li­che dog­ma­ti­sche Schwie­rig­kei­ten. Denn erst die rück­wir­ken­de Ergän­zung der Aus­gleichs­leis­tung führt zu einer Anspruchs­be­grün­dung für eine bare Zuzah­lung. Eine sol­che gestal­ten­de Wir­kung kann aber der bei einer Unter­bre­chung des Spruch­ver­fah­rens erfor­der­li­chen nor­ma­len Kla­ge, die auf Fest­stel­lung der For­de­rung zur Insol­venz­ta­bel­le gerich­tet wäre, nicht bei­gemes­sen wer­den12.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Janu­ar 2019 – II ZB 2/​16

  1. Antczak/​Fritzsche in Dreier/​Fritzsche/​Verfürth, SpruchG, 2. Aufl., § 5 Rn. 11; Puszka­j­ler in KKAktG, § 11 SpruchG Rn. 57; Wälz­holz in Widmann/​Mayer, Umwand­lungs­recht, 174. Lfg. [Stand: 01.10.2016], § 17 SpruchG Rn.09.1; Jaeger/​Windel, InsO, § 85 Rn. 76; Uhlenbruck/​Mock, InsO, 15. Aufl., § 85 Rn. 97; Malitz, EWiR 2003, 71, 72; Stür­ner, in Fest­schrift Uhlen­bruck, 2000, S. 669, 672 ff.; wohl auch Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 78. Lfg. 11.2018, § 85 Rn. 34; ein­schrän­kend Witt­gens, Das Spruch­ver­fah­rens­ge­setz, S. 234 ff. []
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 22.10.2013 – II ZB 4/​13, ZIP 2013, 2426 Rn. 7 []
  3. vgl. HkZPO/​Wöstmann, ZPO, 7. Aufl., § 249 Rn. 10; Zöller/​Greger, ZPO, 32. Aufl., § 249 Rn. 10, jeweils mwN []
  4. BayO­bLGZ 1978, 209, 211 f.; 278, 280 aE; BayO­bLG, ZIn­sO 2002, 829, 830; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 30.05.2011 I26 W 4/​10 [AktE] 16; AG 2012, 797, 798; OLG Frank­furt a.M., ZIn­sO 2018, 2749, 2750; AG 2016, 667, 668; Beschluss vom 09.04.2010 5 W 75/​09 8; Beschluss vom 05.11.2009 5 W 48/​09 7 ff.; ZIP 2006, 203, 204; OLG Schles­wig, ZIP 2008, 2326, 2327; Han­sOLG Ham­burg, AG 2002, 406, 407; Dre­scher in Spindler/​Stilz, AktG, 4. Aufl., § 5 SpruchG Rn. 8; Hüffer/​Koch, AktG, 13. Aufl., § 5 SpruchG Rn. 2; Münch­Komm-Akt­G/Ku­bis, 4. Aufl., § 5 SpruchG Rn. 1; Simon/​Leuering, SpruchG, § 5 Rn. 15; Hölters/​Simons, AktG, 3. Aufl., § 5 SpruchG Rn. 5; Klö­cker in K. Schmidt/​Lutter, AktG, 3. Aufl., § 11 SpruchG Rn. 25; Klöcker/​Frowein, SpruchG, § 11 Rn. 31; Men­ni­cke in Lut­ter, UmwG, 5. Aufl., § 11 SpruchG Rn. 18; Crans­haw, juris­PRInsR 5/​2009, Anm. 4; R. Pau­lus, ZIn­sO 2007, 1259, 1263; vgl. auch Keidel/​Sternal, FamFG, 19. Aufl., § 1 Rn. 39, § 21 Rn. 39; Bumiller/​Harders/​Schwamb, FamFG, 11. Aufl., § 21 Rn. 7; BeckOKFamFG/​Burschel, 28. Ed. 01.10.2018, § 21 Rn. 7; Münch KommFamFG/​Pabst, 3. Aufl., § 21 Rn. 21; Ahn­Roth in Prütting/​Helms, FamFG, 4. Aufl., § 21 Rn. 5 f.; BeckOKZPO/​Jaspersen, 31. Ed. 01.12.2018, § 240 Rn.02.4; Hir­te in Uhlen­bruck, InsO, 15. Aufl., § 11 Rn. 406; Braun/​Kroth, InsO, 7. Aufl., vor §§ 8587 Rn. 9; Münch­Komm-InsO/­Schu­ma­cher, 3. Aufl., vor §§ 8587 Rn. 48; GrafSchlicker/​Webel, InsO, 4. Aufl., vor § 85 Rn. 2 mit Fn. 14; Jar­chow in Ham­KIn­sO, 7. Aufl., § 55 Rn. 63; Jaeger/​Henckel, InsO, § 55 Rn. 24 []
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 29.09.2015 – II ZB 23/​14, BGHZ 207, 114, 123 Rn. 23 mwN []
  6. BGH, Beschluss vom 14.08.2008 – VII ZB 3/​08, ZIP 2008, 1941 Rn. 11 []
  7. BGH, Beschluss vom 21.07.2003 – II ZB 17/​01, ZIP 2003, 1745, 1746; BayO­bLGZ 1978, 209, 213; BayO­bLG, AG 1999, 273; OLG Düs­sel­dorf, ZIP 2012, 1713, 1716; OLG Frank­furt a.M., ZIP 2006, 203, 204; Schwarz in: Widmann/​Mayer, Umwand­lungs­recht, 174. Lfg. [Stand: 01.01.1998], § 307 UmwG aF Rn. 39, § 311 UmwG aF Rn. 25 f.; Dre­scher in Spindler/​Stilz, AktG, 4. Aufl., § 5 SpruchG Rn. 8; § 11 SpruchG Rn. 3; Emme­rich in Emmerich/​Habersack, Akti­enund GmbH Kon­zern­recht, 8. Aufl., § 11 SpruchG Rn. 4; Münch­Komm-Akt­G/Ku­bis, 4. Aufl., § 11 SpruchG Rn. 5, jeweils mwN []
  8. vgl. nur Schwarz in Widmann/​Mayer, Umwand­lungs­recht, 164. Lie­fe­rung [Stand: 01.03.2002], § 305 UmwG aF Rn. 2, 8 ff.; zum SpruchG: Dre­scher in Spindler/​Stilz, AktG, 4. Aufl., § 1 SpruchG Rn. 33; Hört­nagl in Schmitt/​Hörtnagl/​Stratz, UmwG, 8. Aufl., § 1 SpruchG Rn. 8; Münch­Komm-Akt­G/Ku­bis, 4. Aufl., § 1 SpruchG Rn. 2; Hölters/​Simons, AktG, 3. Aufl., § 1 SpruchG Rn. 6, 25, jeweils mwN []
  9. vgl. BGH, Urteil vom 17.03.2008 – II ZR 45/​06, BGHZ 176, 43, 52 mwN []
  10. vgl. OLG Frank­furt a.M., Beschluss vom 09.04.2010 5 W 75/​09 13 f.; AG 2016, 667, 668, jeweils mwN; vgl. auch OLG Stutt­gart, ZIP 2010, 1641, 1643 []
  11. Dre­scher in Spindler/​Stilz, AktG, 4. Aufl., § 1 SpruchG Rn. 2 []
  12. vgl. OLG Frank­furt a.M., Beschluss vom 09.04.2010 5 W 75/​09 17 mwN []