Aus­län­di­sche Rest­ge­sell­schaft – und der Nach­trags­li­qui­da­tor

Eine Gesell­schaft aus­län­di­schen Rechts, die infol­ge der Löschung im Regis­ter ihres Hei­mat­staa­tes durch eine behörd­li­che Anord­nung ihre Rechts­fä­hig­keit ver­liert, besteht für ihr in Deutsch­land bele­ge­nes Ver­mö­gen als Rest­ge­sell­schaft fort.

Aus­län­di­sche Rest­ge­sell­schaft – und der Nach­trags­li­qui­da­tor

Wenn ein­zel­ne Abwick­lungs­maß­nah­men in Betracht kom­men, ist ent­spre­chend § 273 Abs. 4 Satz 1 AktG ein Nach­trags­li­qui­da­tor und nicht ent­spre­chend § 1913 BGB ein Pfle­ger zu bestel­len.

Die Anord­nung einer Pfleg­schaft nach § 1913 BGB schei­det aus, wenn der recht­li­che Trä­ger des Ver­mö­gens als sol­cher bekannt ist und nur sei­ne Orga­ne ver­hin­dert oder unbe­kannt sind 1.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies: Der recht­li­che Trä­ger der auf den Grund­stü­cken las­ten­den Grund­schuld ist nicht unbe­kannt. Wenn die Betrof­fe­ne bei Anwend­bar­keit des Rechts der Baha­mas infol­ge der Löschung ihre Rechts­fä­hig­keit ver­lo­ren hat und damit erlo­schen war, gilt sie für ihr in Deutsch­land bele­ge­nes Ver­mö­gen als fort­be­stehend. Wenn auf sie dage­gen deut­sches Recht anwend­bar gewe­sen sein soll­te, hät­te die von den Betei­lig­ten behaup­te­te Löschung der Betrof­fe­nen in den Regis­tern des Staa­tes der Baha­mas eben­falls kei­ne Aus­wir­kung auf ihre Rechts­fä­hig­keit und ihren Fort­be­stand.

Die Betrof­fe­ne gilt für ihr in Deutsch­land bele­ge­nes Ver­mö­gen als Rest­ge­sell­schaft als fort­be­stehend, wenn auf sie das Recht der Baha­mas anwend­bar ist und sie infol­ge der Löschung wegen nicht begli­che­ner Regis­ter­ge­büh­ren ihre Rechts­fä­hig­keit end­gül­tig ver­lo­ren hat.

Eine Gesell­schaft aus­län­di­schen Rechts (hier: eine Limi­ted mit Sitz in Nassau/​Bahamas), die infol­ge der Löschung im Regis­ter ihres Hei­mat­staa­tes durch eine behörd­li­che Anord­nung ihre Rechts­fä­hig­keit ver­liert, besteht für ihr in Deutsch­land bele­ge­nes Ver­mö­gen als Rest­ge­sell­schaft fort.

Ein Rechts­trä­ger, der in sei­nem Hei­mat­staat infol­ge staat­li­cher Zwangs­ein­grif­fe unter­ge­gan­gen ist, lebt hin­sicht­lich sei­nes von Zwangs­maß­nah­men nicht berühr­ten Ver­mö­gens außer­halb sei­nes Hei­mat­staa­tes wei­ter, und sei es auch nur zum Zwe­cke der Liqui­da­ti­on 2. Das im Aus­land bele­ge­ne Ver­mö­gen wird nicht her­ren­los, son­dern gehört nach wie vor dem im Inter­es­se der Gesell­schaf­ter wie auch der Gläu­bi­ger als Rest­ge­sell­schaft wei­ter­be­stehen­den Rechts­trä­ger, selbst wenn die­ser nach dem Recht sei­nes Hei­mat­staa­tes erlo­schen ist 3.

Die­se ursprüng­lich zu Fall­ge­stal­tun­gen staat­li­cher Ent­eig­nun­gen ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze der Rest- und Spalt­ge­sell­schaft sind auf im Aus­land infol­ge einer behörd­li­cher Anord­nung gelösch­te Gesell­schaf­ten über­trag­bar 4. Auch hier ste­hen einer Behand­lung als her­ren­lo­se oder rechts­trä­ger­lo­se Ver­mö­gens­mas­se die Inter­es­sen der bis­he­ri­gen Ver­mö­gens­in­ha­ber, aber auch der poten­zi­el­len Gesell­schafts­gläu­bi­ger ent­ge­gen.

Für eine danach bestehen­de Rest­ge­sell­schaft kann auch ein Ver­tre­tungs­or­gan bestimmt wer­den. Wenn ein­zel­ne Abwick­lungs­maß­nah­men in Betracht kom­men, ist ent­spre­chend § 273 Abs. 4 Satz 1 AktG ein Nach­trags­li­qui­da­tor zu bestel­len.

Eine im Inland ent­stan­de­ne Rest­ge­sell­schaft ist grund­sätz­lich nach deut­schem Recht zu beur­tei­len, ins­be­son­de­re auch abzu­wi­ckeln und umzu­grün­den 5. Zu ihrer Ver­tre­tung im Rechts­ver­kehr sind die Orga­ne der im Aus­land unter­ge­gan­ge­nen Gesell­schaft nicht mehr befugt, wenn mit dem Erlö­schen der Gesell­schaft die Funk­ti­on der Orga­ne und infol­ge­des­sen auch deren Ver­tre­tungs­macht ende­te 6.

Die Orga­ne einer Rest­ge­sell­schaft sind gesell­schafts­recht­lich zu bestim­men 7. Dabei ist zu beach­ten, dass sich der als Rest­ge­sell­schaft im Inland fort­be­stehen­de Rechts­trä­ger in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on befin­det, die es recht­fer­tigt, vor­ran­gig an prak­ti­schen Bedürf­nis­sen gemes­se­ne Lösun­gen als wirk­sam zu behan­deln. Selbst wenn sie unter gewöhn­li­chen Ver­hält­nis­sen nicht in Betracht kämen, soll damit der Rest­ge­sell­schaft die Mög­lich­keit eröff­net wer­den, die ihr noch ver­blie­be­nen Funk­tio­nen und Auf­ga­ben sach­ge­recht wahr­neh­men zu kön­nen 8.

Zur Bewäl­ti­gung von Abwick­lungs­maß­nah­men bei ursprüng­lich kör­per­schaft­lich struk­tu­rier­ten Gesell­schaf­ten ist die Bestel­lung eines Nach­trags­li­qui­da­tors sach­ge­recht 9. Damit las­sen sich die Inter­es­sen der Betei­lig­ten, der Gesell­schaft wie auch poten­zi­el­ler Gläu­bi­ger aus­rei­chend wah­ren, ohne das Bedürf­nis nach einer prak­ti­ka­blen Vor­ge­hens­wei­se zu ver­nach­läs­si­gen. In der vor­lie­gen­den Fall­ge­stal­tung, wie sie nach dem Vor­trag der Betei­lig­ten zu unter­stel­len ist, dient die Rest­ge­sell­schaft allein dazu, die recht­li­che Klä­rung über den Fort­be­stand einer zu ihren Guns­ten ein­ge­tra­ge­nen Grund­schuld her­bei­zu­füh­ren. Der Betrieb der Gesell­schaft im Übri­gen war bereits lang­jäh­rig ein­ge­stellt und auch orga­ni­sa­to­risch exis­tier­te sie nicht mehr.

Soweit wie hier nur ein­zel­ne Abwick­lungs­maß­nah­men in Betracht kom­men, ist § 273 Abs. 4 Satz 1 AktG ent­spre­chend her­an­zu­zie­hen 10. Sind kei­ne ander­wei­ti­gen Anhalts­punk­te vor­han­den, ist für die Bestel­lung des Nach­trags­li­qui­da­tors das­je­ni­ge Amts­ge­richt ört­lich zustän­dig, in des­sen Bezirk sich das Ver­mö­gens­recht befin­det 11.

Anders wäre dies, wenn auf die Betrof­fe­ne als wer­ben­de Gesell­schaft deut­sches Recht anwend­bar wäre. Bei einer Ein­ord­nung der Betrof­fe­nen in die gesell­schafts­recht­li­chen Rechts­for­men nach deut­schem Recht käme der von den Betei­lig­ten behaup­te­ten Löschung der Betrof­fe­nen in den Regis­tern des Staa­tes der Baha­mas kei­ne Wir­kung für die Rechts­fä­hig­keit und den Fort­be­stand zu. Die Ver­tre­tung im Rechts­ver­kehr wäre viel­mehr aus der gesell­schafts­recht­li­chen Ein­ord­nung der Betrof­fe­nen nach deut­schem Recht zu bestim­men 12.

Bei einer Gesell­schaft, die wie vor­lie­gend nach dem Vor­trag der Betei­lig­ten in einem Dritt­staat gegrün­det wor­den sein soll, der weder der Euro­päi­schen Uni­on oder dem Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum ange­hört noch auf­grund von Ver­trä­gen hin­sicht­lich der Nie­der­las­sungs­frei­heit gleich­ge­stellt ist, beur­teilt sich das Gesell­schafts­sta­tut nach den all­ge­mei­nen Regeln des deut­schen inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts, denen zufol­ge für die Rechts­fä­hig­keit einer Gesell­schaft das Recht des Staa­tes maß­geb­lich ist, in dem die Gesell­schaft ihren tat­säch­li­chen Ver­wal­tungs­sitz hat 13.

Soll­te sich der tat­säch­li­che Ver­wal­tungs­sitz der Betrof­fe­nen zuletzt in Deutsch­land befun­den haben, wäre die Rechts­fä­hig­keit der Betrof­fe­nen als in einem Dritt­staat gegrün­de­ter Gesell­schaft und dar­aus fol­gend auch ihre Ver­tre­tung im Rechts­ver­kehr nach deut­schem Recht zu beur­tei­len. Der Staat der Baha­mas gehört weder zur Euro­päi­schen Uni­on bzw. zum Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum noch bestehen völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge, denen zufol­ge eine nach dem Recht des Staa­tes der Baha­mas gegrün­de­te Gesell­schaft mit Ver­wal­tungs­sitz in Deutsch­land gleich­wohl nach dem Recht ihres Grün­dungs­staa­tes zu behan­deln wäre. Um als Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung rechts­fä­hig zu sein, hät­te die Betrof­fe­ne im deut­schen Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen sein müs­sen 14. Je nach Aus­ge­stal­tung der gesell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­ver­hält­nis­se kann eine in einem Dritt­staat gegrün­de­te Gesell­schaft mit tat­säch­li­chem Ver­wal­tungs­sitz in Deutsch­land auch ohne Ein­tra­gung im deut­schen Han­dels­re­gis­ter als rechts­fä­hi­ge Per­so­nen­ge­sell­schaft, im Fall des Betriebs eines Han­dels­ge­wer­bes typi­scher­wei­se als offe­ne Han­dels­ge­sell­schaft, oder ohne einen sol­chen als Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts, zu behan­deln sein 15. Soll­te es an einer gesell­schafter­li­chen Ver­bun­den­heit meh­re­rer Per­so­nen feh­len, kommt ein ein­zel­kauf­män­ni­sches Unter­neh­men in indi­vi­du­el­ler Trä­ger­schaft in Betracht 16.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Novem­ber 2016 – II ZB 19/​15

  1. vgl. Münch­Komm-BGB/­Schwab, 6. Aufl., § 1913 Rn. 6; Erman/​Roth, BGB, 14. Aufl., § 1913 Rn. 2; Beitzke, Fest­schrift Bal­ler­stedt, 1975, Sei­te 189, 192; aA OLG Nürn­berg NZG 2008, 76, 77 f.[]
  2. st.Rspr., vgl. BGH, Urteil vom 11.07.1957 – II ZR 318/​55, BGHZ 25, 134, 143 f.; Urteil vom 06.10.1960 – VII ZR 136/​59, BGHZ 33, 195, 197 f.; Urteil vom 21.01.1965 – II ZR 120/​62, BGHZ 43, 51, 55 f.; Beschluss vom 01.06.1970 – II ZB 4/​69, WM 1970, 983, 984; Urteil vom 30.09.1991 – II ZR 47/​91, ZIP 1991, 1423, 1424; Beschluss vom 05.03.2007 – II ARZ 2/​05, ZIP 2007, 859[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 06.10.1960 – VII ZR 136/​59, BGHZ 33, 195, 198; Urteil vom 21.01.1965 – II ZR 120/​62, BGHZ 43, 51, 55; Urteil vom 05.05.1977 – III ZR 2/​75, WM 1977, 730, 732[]
  4. vgl. schon OLG Stutt­gart NJW 1974, 1627; OLG Jena ZIP 2007, 1709, 1710; OLG Nürn­berg NZG 2008, 76; OLG Düs­sel­dorf ZIP 2010, 1852; OLG Hamm ZIP 2014, 1426; KG, ZIP 2014, 1755, 1756; OLG Bran­den­burg, ZIP 2016, 1871; Bor­ges, IPrax 2005, 134, 137; Leible/​Lehmann, GmbHR 2007, 1095, 1097; Schwarz, DB 2013, 799, 800; Krömker/​Otto, BB 2008, 964[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 31.10.1962 – II ARZ 2/​61, WM 1963, 81, 83; Beschluss vom 01.06.1970 – II ZB 4/​69, WM 1970, 983, 984; Urteil vom 30.09.1991 – II ZR 47/​91, ZIP 1991, 1423; aA OLG Jena, ZIP 2007, 1709, 1711[]
  6. vgl. J. Schmidt, ZIP 2008, 2400, 2401[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 12.03.1984 – II ARZ 2/​83, WM 1984, 698; Beschluss vom 19.11.1984 – II ARZ 11/​84, WM 1985, 126; Beschluss vom 05.03.2007 – II ARZ 2/​05, ZIP 2007, 1028, 1029[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 01.06.1970 – II ZB 4/​69, WM 1970, 983, 984; Urteil vom 30.09.1991 – II ZR 47/​91, ZIP 1991, 1423, 1425; Staudinger/​Großfeld, BGB, 1998, Int­GesR, Rn. 918[]
  9. vgl. OLG Jena, ZIP 2007, 1709, 1711; J. Schmidt, ZIP 2008, 2400, 2401; Krömker/​Otto, BB 2008, 964, 965; Leible/​Lehmann, GmbHR 2007, 1095, 1098[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 10.10.1988 – II ZR 92/​88, BGHZ 105, 259, 262; Beschluss vom 23.02.1970 – II ZB 5/​69, BGHZ 53, 264; Haas in Baumbach/​Hueck, GmbHG, 21. Aufl., § 60 Rn. 105[]
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 05.03.2007 – II ARZ 2/​05, ZIP 2007, 1028, 1029[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 27.10.2008 – II ZR 158/​06, BGHZ 178, 192 Rn. 25 Trab­renn­bahn[]
  13. vgl. nur BGH, Urteil vom 27.10.2008 – II ZR 158/​06, BGHZ 178, 192 Rn. 12 ff. Trab­renn­bahn; Urteil vom 12.07.2011 – II ZR 28/​10, BGHZ 190, 242 Rn. 16 f.; Urteil vom 08.09.2016 – III ZR 7/​15, WM 2016, 1943 Rn. 13[]
  14. vgl. BGH, Urteil vom 27.10.2008 – II ZR 158/​06, BGHZ 178, 192 Rn. 23 Trab­renn­bahn; Beschluss vom 08.10.2009 – IX ZR 227/​06, ZIP 2009, 2385 Rn. 5[]
  15. vgl. BGH, Urteil vom 01.07.2002 – II ZR 380/​00, BGHZ 151, 204, 207; Münch­Komm-BGB/Kind­ler, Int­GesR, 6. Aufl. Rn. 491 ff.[]
  16. Münch KommBGB/​Kindler, Int­GesR, 6. Aufl. Rn. 486 ff.[]