Der Abfin­dungs­an­spruch des aus­schei­den­den Sozi­us

Der Abfin­dungs­an­spruch des aus einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts Aus­ge­schie­de­nen rich­tet sich umfas­send gegen die Gesell­schaft. Für einen von dem Abfin­dungs­an­spruch zu tren­nen­den Aus­gleichs­an­spruch gegen die in der Gesell­schaft ver­blie­be­nen Gesell­schaf­ter ist kein Raum.

Der Abfin­dungs­an­spruch des aus­schei­den­den Sozi­us

Kein Aus­gleichs­an­spruch[↑]

Der Abfin­dungs­an­spruch rich­tet sich nach § 738 Abs. 1 Satz 2 BGB gegen die Gesell­schaft, unbe­scha­det der dane­ben ent­spre­chend § 128 HGB für die­se Ver­bind­lich­keit der Gesell­schaft bestehen­den per­sön­li­chen Haf­tung der Gesell­schaf­ter 1. Bei der Anwen­dung von § 738 BGB ist jedoch nicht zwi­schen einer Liqui­da­ti­on und einem nach­fol­gen­den inter­nen Aus­gleich zu unter­schei­den, der aus­schließ­lich zwi­schen den Gesell­schaf­tern statt­zu­fin­den habe.

Inso­weit ist zu berück­sich­ti­gen, dass kei­ne Liqui­da­ti­on der GbR statt­ge­fun­den hat. Die GbR ist im Fal­le des Aus­schei­dens eines Gesell­schaf­ters viel­mehr von den in der Gesell­schaft ver­blie­be­nen Gesell­schaf­tern fort­ge­setzt wor­den und besteht als wer­ben­de Gesell­schaft mit ent­spre­chen­dem Gesell­schafts­ver­mö­gen wei­ter. Die durch das Aus­schei­den eines Gesell­schaf­ters beding­te Aus­ein­an­der­set­zung ist zwi­schen dem Aus­schei­den­den und der Gesell­schaft vor­zu­neh­men. Für einen hier­von zu tren­nen­den inter­nen Gesell­schaf­ter­aus­gleich ist jeden­falls wäh­rend des Fort­be­stands der Gesell­schaft vor­be­halt­lich abwei­chen­der Ver­ein­ba­run­gen kein Raum.

Etwas ande­res folgt nicht dar­aus, dass die Gesell­schaft dem Aus­schei­den­den das­je­ni­ge zu zah­len hat, was er bei der Aus­ein­an­der­set­zung erhal­ten wür­de, wenn die Gesell­schaft zur Zeit sei­nes Aus­schei­dens auf­ge­löst wor­den wäre (§ 738 Abs. 1 Satz 2 BGB). Die Aus­rich­tung des Abfin­dungs­an­spruchs auf ein fik­ti­ves Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­ben bedingt nicht die Über­nah­me der im Fall der Aus­ein­an­der­set­zung in Betracht zu zie­hen­den Tren­nung zwi­schen der Abwick­lung des Gesell­schafts­ver­mö­gens (§ 730 Abs. 1 BGB) und dem inter­nen Aus­gleich unter den Gesell­schaf­tern 2. Weder kommt es beim Aus­schei­den eines Gesell­schaf­ters zu einer mit der voll­stän­di­gen Ver­tei­lung des Gesell­schafts­ver­mö­gens ver­bun­de­nen Voll­be­en­di­gung der Gesell­schaft 3, noch hät­te eine ent­spre­chen­de Dif­fe­ren­zie­rung prak­ti­sche Erleich­te­run­gen zur Fol­ge 4.

Das dem aus­ge­schie­de­nen Gesell­schaf­ter als Abfin­dung zuste­hen­de Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­ben ist zwar auf der Grund­la­ge des antei­li­gen Unter­neh­mens­werts zu berech­nen, die Abrech­nung ist aber nicht auf die Erfas­sung des antei­li­gen Unter­neh­mens­werts beschränkt. Viel­mehr sind, sofern vor­han­den, auch sons­ti­ge, nicht unter­neh­mens­wert­be­zo­ge­ne gegen­sei­ti­ge Ansprü­che aus dem Gesell­schafts­ver­hält­nis in die Berech­nung ein­zu­stel­len 5; dabei ist auch ein mög­li­cher Anspruch auf Rück­erstat­tung von Ein­la­gen nach § 733 Abs. 2 BGB zu berück­sich­ti­gen. Im Übri­gen kön­nen zu dem Ver­mö­gen der Gesell­schaft, das der Berech­nung des Abfin­dungs­an­spruchs zugrun­de zu legen ist, auch Ansprü­che der Gesell­schaft gegen einen Mit­ge­sell­schaf­ter auf Rück­zah­lung unbe­rech­tig­ter Ent­nah­men gehö­ren.

Abfin­dungs­bi­lanz[↑]

Dem Aus­ge­schie­de­nen steht zur Ermitt­lung sei­nes Abfin­dungs­an­spruchs ein Anspruch auf Auf­stel­lung der Abfin­dungs­bi­lanz zu, der sich jeden­falls auch gegen die Gesell­schaft rich­tet 6. Er kann mit dem noch zu bezif­fern­den Zah­lungs­an­spruch in einer Stu­fen­kla­ge ver­bun­den wer­den 7.

Abfin­dung in der Anwalts-GbR[↑]

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Tei­lung der Sach­wer­te und die recht­lich nicht begrenz­te Mög­lich­keit, um die bis­he­ri­gen Man­dan­ten zu wer­ben, die sach­lich nahe lie­gen­de und ange­mes­se­ne Art der Aus­ein­an­der­set­zung einer Frei­be­ruf­ler­so­zie­tät. Gehen die Gesell­schaf­ter in die­ser Wei­se vor, ist damit der Geschäfts­wert abge­gol­ten. Eine wei­ter­ge­hen­de Abfin­dung kann grund­sätz­lich nicht bean­sprucht wer­den und bedarf einer ent­spre­chen­den Ver­ein­ba­rung 8.

Eine voll­stän­di­ge "Real­tei­lung" in die­sem Sin­ne, die eine wei­ter­ge­hen­de Abfin­dung vor­be­halt­lich ander­wei­ti­ger Ver­ein­ba­rung aus­schließt, ist im Streit­fall indes­sen nicht fest­ge­stellt. Das Beru­fungs­ge­richt hat zwar ange­nom­men, dass sich die Gesell­schaf­ter auf eine Tei­lung der Sach­wer­te und die recht­lich nicht beschränk­te Mit­nah­me von Man­da­ten geei­nigt hät­ten, ohne einen wei­te­ren Wert­aus­gleich der Man­da­te ver­ein­bart zu haben. Es hat in die­sem Zusam­men­hang die aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den­de Fest­stel­lung getrof­fen, dass die Par­tei­en sich hin­sicht­lich der Man­da­te dar­auf ver­stän­digt hät­ten, statt einer auf­wen­di­gen, mit Hil­fe eines Sach­ver­stän­di­gen durch­zu­füh­ren­den Abschich­tung der For­de­run­gen gegen die Man­dan­ten eine schlich­te Real­tei­lung vor­zu­neh­men.

Bestehen – etwa bezüg­lich des Aus­gleichs der Kapi­tal­kon­ten – noch aus­zu­glei­chen­de Ansprü­che, so schließt dies die Annah­me einer voll­stän­di­gen Auf­tei­lung der in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs so bezeich­ne­ten Sach­wer­te aus, zu denen neben kör­per­li­chen Gegen­stän­den wie dem Büro­in­ven­tar jeden­falls auch sol­che For­de­run­gen gehö­ren, die nicht ein­zel­nen Man­dats­ver­hält­nis­sen zuzu­ord­nen sind und damit in die "Real­tei­lung" fal­len. Im Streit­fall sind ins­be­son­de­re ein mög­li­cher Anspruch des Rechts­an­walts auf Rück­zah­lung von Ein­la­gen bzw. ste­hen gelas­se­nen Gewin­nen sowie ggf. Ansprü­che der Gesell­schaft auf Rück­zah­lung über­höh­ter Ent­nah­men ande­rer Gesell­schaf­ter in Betracht zu zie­hen.

Hin­sicht­lich der von der GbR ver­ein­nahm­ten Zah­lun­gen aus Man­dats­ver­hält­nis­sen, die der aus­schei­de­ne Gesell­schaf­ter "mit­ge­nom­men" hat, ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Abfin­dungs­bi­lanz auf den Stich­tag des Aus­schei­dens zu erstel­len ist 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Juli 2016 – II ZR 74/​14

  1. BGH, Urteil vom 17.05.2011 – II ZR 285/​09, ZIP 2011, 1359 Rn. 11 f. mwN[]
  2. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 15.11.2011 – II ZR 266/​09, BGHZ 191, 293 Rn. 34; Urteil vom 13.10.2015 – II ZR 214/​13, ZIP 2016, 216 Rn. 15 f. mwN[]
  3. vgl. Münch­Komm-BGB/­Schä­fer, 6. Aufl., § 730 Rn. 2 f.; Kili­an in Henssler/​Strohn, GesR, 2. Aufl., § 730 BGB Rn. 12, jew. mwN; vgl. aber auch Staub/​Habersack, HGB, 5. Aufl., § 149 Rn. 24 und § 155 Rn. 9 zur Berück­sich­ti­gung fort­be­stehen­der Ansprü­che aus § 735 BGB[]
  4. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 13.10.2015 – II ZR 214/​13, ZIP 2016, 216 Rn. 15 f.[]
  5. BGH, Urteil vom 17.05.2011 – II ZR 285/​09, ZIP 2011, 1359 Rn. 17 mwN[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 22.09.2008 – II ZR 257/​07, ZIP 2008, 2359 Rn. 11[]
  7. Münch­Komm-BGB/­Schä­fer, 6. Aufl., § 738 Rn. 30; Staub/​Schäfer, HGB, 5. Aufl., § 131 Rn. 153; Münch­Komm-HGB/K. Schmidt, 4. Aufl., § 131 Rn. 136; Roth in Baumbach/​Hopt, HGB, 36. Aufl., § 131 Rn. 57; Oetker/​Kamanabrou, HGB, 4. Aufl., § 131 Rn. 65[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 31.05.2010 – II ZR 29/​09, ZIP 2010, 1594 Rn. 2 mwN; Beschluss vom 18.09.2012 – II ZR 94/​10 juris[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 07.12 1992 – II ZR 248/​91, ZIP 1993, 195, 196 zum Anspruch auf Betei­li­gung am Ergeb­nis schwe­ben­der Geschäf­te[]