Der nicht sanie­rungs­wil­li­ge Gesell­schaf­ter – und sein Aus­schei­den auf­grund Treue­pflicht

Der Ent­zug der Gesell­schaf­ter­stel­lung durch zwangs­wei­ses Aus­schei­den ist nur mit Zustim­mung des betrof­fe­nen Gesell­schaf­ters mög­lich. Die Zustim­mung kann dabei sowohl anti­zi­piert durch ein­deu­ti­ge Rege­lung im Gesell­schafts­ver­trag erfol­gen als auch durch Zustim­mung zu einem Beschluss, durch den – nach­träg­lich – eine Aus­schluss­re­ge­lung in den Gesell­schafts­ver­trag ein­ge­fügt wird 1.

Der nicht sanie­rungs­wil­li­ge Gesell­schaf­ter – und sein Aus­schei­den auf­grund Treue­pflicht

Der Gesell­schaf­ter ist zwar im All­ge­mei­nen nicht ver­pflich­tet, einer sei­ne Gesell­schaf­ter­stel­lung auf­he­ben­den Ände­rung des Gesell­schafts­ver­trags zuzu­stim­men. Der Bun­des­ge­richts­hof geht aber in stän­di­ger Recht­spre­chung davon aus, dass sich in beson­ders gela­ger­ten Aus­nah­me­fäl­len für jeden ein­zel­nen Gesell­schaf­ter aus der gesell­schafter­li­chen Treue­pflicht etwas Abwei­chen­des erge­ben kann.

Eine Zustim­mungs­pflicht kommt danach in Betracht, wenn sie mit Rück­sicht auf das bestehen­de Gesell­schafts­ver­hält­nis oder auf die bestehen­den Rechts­be­zie­hun­gen der Gesell­schaf­ter unter­ein­an­der drin­gend erfor­der­lich ist und die Ände­rung des Gesell­schafts­ver­trags dem Gesell­schaf­ter unter Berück­sich­ti­gung sei­ner eige­nen Belan­ge zumut­bar ist.

Die Ver­pflich­tung eines ein­zel­nen Gesell­schaf­ters, einer not­wen­dig gewor­de­nen Ände­rung des Gesell­schafts­ver­trags zuzu­stim­men, ist daher anzu­neh­men, wenn dem schüt­zens­wer­te Belan­ge des ein­zel­nen Gesell­schaf­ters nicht ent­ge­gen­ste­hen 2.

Der Gesell­schafts­ver­trag bil­det die Grund­la­ge der gesell­schafter­li­chen Treue­pflicht und bestimmt damit auch deren Inhalt und Umfang; der ein­zel­ne Gesell­schaf­ter ist nur inso­weit ver­pflich­tet, wie er es im Gesell­schafts­ver­trag ver­spro­chen hat 3. Der Gesell­schafts­ver­trag muss jedoch für eine Zustim­mungs­pflicht des Gesell­schaf­ters zu sei­nem Aus­schei­den aus gesell­schafter­li­cher Treue­pflicht in beson­ders gela­ger­ten Aus­nah­me­fäl­len kei­ne aus­drück­li­che Rege­lung ent­hal­ten. Die­se Treu­pflicht ist jedem Gesell­schafts­ver­hält­nis ohne aus­drück­li­che Rege­lung imma­nent.

Ein Gesell­schafts­ver­trag kann aller­dings die­se Treue­pflicht aus­drück­lich oder im Wege der Aus­le­gung kon­kre­ti­sie­ren­de Rege­lun­gen ent­hal­ten, die ins­be­son­de­re die aus der Treue­pflicht fol­gen­de Zustim­mungs­pflicht für bestimm­te Sach­ver­hal­te ein­schrän­ken oder an wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen knüp­fen. Ent­hält ein Gesell­schafts­ver­trag sol­che die Zustim­mungs­pflicht ein­schrän­ken­de oder modi­fi­zie­ren­de Rege­lun­gen, dür­fen die Mit­ge­sell­schaf­ter nicht ohne wei­te­res dar­auf ver­trau­en, dass sie einen Gesell­schaf­ter ohne sei­ne Zustim­mung aus­schlie­ßen kön­nen. Erlaubt das ein­ge­gan­ge­ne Gesell­schafts­ver­hält­nis inso­weit kei­ne berech­tig­te Erwar­tungs­hal­tung gegen­über ein­zel­nen Gesell­schaf­tern, besteht auch kei­ne Treue­pflicht, die­se zu erfül­len.

Eine die Zustim­mungs­pflicht des nicht sanie­rungs­wil­li­gen Gesell­schaf­ters aus­schlie­ßen­de Rege­lung hat der Bun­des­ge­richts­hof im Wege der Aus­le­gung den Bestim­mun­gen des Gesell­schafts­ver­tra­ges ent­nom­men, der sei­ner Ent­schei­dung vom 25.01.2011 4 zugrun­de lag.

Die gesell­schafter­li­che Treue­pflicht des nicht sanie­rungs­wil­li­gen Gesell­schaf­ters, sei­nem Aus­schei­den zuzu­stim­men, ist nicht des­halb zu ver­nei­nen, weil die gesell­schafts­ver­trag­li­che Rege­lung über die Ver­pflich­tung zur Nach­schuss­zah­lung, gemes­sen an den Grund­sät­zen der Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung 5, den Anfor­de­run­gen an eine hin­rei­chen­de Grund­la­ge für die Ein­for­de­rung von Nach­schüs­sen nicht genügt, wenn ein Gesell­schaf­ter einem dar­auf gerich­te­ten Beschluss der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung nicht zustimmt oder – hier – der Auf­for­de­rung des Geschäfts­be­sor­gers nicht nach­kommt. Dar­auf, dass ein auf die­ser Grund­la­ge mit der nach dem Gesell­schafts­ver­trag erfor­der­li­chen Mehr­heit gefass­ter Nach­schuss­be­schluss zwar den zustim­men­den Gesell­schaf­tern gegen­über wirk­sam ist, die zustim­men­de Gesell­schaf­ter­mehr­heit aber nicht berech­tigt, die nicht zustim­men­den Gesell­schaf­ter wegen der Nicht­zah­lung aus­zu­schlie­ßen 6, kommt es hier nicht an.

Der Umstand, dass die Nach­schuss­re­ge­lung des Gesell­schafts­ver­trags aus dem Jah­re 1995 nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 7 – für alle Gesell­schaf­ter uner­kannt – kei­ne hin­rei­chen­de Grund­la­ge für die Ein­for­de­rung von Nach­schüs­sen ohne Zustim­mung der Gesell­schaf­ter bie­tet, ist in die­sem Zusam­men­hang bedeu­tungs­los. Zum einem geht es im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren, in dem die Klä­ge­rin die Zah­lung des Aus­ein­an­der­set­zungs­fehl­be­trags for­dert, nicht um die Fra­ge einer (wirk­sa­men) Erhö­hung der Bei­trags­pflicht durch anti­zi­pier­te Zustim­mung im Gesell­schafts­ver­trag, son­dern um die Fol­gen des Aus­schei­dens des Gesell­schaf­ters 8. Zum ande­ren ent­hält der Gesell­schafts­ver­trag vor­lie­gend zwar auch kei­ne den Anfor­de­run­gen an eine anti­zi­pier­te Zustim­mung genü­gen­de Rege­lung zur Aus­schlie­ßung eines nicht zah­lungs­be­rei­ten Gesell­schaf­ters bei einer finan­zi­el­len Schief­la­ge der Gesell­schaft. Wenn aber, wie aus­ge­führt, die Zustim­mungs­pflicht auch ohne eine (aus­drück­li­che) Rege­lung im Gesell­schafts­ver­trag unter den in der Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung genann­ten Vor­aus­set­zun­gen schon aus der all­ge­mei­nen gesell­schafter­li­chen Treue­pflicht folgt, dann ist es unschäd­lich, wenn der Gesell­schafts­ver­trag zwar Rege­lun­gen zur Nach­schuss­pflicht und zum Aus­schluss bei Nicht­er­fül­lung der Nach­schuss­pflicht ent­hält, die­se den Anfor­de­run­gen an eine anti­zi­pier­te Zustim­mung aber nicht genü­gen. Allein dadurch wer­den Umfang und Inhalt der sich aus der gesell­schafter­li­chen Treue­pflicht erge­ben­den Ver­pflich­tun­gen des ein­zel­nen Gesell­schaf­ters in der Kri­sen­si­tua­ti­on der Gesell­schaft nicht ver­än­dert. Jeden­falls kann ihnen kei­ne die aus der gesell­schafter­li­chen Treue­pflicht fol­gen­de Zustim­mungs­pflicht ein­schrän­ken­de Wir­kung zukom­men. Solan­ge der Gesell­schafts­ver­trag, wie hier – anders als im Fall der BGH-Ent­schei­dung vom 25.01.2011 4 – kei­ne die Erwar­tungs­hal­tung der sanie­rungs­wil­li­gen Gesell­schaf­ter ein­schrän­ken­de Rege­lung bezüg­lich der Zustim­mung der nicht sanie­rungs­wil­li­gen Gesell­schaf­ter zu ihrem Aus­schei­den ent­hält, bleibt es viel­mehr bei dem Grund­satz, dass die gesell­schafter­li­che Treue­pflicht in jedem Gesell­schafts­ver­hält­nis auch ohne ent­spre­chen­de Rege­lung erge­ben kann, dass die Gesell­schaf­ter in beson­ders gela­ger­ten Aus­nah­me­fäl­len ver­pflich­tet sind, einem ihre Gesell­schaf­ter­stel­lung auf­he­ben­den Beschluss der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung zuzu­stim­men.

Der Wirk­sam­keit des Aus­schlus­ses steht auch nicht die gesell­schafts­ver­trag­li­che Rege­lung ent­ge­gen, wonach dann, wenn ein Gesell­schaf­ter sei­nen Nach­schuss­pflich­ten nicht nach­kommt, sein Aus­schei­den erst an dem­je­ni­gen Tag wirk­sam wird, an dem ein Drit­ter an der Stel­le des Aus­ge­schlos­se­nen in die Gesell­schaft auf­ge­nom­men wur­de. Es geht- wie aus­ge­führt – nicht um nicht geleis­te­te Nach­schüs­se. Die­se Rege­lung ist auf den hier vor­lie­gen­den Fall des Aus­schei­dens im Zusam­men­hang mit einer sanie­rungs­be­ding­ten Kapi­tal­erhö­hung nicht anwend­bar. Für den – im Gesell­schafts­ver­trag bis­lang nicht gere­gel­ten – Fall einer sanie­rungs­be­ding­ten Kapi­tal­erhö­hung konn­ten die Gesell­schaf­ter mit der erfor­der­li­chen sat­zungs­än­dern­den Mehr­heit den Zeit­punkt des Aus­schei­dens unab­hän­gig hier­von regeln.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Juni 2015 – II ZR 227/​14

  1. BGH, Urteil vom 19.10.2009 – II ZR 240/​08, BGHZ 183, 1 Rn. 16 – Sanie­ren oder Aus­schei­den; Urteil vom 25.01.2011 – II ZR 122/​09, ZIP 2011, 768 Rn. 18[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 19.10.2009 – II ZR 240/​08, BGHZ 183, 1 Rn. 23 – Sanie­ren oder Aus­schei­den; Urteil vom 25.01.2011 – II ZR 122/​09, ZIP 2011, 768 Rn.20 jew. mwN; Wer­ten­bruch in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 3. Aufl., § 105 Rn. 104 f.; Oetker/​Weitemeyer, HGB, 4. Aufl., § 105 Rn. 57; Olzen/​Loschelder in Stau­din­ger, BGB [2015], § 242 Rn. 1006; Sas­sen­rath in Westermann/​Wertenbruch, Hand­buch der Per­so­nen­ge­sell­schaf­ten, Stand: 05/​2015, § 26 Rn. 587b; grds. zustim­mend auch Münch­Komm-BGB/Schä­fer, 6. Aufl., § 707 Rn. 11 jew. mwN; s. auch Gru­ne­wald, Fest­schrift G.H. Roth, 2011, S. 187 ff.; K. Schmidt, JZ 2010, 125 ff.; a.A. T. Schö­ne, ZIP 2015, 501 ff.; ders., GmbHR 2015, 337 ff.[]
  3. BGH, Urteil vom 25.01.2011 – II ZR 122/​09, ZIP 2011, 768 Rn. 21 mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 25.01.2011 – II ZR 122/​09, ZIP 2011, 768 ff.[][]
  5. vgl. nur BGH, Urteil vom 25.05.2009 – II ZR 259/​07, ZIP 2009, 1373 Rn. 18 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 19.10.2009 – II ZR 240/​08, BGHZ 183, 1 Rn. 17 ff. – Sanie­ren oder Aus­schei­den[]
  7. grund­le­gend: BGH, Urteil vom 04.07.2005 – II ZR 342/​03, ZIP 2005, 1455, 1456[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 19.10.2009 – II ZR 240/​08, BGHZ 183, 1 Rn. 21 – Sanie­ren oder Aus­schei­den[]