Die Gesell­schaf­ter­for­de­rung als ver­deck­te Sach­ein­la­ge

Eine ver­deck­te Sach­ein­la­ge einer Alt­for­de­rung des Gesell­schaf­ters liegt sowohl dann vor, wenn erst die geschul­de­te Bar­ein­la­ge ein­ge­zahlt und sodann zur Til­gung der Gesell­schaf­ter­for­de­rung zurück­ge­zahlt wird, als auch dann, wenn in umge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge erst die Gesell­schaf­ter­for­de­rung getilgt und der erhal­te­ne Betrag sodann ganz oder teil­wei­se als Bar­ein­la­ge zurück­ge­zahlt wird.

Die Gesell­schaf­ter­for­de­rung als ver­deck­te Sach­ein­la­ge

§ 3 Abs. 4 EGGmbHG ord­net die Gel­tung des § 19 Abs. 4 und 5 GmbHG in der ab dem 1.11.2008 gel­ten­den Fas­sung auch für vor die­sem Zeit­punkt bewirk­te Ein­la­geleis­tun­gen an, soweit sie nach der vor dem 1.11.2008 gel­ten­den Rechts­la­ge wegen der Ver­ein­ba­rung einer Ein­la­gen­rück­ge­währ oder wegen einer ver­deck­ten Sach­ein­la­ge kei­ne Erfül­lung der Ein­la­gen­ver­pflich­tung bewirk­ten. Die Rück­wir­kung bezieht sich auch auf Kapi­tal­erhö­hun­gen [1].

Durch die rechts­grund­lo­se, ver­früh­te Leis­tung auf die Kapi­tal­erhö­hung ist eine For­de­rung des Geschäfts­füh­rers gegen die GmbH aus unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung in ent­spre­chen­der Höhe ent­stan­den. Die­se Rück­zah­lungs­for­de­rung hät­te auf dem Wege einer offen zu legen­den und der regis­ter­ge­richt­li­chen Prü­fung zu unter­wer­fen­den Sach­ein­la­ge ein­ge­bracht wer­den kön­nen [2].

Eine ver­deck­te Sach­ein­la­ge liegt vor, wenn die gesetz­li­chen Regeln für Sach­ein­la­gen dadurch unter­lau­fen wer­den, dass zwar eine Bar­ein­la­ge beschlos­sen oder ver­ein­bart wird, die Gesell­schaft aber bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tung von dem Ein­le­ger auf­grund einer im Zusam­men­hang mit der Über­nah­me der Ein­la­ge getrof­fe­nen Ver­wen­dungs­ab­spra­che einen Sach­wert oder wie vor­lie­gend eine Alt­for­de­rung erhal­ten soll [3]. Die Neu­fas­sung von § 19 Abs. 4 GmbHG durch das MoMiG hat an die­sen Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen nichts geän­dert; der Gesetz­ge­ber woll­te damit viel­mehr an die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs anknüp­fen [4].

Der GmbH floss im wirt­schaft­li­chen Ergeb­nis infol­ge der Beglei­chung der Berei­che­rungs­for­de­rung des Geschäfts­füh­rers am 5.06.2008 in Höhe von 100.000 € mit der Zah­lung des Geschäfts­füh­rers vom 10.06.2008 in Höhe von gleich­falls 100.000 € nicht der ver­ein­bar­te Bar­be­trag, son­dern die Befrei­ung von der Berei­che­rungs­ver­bind­lich­keit zu. Denn es besteht ein äußerst enger sach­li­cher und zeit­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen Bar­ein­zah­lung und For­de­rungs­til­gung, der sowohl durch die Mög­lich­keit, die zur Zeit des Kapi­tal­erhö­hungs­be­schlus­ses am 29.04.2008 bereits bestehen­de Berei­che­rungs­for­de­rung als Sach­ein­la­ge ein­zu­brin­gen, als auch durch die Iden­ti­tät der in Fra­ge ste­hen­den Beträ­ge und durch den Voll­zug bei­der Buchungs­vor­gän­ge im Abstand weni­ger Tage doku­men­tiert wird [5].

In die­sem Zusam­men­hang ist es uner­heb­lich, dass zunächst die GmbH die Berei­che­rungs­for­de­rung des Geschäfts­füh­rers erfüllt und die­ser danach auf die Ein­la­ge­ver­pflich­tung gezahlt hat. Ent­schei­dend für die recht­li­che Betrach­tung ist allein der mit die­sen Leis­tun­gen bewirk­te Erfolg, dass die Gesell­schaft als wirt­schaft­li­ches Ergeb­nis der als inner­lich zusam­men­ge­hö­rig zu bewer­ten­den Vor­gän­ge am Ende kei­ne Zufüh­rung neu­er Liqui­di­tät, son­dern ledig­lich die Befrei­ung von einer Gesell­schaf­ter­for­de­rung erhal­ten hat. Eine ver­deck­te Sach­ein­la­ge einer Alt­for­de­rung des Gesell­schaf­ters liegt sowohl dann vor, wenn erst die geschul­de­te Bar­ein­la­ge ein­ge­zahlt und sodann zur Til­gung der Gesell­schaf­ter­for­de­rung zurück­ge­zahlt wird, als auch dann, wenn in umge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge erst die Gesell­schaf­ter­for­de­rung getilgt und der erhal­te­ne Betrag sodann ganz oder teil­wei­se als Bar­ein­la­ge zurück­ge­zahlt wird [6].

Der fest­ge­stell­te enge zeit­li­che und sach­li­che Zusam­men­hang zwi­schen der Ein­zah­lung des Ein­la­ge­be­trags und dem Rück­fluss des Gel­des begrün­det die Ver­mu­tung, die (objek­ti­ve) Umge­hung der Sach­ka­pi­tal­auf­brin­gungs­re­geln sei im Sin­ne einer Ver­wen­dungs­ab­spra­che von Anfang an in Aus­sicht genom­men wor­den [7].

Nach § 56 Abs. 2, § 19 Abs. 4 Satz 3 GmbHG, § 3 Abs. 4 EGGmbHG in der mit Inkraft­tre­ten des MoMiG maß­geb­li­chen Fas­sung ist auf die wegen Umge­hung der Sach­ein­la­ge­vor­schrif­ten fort­be­stehen­de Bar­ein­la­ge­pflicht des Geschäfts­füh­rers (§ 19 Abs. 4 Satz 1, 3 GmbHG) aber der Wert der Berei­che­rungs­for­de­rung zu dem in § 19 Abs. 4 Satz 3 GmbHG bezeich­ne­ten Zeit­punkt anzu­rech­nen.

Die (voll­stän­di­ge) Erfül­lung der fort­be­stehen­den Geld­ein­la­ge­pflicht des Infe­ren­ten bei ver­deck­ter Ein­brin­gung einer For­de­rung kann im Fal­le einer Kapi­tal­erhö­hung nach Maß­ga­be von § 19 Abs. 4 Satz 3, Satz 5, § 56 Abs. 2 GmbHG gelin­gen, wenn der Infe­rent nach­weist, dass sei­ne For­de­rung gegen die Gesell­schaft im Zeit­punkt der Anmel­dung der Kapi­tal­erhö­hung – oder, falls spä­ter, im Zeit­punkt der Über­las­sung des Gegen­stands der ver­deck­ten Sach­ein­la­ge, der bei der Ein­brin­gung einer For­de­rung im Wege der (ver­deck­ten) Sach­ein­la­ge in der Befrei­ung der Gesell­schaft von der ent­spre­chen­den Ver­bind­lich­keit gegen­über ihrem Gesell­schaf­ter besteht [8] – voll­wer­tig war, d.h. ihr Wert (min­des­tens) den Betrag der über­nom­me­nen Geld­ein­la­ge­pflicht erreicht hat. Eine gegen die Gesell­schaft bestehen­de For­de­rung ist in die­sem Sin­ne dann nicht voll­wer­tig, wenn das Gesell­schafts­ver­mö­gen bei Befrie­di­gung der For­de­rung (in Höhe des Betrags der über­nom­me­nen Geld­ein­la­ge­pflicht) nicht aus­rei­chen wür­de, um alle (sons­ti­gen) fäl­li­gen For­de­run­gen der Gesell­schafts­gläu­bi­ger zu erfül­len [9]. Ist der Wert der im Wege der ver­deck­ten Sach­ein­la­ge ein­ge­brach­ten For­de­rung im maß­geb­li­chen Zeit­punkt gerin­ger als der Betrag der über­nom­me­nen Geld­ein­la­ge­pflicht, so ist der Infe­rent nur im Umfang des anzu­rech­nen­den (Minder)Werts von sei­ner Geld­ein­la­ge­pflicht befreit [10].

Liegt im maß­geb­li­chen Zeit­punkt eine Über­schul­dung der Gesell­schaft vor, ist es offen­sicht­lich, dass die For­de­rung jeden­falls nicht voll­wer­tig ist. Ob die Gesell­schaft in dem maß­ge­ben­den Zeit­punkt über­schul­det war, ist anhand eines Ver­mö­gens­sta­tus der Gesell­schaft (Über­schul­dungs­bi­lanz) fest­zu­stel­len, in dem ihre Ver­mö­gens­wer­te mit den Ver­kehrs- oder Liqui­da­ti­ons­wer­ten aus­ge­wie­sen sind. Bei der Ermitt­lung des Ver­mö­gens­stands dür­fen stil­le Reser­ven berück­sich­tigt wer­den [11]. Eine Unter­bi­lanz scha­det dage­gen im Grund­satz nicht [12]. Die Erfül­lung eines Anspruchs kann eine Unter­bi­lanz oder Über­schul­dung weder her­bei­füh­ren noch ver­tie­fen, weil der Ver­min­de­rung der Aktiv­sei­te eine ent­spre­chen­de Ver­rin­ge­rung der Ver­bind­lich­kei­ten gegen­über­steht, die Erfül­lung also bilanz­neu­tral ist [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Janu­ar 2016 – II ZR 61/​15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 20.07.2009 – II ZR 273/​07, BGHZ 182, 103 Rn. 13 Cash-Pool II; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/​08, BGHZ 185, 44 Rn.19 – ADCOCOM[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 02.12 1968 – II ZR 144/​67, BGHZ 51, 157, 159; Urteil vom 15.03.2004 – II ZR 210/​01, BGHZ 158, 283, 285; Urteil vom 26.06.2006 – II ZR 43/​05, BGHZ 168, 201, 204[]
  3. BGH, Urteil vom 15.01.1990 – II ZR 164/​88, BGHZ 110, 47, 60 f.; Urteil vom 18.02.1991 – II ZR 104/​90, BGHZ 113, 335, 341; Urteil vom 16.01.2006 – II ZR 76/​04, BGHZ 166, 8 Rn. 11 f. Cash-Pool; Urteil vom 18.02.2008 – II ZR 132/​06, BGHZ 175, 265 Rn. 10 Rhein­mö­ve; Urteil vom 16.02.2009 – II ZR 120/​07, BGHZ 180, 38 Rn. 8 Qivi­ve; Urteil vom 20.07.2009 – II ZR 273/​07, BGHZ 182, 103 Rn. 10 Cash-Pool II; Urteil vom 01.02.2010 – II ZR 173/​08, BGHZ 184, 158 Rn. 15 – EUROBIKE; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/​08 , BGHZ 185, 44 Rn. 11 – ADCOCOM[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 16.02.2009 – II ZR 120/​07, BGHZ 180, 38 Rn. 8 Qivi­ve; Urteil vom 01.02.2010 – II ZR 173/​08, BGHZ 184, 158 Rn. 15 EUROBIKE; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/​08, BGHZ 185, 44 Rn. 11 – ADCOCOM[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 18.02.1991 – II ZR 104/​90, BGHZ 113, 335, 344; vgl. auch Casper in Ulmer/​Habersack/​Löbbe, GmbHG, 2. Aufl., § 19 Rn. 126[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 18.02.1991 – II ZR 104/​90, BGHZ 113, 335, 344 f.; Urteil vom 16.03.1998 – II ZR 303/​96, ZIP 1999, 780, 782; Urteil vom 20.11.2006 – II ZR 176/​05, BGHZ 170, 47 Rn. 11[]
  7. BGH, Urteil vom 16.01.2006 – II ZR 76/​04, BGHZ 166, 8 Rn. 13; Urteil vom 18.02.2008 – II ZR 132/​06, BGHZ 175, 265 Rn. 13 Rhein­mö­ve; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/​08, BGHZ 185, 44 Rn. 14 ADCOCOM[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 18.02.1991 – II ZR 104/​90, BGHZ 113, 335, 343; Urteil vom 16.01.2006 – II ZR 76/​04, BGHZ 166, 8 Rn. 12 Cash-Pool[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 10.07.2012 – II ZR 212/​10, ZIP 2012, 1857 Rn.19 mwN; Ver­se in Henssler/​Strohn, Gesell­schafts­recht, 2. Aufl., § 19 GmbHG Rn. 59, 26; Bay­er in Lutter/​Hommelhoff, GmbHG, 18. Aufl., § 19 Rn. 84, 31[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/​08, BGHZ 185, 44 Rn. 45, 60 ADCOCOM zur Ein­brin­gung von Lizen­zen[]
  11. BGH, Urteil vom 21.02.1994 – II ZR 60/​93, BGHZ 125, 141, 146; Beschluss vom 10.07.2012 – II ZR 212/​10, ZIP 2012, 1857 Rn.19[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 26.03.1984 – II ZR 14/​84, BGHZ 90, 370, 373 f.; Urteil vom 21.02.1994 – II ZR 60/​93, BGHZ 125, 141, 146[]
  13. BGH, Beschluss vom 10.07.2012 – II ZR 212/​10, ZIP 2012, 1857 Rn.19[]