Die Haft­pflicht­ver­si­che­rung der insol­ven­ten GmbH – und der mit­ver­si­cher­te Geschäfts­füh­rer

Der Insol­venz­ver­wal­ter einer GmbH ist deren Geschäfts­füh­rer gegen­über nicht ver­pflich­tet, eine zu des­sen Guns­ten abge­schlos­se­ne Haft­pflicht­ver­si­che­rung auf­recht­zu­er­hal­ten, um ihn aus einer Inan­spruch­nah­me wegen ver­bo­te­ner Zah­lun­gen frei­zu­stel­len.

Die Haft­pflicht­ver­si­che­rung der insol­ven­ten GmbH – und der mit­ver­si­cher­te Geschäfts­füh­rer

Der Geschäfts­füh­rer der insol­ven­ten GmbH gehört hin­sicht­lich mög­li­cher Ansprü­che aus § 64 GmbHG nicht zu dem durch § 60 Abs. 1 Satz 1 InsO geschütz­ten Per­so­nen­kreis. Dar­um ste­hen ihm auf die­se Vor­schrift gestütz­te Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen den Insol­venz­ver­wal­ter der GmbH nicht zu.

Der Insol­venz­ver­wal­ter ist gemäß § 60 Abs. 1 Satz 1 InsO allen Betei­lig­ten zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet, wenn er schuld­haft die Pflich­ten ver­letzt, die ihm nach die­sem Gesetz oblie­gen. Haf­tungs­be­grün­dend ist nur die Ver­let­zung sol­cher Pflich­ten, die dem Insol­venz­ver­wal­ter in die­ser Eigen­schaft durch die Vor­schrif­ten der Insol­venz­ord­nung über­tra­gen sind. Damit soll der Gefahr einer Aus­ufe­rung der Haf­tung des Insol­venz­ver­wal­ters vor­ge­beugt wer­den 1. In die­sem Sin­ne war bereits § 82 KO als Vor­gän­ger­re­ge­lung des § 60 Abs. 1 Satz 1 InsO aus­ge­legt wor­den 2. Insol­venz­spe­zi­fi­sche Pflich­ten hat der Ver­wal­ter gegen­über dem Schuld­ner und ins­be­son­de­re den Insol­venz­gläu­bi­gern, aber auch gegen­über den Mas­segläu­bi­gern im Sin­ne der §§ 53 ff InsO sowie gegen­über den Aus­son­de­rungs- und Abson­de­rungs­be­rech­tig­ten wahr­zu­neh­men. So hat er für eine mög­lichst weit­ge­hen­de gleich­mä­ßi­ge Befrie­di­gung der Insol­venz­for­de­run­gen zu sor­gen (§§ 1, 187 ff InsO), Mas­segläu­bi­ger vor­weg (§ 53 InsO) und gege­be­nen­falls in der Rang­fol­ge des § 209 InsO zu befrie­di­gen sowie die ding­li­chen Rech­te der Aus­son­de­rungs- und Abson­de­rungs­be­rech­tig­ten (§§ 47 ff) zu beach­ten 3. Insol­venz­spe­zi­fi­sche Pflich­ten oblie­gen dem Ver­wal­ter danach im Ver­hält­nis zu einer insol­ven­ten GmbH, aber gleich ob es sich um die Vor­stän­de einer Akti­en­ge­sell­schaft oder die Geschäfts­füh­rer einer GmbH han­delt nicht im Ver­hält­nis zu ihren Orga­nen. Der Ver­wal­ter hat gegen­über den Orga­nen nur inso­weit Pflich­ten zu erfül­len, als die­se ihm als Ver­tre­ter der insol­ven­ten GmbH oder Insol­ven­zo­der Mas­segläu­bi­ger gegen­über­tre­ten 4.

Vor die­sem Hin­ter­grund war schon unter der Gel­tung des § 82 KO aner­kannt, dass der nach § 64 Abs. 2 GmbHG aF (jetzt § 64 GmbHG) wegen ver­bo­te­ner Zah­lun­gen in Anspruch genom­me­ne Geschäfts­füh­rer einer insol­ven­ten GmbH nicht zu dem Kreis der geschütz­ten Betei­lig­ten gehört. Der Geschäfts­füh­rer ist inso­weit viel­mehr aus­schließ­lich Schuld­ner der Mas­se, dem gegen­über der Ver­wal­ter kei­ne insol­venz­spe­zi­fi­schen Pflich­ten zu erfül­len hat 5. Die­se recht­li­che Wür­di­gung hat auch unter der Insol­venz­ord­nung soweit ersicht­lich ein­hel­li­ge Zustim­mung erfah­ren 6. Des­we­gen kann der Geschäfts­füh­rer einer insol­ven­ten GmbH nicht von dem Insol­venz­ver­wal­ter Scha­dens­er­satz ver­lan­gen, weil die­ser es ver­säumt hat, aus­sichts­rei­che Anfech­tungs­an­sprü­che (§§ 129 ff InsO) zu ver­fol­gen, wel­che den auf § 64 GmbHG gestütz­ten Erstat­tungs­an­spruch gegen den Geschäfts­füh­rer ver­min­dert hät­ten 7. Der Geschäfts­füh­rer steht damit im Ergeb­nis nicht anders als ein Bür­ge, zu des­sen Inan­spruch­nah­me es nur des­halb kommt, weil der Insol­venz­ver­wal­ter durch eine schuld­haf­te Ver­kür­zung der Mas­se die Befrie­di­gung des Haupt­gläu­bi­gers aus der Mas­se ver­hin­dert hat 8. Eben­so schei­det eine Scha­dens­er­satz­pflicht aus, sofern der Insol­venz­ver­wal­ter wie hier eine Haft­pflicht­ver­si­che­rung der GmbH der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin been­det hat, die gegen den Geschäfts­füh­rer gerich­te­te Ansprü­che aus § 64 GmbHG abge­deckt hät­te.

Den Insol­venz­ver­wal­ter tref­fen, sofern die Prä­mi­en über­haupt aus der Mas­se auf­ge­bracht wer­den kön­nen, Ver­si­che­rungs­pflich­ten aus­schließ­lich im Inter­es­se des Schuld­ners und sei­ner Gläu­bi­ger zum Zweck der Obhut und des Erhalts des Schuld­ner­ver­mö­gens 9. Unter dem Gesichts­punkt der best­mög­li­chen Wah­rung der Gläu­bi­ger­inter­es­sen mag es gebo­ten sein, eine zuguns­ten des Geschäfts­füh­rers einer insol­ven­ten GmbH abge­schlos­se­ne Haft­pflicht­ver­si­che­rung auf­recht­zu­er­hal­ten, sofern Haf­tungs­an­sprü­che gegen den Geschäfts­füh­rer man­gels finan­zi­el­ler Leis­tungs­fä­hig­keit nicht durch­setz­bar sind 10. Hin­ge­gen besteht kei­ne Ver­pflich­tung des Insol­venz­ver­wal­ters, eine sol­che Haft­pflicht­ver­si­che­rung aus Mit­teln der Mas­se zu bestrei­ten, um den Geschäfts­füh­rer von einer etwai­gen Haf­tung zu befrei­en.

Ohne Erfolg beruft sich der Geschäfts­füh­rer schließ­lich auf einen Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 60 Abs. 1 Satz 1 InsO, weil er durch die Been­di­gung des Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis­ses in einem ihm gemäß § 110 VVG zuste­hen­den Abson­de­rungs­recht beein­träch­tigt wor­den sei. Die­se Vor­schrift greift nicht zuguns­ten des Geschäfts­füh­rers ein.

Gemäß § 110 VVG kann der geschä­dig­te Drit­te wegen des ihm gegen den Ver­si­che­rungs­neh­mer zuste­hen­den Anspruchs abge­son­der­te Befrie­di­gung aus dem Frei­stel­lungs­an­spruch des Ver­si­che­rungs­neh­mers ver­lan­gen, wenn über des­sen Ver­mö­gen das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net ist. Dies stellt sicher, dass die Ver­si­che­rungs­leis­tung dem geschä­dig­ten Drit­ten und nicht den Gläu­bi­gern des Ver­si­che­rungs­neh­mers zugu­te­kommt; letz­te­res wider­sprä­che der Sozi­al­bin­dung der Haft­pflicht­ver­si­che­rung zu Guns­ten des Drit­ten 11. Das Abson­de­rungs­recht nach § 110 VVG ent­steht bei Vor­lie­gen eines Scha­dens­falls mit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen des ver­si­cher­ten Schä­di­gers, auch wenn der Haft­pflicht­an­spruch noch nicht mit bin­den­der Wir­kung für den Ver­si­che­rer (§ 106 Satz 1 VVG) fest­ge­stellt ist 12.

Die­se Rege­lung ist hier nicht ein­schlä­gig, weil dem Geschäfts­füh­rer ein Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen die GmbH nicht zusteht. Die GmbH hat nicht den Geschäfts­füh­rer geschä­digt, son­dern die­ser der insol­ven­ten GmbH durch ver­bo­te­ne Zah­lun­gen (§ 64 GmbHG) einen Nach­teil zuge­fügt. Ein Abson­de­rungs­recht des Geschäfts­füh­rers ist folg­lich nicht gege­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. April 2016 – IX ZR 161/​15

  1. BT-Drs. 12/​2443, S. 129[]
  2. BGH, Urteil vom 14.04.1987 – IX ZR 260/​86, BGHZ 100, 346, 350 ff[]
  3. vgl. BGH, aaO S. 350[]
  4. RG, DR 1939, 1798; Schmidt, KTS 1976, 191, 201 mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 18.12 1995 – II ZR 277/​94, BGHZ 131, 325, 328 f[]
  6. Jaeger/​Gerhardt, InsO, § 60 Rn. 95; Münch­Komm-InsO/Bran­des­/­Schopp­mey­er, 3. Aufl., § 60 Rn. 71; HK-InsO/­Loh­mann, 8. Aufl., § 60 Rn. 6; Uhlenbruck/​Sinz, InsO, 14. Aufl., § 60 Rn. 11; Hmb­Komm-InsO/Weit­z­mann, 5. Aufl., § 60 Rn. 6; Schmidt/​Thole, InsO, 19. Aufl., § 60 Rn. 6; Mohr­but­ter in Mohrbutter/​Ringstmeier, Hand­buch der Insol­venz­ver­wal­tung, 9. Aufl., Kapi­tel 33 Rn. 151; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2009, § 60 Rn. 25[]
  7. vgl. BGH, aaO[]
  8. BGH, aaO S. 329[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 29.09.1988 – IX ZR 39/​88, BGHZ 105, 230, 237; Jaeger/​Gerhardt, aaO § 60 Rn. 39; Münch­Komm-InsO/Bran­des­/­Schopp­mey­er, aaO § 60 Rn. 15[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 18.12 1995, aaO S. 329[]
  11. BGH, Beschluss vom 25.09.2014 – IX ZB 117/​12, WM 2014, 2057 Rn. 7[]
  12. BGH, aaO Rn. 8[]