Die Haf­tung der GbR, die Gesell­schaf­ter­haf­tung und die Rechts­kraft­wir­kun­gen

Nimmt ein Drit­ter in einem Rechts­streit die Gesell­schaf­ter einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts aus ihrer per­sön­li­chen Haf­tung für eine Gesell­schafts­schuld in Anspruch, ent­fal­tet die Rechts­kraft eines in die­sem Pro­zess ergan­ge­nen Urteils kei­ne Wir­kung in einem wei­te­ren Pro­zess, in dem er nun­mehr den Anspruch gegen die Gesell­schaft ver­folgt. Dies gilt auch dann, wenn alle Gesell­schaf­ter am Vor­pro­zess betei­ligt waren.

Die Haf­tung der GbR, die Gesell­schaf­ter­haf­tung und die Rechts­kraft­wir­kun­gen

Kei­ne Rechts­kraf­ter­stre­ckung auf die Gesell­schaft

Die Rechts­kraft eines im Pro­zess gegen die Gesell­schaf­ter ergan­ge­nen Urteils erstreckt sich nach § 325 ZPO nicht auf die Gesell­schaft. Nach die­ser Vor­schrift wirkt die Rechts­kraft eines Urteils grund­sätz­lich nur für und gegen die Par­tei­en des Rechts­streits, in dem das Urteil ergan­gen ist. Die beklag­te Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts war am Vor­pro­zess nicht betei­ligt. Par­tei­en des Vor­pro­zes­ses waren viel­mehr ihre vier Gesell­schaf­ter. Bei der Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts und ihren Gesell­schaf­tern han­delt es sich nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 1 um ver­schie­de­ne Rechts­sub­jek­te. Rich­tet sich eine Kla­ge aus­schließ­lich gegen die Gesell­schaf­ter einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts, sind nur die­se und nicht auch die Gesell­schaft am Ver­fah­ren betei­ligt.

Aller­dings kann sich die Rechts­kraft eines Urteils aus­nahms­wei­se auch auf einen nicht am Ver­fah­ren betei­lig­ten Drit­ten erstre­cken. Dies ist aller­dings nicht schon dann der Fall, wenn es einem Drit­ten zumut­bar ist, die rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung über ein vor­greif­li­ches Rechts­ver­hält­nis gegen sich gel­ten zu las­sen 2. Eine Durch­bre­chung des Grund­sat­zes, dass ein Drit­ter an ein ohne sei­ne Mit­wir­kung zustan­de gekom­me­nes gericht­li­ches Erkennt­nis grund­sätz­lich nicht gebun­den sein soll, kommt nur in Betracht, wenn dies im Ein­zel­fall vom Gesetz aus­drück­lich ange­ord­net oder zumin­dest nach dem Sinn einer Geset­zes­vor­schrift gebo­ten ist 3. Die­se Vor­aus­set­zung ist hier nicht erfüllt. Weder § 129 Abs. 1 HGB noch § 736 ZPO kann ent­nom­men wer­den, dass ein in einem Rechts­streit mit einem Drit­ten gegen sämt­li­che Gesell­schaf­ter einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts ergan­ge­nes Urteil über deren per­sön­li­che Haf­tung für eine Gesell­schafts­schuld für und gegen die nicht am Pro­zess betei­lig­te Gesell­schaft Wir­kung ent­fal­tet, wenn der Anspruch nun­mehr gegen die Gesell­schaft ver­folgt wird.

Kei­ne Rechts­kraf­ter­stre­ckung ana­log § 129 HGB

§ 129 Abs. 1 HGB gilt sinn­ge­mäß für die Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts 4. Die Vor­schrift befasst sich jedoch nicht mit der hier zu ent­schei­den­den Fra­ge, ob ein rechts­kräf­ti­ges Urteil gegen alle Gesell­schaf­ter Wir­kung für und gegen die Gesell­schaft ent­fal­tet. Viel­mehr regelt sie umge­kehrt Inhalt und Umfang der Bin­dungs­wir­kung eines gegen die Gesell­schaft ergan­ge­nen rechts­kräf­ti­gen Urteils für und gegen die Gesell­schaf­ter. Ein sol­ches Urteil wirkt nach § 129 Abs. 1 HGB auch gegen die Gesell­schaf­ter, indem es ihnen die Ein­wen­dun­gen nimmt, die schon der Gesell­schaft abge­spro­chen wur­den 5. Ob man § 129 Abs. 1 HGB als Rechts­kraf­ter­stre­ckung 6 oder als Ein­wen­dungs­aus­schluss ähn­lich wie § 767 Abs. 2 ZPO ver­steht 7, ist ohne Bedeu­tung. Jeden­falls kann aus die­ser Vor­schrift nicht die Bin­dungs­wir­kung eines im Pro­zess gegen alle Gesell­schaf­ter ergan­ge­nen rechts­kräf­ti­gen Urteils für und gegen die Gesell­schaft her­ge­lei­tet wer­den. § 129 Abs. 1 HGB ist Aus­druck und Fol­ge der in § 128 Abs. 1 HGB gere­gel­ten akzes­so­ri­schen Haf­tung der Gesell­schaf­ter für die Schuld der Gesell­schaft. Die Gesell­schaft haf­tet aber für die Schuld der Gesell­schaf­ter nicht akzes­so­risch. Aus die­sem Grund bedarf es einer § 129 Abs. 1 HGB ent­spre­chen­den, die Bin­dungs­wir­kung eines gegen alle Gesell­schaf­ter ergan­ge­nen Urteils gegen­über der Gesell­schaft regeln­den Bestim­mung nicht.

Kei­ne Rechts­kraf­ter­stre­ckung aus § 736 BGB

Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs lässt sich die Rechts­kraft­wir­kung eines Urteils gegen alle Gesell­schaf­ter einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts für und gegen die Gesell­schaft nicht auf § 736 ZPO stüt­zen.

§ 736 ZPO ord­net kei­ne Rechts­kraf­ter­stre­ckung an, son­dern bestimmt, dass zur Zwangs­voll­stre­ckung in das Gesell­schafts­ver­mö­gen ein gegen alle Gesell­schaf­ter ergan­ge­nes Urteil erfor­der­lich ist. Zwar kann eine über § 325 ZPO hin­aus­ge­hen­de Erstre­ckung der Rechts­kraft auf Drit­te auch dann anzu­neh­men sein, wenn sie nicht aus­drück­lich ange­ord­net ist; viel­mehr genügt es, wenn sie nach dem Sinn einer Vor­schrift gebo­ten ist 3. Auch dies trifft für § 736 ZPO jedoch nicht zu. Die Vor­schrift ist mit der Aner­ken­nung der Rechts­fä­hig­keit der Außen­ge­sell­schaft bür­ger­li­chen Rechts nicht über­flüs­sig gewor­den; sie ist so zu ver­ste­hen, dass – anders als bei der OHG (§ 124 Abs. 2 HGB) – zur Voll­stre­ckung in das Gesell­schafts­ver­mö­gen nicht zwin­gend ein Titel gegen die Gesell­schaft erfor­der­lich ist, son­dern auch mit einem Titel gegen alle ein­zel­nen Gesell­schaf­ter, der im Hin­blick auf ihre per­sön­li­che Mit­haf­tung ergan­gen ist, in das Gesell­schafts­ver­mö­gen voll­streckt wer­den kann 8.

Aller­dings folgt hier­aus für den Bun­des­ge­richts­hof aber nicht, dass die Rechts­kraft eines gegen alle Gesell­schaf­ter ergan­ge­nen Urteils zugleich für und gegen die Gesell­schaft wirkt. Lässt man unter Beru­fung auf § 736 ZPO aus dem gegen die ein­zel­nen Gesell­schaf­ter ergan­ge­nen Titel die Voll­stre­ckung in das Ver­mö­gen der Gesell­schaft zu, wird damit nach der Aner­ken­nung der Par­tei­fä­hig­keit der Außen­ge­sell­schaft bür­ger­li­chen Rechts zwar der Grund­satz durch­bro­chen, dass die Voll­stre­ckung in das Ver­mö­gen eines eigen­stän­di­gen Rechts­sub­jekts grund­sätz­lich einen Titel vor­aus­setzt, des­sen Gegen­stand eine nach mate­ri­el­lem Recht bestehen­de Ver­pflich­tung die­ses Schuld­ners ist und ein Titel nur die Voll­stre­ckung in das Ver­mö­gen des im Titel bezeich­ne­ten Schuld­ners eröff­nen kann. Dies ist aber hin­nehm­bar, wenn Gegen­stand der titu­lier­ten Ver­pflich­tung eine Ver­bind­lich­keit der Gesell­schaft ist, für die die in Anspruch genom­me­nen Gesell­schaf­ter haf­ten, und alle Gesell­schaf­ter dem Voll­stre­ckungs­zu­griff unter­wor­fen sind 9.

Kein unab­weis­ba­res Bedürf­nis für eine Rechts­kraf­ter­stre­ckung

Es besteht für eine Erstre­ckung der Rechts­kraft auf die Gesell­schaft nicht des­halb ein unab­weis­ba­res Bedürf­nis, weil ein Gläu­bi­ger wegen des gestör­ten Gleich­laufs zwi­schen mate­ri­el­ler Rechts­kraft und Voll­streck­bar­keit zum einen aus dem gegen alle Gesell­schaf­ter ergan­ge­nen statt­ge­ben­den Urteil in das Gesell­schafts­ver­mö­gen voll­stre­cken kann und ein zwei­tes Mal aus einem ihm güns­ti­gen Urteil gegen die Gesell­schaft. Die Inter­es­sen der Gesell­schaft wer­den nicht unzu­mut­bar beein­träch­tigt, wenn wegen der­sel­ben Gesell­schafts­schuld unter­schied­li­che Titel erge­hen kön­nen. Der Gefahr einer dop­pel­ten Inan­spruch­nah­me des Gesell­schafts­ver­mö­gens kann ohne wei­te­res dadurch begeg­net wer­den, dass die Gesell­schaft den Erfül­lungs­ein­wand in dem gegen sie geführ­ten Pro­zess erhebt oder mit der Voll­stre­ckungs­ab­wehr­kla­ge gel­tend macht.

Gegen das von der Revi­si­ons­er­wi­de­rung befür­wor­te­te Ver­ständ­nis des § 736 ZPO als Norm, die die Rechts­kraf­ter­stre­ckung eines gegen alle Gesell­schaf­ter ergan­ge­nen Urteils auf die par­tei­fä­hi­ge Außen­ge­sell­schaft bür­ger­li­chen Rechts gebie­tet, spricht zudem, dass die Voll­stre­ckung in das Ver­mö­gen der Gesell­schaft ent­ge­gen dem Wort­laut des § 736 ZPO kei­nen in einem ein­heit­li­chen Ver­fah­ren gegen alle Gesell­schaf­ter erstrit­te­nen Titel vor­aus­setzt 10. Genü­gen nach § 736 ZPO meh­re­re in getrenn­ten Ver­fah­ren erwirk­te Titel gegen alle Gesell­schaf­ter für eine Voll­stre­ckung in das Gesell­schafts­ver­mö­gen, lässt sich eine Erstre­ckung der Rechts­kraft auf die nicht am Pro­zess betei­lig­te Gesell­schaft nicht mit der Begrün­dung recht­fer­ti­gen, im Gesell­schaf­ter­pro­zess sei eine das Ver­fah­ren (Art. 103 GG) und die Rechts­kraft legi­ti­mie­ren­de Reprä­sen­ta­ti­on der Gesell­schaft durch ihre Gesell­schaf­ter gewähr­leis­tet. Selbst wenn die Kla­ge – wie hier – gegen alle Gesell­schaf­ter gerich­tet ist, wer­den die Inter­es­sen der Gesell­schaft nicht in jedem Fall not­wen­di­ger­wei­se durch ihre Gesell­schaf­ter wahr­ge­nom­men, weil die Inter­es­sen der Gesell­schaf­ter oder ein­zel­ner von ihnen durch­aus auch gegen­läu­fig sein kön­nen.

Auch ist die Erstre­ckung der Rechts­kraft eines die Kla­ge gegen alle Gesell­schaf­ter abwei­sen­den Urteils auf die Gesell­schaft nicht des­halb gebo­ten, weil andern­falls ein der Kla­ge statt­ge­ben­des Urteil in einem wei­te­ren Pro­zess gegen die Gesell­schaft nach § 129 Abs. 1 HGB ana­log wie­der­um gegen die ein­zel­nen Gesell­schaf­ter wir­ken wür­de. Dies trifft nicht zu. Einer erneu­ten Inan­spruch­nah­me der ein­zel­nen Gesell­schaf­ter aus ihrer Mit­haf­tung für die Ver­bind­lich­kei­ten der Gesell­schaft steht die Rechts­kraft des kla­ge­ab­wei­sen­den Urteils in dem gegen sie geführ­ten Vor­pro­zess ent­ge­gen. Dass das Bestehen der Ver­bind­lich­keit der Gesell­schaft im Gesell­schafts- und Gesell­schaf­ter­pro­zess mög­li­cher­wei­se unter­schied­lich beur­teilt wird, ist – eben­so wie bei der OHG und der KG – hin­zu­neh­men, wenn in getrenn­ten Pro­zes­sen zuerst die Gesell­schaf­ter und dann die Gesell­schaft ver­klagt wer­den.

Eine Aus­nah­me von dem Grund­satz, dass die Rechts­kraft eines Urteils nur zwi­schen den Par­tei­en des rechts­kräf­tig ent­schie­de­nen Pro­zes­ses wirkt, ist auch nicht aus ande­ren Grün­den gerecht­fer­tigt. Zwar ist aner­kannt, dass ein im Gesell­schaf­ter­pro­zess ergan­ge­nes Urteil jeden­falls für die Gesell­schaft bin­dend ist, wenn über die Grund­la­gen der Gesell­schaft ent­schie­den wur­de 11. Ein sol­cher Son­der­fall liegt hier aber nicht vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. März 2011 – II ZR 249/​09

  1. BGH, Urteil vom 29.01.2001 – II ZR 331/​00, BGHZ 146, 341[]
  2. BGH, Urteil vom 20.10.1995 – V ZR 263/​94, WM 1996, 184, 186; Urteil vom 08.11.2004 – II ZR 362/​02, ZIP 2005, 121[]
  3. BGH, Urteil vom 20.10.1995 – V ZR 263/​94, WM 1996, 184, 186[][]
  4. BGH, Urteil vom 29.01.2001 – II ZR 331/​00, BGHZ 146, 341, 358; Urteil vom 03.04.2006 – II ZR 40/​05, ZIP 2006, 994 Rn. 15[]
  5. BGH, Urteil vom 03.04.2006 – II ZR 40/​05, ZIP 2006, 994 Rn. 15[]
  6. so z.B. Zöller/​Vollkommer, ZPO, 28. Aufl., § 325 Rn. 35; Baumbach/​Hopt, HGB, 34. Aufl., § 129 Rn. 7; § 128 Rn. 43[]
  7. Staub/​Habersack, HGB, 05. Aufl., § 129 Rn. 11; offen gelas­sen von BGH, Urteil vom 03.04.2006 – II ZR 40/​05, ZIP 2006, 994 Rn. 15[]
  8. BGH, Urteil vom 29.01.2001 – II ZR 331/​00, BGHZ 146, 341, 356; BGH, Urteil vom 25.01.2008 – V ZR 63/​07, ZIP 2008, 501 Rn. 10; Beschluss vom 16.07.2004 – IXa ZB 288/​03, ZIP 2004, 1775, 1777[]
  9. BGH, Urteil vom 25.01.2008 – V ZR 63/​07, ZIP 2008, 501 Rn. 10[]
  10. BGH, Urteil vom 29.01.2001 – II ZR 331/​00, BGHZ 146, 341, 356; Zöller/​Stöber, ZPO, 28. Aufl., § 736 Rn. 3; MünchKommBGB/​Ulmer/​Schä­fer, 05. Aufl., § 718 Rn. 55 m.w.N.[]
  11. BGH, Urteil vom 05.06.1967 – II ZR 128/​65, BGHZ 48, 175, 176 f. für die OHG[]