Die insol­ven­te GmbH – und ihre spä­te­re Fort­set­zung

Wird eine Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung durch die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über ihr Ver­mö­gen auf­ge­löst, kann sie nur in den in § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG genann­ten Fäl­len fort­ge­setzt wer­den.

Die insol­ven­te GmbH – und ihre spä­te­re Fort­set­zung

Wird eine Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung durch die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen der Gesell­schaft auf­ge­löst, kann sie nur in den in § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG genann­ten Fäl­len fort­ge­setzt wer­den. Dies gilt auch dann, wenn die Gesell­schaft über ein das sat­zungs­ge­mä­ße Stamm­ka­pi­tal über­stei­gen­des Ver­mö­gen ver­fügt und alle Gläu­bi­ger im Insol­venz­ver­fah­ren befrie­digt wur­den.

Eine ver­brei­te­te Auf­fas­sung im Schrift­tum will bei einer Been­di­gung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen einer GmbH in ande­ren als in den in § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG genann­ten Fäl­len die Fort­set­zung der Gesell­schaft nicht aus­schlie­ßen 1. Nach herr­schen­der Auf­fas­sung han­delt es sich bei den durch § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG im eröff­ne­ten Insol­venz­ver­fah­ren der Gesell­schaft ein­ge­räum­ten Fort­set­zungs­mög­lich­kei­ten um eine abge­schlos­se­ne Rege­lung 2.

Die zuletzt genann­te Auf­fas­sung ist rich­tig.

Für die Par­al­lel­vor­schrift des § 274 Abs. 2 Nr. 1 AktG hat der Bun­des­ge­richts­hof zum alten Kon­kurs­recht bereits ent­schie­den, dass eine Fort­set­zung der Gesell­schaft nach Auf­lö­sung durch die Eröff­nung des Kon­kurs­ver­fah­rens nur in den gesetz­lich bestimm­ten Fäl­len zuläs­sig ist 3. Für § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG gilt nichts ande­res. Gegen eine Fort­set­zungs­mög­lich­keit in ande­ren als den in § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG genann­ten Fäl­len spricht der Umstand, dass der Wort­laut der Norm im Zuge der Insol­venz­rechts­re­form des Jah­res 1994 nicht erwei­tert wur­de 4. Die Auf­fas­sung, der Wort­laut sei weder ein­deu­tig noch abschlie­ßend und der Gesetz­ge­ber habe kei­nen Anlass gehabt, die Rege­lung zu ändern, über­zeugt dage­gen nicht. Denn die Fra­ge einer Fort­set­zungs­mög­lich­keit außer­halb der in § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG genann­ten Fäl­le war bereits unter der Gel­tung der Kon­kurs­ord­nung strei­tig 5.

Die Rege­lung in § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG ord­net nicht nur die Auf­lö­sung der Gesell­schaft im Fall der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über ihr Ver­mö­gen an, son­dern sieht aus­drück­lich die Mög­lich­keit der Fort­set­zung vor, wenn das Ver­fah­ren auf Antrag der Gesell­schaft gemäß §§ 212, 213 InsO ein­ge­stellt wird oder nach Bestä­ti­gung eines Insol­venz­plans, wel­cher den Fort­be­stand der Gesell­schaft vor­sieht, auf­ge­ho­ben wird. In die­sen Fäl­len kann die Gesell­schaft durch einen Fort­set­zungs­be­schluss der Gesell­schaf­ter nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen fort­ge­setzt wer­den. Der Gesetz­ge­ber hat mit § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG zwei gang­ba­re Wege auf­ge­zeigt, die sowohl den Erhalt der Gesell­schaft als auch deren wei­te­re Teil­nah­me am Markt­ge­sche­hen ermög­li­chen.

In den gesetz­lich gere­gel­ten Fäl­len, sowohl bei der Fort­set­zung der Gesell­schaft bei Weg­fall der Insol­venz­grün­de oder der Ein­stel­lung des Insol­venz­ver­fah­rens mit Zustim­mung der Gläu­bi­ger nach §§ 212, 213 InsO als auch bei der Been­di­gung des Insol­venz­ver­fah­rens durch einen Insol­venz­plan, besei­tigt das Unter­neh­men (unter Mit­wir­kung sei­ner Gläu­bi­ger) die zur Insol­venz füh­ren­de unter­neh­me­ri­sche Kri­se und bleibt – für die betei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se erkenn­bar – als wirt­schaft­li­che Ein­heit aus Sach- und Per­so­nal­mit­teln am Markt erhal­ten. Bei einer Been­di­gung des Insol­venz­ver­fah­rens nach Schluss­ver­tei­lung gemäß § 200 InsO besteht dem­ge­gen­über regel­mä­ßig kein fort­set­zungs­fä­hi­ges Unter­neh­men mehr 6. Die Auf­lö­sungs­fol­ge des § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG dient dem Gläu­bi­ger­schutz und es ist im Regel­fall nicht zu erwar­ten, dass die Gesell­schaft in den nicht in § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG genann­ten Fäl­len nach Abschluss des Insol­venz­ver­fah­rens noch über maß­geb­li­ches Gesell­schafts­ver­mö­gen ver­fügt, wel­ches eine Fort­set­zung der Gesell­schaft ohne Gefähr­dung der Gläu­bi­ger recht­fer­ti­gen könn­te 7.

Eine Erwei­te­rung der von Geset­zes wegen beschränk­ten Fort­set­zungs­mög­lich­kei­ten wäre auch dann nicht gebo­ten, wenn die über ein das sat­zungs­ge­mä­ße Stamm­ka­pi­tal über­stei­gen­des Ver­mö­gen ver­füg­te und alle Gläu­bi­ger im Insol­venz­ver­fah­ren befrie­digt wor­den wären.

Für eine sol­che Fort­set­zungs­mög­lich­keit besteht schon kein Bedürf­nis. Denn gera­de nach Besei­ti­gung der Insol­venz­rei­fe und nach der Befrie­di­gung aller Gläu­bi­ger kann der Weg des § 212 InsO beschrit­ten und eine Ein­stel­lung des Insol­venz­ver­fah­rens wegen Weg­falls des Insol­venz­grun­des her­bei­ge­führt wer­den. Danach kann die Fort­set­zung der Gesell­schaft beschlos­sen wer­den.

Las­sen die Betei­lig­ten die­se gesetz­lich ein­ge­räum­te Mög­lich­keit der Fort­set­zung unge­nutzt, ist kein Grund dafür ersicht­lich, eine nicht im Gesetz vor­ge­se­he­ne Mög­lich­keit zur Fort­set­zung der Gesell­schaft durch einen schlich­ten Fort­set­zungs­be­schluss zu eröff­nen 8. Dage­gen spricht viel­mehr, dass anders als im Fall des § 212 InsO dann kei­ne gericht­li­che Prü­fung statt­fin­det, ob die Insol­venz­rei­fe über­wun­den ist, § 212 Satz 2 InsO 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. April 2015 – II ZB 13/​14

  1. vgl. Fich­tel­mann, GmbHR 2003, 67, 71; Hacker/​Petsch, ZIP 2015, 761, 768 f.; Kluth, NZI 2014, 626, 627; Alt­mep­pen in Roth/​Altmeppen, GmbHG, 7. Aufl., § 60 Rn. 51; Scholz/​K. Schmidt/​Bitter, GmbHG, 11. Aufl., vor § 64 Rn. 180 ff.; Uhlenbruck/​Hirte, InsO, 13. Aufl., § 11 Rn. 154[]
  2. vgl. OLG Mün­chen, GmbHR 2006, 91, 92; OLG Köln, ZIP 2010, 1183, 1185; OLG Cel­le, ZIP 2011, 278; Fuhst, juris­PR-InsR 15/​2014 Anm. 2; Gehr­lein, DStR 1997, 31, 32 f.; Krü­ger, Anw­Zert InsR 1/​2015 Anm. 2; Sei­del in EWiR 2014, 645 f.; Witt in Gehrlein/​Witt/​Volmer, 3. Aufl., Kap. 10 Rn. 21; Münch.Hdb.GesR III/​Weitbrecht, 4. Aufl., § 62 Rn. 32; Henssler/​Strohn/​Arnold, 2. Aufl., GmbHG § 60 Rn. 74; Haas in Baumbach/​Hueck, GmbHG, 20. Aufl., § 60 Rn. 95; Beckmann/​Hofmann in Gehrlein/​Ekkenga/​Simon, GmbHG, 2. Aufl., § 60 Rn. 69; Rowed­der/­Schmidt-Leit­hof­f/Ge­sell, GmbHG, 5. Aufl., § 60 Rn. 76; Hachenburg/​Ulmer, GmbHG, 8. Aufl., § 60 Rn. 102; Cas­per in Ulmer/​Habersack/​Win­ter, GmbHG, § 60 Rn. 128, 147; Münch­Komm-GmbH­G/Ber­ner, § 60 Rn. 273[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 25.10.2002 – V ZR 243/​01, WM 2004, 382, 386[]
  4. Münch­Komm-GmbH­G/Ber­ner, § 60 Rn. 273; Cas­per in Ulmer/​Habersack/​Winter, GmbHG, § 60 Rn. 147[]
  5. vgl. Hachenburg/​Ulmer, GmbHG, 8. Aufl., § 60 Rn. 101 ff.[]
  6. vgl. OLG Köln, ZIP 2010, 1183, 1185; Fuhst, juris­PR-InsR 15/​2014 Anm. 2[]
  7. vgl. Fuhst, juris­PR-InsR 15/​2014 Anm. 2; Hachenburg/​Ulmer, GmbHG, 8. Aufl., § 60 Rn. 102; Münch­Komm-GmbH­G/Ber­ner, § 60 Rn. 273; Cas­per in Ulmer/​Habersack/​Winter, GmbHG, § 60 Rn. 147[]
  8. vgl. OLG Cel­le, ZIP 2011, 278, 279; Fuhst, juris­PR-InsR 15/​2014 Anm. 2; Münch­Komm-GmbH­G/Ber­ner, § 60 Rn. 273; Rowed­der/­Schmidt-Leit­hof­f/Ge­sell, GmbHG, 5. Aufl., § 60 Rn. 76[]
  9. vgl. Münch.Hdb.GesR III/​Weitbrecht, 4. Aufl., § 62 Rn. 33; Henssler/​Strohn/​Arnold, 2. Aufl., GmbHG § 60 Rn. 74; Münch­Komm- GmbHG/​Berner, § 60 Rn. 271; Michalski/​Nerlich, GmbHG, 2. Aufl., § 60 Rn. 360; zur gericht­li­chen Prü­fung Hen­ning in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, § 212 InsO Rn. 11 ff.[]