Die kon­zern­in­ter­ne Haf­tung für die insol­ven­te Kon­zern­ge­sell­schaft

Mit den anfech­tungs- und gesell­schafts­recht­li­chen Ansprü­chen des Insol­venz­ver­wal­ters einer schuld­ne­ri­schen Gesell­schaft aus dem Ver­kauf ihrer Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de an eine dem Gesell­schaf­ter gleich­ge­stell­te Per­son hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Die kon­zern­in­ter­ne Haf­tung für die insol­ven­te Kon­zern­ge­sell­schaft

Vor­satz­an­fech­tung[↑]

Ein Rück­ge­währ­an­spruch unter dem recht­li­chen Gesichts­punkt der Vor­satz­an­fech­tung nach § 143 Abs. 1, § 133 Abs. 1 InsO kann nicht mit der Begrün­dung ver­neint wer­den, auf­grund des im Kauf­ver­trag umge­setz­ten Sanie­rungs­kon­zep­tes kön­ne eine vor­sätz­li­che Benach­tei­li­gung der Gläu­bi­ger aus­ge­schlos­sen wer­den.

Sowohl der Gesichts­punkt der dro­hen­den Zah­lungs­un­fä­hig­keit als auch der­je­ni­ge der Inkon­gru­enz kön­nen ihre Bedeu­tung als Beweis­an­zei­chen für den Benach­tei­li­gungs­vor­satz des Schuld­ners ver­lie­ren, wenn die ange­foch­te­ne Rechts­hand­lung Bestand­teil eines ernst­haf­ten, letzt­lich aber fehl­ge­schla­ge­nen Sanie­rungs­ver­suchs ist1. Denn in die­sem Fall ist die Rechts­hand­lung von einem ande­ren, anfech­tungs­recht­lich unbe­denk­li­chen Wil­len gelei­tet, und das Bewusst­sein der Benach­tei­li­gung ande­rer Gläu­bi­ger tritt infol­ge­des­sen in den Hin­ter­grund2. Vor­aus­set­zung ist, dass zu der Zeit der ange­foch­te­nen Hand­lung ein schlüs­si­ges, von den tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten aus­ge­hen­des Sanie­rungs­kon­zept vor­liegt, das min­des­tens in den Anfän­gen schon in die Tat umge­setzt wor­den ist und beim Schuld­ner die ernst­haf­te und begrün­de­te Aus­sicht auf Erfolg recht­fer­tigt3.

Ein sol­ches schlüs­si­ges Sanie­rungs­kon­zept, das zum Zeit­punkt der ange­foch­te­nen Hand­lung begrün­de­te Aus­sicht auf Erfolg bot, ist vor­lie­gend jedoch nicht fest­ge­stellt.

Die Fest­stel­lun­gen las­sen kein geschlos­se­nes Kon­zept zur Berei­ni­gung sämt­li­cher Ver­bind­lich­kei­ten der Schuld­ne­rin erken­nen. Es ist nicht erkenn­bar, ob die Aus­glie­de­rung des Geschäfts mit den Spritz­guss­ma­schi­nen auf die Beklag­te zu 3 geeig­net war, die wirt­schaft­li­che Lage der Schuld­ne­rin dau­er­haft zu sta­bi­li­sie­ren, oder ob ledig­lich eine ent­spre­chen­de Hoff­nung bestand. Dar­über hin­aus ging die Schuld­ne­rin selbst trotz Umset­zung des Sanie­rungs­kon­zepts von einem fort­dau­ern­den Finanz­be­darf aus. Die blo­ße Aus­sicht, der jewei­li­ge Finanz­be­darf wer­de von der Beklag­ten zu 1 im Rah­men des Cash-Manage­ments gedeckt, recht­fer­tig­te schon des­halb nicht die Annah­me, die dro­hen­de Zah­lungs­un­fä­hig­keit abwen­den und alle Gläu­bi­ger befrie­di­gen zu kön­nen, weil die dem Cash-Manage­ment zugrun­de lie­gen­de Ver­ein­ba­rung bin­nen Wochen­frist künd­bar war.

Exis­tenz­ver­nich­ten­der Ein­griff[↑]

Sodann prüft der Bun­des­ge­richts­hof einen Anspruch auf Scha­dens­er­satz wegen exis­tenz­ver­nich­ten­den Ein­griffs:

Die Haf­tung wegen Exis­tenz­ver­nich­tung begrün­det einen ori­gi­nä­ren Anspruch der GmbH gegen einen Gesell­schaf­ter, der sei­ne Grund­la­ge in § 826 BGB fin­det4. Eine Exis­tenz­ver­nich­tung liegt vor, wenn der Gesell­schaf­ter auf die Zweck­bin­dung des Gesell­schafts­ver­mö­gens kei­ne ange­mes­se­ne Rück­sicht nimmt, indem er der Gesell­schaft durch offe­ne oder ver­deck­te Ent­nah­men ohne ange­mes­se­nen Aus­gleich Ver­mö­gens­wer­te ent­zieht, die sie zur Erfül­lung ihrer Ver­bind­lich­kei­ten benö­tigt, und sie dadurch in die Insol­venz führt oder eine bereits bestehen­de Insol­venz ver­tieft5. Der exis­tenz­ver­nich­ten­de Ein­griff ist sit­ten­wid­rig, weil die Gesell­schaft dadurch um Ver­mö­gen gebracht wird, das sie zur vor­ran­gi­gen Befrie­di­gung ihrer Gläu­bi­ger benö­tigt6. Als Haf­ten­de kom­men neben dem unmit­tel­ba­ren Gesell­schaf­ter der GmbH auch mit­tel­ba­re Gesell­schaf­ter7 sowie Mit­tä­ter, Anstif­ter und Gehil­fen8 in Betracht, im Streit­fall somit grund­sätz­lich sämt­li­che Beklag­te.

Die Annah­me, die Gesell­schaf­te­rin und Schwes­ter­ge­sell­schaft der Gesell­scha­fe­rin haben der insol­ven­ten GmbH (Schuld­ne­rin) nicht plan­voll Ver­mö­gen ent­zo­gen, das Gegen­teil sei der Fall, beruht auf einem Rechts­feh­ler. Sie unter­liegt als Ergeb­nis tatrich­ter­li­cher Wür­di­gung im Sin­ne des § 286 Abs. 1 Satz 1 ZPO zwar nur der ein­ge­schränk­ten Über­prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt. Die­ses kann ledig­lich prü­fen, ob der Tatrich­ter von zutref­fen­den Rechts­be­grif­fen aus­ge­gan­gen ist und ob er den Streit­stoff umfas­send, wider­spruchs­frei und ohne Ver­stoß gegen Denk- oder Erfah­rungs­ge­set­ze gewür­digt hat9. Die­sen Anfor­de­run­gen wird das ange­foch­te­ne Urteil aber nicht gerecht. Das Beru­fungs­ge­richt ver­kennt die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen der Haf­tung wegen Exis­tenz­ver­nich­tung. Es stützt sich maß­geb­lich dar­auf, dass das Sanie­rungs­kon­zept, an dem die Beklag­ten zu 1 und 3 betei­ligt gewe­sen sei­en, nicht dar­auf gerich­tet gewe­sen sei, der Schuld­ne­rin Ver­mö­gen zu ent­zie­hen oder sie gar aus­zu­plün­dern, son­dern sie finan­zi­ell zu ent­las­ten. Damit stellt das Beru­fungs­ge­richt die von den Beklag­ten ver­meint­lich ver­folg­ten Zie­le in den Mit­tel­punkt. Eine beson­de­re auf die Schä­di­gung der Gesell­schaft oder ihrer Gläu­bi­ger gerich­te­te Absicht setzt die Haf­tung wegen Exis­tenz­ver­nich­tung aber nicht vor­aus. Die Sit­ten­wid­rig­keit folgt bereits aus der Erfül­lung der objek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen. In sub­jek­ti­ver Hin­sicht genügt beding­ter Vor­satz. Ein sol­cher liegt vor, wenn dem han­deln­den Gesell­schaf­ter bewusst ist, dass durch von ihm selbst oder mit sei­ner Zustim­mung ver­an­lass­te Maß­nah­men das Gesell­schafts­ver­mö­gen sit­ten­wid­rig geschä­digt wird; dafür reicht es aus, dass ihm die Tat­sa­chen bewusst sind, die den Ein­griff sit­ten­wid­rig machen, wäh­rend ein Bewusst­sein der Sit­ten­wid­rig­keit nicht erfor­der­lich ist. Eine der­ar­ti­ge Sit­ten­wid­rig­keit betrifft nicht nur die Fäl­le, in denen die Ver­mö­gens­ent­zie­hung geschieht, um den Zugriff der Gläu­bi­ger auf die­ses Ver­mö­gen zu ver­hin­dern, son­dern ist auch dann anzu­neh­men, wenn die fak­ti­sche dau­er­haf­te Beein­träch­ti­gung der Erfül­lung der Ver­bind­lich­kei­ten die vor­aus­seh­ba­re Fol­ge des Ein­griffs ist und der Gesell­schaf­ter die­se Rechts­fol­ge in Erkennt­nis ihres mög­li­chen Ein­tritts bil­li­gend in Kauf genom­men hat10.

Ein Anspruch des Klä­gers wegen exis­tenz­ver­nich­ten­den Ein­griffs kann auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen nicht aus ande­ren Grün­den ver­neint wer­den.

Die Über­tra­gung von Ver­mö­gen der Schuld­ne­rin auf eine von ihrem Allein­ge­sell­schaf­ter beherrsch­te Schwes­ter­ge­sell­schaft kann zur Haf­tung des Gesell­schaf­ters wegen Exis­tenz­ver­nich­tung füh­ren, wenn die Über­tra­gung ohne ange­mes­se­nen Wert­aus­gleich erfolgt11. An einem sol­chen Wert­aus­gleich kann es im Streit­fall feh­len, falls die von der Beklag­ten zu 3 über­nom­me­nen Ver­bind­lich­kei­ten der Schuld­ne­rin gegen­über der Beklag­ten zu 1 Dar­le­hen betra­fen, die nach den damals gel­ten­den Grund­sät­zen zum Eigen­ka­pi­ta­ler­satz recht­lich gebun­den waren. Dann konn­ten sie von der Beklag­ten zu 1 nicht zurück­ge­for­dert wer­den und waren im Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen der Schuld­ne­rin nach­ran­gig. Die Über­nah­me sol­cher Ver­bind­lich­kei­ten durch die Beklag­te zu 3 konn­te aus der Sicht der Gläu­bi­ger der Schuld­ne­rin den Ver­lust des über­tra­ge­nen Ver­mö­gens nicht aus­glei­chen.

Ob die Dar­le­hen der Gesell­schaf­te­rin als Kapi­ta­ler­satz gebun­den waren, lässt sich man­gels aus­rei­chen­der Fest­stel­lun­gen nicht abschlie­ßend beur­tei­len. Eine Qua­li­fi­zie­rung als funk­tio­na­les Eigen­ka­pi­tal kommt in Betracht, wenn die Schuld­ne­rin bei der Gewäh­rung der Dar­le­hen und bis zum Ver­trags­schluss vom 16.11.2000 nicht nur bilan­zi­ell, son­dern im insol­venz­recht­li­chen Sin­ne über­schul­det war. Rang­rück­trit­te der Beklag­ten zu 1 sind bei die­ser Beur­tei­lung zu berück­sich­ti­gen, sofern sie die Vor­aus­set­zun­gen eines so genann­ten qua­li­fi­zier­ten Rück­tritts erfül­len; in die­sem Fall sind die betrof­fe­nen Dar­le­hens­ver­bind­lich­kei­ten nicht zu pas­si­vie­ren12.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Febru­ar 2013 – IX ZR 52/​10

  1. BGH, Urteil vom 12.11.1992 – IX ZR 236/​91, WM 1993, 270, 273; vom 01.04.2004 – IX ZR 305/​00, WM 2004, 1037, 1039; vom 16.10.2008 – IX ZR 183/​06, WM 2009, 117 Rn. 52; vom 05.03.2009 – IX ZR 85/​07, BGHZ 180, 98 Rn. 17; vom 08.12.2011 – IX ZR 156/​09, WM 2012, 146 Rn. 11 und 18; vgl. auch Gehr­lein, WM 2011, 577, 578 ff []
  2. BGH, Urteil vom 08.12.2011, aaO Rn. 11 []
  3. BGH, Urteil vom 16.10.2008, aaO; vom 08.12.2011, aaO; jeweils mwN []
  4. BGH, Urteil vom 16.07.2007 – II ZR 3/​04, BGHZ 173, 246 Rn. 17 ff; vom 13.12.2007 – IX ZR 116/​06, WM 2008, 449 Rn. 10 []
  5. BGH, Urteil vom 13.12.2004 – II ZR 256/​02, WM 2005, 332, 333 f; vom 16.07.2007, aaO Rn. 18; vom 13.12.2007, aaO; vom 23.04.2012 – II ZR 252/​10, WM 2012, 1034 Rn. 13 []
  6. BGH, Urteil vom 16.07.2007, aaO Rn. 30; vom 13.12.2007, aaO Rn. 10 []
  7. Gesell­schaf­ter­Ge­sell­schaf­ter, vgl. BGH, Urteil vom 16.07.2007, aaO Rn. 44 []
  8. § 830 BGB; BGH, Urteil vom 16.07.2007, aaO Rn. 46; vom 24.07.2012 – II ZR 177/​11, WM 2012, 1779 Rn. 14 []
  9. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 23.04.2012 – II ZR 252/​10, WM 2012, 1034 Rn. 13; HkZPO/​Saenger, 5. Aufl., § 286 Rn. 37 []
  10. BGH, Urteil vom 16.07.2007, aaO Rn. 30 []
  11. BGH, Urteil vom 24.06.2002 – II ZR 300/​00, BGHZ 151, 181, 187; vom 20.09.2004 – II ZR 302/​02, ZIP 2004, 2138, 2140; vom 23.04.2012 – II ZR 252/​10, ZIP 2012, 1071 Rn. 17 f []
  12. BGH, Urteil vom 08.01.2001 – II ZR 88/​99, BGHZ 146, 264, 271 f; vom 01.03.2010 – II ZR 13/​09, ZIP 2010, 1078 Rn. 6 []