Die nicht leis­tungs­fä­hi­ge Gesell­schaf­te­rin und die Sit­ten­wid­rig­keit des GbR-Ver­trags

Die im Gesell­schafts­ver­trag einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts begrün­de­te Ver­pflich­tung einer nicht leis­tungs­fä­hi­gen Gesell­schaf­te­rin zur Rück­zah­lung erheb­li­cher Beträ­ge, die der ande­re Gesell­schaf­ter ein­legt und die ver­ein­ba­rungs­ge­mäß dem im Inter­es­se der Gesell­schaft täti­gen Ehe­mann der Gesell­schaf­te­rin zuflie­ßen, ist nicht sit­ten­wid­rig, wenn die Ehe­frau auf­grund ihrer Gesell­schaf­ter­stel­lung ein adäqua­tes wirt­schaft­li­ches Eigen­in­ter­es­se an der mit den Zah­lun­gen ver­bun­de­nen För­de­rung des Gesell­schafts­zwecks hat. Die Beur­tei­lung der Sit­ten­wid­rig­keit gesell­schafts­ver­trag­li­cher Rege­lun­gen erfor­dert eine Gesamt­wür­di­gung unter Ein­be­zie­hung aller rele­van­ten Umstän­de, die zur Zeit des Ver­trags­schlus­ses gege­ben sind.

Die nicht leis­tungs­fä­hi­ge Gesell­schaf­te­rin und die Sit­ten­wid­rig­keit des GbR-Ver­trags

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall zählt der Gesell­schafts­ver­trag der GbR zu den Ent­nah­men der Gesell­schaf­te­rin, die ihr Kapi­tal­kon­to belas­ten und von ihr nach Maß­ga­be des Gesell­schafts­ver­tra­ges durch Ein­la­gen aus­zu­glei­chen sind, nicht nur dem Gesell­schafts­zweck die­nen­de Zah­lun­gen, die der ande­re Gesell­schaf­ter unmit­tel­bar an den Ehe­mann der Gesell­schaf­te­rin leis­tet, son­dern auch Zah­lun­gen, die der ande­re Gesell­schaf­ter an sei­ne Mit­ge­sell­schaf­te­rin zur Wei­ter­lei­tung an deren Ehe­mann erbringt

Die­se Bestim­mun­gen des Gesell­schafts­ver­trags zur Aus­gleichs­pflicht der Gesell­schaf­te­rin sind nicht gemäß § 138 Abs. 1 BGB nich­tig.

Die Gesell­schaf­te­rin wur­de auf­grund ihrer Gesell­schaf­ter­stel­lung wirt­schaft­li­che Teil­ha­be­rin von Ver­wer­tungs­rech­ten wur­de, die ursprüng­lich ihrem Ehe­mann als dem Erfin­der und Ent­wick­ler zustan­den. Dem von ihr über­nom­me­nen Risi­ko stand damit die Chan­ce gegen­über, von einer gewinn­brin­gen­den Nut­zung der Ver­wer­tungs­rech­te antei­lig zu pro­fi­tie­ren.

In die­sem Punkt unter­schei­det sich der Streit­fall wesent­lich von den Fäl­len der Ein­be­zie­hung einer nicht leis­tungs­fä­hi­gen Ehe­frau in eine den geschäft­li­chen Zwe­cken des Ehe­manns die­nen­de Dar­le­hens­auf­nah­me. Die hier­zu ergan­ge­ne Recht­spre­chung betrifft die Anwen­dung des § 138 Abs. 1 BGB auf von Kre­dit­in­sti­tu­ten mit pri­va­ten Siche­rungs­ge­bern geschlos­se­ne Bürg­schafts- oder Mit­haf­tungs­ver­trä­ge, deren Sit­ten­wid­rig­keit im Regel­fall bejaht wird, wenn der dem Haupt­schuld­ner per­sön­lich beson­ders nahe ste­hen­den Siche­rungs­ge­ber finan­zi­ell krass über­for­dert wird, da dies die Ver­mu­tung begrün­det, er habe die ihn über­mä­ßig belas­ten­de Per­so­nal­si­cher­heit allein aus emo­tio­na­ler Ver­bun­den­heit mit dem Haupt­schuld­ner gestellt und der Kre­dit­ge­ber habe dies in sitt­lich anstö­ßi­ger Wei­se aus­ge­nutzt 1.

Auch bei Siche­rungs­ge­schäf­ten die­ser Art liegt aber eine ande­re Beur­tei­lung nahe, wenn der finan­zi­ell krass über­for­der­te Bür­ge oder Mit­ver­pflich­te­te an dem finan­zier­ten Objekt in einem nen­nens­wer­ten Umfang betei­ligt ist 2. Ins­be­son­de­re ist ein die Annah­me der Sit­ten­wid­rig­keit hin­dern­des wirt­schaft­li­ches Eigen­in­ter­es­se des Siche­rungs­ge­bers grund­sätz­lich anzu­neh­men, wenn der nicht nur unbe­deu­tend betei­lig­te Gesell­schaf­ter einer kre­dit­su­chen­den Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung oder Kom­man­dit­ge­sell­schaft für die Gesell­schaft bürgt 3.

Anders ver­hält es sich, wenn der Gesell­schaf­ter für den Kre­dit­ge­ber klar ersicht­lich ledig­lich die Funk­ti­on eines Stroh­manns ohne eige­ne wirt­schaft­li­che Inter­es­sen und finan­zi­el­le Betei­li­gung wahr­nimmt und die Stel­lung eines Gesell­schaf­ters nur aus per­sön­li­cher Ver­bun­den­heit mit einer die Gesell­schaft wirt­schaft­lich beherr­schen­den Per­son über­nom­men hat 4. Ein eige­nes finan­zi­el­les Inter­es­se an der Gesell­schafts­be­tei­li­gung fehlt dem Gesell­schaf­ter, wenn er sei­nen Anteil treu­hän­de­risch hält und die Erträ­ge aus der Gesell­schaf­ter­stel­lung nach § 667 BGB an den Treu­ge­ber abzu­füh­ren hat 5.

Die im Gesell­schafts­ver­trag der GbR getrof­fe­ne Aus­gleichs­re­ge­lung kann bei Ein­be­zie­hung des wirt­schaft­li­chen Eigen­in­ter­es­ses der Gesell­schaf­te­rin nicht als sit­ten­wid­rig ange­se­hen wer­den.

Der Gesell­schafts­ver­trag einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts kann eine Ungleich­be­hand­lung der Gesell­schaf­ter wirk­sam vor­se­hen 6. Die Ver­lust­be­tei­li­gung ein­zel­ner Gesell­schaf­ter kann beschränkt oder ganz aus­ge­schlos­sen wer­den 7. Die Gren­ze zur Sit­ten­wid­rig­keit wird erst bei einer gro­ben Ungleich­be­hand­lung der Gesell­schaf­ter unter Aus­nut­zung der wirt­schaft­li­chen Vor­macht­stel­lung des einen oder des Ver­trau­ens und der Uner­fah­ren­heit des ande­ren Teils über­schrit­ten 8. Die­se Vor­aus­set­zun­gen kön­nen bei­spiels­wei­se bei einem auf­fäl­li­gen Miss­ver­hält­nis zwi­schen dem tat­säch­li­chen Wert einer Ein­la­ge und dem hier­für ver­ein­bar­ten Wert­an­satz erfüllt sein, sofern wei­te­re Umstän­de wie eine ver­werf­li­che Gesin­nung des Begüns­tig­ten hin­zu­tre­ten 9.

Die Ein­schät­zung, die Gesell­schaf­te­rin wer­de im vor­lie­gen­den Fall durch den Gesell­schafts­ver­trag grob benach­tei­ligt, begeg­net jedoch für den Bun­des­ge­richts­hof durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken:

Zwar trifft es zu, dass der Mit­ge­sell­schaf­ter sich eine 70%ige Gewinn­be­tei­li­gung ein­räu­men ließ, wäh­rend ande­rer­seits die finan­zi­el­len Mit­tel, die durch die­sen Gesell­schaf­ter dem Ehe­mann der ande­ren Gesell­schaf­te­rin zur Wei­ter­ent­wick­lung sei­ner Kon­struk­tio­nen unmit­tel­bar oder über sei­ne Ehe­frau, die Gesell­schaf­te­rin, zur Ver­fü­gung gestellt wur­den, allein das Kapi­tal­kon­to der Gesell­schaf­te­rin belas­ten und von ihr zurück­zu­füh­ren sind.

Damit sind aber kei­ne Umstän­de auf­ge­zeigt, die einen Ver­gleich zwi­schen Leis­tung und Gegen­leis­tung ermög­li­chen und die Annah­me eines Miss­ver­hält­nis­ses recht­fer­ti­gen wür­den. Auch eine ander­wei­ti­ge gro­be Benach­tei­li­gung kann auf die­ser Grund­la­ge nicht fest­ge­stellt wer­den. Aus­gangs­punkt einer wer­ten­den Betrach­tung ist viel­mehr die Über­le­gung, wie der Ehe­mann als Erfin­der bzw. die Ehe­frau, die an sei­ner Stel­le den Ertrag der Erfin­dun­gen ver­ein­nah­men soll, ohne Betei­li­gung des ande­ren Gesell­schaf­ters stün­den. In die­sem Fall hät­ten die Ehe­leu­te gleich­falls die Ent­wick­lungs­kos­ten finan­zie­ren und das Risi­ko tra­gen müs­sen, dass sich die Auf­wen­dun­gen nicht amor­ti­sie­ren. Sie hät­ten außer­dem für einen auf­zu­neh­men­den Kre­dit Zin­sen zah­len müs­sen, wäh­rend der ande­re Gesell­schaf­ter die in die Gesell­schaft ein­ge­leg­ten Gel­der zins­los gewährt hat. Aller­dings hät­ten die Ehe­leu­te einen etwai­gen Gewinn aus der Ver­wer­tung der Erfin­dun­gen nicht tei­len müs­sen. Nach dem Gesell­schafts­ver­trag beträgt der Gewinn­an­teil der Ehe­frau ledig­lich 30%.

Eine Gegen­über­stel­lung der jewei­li­gen Gewinn­aus­sich­ten lässt sich aber nicht auf einen Ver­gleich pro­zen­tua­ler Gewinn­be­tei­li­gun­gen beschrän­ken. Viel­mehr erfor­dert die bei Anwen­dung des § 138 Abs. 1 BGB vor­zu­neh­men­de Gesamt­wür­di­gung die Ein­be­zie­hung aller rele­van­ten Umstän­de, die zur Zeit des Ver­trags­schlus­ses gege­ben sind 10. Danach dürf­te hier auch der zwi­schen der GbR uznd dem G. geschlos­se­ne Ver­trag zu berück­sich­ti­gen sein, der mit dem schrift­lich erklär­ten Ein­ver­ständ­nis der Gesell­schaf­te­rin geschlos­sen wur­de. Durch die­sen Ver­trag über­trug die GbR die Ver­wer­tungs­rech­te mit Wir­kung ab Fest­stel­lung der Seri­en­rei­fe des Pro­dukts an die G. Als Ver­gü­tung soll­te ein Betrag von 1.000.000 DM gezahlt wer­den, wovon gemäß § 5 Abs. 3 GV 30% auf die Gesell­schaf­te­rin (Ehe­frau) ent­fal­len wür­den, sowie eine als Lizenz bezeich­ne­te jähr­li­che Gewinn­be­tei­li­gung in Höhe von 30% für die Dau­er von 10 Jah­ren, die nach § 5 Abs. 4 GV der Gesell­schaf­te­rin (Ehe­frau) in vol­ler Höhe zustün­de. Es ist auf Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen nichts dafür ersicht­lich, dass die Ehe­leu­te die Ver­wer­tungs­rech­te unter der Vor­aus­set­zung ihrer prak­ti­schen Nutz­bar­keit unter markt­üb­li­chen Bedin­gun­gen ohne Betei­li­gung des ande­ren Gesell­schaf­ters . mit einem wesent­lich bes­se­ren Ertrag hät­ten ver­äu­ßern oder lizen­zie­ren kön­nen. Der Umstand, dass bei Zah­lung des ver­ein­bar­ten Fest­be­tra­ges 70% auf den ande­ren Gesell­schaf­ter ent­fal­len hat nur gerin­ge Aus­sa­ge­kraft, da die­ser zugleich allei­ni­ger Gesell­schaf­ter der G. ist, die den Betrag auf­zu­brin­gen hat.

Es kann auch nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben, dass der ande­re Gesell­schaf­ter es über­nom­men hat, die Mit­tel, die zur För­de­rung des Gesell­schafts­zwecks an den Ehe­mann flie­ßen und für die letzt­lich die Ehe­frau als Gesell­schaf­te­rin auf­zu­kom­men hat, vor­zu­schie­ßen. Das Beru­fungs­ge­richt hat ange­nom­men, dem damit ver­bun­de­nen Aus­fall­ri­si­ko des R. sei durch des­sen höhe­ren Gewinn­an­teil Rech­nung getra­gen. Dar­in liegt schon des­halb kei­ne über­zeu­gen­de Bewer­tung des mög­li­cher­wei­se erheb­li­chen Aus­fall­ri­si­kos, weil § 5 Abs. 4 GV und der mit der G. geschlos­se­ne Rech­te­über­tra­gungs­ver­trag unbe­rück­sich­tigt geblie­ben sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Juni 2013 – II ZR 207/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 25.01.2005 – XI ZR 28/​04, ZIP 2005, 432, 433; Urteil vom 19.02.2013 – XI ZR 82/​11, ZIP 2013, 664 Rn. 9[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 25.01.2005 – XI ZR 28/​04, ZIP 2005, 432, 434; sie­he auch BGH, Urteil vom 27.05.2003 – IX ZR 283/​99, ZIP 2003, 1596, 1598[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 10.12.2002 – XI ZR 82/​02, ZIP 2003, 288, 289; Urteil vom 17.09.2002 – XI ZR 306/​01, ZIP 2002, 2249, 2251[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 18.12.1997 – IX ZR 271/​96, BGHZ 137, 329, 337; Urteil vom 18.09.2001 – IX ZR 183/​00, ZIP 2001, 1954, 1955; Urteil vom 17.09.2002 – XI ZR 306/​01, ZIP 2002, 2249, 2251[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 18.12.1997 – IX ZR 271/​96, BGHZ 137, 329, 337[]
  6. BGH, Urteil vom 27.09.1965 – II ZR 186/​63, WM 1965, 1284, 1286; Münch­Komm-BGB/Ul­mer/­Schä­fer, 5. Aufl., § 705 Rn. 247[]
  7. BGH, Urteil vom 26.01.1967 – II ZR 127/​65, WM 1967, 346, 347; Münch­Komm-BGB/Ul­mer/­Schä­fer, 5. Aufl., § 722 Rn. 3, 5[]
  8. vgl. Münch­Komm-BGB/Ul­mer/­Schä­fer, 5. Aufl., § 705 Rn. 134[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 05.12.1974 – II ZR 24/​73, WM 1975, 325, 327; Urteil vom 09.05.1988 – II ZR 247/​87, WM 1988, 1370, 1373[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 09.05.1988 II ZR 247/​87, WM 1988, 1370, 1373; Urteil vom 05.05.2003 II ZR 112/​01, ZIP 2003, 1442[]