Die Unter­las­sungs­kla­ge des Aktio­närs – und die Kla­ge­frist

Eine Unter­las­sungs­kla­ge, mit der ein Aktio­när einen Ein­griff in sei­ne Mit­glied­schafts­rech­te durch pflicht­wid­ri­ges Organ­han­deln abweh­ren will, ist ohne unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung zu erhe­ben 1.

Die Unter­las­sungs­kla­ge des Aktio­närs – und die Kla­ge­frist

Für die Kla­ge auf Fest­stel­lung der Nich­tig­keit eines Ver­wal­tungs­be­schlus­ses zur Kapi­tal­erhö­hung unter Bezugs­rechts­aus­schluss hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits geklärt, dass die­se ohne unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung und mit der dem Aktio­när zumut­ba­ren Beschleu­ni­gung zu erhe­ben ist. Der für die Beur­tei­lung der Recht­zei­tig­keit zu berück­sich­ti­gen­de Zeit­raum beginnt, wenn der Aktio­när den Beschluss des Vor­stands oder Auf­sichts­rats sowie die eine Nich­tig­keit aus sei­ner Sicht nahe­le­gen­den Umstän­de kennt oder ken­nen muss. Fer­ner ist dem Aktio­när eine Kla­ge­er­he­bung nicht zumut­bar, solan­ge er nicht aus­rei­chend Zeit hat­te, schwie­ri­ge tat­säch­li­che Fra­gen zu klä­ren oder klä­ren zu las­sen, auf die es für die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sicht der Kla­ge ankommt. Vor der gebo­te­nen Nach­be­richt­erstat­tung über die Kapi­tal­erhö­hung hängt es von den Umstän­den des Ein­zel­falls ab, wann der Aktio­när die ein pflicht­wid­ri­ges Organ­han­deln aus sei­ner Sicht nahe­le­gen­den Umstän­de kann­te oder ken­nen muss­te. Jeweils im Ein­zel­fall unter Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen ist auch zu beur­tei­len, ob eine unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung vor­liegt 2.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für eine Unter­las­sungs­kla­ge, mit der ein Aktio­när einen Ein­griff in sei­ne Mit­glied­schafts­rech­te durch pflicht­wid­ri­ges Organ­han­deln abweh­ren will.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat mit die­sen Grund­sät­zen sei­ne Recht­spre­chung zu Aktio­närskla­gen kon­kre­ti­siert, mit denen die Rechts­wid­rig­keit und dar­aus fol­gen­de Nich­tig­keit von Kapi­tal­erhö­hungs­be­schlüs­sen mit Bezugs­rechts­aus­schluss des Vor­stands und Auf­sichts­rats gegen die Akti­en­ge­sell­schaft gel­tend gemacht wer­den kann 3. Die­se Recht­spre­chung betrifft einen Aus­schnitt des ver­bands­recht­li­chen Anspruchs des Aktio­närs dar­auf, dass die Gesell­schaft sei­ne Mit­glieds­rech­te ach­tet und alles unter­lässt, was sie über das durch Gesetz und Sat­zung gedeck­te Maß hin­aus beein­träch­tigt 4. Bezüg­lich die­ses Anspruchs hat der Bun­des­ge­richts­hof 5 bereits aus­ge­führt, dass er auch als auf Unter­las­sung oder Wie­der­her­stel­lung gerich­te­ter Leis­tungs­an­spruch inner­halb einer Frist kla­ge­wei­se gel­tend zu machen ist, die zu der Monats­frist des § 246 AktG nicht außer Ver­hält­nis steht. Dem­entspre­chend hat er sich in sei­nem Urteil vom 10.07.2018 6 auch auf die­se Recht­spre­chung bezo­gen. Schließ­lich wird auch aus der Inbe­zug­nah­me des "Holzmüller"Urteils in der "Mangusta/​Commerzbank II"-Entscheidung 7 deut­lich, dass Aktio­nä­re bei rechts­wid­ri­gem Ver­wal­tungs­han­deln ihre Rech­te gene­rell nicht unter Ver­let­zung der Rück­sicht­nah­me­pflicht gegen­über der Gesell­schaft miss­bräuch­lich aus­üben dür­fen, wes­we­gen ein sol­cher Anspruch ohne unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung gel­tend zu machen ist.

Auch das Schrift­tum geht davon aus, dass eine Unter­las­sungs­kla­ge, mit der ein Aktio­när einen Ein­griff in sei­ne Mit­glied­schafts­rech­te durch pflicht­wid­ri­ges Organ­han­deln abweh­ren will, jeden­falls ohne unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung zu erhe­ben ist 8.

Letzt­lich ergibt sich aus der all­ge­mei­nen Rück­sicht­nah­me­pflicht des Aktio­närs gegen­über der Gesell­schaft 9, dass auch die Unter­las­sungs­kla­ge ohne unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung erho­ben wer­den muss. Wäh­rend die Fest­stel­lung der Nich­tig­keit eines Ver­wal­tungs­be­schlus­ses die Wirk­sam­keit der durch­ge­führ­ten Kapi­tal­maß­nah­me nicht berührt 10, kann die Unter­las­sungs­kla­ge zu einer Blo­cka­de ange­streb­ter Ver­än­de­run­gen füh­ren 11. Das Inter­es­se der Gesell­schaft, schnell Rechts­si­cher­heit zu erhal­ten, ist jeden­falls nicht weni­ger schutz­wür­dig als bei einer Fest­stel­lungs­kla­ge, die ähn­lich einer Fort­set­zungs­fest­stel­lung­kla­ge im Wesent­li­chen ledig­lich der Vor­be­rei­tung mög­li­cher Scha­dens­er­sat­zund sons­ti­ger Ansprü­che des Aktio­närs dient 12.

Nach die­sen Grund­sät­zen hat im hier ent­schie­de­nen Fall das Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt in sei­nem Beru­fungs­ur­teil 13 zutref­fend fest­ge­stellt, dass der Aktio­när den Unter­las­sungs­an­spruch nicht ohne unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung gericht­lich gel­tend gemacht hat, weil er sei­ne Kla­ge erst im März 2015 ein­ge­reicht hat:

Der Beschluss des Vor­stands vom 03.12 2013 wur­de dem Aktio­när noch im Dezem­ber 2013 bekannt. Damit muss­te er auch die eine Nich­tig­keit des Vor­stands­be­schlus­ses aus sei­ner Sicht nahe­le­gen­den Umstän­de ken­nen. Bereits aus den Anlei­he­be­din­gun­gen vom 03.12 2013 ergab sich neben der Stü­cke­lung der Wan­del­schuld­ver­schrei­bun­gen, dass der Ver­wäs­se­rungs­schutz für die Anlei­he­gläu­bi­ger im Fall einer oder meh­re­rer Bar­ka­pi­tal­erhö­hun­gen (mit oder ohne Bezugs­recht) grei­fen soll­te. Dar­aus war erkenn­bar, dass ent­ge­gen der Ermäch­ti­gung durch die Haupt­ver­samm­lung vom Ver­wäs­se­rungs­schutz der Anlei­he­gläu­bi­ger auch der Fall erfasst war, dass die Beklag­te nicht unter Ein­räu­mung eines aus­schließ­li­chen Bezugs­rechts an ihre Aktio­nä­re ihr Grund­ka­pi­tal erhöht. Damit hat­te er auch Gele­gen­heit, die Fra­gen klä­ren zu las­sen, auf die es für die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sicht einer Kla­ge ankommt.

Eine Kla­ge­er­he­bung war dem Aktio­när danach jeden­falls im Novem­ber 2014 zumut­bar. Zwar hat der Aktio­när die Erhe­bung der Kla­ge noch nicht schon unan­ge­mes­sen ver­zö­gert, wenn er nicht als­bald nach dem Beschluss des Vor­stands vom 03.12 2013 eine Kla­ge ein­reich­te. Im Hin­blick dar­auf, dass der Beschluss des Vor­stands vom 03.12 2013 im Ergeb­nis erst dann zu einer Abwei­chung vom Ermäch­ti­gungs­be­schluss der Haupt­ver­samm­lung und einer Beein­träch­ti­gung sei­ner Aktio­närs­rech­te führ­te, wenn das Kapi­tal unter Aus­schluss des Bezugs­rechts der Aktio­nä­re erhöht wur­de, konn­te er zunächst noch dar­auf bau­en, dass der Vor­stand den feh­ler­haf­ten Beschluss vom 03.12 2013 inso­weit nicht umsetz­te und das Kapi­tal allen­falls unter Bezugs­recht der Aktio­nä­re erhö­hen wür­de.

Er muss­te die Kla­ge dann aber unver­züg­lich erhe­ben, nach­dem die Beklag­te das Kapi­tal unter Aus­schluss des Bezugs­rechts der Aktio­nä­re erhöh­te und er davon Kennt­nis erlan­gen konn­te. Mit­te Okto­ber 2014 hat die Beklag­te durch Ad-hoc-Mit­tei­lung bekannt gege­ben, dass sie neue Akti­en unter Bezugs­rechts­aus­schluss zu einem Preis von 3, 08 € aus­ge­be. Die Beklag­te hat die dar­auf­hin erfolg­te Anpas­sung des Wand­lungs­prei­ses zudem im Novem­ber 2014 auf ihrer Home­page ver­öf­fent­licht. Damit muss­te dem Aktio­när die aus sei­ner Sicht dro­hen­de Ver­wäs­se­rung sei­ner Betei­li­gung bekannt sein. Der Aktio­när hat sich zwar zu dem Zeit­punkt, wann er die Ver­öf­fent­li­chung zur Kennt­nis genom­men hat, nicht erklärt. Da der Aktio­när vor die­sem Zeit­punkt aber von einer Kla­ge­er­he­bung nur in der Erwar­tung abse­hen konn­te, dass das Kapi­tal nicht oder nicht unter Bezugs­rechts­aus­schluss erhöht wur­de, und er die Ver­wal­tung der Beklag­ten auf ihren Feh­ler nicht hin­wies, war es ihm jeden­falls zumut­bar, die wei­te­re Ent­wick­lung zu beob­ach­ten, um unver­züg­lich tätig wer­den zu kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Mai 2019 – II ZR 278/​16

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 10.07.2018 – II ZR 120/​16[]
  2. BGH, Urteil vom 10.07.2018 – II ZR 120/​16, ZIP 2018, 1586 Rn. 27, 31[]
  3. BGH, Urteil vom 10.07.2018 – II ZR 120/​16, ZIP 2018, 1586 Rn. 17 mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 25.02.1982 – II ZR 174/​80, BGHZ 83, 122, 133 Holz­mül­ler[]
  5. BGH, Urteil vom 25.02.1982 – II ZR 174/​80, BGHZ 83, 122, 135 f.[]
  6. II ZR 120/​16, ZIP 2018, 1586 Rn. 27[]
  7. BGH, Urteil vom 10.10.2005 – II ZR 90/​03, BGHZ 164, 249, 259 Mangusta/​Commerzbank II[]
  8. Cas­per in Spindler/​Stilz, AktG, 4. Aufl., Vor § 241 Rn. 27; Drin­kuth, AG 2006, 142, 147; Groß/​T. Fischer in Hei­del, AktG, 4. Aufl., § 203 Rn. 126; Hir­te in Groß­komm. AktG, 4. Aufl., § 203 Rn. 132; Hir­te, Bezugs­rechts­aus­schluss und Kon­zern­bil­dung, 1986, 209; Kubis, DStR 2006, 188, 192; KKAktG/​Lutter, 2. Aufl., § 203 Rn. 44; Lut­ter, BB 1981, 861, 863; Mim­berg in MarschBarner/​Schä­fer, Hdb bör­sen­no­tier­te AG, 4. Aufl., § 39 Rn. 14; Paef­gen, ZIP 2004, 145, 152; MünchHdbGesR IV/​Rieckers, 4. Aufl., § 18 Rn. 8, 11; Wacla­wik, ZIP 2006, 397, 405[]
  9. BGH, Urteil vom 10.07.2018 – II ZR 120/​16, ZIP 2018, 1586 Rn. 31; Urteil vom 10.10.2005 – II ZR 90/​03, BGHZ 164, 249, 259 Mangusta/​Commerzbank II; Urteil vom 25.02.1982 – II ZR 174/​80, BGHZ 83, 122, 135 f. Holz­mül­ler[]
  10. BGH, Urteil vom 10.10.2005 – II ZR 90/​03, BGHZ 164, 249, 257 Mangusta/​Commerzbank II[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 10.07.2018 – II ZR 120/​16, ZIP 2018, 1586 Rn. 30[]
  12. BGH, Urteil vom 10.07.2018 – II ZR 120/​16, ZIP 2018, 1586 Rn. 30 mwN; Hir­te, EWiR 2006, 65, 66; vgl. auch Kocher/​v. Fal­ken­hau­sen, ZIP 2018, 1949, 1954[]
  13. KG, Urteil vom 19.09.2016 22 U 182/​17[]