Die Unter­las­sungs­ver­pflich­tung einer GbR – und die Pflich­ten ihrer Gesell­schaf­ter

Besteht eine ver­trag­li­che Unter­las­sungs­ver­pflich­tung einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts, haf­ten ihre Gesell­schaf­ter regel­mä­ßig allein auf das Inter­es­se und nicht per­sön­lich auf Unter­las­sung, falls die Gesell­schaft das Unter­las­sungs­ge­bot ver­letzt. Wird eine Unter­las­sungs­er­klä­rung für eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts abge­ge­ben, nach­dem sie vom Gläu­bi­ger abge­mahnt wor­den ist, ist es grund­sätz­lich nicht treu­wid­rig, wenn sich ihre Gesell­schaf­ter dar­auf beru­fen, dass für sie kei­ne ver­trag­li­che Unter­las­sungs­pflicht begrün­det wor­den ist.

Die Unter­las­sungs­ver­pflich­tung einer GbR – und die Pflich­ten ihrer Gesell­schaf­ter

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall wur­de die Unter­las­sungs­er­klä­rung aus­schließ­lich im Namen der GbR abge­ge­ben. Soweit der Gesell­schaf­ter für die Ver­bind­lich­kei­ten die­ser Gesell­schaft auch per­sön­lich haf­tet, ist der jewei­li­ge Bestand der Gesell­schafts­schuld ana­log § 128 HGB also auch für sei­ne per­sön­li­che Haf­tung maß­ge­bend 1. Er haf­te­te daher für die Ver­bind­lich­kei­ten der GbR in deren jewei­li­gem Bestand grund­sätz­lich unbe­schränkt und per­sön­lich 2. Aller­dings hat die Unter­las­sung durch einen Gesell­schaf­ter zwangs­läu­fig einen ande­ren Inhalt als die­je­ni­ge der Gesell­schaft. Eine mit der Gesell­schaft deckungs­glei­che Ver­pflich­tung der Gesell­schaf­ter kann bei Unter­las­sungs­pflich­ten nicht bestehen 3. Der Gesell­schaf­ter per­sön­lich kann daher grund­sätz­lich nicht unmit­tel­bar für eine straf­be­wehr­te Ver­pflich­tung der Gesell­schaft in Anspruch genom­men wer­den, die dar­auf gerich­tet ist, eine Hand­lung zu unter­las­sen. Er haf­tet viel­mehr im Regel­fall allein auf das Inter­es­se des Gläu­bi­gers, falls die Gesell­schaft das Unter­las­sungs­ge­bot ver­letzt 4.

Danach hat­te der Gesell­schaf­ter im Rah­men sei­ner Haf­tung als Gesell­schaf­ter dafür ein­zu­ste­hen, dass die GbR ihre Unter­las­sungs­ver­pflich­tung ein­hielt. Eine von die­ser unab­hän­gi­ge Ver­pflich­tung in eige­ner Per­son hat der Gesell­schaf­ter aber nicht über­nom­men. Die Gesell­schafts­gläu­bi­ger kön­nen die Gesell­schaf­ter nur für die von der Gesell­schaft geschul­de­te Leis­tung in Anspruch neh­men. Dem­ge­gen­über tref­fen die Haf­tungs­fol­gen bei indi­vi­du­el­lem Auf­tre­ten ein­zel­ner Gesell­schaf­ter nach außen in eige­nem Namen jeweils nur den Han­deln­den, der Ver­trags­part­ner oder Delikts­schuld­ner wird 5. Ein sol­ches indi­vi­du­el­les Auf­tre­ten des Gesell­schaf­ter liegt vor, wenn er wie im Streit­fall unab­hän­gig von der GbR in ein Anstel­lungs­ver­hält­nis bei der Gesell­schaf­ter zu 1 ein­tritt und in des­sen Rah­men bestimm­te Hand­lun­gen vor­nimmt.

Eine von die­ser Rechts­la­ge abwei­chen­de Aus­le­gung der Unter­las­sungs­ver­pflich­tungs­er­klä­rung mit der Fol­ge einer per­sön­li­chen Ver­pflich­tung des Gesell­schaf­ter ist auch nicht des­halb gebo­ten, weil die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sich erst im Jahr 2001 – nach Unter­zeich­nung der vor­lie­gen­den Unter­las­sungs­ver­pflich­tungs­er­klä­rung – der Akzess­orie­täts­theo­rie ange­schlos­sen hat.

Schon bei Unter­zeich­nung der Erklä­rung im Jahr 1998 unter­schied die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zwi­schen der Ver­pflich­tung der Gesell­schaft als Gesamt­hand und der per­sön­li­chen Haf­tung ihrer Gesell­schaf­ter 6. Jeden­falls seit Ende 1991 hat der Bun­des­ge­richts­hof auch ange­nom­men, dass die (Außen-)Gesellschaft bür­ger­li­chen Rechts als Teil­neh­mer am Rechts­ver­kehr grund­sätz­lich jede Rechts­po­si­ti­on ein­neh­men kann 7. Um die per­sön­li­che Haf­tung der Gesell­schaf­ter zu begrün­den, war nach damals herr­schen­der Auf­fas­sung ein beson­de­rer Ver­pflich­tungs­grund erfor­der­lich. Beim rechts­ge­schäft­li­chen Han­deln der Geschäfts­füh­rer namens der Gesell­schaft wur­de die­ser häu­fig in der Mit­ver­pflich­tung der Gesell­schaf­ter kraft gewill­kür­ter Ver­tre­tungs­macht gese­hen (soge­nann­te Theo­rie der Dop­pel­ver­pflich­tung) 8. Grund­sätz­lich konn­te der Gläu­bi­ger danach zwar von allen Gesell­schaf­tern per­sön­lich Erfül­lung ver­lan­gen. Eine Aus­nah­me von die­sem Grund­satz wur­de aber ins­be­son­de­re für Unter­las­sungs­ver­pflich­tun­gen der Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts ange­nom­men, die von vorn­her­ein nur durch die Gesell­schaft erfüll­bar sind, weil ihre Erfül­lung durch einen Gesell­schaf­ter per­sön­lich nicht ohne Ände­rung des Schuld­in­halts mög­lich ist 9. Da die per­so­nen­be­zo­ge­nen Unter­las­sungs­pflich­ten der Gesell­schaft nur von die­ser erfüllt wer­den konn­ten, haf­te­ten die Gesell­schaf­ter auch nach dama­li­ger Auf­fas­sung bei Ver­stö­ßen der Gesell­schaft gegen die Unter­las­sungs­pflicht nur auf das Gläu­bi­ger­inter­es­se. Dem­entspre­chend wur­de zwi­schen dem Tun oder Unter­las­sen des Gesell­schaf­ters und der von der Gesell­schaft zu erbrin­gen­den Leis­tung unter­schie­den, so dass zur per­sön­li­chen Ver­pflich­tung der Gesell­schaf­ter ein beson­de­rer Rechts­grund für erfor­der­lich gehal­ten wur­de 10.

Auch die Grund­sät­ze von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) gebie­ten kei­ne Erstre­ckung der Unter­las­sungs­ver­pflich­tungs­er­klä­rung auf den Gesell­schaf­ter per­sön­lich. Ein Rück­griff auf § 242 BGB zur Begrün­dung eigen­stän­di­ger Haupt­leis­tungs­pflich­ten kann von vorn­her­ein nur zurück­hal­tend erwo­gen wer­den. Im Streit­fall kommt er nicht in Betracht. Dem Klä­ger waren die Rechts­form der GbR und ihre Gesell­schaf­ter bekannt. Gleich­wohl hat sie nur die Gesell- schaft bür­ger­li­chen Rechts abge­mahnt und nicht auch ihre Gesell­schaf­ter. Dem­entspre­chend ist die Unter­las­sungs­er­klä­rung auf die GbR be- schränkt. Unter die­sen Umstän­den kann es nicht als treu­wid­rig ange­se­hen wer­den, wenn sich der Gesell­schaf­ter dar­auf beruft, dass durch die Unter­las­sungs­pflicht der Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts für ihn per­sön­lich – außer­halb des Han­delns für die­se Gesell­schaft – kei­ne ent­spre­chen­de ver­trag­li­che Unter­las­sungs­pflicht begrün­det wor­den ist.

Da der Gesell­schaf­ter gegen kei­ne Unter­las­sungs­pflicht ver­sto­ßen hat, schul­det er dem Klä­ger auch weder Aus­kunft noch Scha­dens­er­satz. Weil damit auch den wei­te­ren, im Rah­men der Stu­fen­kla­ge gel­tend gemach­ten Ansprü­chen auf Abga­be der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung und Scha­den­er­satz die Grund­la­ge ent­zo­gen ist, ist die Kla­ge in vol­lem Umfang abzu­wei­sen 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Juni 2013 – I ZR 201/​11 – Mar­ken­heft­chen II

  1. BGH, Urteil vom 29.01.2001 – II ZR 331/​00, BGHZ 146, 341, 358[]
  2. vgl. Schö­ne in Bamberger/​Roth, Beck­OK-BGB, Stand 1.02.2013, § 714 Rn. 24; Hill­mann in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 2. Aufl., § 128 Rn. 5[]
  3. vgl. Steitz in Henssler/​Strohn, Gesell­schafts­recht, 2011, HGB § 128 Rn. 28[]
  4. vgl. Hill­mann in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn aaO Rn. 29[]
  5. vgl. Münch­Komm-BGB/Schä­fer, 6. Aufl., § 714 Rn. 11[]
  6. vgl. etwa BGH, Urteil vom 15.12.1980 II ZR 52/​80, BGHZ 79, 374, 378 f.; Münch­Komm-BGB/Ul­mer, 3. Aufl., § 714 Rn. 3 f. mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 04.11.1991 – II ZB 10/​91, BGHZ 116, 86, 88[]
  8. vgl. Münch­Komm-BGB/Ul­mer aaO § 714 Rn. 31; § 718 Rn. 38 f.[]
  9. vgl. Münch­Komm-BGB/Ul­mer aaO § 714 Rn. 52; Soergel/​Hadding, BGB, 11. Aufl., § 714 Rn. 35; H. P. Wes­ter­mann in Erman, BGB, 9. Aufl., § 714 Rn. 16; Flu­me, All­ge­mei­ner Teil des Bür­ger­li­chen Rechts, 1. Bd., 1. Teil, 1977, S. 306, 327[]
  10. vgl. Flu­me aaO S. 306, 327[]
  11. BGH, Urteil vom 08.05.1985 IVa ZR 138/​83, BGHZ 94, 268, 275[]