Die vom bereits abbe­ru­fe­nen Geschäfts­füh­rer für die GmbH erho­be­ne Kla­ge

Nach § 56 Abs. 1 ZPO hat das Gericht den Man­gel in der gesetz­li­chen 29 Ver­tre­tung und das damit ein­her­ge­hen­de Feh­len der Pro­zess­fä­hig­keit des Ver­tre­te­nen von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen. Das gilt auch in der Revi­si­ons­in­stanz und inso­weit auch für das zurück­lie­gen­de Ver­fah­ren1.

Die vom bereits abbe­ru­fe­nen Geschäfts­füh­rer für die GmbH erho­be­ne Kla­ge

Dabei kann für den Bun­des­ge­richts­hof offen­blei­ben, ob sich § 15 HGB schon aus grund­sätz­li­chen Erwä­gun­gen nicht auf die Pro­zess­fä­hig­keit einer juris­ti­schen Per­son bezie­hen kann2. Denn die GmbH kann sich zum Beleg der fort­be­stehen­den Ver­tre­tungs­macht des (ehe­ma­li­gen?) Geschäfts­füh­rers ange­sichts von des­sen unge­klär­ter Abbe­ru­fung nicht auf § 15 Abs. 2 HGB beru­fen. § 15 Abs. 2 HGB ent­bin­det das Beru­fungs­ge­richt nicht von der Prü­fung, ob die­ser bei Kla­ge­er­he­bung Geschäfts­füh­rer der GmbH war.

Nach § 15 Abs. 2 Satz 1 HGB muss zwar ein Drit­ter eine ein­ge­tra­ge­ne und bekannt gemach­te Tat­sa­che gegen sich gel­ten las­sen. Dabei muss es sich aber um eine rich­ti­ge Tat­sa­che han­deln, weil § 15 Abs. 2 HGB nicht das Ver­trau­en in eine unrich­ti­ge Tat­sa­che schützt, son­dern dem Anmel­de­pflich­ti­gen ledig­lich die Beru­fung auf die tat­säch­li­che Rechts­la­ge auch gegen­über einem abwei­chen­den Ver­trau­ens­tat­be­stand ermög­li­chen soll. Auf unrich­ti­ge und unzu­läs­si­ge Ein­tra­gun­gen fin­det die Vor­schrift daher kei­ne Anwen­dung3.

Die feh­len­de Ein­tra­gung der Abbe­ru­fung hin­dert nicht nach § 15 Abs. 1 HGB, das Feh­len der Pro­zess­fä­hig­keit fest­zu­stel­len4. Dar­auf, dass das mit der Abbe­ru­fung des (ehe­ma­li­gen) Geschäfts­füh­rers ein­her­ge­hen­de Ende sei­ner Ver­tre­tungs­be­fug­nis als ein­tra­gungs­pflich­ti­ge Tat­sa­che (vgl. § 39 Abs. 1 GmbHG) noch nicht im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen ist, kann sich die GmbH nicht beru­fen. Die Ein­tra­gung ist nur dekla­ra­to­risch5. Die nega­ti­ve Publi­zi­tät gem. § 15 Abs. 1 HGB wirkt nur zu Las­ten des­je­ni­gen, in des­sen Ange­le­gen­hei­ten die jewei­li­ge Tat­sa­che ein­zu­tra­gen war. Die GmbH, in deren Ange­le­gen­heit die Abbe­ru­fung des (ehe­ma­li­gen) Geschäfts­füh­rers ein­zu­tra­gen war, beruft sich aber nicht auf sei­ne Abbe­ru­fung. Geschützt wird im Übri­gen nur der red­li­che Drit­te6. In die­sem Sin­ne red­li­che Drit­te ist aber nicht die GmbH, um deren eige­ne Ver­tre­tung es geht7.

Auf die zwi­schen den Pro­zess­par­tei­en umstrit­te­ne Wirk­sam­keit des Abbe­ru­fungs­be­schlus­ses äme es aller­dings nicht an, wenn § 84 Abs. 3 Satz 4 AktG ent­spre­chend anzu­wen­den wäre, wonach der aus wich­ti­gem Grund erklär­te Bestel­lungs­wi­der­ruf wirk­sam ist, bis sei­ne Unwirk­sam­keit rechts­kräf­tig fest­ge­stellt ist. Ist die Wirk­sam­keit der Abbe­ru­fung zwi­schen Gesell­schaft und Geschäfts­füh­rer strei­tig, kommt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs jeden­falls in der nicht mit­be­stimm­ten GmbH, in der der Wider­ruf der Bestel­lung kei­nem ande­ren Organ als der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung über­tra­gen ist, § 84 Abs. 3 Satz 4 AktG nicht zur Anwen­dung8.

Es bedarf kei­ner Ent­schei­dung, ob § 84 Abs. 3 Satz 4 AktG ana­log auf Gesell­schaf­ten mit beschränk­ter Haf­tung Anwen­dung fin­det, in denen wie im hier ent­schie­de­nen Fall der Wider­ruf der Bestel­lung auf einen Auf­sichts­rat über­tra­gen wur­de. Eine ana­lo­ge Anwen­dung der Vor­schrift kommt nicht in Betracht, weil ihr Anwen­dungs­be­reich bei der Abbe­ru­fung des Geschäfts­füh­rers schon nicht eröff­net ist.

§ 84 Absatz 3 Satz 4 AktG bezieht sich aus­schließ­lich dar­auf, dass ein wich­ti­ger Grund für den Wider­ruf fehlt. Die Bestel­lung endet dage­gen nicht, wenn der Auf­sichts­rats­be­schluss fehlt oder aus ande­ren Grün­den als dem Feh­len eines wich­ti­gen Grun­des unwirk­sam ist9.

Im vor­lie­gen­den Fall macht die Sat­zung der GmbH die Abbe­ru­fung eines Geschäfts­füh­rers nicht vom Vor­lie­gen eines wich­ti­gen Grun­des abhän­gig. Das Kam­mer­ge­richt hat in dem noch nicht rechts­kräf­tig abge­schlos­se­nen Ver­fah­ren die Abbe­ru­fung des Geschäfts­füh­rers für unwirk­sam erach­tet, weil der Auf­sichts­rat bei der GmbH nicht wirk­sam bestellt wor­den sei10.

Stellt das Beru­fungs­ge­richt in dem wie­der­eröff­ne­ten Ver­fah­ren die Pro­zess­un­fä­hig­keit der GmbH fest oder kann die Pro­zess­fä­hig­keit nach Aus­schöp­fung aller Beweis­mög­lich­kei­ten nicht bewie­sen wer­den, ist die Kla­ge als unzu­läs­sig abzu­wei­sen11. Der Bun­des­ge­richts­hof weist dar­auf hin, dass die Mög­lich­keit der Aus­set­zung nach § 148 ZPO bis zur rechts­kräf­ti­gen Klä­rung der Wirk­sam­keit der Abbe­ru­fung des Geschäfts­füh­rers besteht12.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Mai 2019 – II ZR 299/​17

  1. vgl. BGH, Urteil vom 23.10.1963 – V ZR 146/​57, BGHZ 40, 197, 198 f.; Beschluss vom 20.10.1966 – III ZR 150/​65, WM 1967, 24; Urteil vom 20.12 1982 – II ZR 110/​82, BGHZ 86, 177, 178; Urteil vom 22.12 1982 – V ZR 89/​80, BGHZ 86, 184, 188; Urteil vom 10.10.1985 – IX ZR 73/​85, WM 1986, 58, 59; Urteil vom 11.07.2018 – IV ZR 243/​17, ZIP 2018, 1640 Rn. 28 mwN []
  2. so OLG Hamm, NJW-RR 1998, 470; offen BGH, Urteil vom 25.10.2010 – II ZR 115/​09, ZIP 2010, 2444 Rn. 15 []
  3. BAG, Urteil vom 11.07.1991 2 AZR 107/​91, ZIP 1992, 497, 501; Beck­OK HGB/​Müther, 23. Edi­ti­on 15.01.2019, § 15 Rn. 18; Hopt in Baumbach/​Hopt, HGB, 38. Aufl., § 15 Rn. 13; Oetker/​Preuß, HGB, 5. Aufl., § 15 Rn. 33 f.; Gehr­lein in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 3. Aufl., § 15 Rn. 17; Ries in Röhricht/​Graf von Westphalen/​Haas, HGB, 4. Aufl., § 15 Rn. 24; Münch­Komm-HGB/Krebs, 4. Aufl., § 15 Rn. 66; Koch in Staub, HGB, 5. Aufl., § 15 Rn. 74 []
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 10.03.2016 – IX B 135/​15, BFH/​NV 2016, 939 Rn. 2 []
  5. BGH, Beschluss vom 09.05.1960 – II ZB 3/​60, WM 1960, 902 []
  6. BGH, Urteil vom 01.07.1991 – II ZR 292/​90, BGHZ 115, 78, 80 f. []
  7. vgl. BFH, Beschluss vom 10.03.2016 – IX B 135/​15, BFH/​NV 2016, 939 Rn. 2 []
  8. vgl. BGH, Urteil vom 20.12 1982 – II ZR 110/​82, BGHZ 86, 177, 181 []
  9. OLG Stutt­gart, ZIP 1985, 539, 540; OLG Köln, ZIP 2008, 1767, 1768; Koch in Born/​GhassemiTabar/​Gehle, MünchHdBGesR VII, 5. Aufl., § 30 Rn. 105; Grigoleit/​Vedder, AktG, § 84 Rn. 39; Wachter/​Eckert, AktG, 3. Aufl., § 84 Rn. 60; Hölters/​Weber, AktG, 3. Aufl., § 84 Rn. 79; Seibt in K. Schmidt/​Lutter, AktG, 3. Aufl., § 84 Rn. 52; Flei­scher in Spindler/​Stilz, AktG, 4. Aufl., § 84 Rn. 130; Münch­Komm-Akt­G/­Spind­ler, 5. Aufl., § 84 Rn. 145; KKAktG/​Mertens/​Cahn, 3. Aufl., § 84 Rn. 116; Kort in Groß­komm. AktG, 5. Aufl., § 84 Rn. 188; aA Schürn­brand, NZG 2008, 609, 611 []
  10. KG, GmbHR 2018, 361, 365 f. []
  11. BGH, Urteil vom 24.09.1955 – IV ZR 162/​54, BGHZ 18, 184, 190; Urteil vom 09.05.1962 – IV ZR 4/​62, NJW 1962, 1510; Urteil vom 10.10.1985 – IX ZR 73/​85, WM 1986, 58, 59; Urteil vom 04.11.1999 – III ZR 306/​98, BGHZ 143, 122 []
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 20.10.1966 – III ZR 150/​65, WM 1967, 24, 25 []