Ein­stel­lung des Insol­venz­ver­fah­rens – und das Antrags­recht bei der GmbH

Mit der Befug­nis einer juris­ti­schen Per­son, einen Antrag auf Ein­stel­lung des Insol­venz­ver­fah­rens zu stel­len, hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Ein­stel­lung des Insol­venz­ver­fah­rens – und das Antrags­recht bei der GmbH

Ist die Par­tei- oder Pro­zess­fä­hig­keit, die Exis­tenz einer Par­tei oder ihre gesetz­li­che Ver­tre­tung im Streit, gilt sie bis zur rechts­kräf­ti­gen Fest­stel­lung des Man­gels als par­tei- oder pro­zess­fä­hig, exis­tent oder gesetz­lich ver­tre­ten 1.

Nach § 212 Satz 1 InsO ist für den Antrag auf Ein­stel­lung des Insol­venz­ver­fah­rens wegen Weg­falls des Eröff­nungs­grun­des nur die Schuld­ne­rin antrags­be­rech­tigt. Die Schuld­ne­rin (GmbH) wur­de vor­lie­gend, solan­ge meh­re­re Geschäfts­füh­rer bestellt waren, durch die­se gemein­schaft­lich gericht­lich und außer­ge­richt­lich ver­tre­ten. Dies ergibt sich aus § 35 Abs. 1 Satz 1 und § 35 Abs. 2 Satz 1 GmbHG.

An die­ser gemein­schaft­li­chen Ver­tre­tungs­be­fug­nis hat die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens nichts geän­dert. Durch die Insol­venz­eröff­nung wird eine Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung zwar gemäß § 60 Abs. 1 Nr. 4 GmbHG auf­ge­löst, doch dau­ert ihre Rechts­per­sön­lich­keit für die Zwe­cke des Ver­fah­rens fort 2. Die Orga­ne blei­ben so im Ver­fah­ren bestehen, wie sie sich bei Ver­fah­rens­er­öff­nung dar­stell­ten 3. Des­we­gen wird durch die Insol­venz­eröff­nung grund­sätz­lich die Rechts­stel­lung der organ­schaft­li­chen Ver­tre­ter nicht berührt. Ins­be­son­de­re kön­nen die Geschäfts­füh­rer für die Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung im eröff­ne­ten Ver­fah­ren Anträ­ge stel­len, etwa einen Antrag nach §§ 212, 213 InsO, und nach § 6 Abs. 1 InsO gegen Ent­schei­dun­gen des Insol­venz­ge­richts Rechts­mit­tel ein­le­gen, etwa gegen den Eröff­nungs­be­schluss nach § 34 Abs. 2 InsO oder gegen die Ableh­nung des Ein­stel­lungs­an­trags nach § 216 Abs. 2 InsO 4. Meh­re­re Mit­glie­der des Ver­tre­tungs­or­gans sind nach Maß­ga­be der bis zur Ver­fah­rens­er­öff­nung gel­ten­den Rege­lun­gen ver­tre­tungs­be­fugt. Sofern gesetz­lich (§ 35 Abs. 2 Satz 1 GmbHG) oder kraft Gesell­schafts­ver­tra­ges Gesamt­ver­tre­tung besteht, gel­ten grund­sätz­lich auch die­se Regeln fort 5.

Nach § 15 Abs. 1 Satz 1 und 2 InsO kann jeder Geschäfts­füh­rer einer Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung namens der Gesell­schaft den Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen der Gesell­schaft stel­len, auch wenn er nicht allein­ver­tre­tungs­be­fugt ist. Denn § 15 Abs. 1 Satz 1 InsO nennt als Antrags­be­rech­ti­ge die Mit­glie­der des Ver­tre­tungs­or­gans 6. Die ihnen ein­ge­räum­te Ein­zel­ver­tre­tungs­macht geht der ansons­ten gel­ten­den Ver­tre­tungs­re­ge­lung vor, sie kann durch die Sat­zung nicht besei­tigt oder beschränkt wer­den 7. Die­se Son­der­re­ge­lung gilt aber nur für den Eröff­nungs­an­trag, nicht für den Ein­stel­lungs­an­trag nach § 212 InsO 8.

Auf die Ein­tra­gung im Han­dels­re­gis­ter kommt es jedoch nicht an, son­dern auf die objek­ti­ve Rechts­la­ge in dem Zeit­punkt, in dem das Beschwer­de­ge­richt über den Antrag nach § 212 InsO ent­schei­det (§ 571 Abs. 2 Satz 1 ZPO).

Der Antrag­stel­ler hat sei­ne Antrags­be­rech­ti­gung gegen­über dem Insol­venz­ge­richt nach­zu­wei­sen. Sofern der Schuld­ner in ein öffent­li­ches Regis­ter ein­ge­tra­gen ist, sind die maß­ge­ben­den gesell­schafts­recht­li­chen Ver­hält­nis­se in der Regel aus die­sem ersicht­lich. Das Insol­venz­ge­richt kann sich grund­sätz­lich auf die Ein­tra­gun­gen ver­las­sen. Der Beweis der Unrich­tig­keit des Regis­ters ist aller­dings nicht aus­ge­schlos­sen 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. März 2016 – IX ZB 32/​15

  1. BGH, Urteil vom 11.04.1957 – VII ZR 280/​56, BGHZ 24, 91, 94; Beschluss vom 25.01.1978 – IV ZB 9/​76, BGHZ 70, 252, 255; vom 13.07.1993 – III ZB 17/​93, NJW 1993, 2943, 2944; vom 03.05.1996 – BLw 54/​95, BGHZ 132, 353, 355; vom 09.11.2010 – VI ZR 249/​09, VersR 2011, 507 Rn. 3; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 31. Aufl., § 56 Rn. 13[]
  2. vgl. Jaeger/​Windel, InsO, 2007, § 80 Rn. 77[]
  3. BGH, Beschluss vom 11.01.2007 – IX ZB 271/​04, NZI 2007, 231 Rn. 21[]
  4. vgl. Jaeger/​Windel, aaO Rn. 78 f; Uhlen­bruck, GmbHR 2005, 817, 829 f[]
  5. vgl. Jaeger/​Windel, aaO Rn. 79[]
  6. BGH, Beschluss vom 20.07.2006 – IX ZB 274/​05, NZI 2006, 700 Rn. 2; vom 10.07.2008 – IX ZB 122/​07, NZI 2008, 550 Rn. 5[]
  7. vgl. Jaeger/​Müller, InsO, 2004, § 15 Rn. 6[]
  8. vgl. Jaeger/​Müller, aaO Rn. 1; Jaeger/​Windel, InsO, 2010, § 212 Rn.19; Schmidt/​Jungmann, InsO, 19. Aufl., § 212 Rn. 7[]
  9. vgl. Jaeger/​Müller, InsO, 2004, § 15 Rn. 45; Münch­Komm-InsO/K­löhn, 3. Aufl., § 15 Rn. 71[]